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Veröffentlicht am 15.03.2023

Greifbar, nah und ungemütlich

Der Aufstand der Ungenießbaren
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Edo Popovičs Roman “Der Aufstand der Ungenießbaren” spielt in Kroatien, einem Land, in dem der Staat dem Spätkapitalismus zum Opfer gefallen ist. Das Ende des Sozialismus wurde von den Gierigsten und Rücksichtslosesten ...

Edo Popovičs Roman “Der Aufstand der Ungenießbaren” spielt in Kroatien, einem Land, in dem der Staat dem Spätkapitalismus zum Opfer gefallen ist. Das Ende des Sozialismus wurde von den Gierigsten und Rücksichtslosesten schamlos ausgenutzt. Übrig geblieben ist ein geplündertes und privatisiertes Land. Ummauerte Städte sind entstanden, in denen nun eine Organisation herrscht, die sich „Helden und keine Verbrecher“ nennt. Der Name kann als lächerlicher Versuch der Selbstlegitimierung und der Fremdtäuschung gewertet werden und spiegelt das Gegenteil von dem wider, wofür die herrschende Elite eigentlich steht.

In dieser spätkapitalistischen Welt fängt eine Gruppe von Menschen an, sich vom System loszulösen. Sie wollen nicht mehr zehn, zwölf Stunden am Tag arbeiten, weigern sich in einem fort zu konsumieren, sich der Gier hinzugeben und möchten nicht mehr in einem ständigen Wettbewerb zu ihren Mitmenschen stehen. Doch “Welche Regierung braucht schon glückliche und kluge Menschen? Keine”. Denn Nicht-Angepasste können vom Kapitalismus nicht verdaut werden. Sie sind ungenießbar, bereiten Magenschmerzen, drohen mit Verstopfung. Und deshalb ist es fast unumgänglich, dass aus den friedlichen Systemverweigerern radikale Systemgegner werden.

Popovićs Roman ist ein Kommentar über unseren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen, über Gier und Machtmissbrauch, über den Profit- und Wachstumswahn und über die Auflehnung, den Widerstand. Der Blick des Autoren ist dabei stets glasklar. Er beschreibt eine Dystopie, die viel zu sehr in unserer Gegenwart und in der Vergangenheit verankert ist, als dass der Leser eine zeitliche und räumliche Distanz zu ihr verspüren könnte.

Der Roman ist ein Lesevergnügen, weil er unheimlich klug und wichtig ist. Seine Kritik ist geschliffen scharf und speist sich außerdem häufig aus bitterböser Satire, z.B. wenn die Kirche wieder Ablassbriefe verkauft und der Sünder gleich einen Rabattcoupon für das Einkaufszentrum dazu bekommt.

“Der Aufstand der Ungenießbaren” ist greifbar, nah und ungemütlich. In dem Roman schlummert ein Bestseller, der nur darauf wartet, von so vielen Lesern wie möglich entdeckt zu werden!

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Veröffentlicht am 15.03.2023

Eine Zeitreise

Deutschland in den Goldenen Zwanzigern
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Trotz der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme sind die Zwanzigerjahre für uns im Nachhinein von einer Aura des Glamours, der ausschweifenden Feste und eines lebendigen Nachtlebens umgeben. ...

Trotz der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme sind die Zwanzigerjahre für uns im Nachhinein von einer Aura des Glamours, der ausschweifenden Feste und eines lebendigen Nachtlebens umgeben. Nicht umsonst werden sie als golden oder als roaring bezeichnet. Für Deutschland muten die Zwanziger dabei ganz besonders als Lichtblick und als eine kurze Verschnaufpause in dieser durch Kriege und Krisen geprägten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Sie sind die Zeit der Hoffnung, der Emanzipation, der neuen Freiheiten und technischen Errungenschaften. Sie sind die Schaffensphase von Bertolt Brecht, von Alfred Döblin, Vicky Baum, Walter Benjamin, Erich Kästner und Marlene Dietrich. Theater, Kinos, Varietés und Kabaretts blühen in ihr auf und das Bauhaus und die Neue Sachlichkeit tun ihr Übriges, um den Mythos der Zwanziger zu bereichern und zu verstärken.

Doch die Zwanziger waren nicht nur Rausch, Fest und Fortschritt. Sie waren Zeuge des zum Scheitern verurteilten Versuchs einer ersten Republiksgründung und Demokratie in Deutschland. Putschversuche, Aufstände, Straßenschlachten, politische Gewalt und Morde sowie eine erstarkende rechte Bewegung und die Gründung von rechten Bündnissen waren Teil des politischen Alltags. Unsicherheit in der Bevölkerung resultierte daraus und wurde durch die gravierende Armut und Arbeitslosigkeit verstärkt. Auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die Inflation und der Mangel an Wohnraum schürten die Ängste der Menschen.

Die Zwanziger sind also sowohl die Zeit der Krisen und Unsicherheiten als auch der Revolutionen, Aufbrüche und Erfindungen. Das Buch versucht der Vielschichtigkeit, die die Zeit auszeichnet, gerecht zu werden und sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Es widmet sich den Intellektuellen genauso wie den Bauern, dem Medium des Films genauso wie den neuen Haushaltsgeräten.

Das Buch bietet mit seinen Beiträgen unterschiedlicher Autoren, mit Interviews, Fotos und Zitaten aus Zeitdokumenten einen umfassenden Einblick in die Zwanzigerjahre. Der Anhang mit einer Chronik, zahlreichen Buchempfehlungen und einem Personenregister rundet das Leseerlebnis außerdem ab und ebnet den Weg für weiterführende Lektüren. Das Buch nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, die Freude macht und bereichert!

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Veröffentlicht am 15.03.2023

Wahrheiten

Schäfchen im Trockenen
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Parrhesia bezeichnete im antiken Griechenland die Redefreiheit. Anke Stelling lehnt den Namen ihrer Protagonistin, Resi, an diesen Begriff an und lässt sie über Ungerechtigkeit und den sozialen Auf- und ...

Parrhesia bezeichnete im antiken Griechenland die Redefreiheit. Anke Stelling lehnt den Namen ihrer Protagonistin, Resi, an diesen Begriff an und lässt sie über Ungerechtigkeit und den sozialen Auf- und Abstieg sprechen.

Resi wendet sich dabei an ihre Tochter, der sie mehr vermitteln möchte, als ihre Mutter es bei ihr gemacht hat. Sie will ihre Tochter in die Funktionsweisen der Gesellschaft einweihen, will ihr die Illusionen nehmen und sie initiieren: “Ich werde sie gnadenlos aufklären, ihr alles sagen, was ich weiß”.

Der Roman gibt Einblicke in das (Gefühls-)Leben einer Protagonistin, die sich in einem Netz aus Klassenzuschreibungen, gesellschaftlichen Erwartungen, Vorwürfen und den Blicken der Anderen gefangen fühlt. Resi will dieses Erbe der sozialen und auch sexuellen Scham nicht an ihre Tochter vermachen und fordert sie stattdessen auf, sich zu wehren, zu widersetzen und den Blicken und Erwartungen der Anderen die Stirn zu bieten.

“Schäfchen im Trockenen“ ist eine mutige Auseinandersetzung mit sozialen Fragen und gibt mit Resi einer Stimme Raum, die nicht davor zurückschreckt, Wahrheiten zu benennen und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten

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Veröffentlicht am 15.03.2023

Mutig

Ich hasse Männer
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Ich kann Pauline Harmange nur dazu gratulieren, dass sie solch offene, mutige und klare Worte in ihrem Essay gefunden hat. Dass das Büchlein in Frankreich so viel Aufsehen erregt hat, zeigt nur, wie tief ...

Ich kann Pauline Harmange nur dazu gratulieren, dass sie solch offene, mutige und klare Worte in ihrem Essay gefunden hat. Dass das Büchlein in Frankreich so viel Aufsehen erregt hat, zeigt nur, wie tief patriarchale Denkstrukturen in unserer Gesellschaft verankert sind und wie ungern es gesehen wird, wenn diese in Frage gestellt werden.

Der Essay ist kein Aufruf zu unangebrachtem Hass. Er ist lediglich ein Aufruf dazu, auf das Patriarchat, auf die Gewalt und Unterdrückung, die Frauen jeden Tag auf der ganzen Welt und ihr ganzes Leben lang erfahren müssen, zu reagieren. Es ist ein Hass, der versucht, einen Ausweg zu finden, der sich zur Wehr setzen will. Es ist ein Hass, der Gerechtigkeit verlangt und kein Hass, der Gewalt schüren will. Ihm geht Wut voraus, und Enttäuschung, Angst, Trauma. Es ist ein Hass, der Strukturen sprengen will. Strukturen, die schon kleine Mädchen dazu konditionieren, dass sie brav, friedlich, verständnisvoll und süß sein müssen, dass sie einen Partner finden müssen, dass ein Prinz kommen wird, um sie zu retten (Dornröschen, Aschenputtel und unzählige andere Märchen), dass sie sich folglich also niemals selbst retten können und immer auf einen Mann angewiesen sind, dass sie ohne Beziehung und ohne Kinder als Frau keinen Wert in der Gesellschaft haben, bedeutungslos sind:
”Pour les femmes, il y a une nécessité à être en couple, parce qu’une femme seule n’a pas autant de valeur aux yeux du monde qu’une femme qui appartient à un homme.”
(Jungs hingegen dürfen davon träumen, Superhelden zu sein.)
Harmanges Hass ist ein Hass, der all die Lasten abwerfen will, die das Patriarchat Frauen aufbürdet. Es ist ein Hass, der dem alltäglichen Sexismus, all den unangemessenen Sprüchen, Kommentaren, Blicken, Gesten, Witzen und Berührungen etwas entgegensetzen will.

Natürlich glaube ich nicht, dass stumpfer und blinder Hass Veränderungen herbeiführen kann. Aber Wut ist ein guter, ist ein essentieller Ausgangspunkt für Brüche und ich verstehe Harmanges Wut. Außerdem glaube ich, dass Harmanges Radikalität eine Nezessität ist, denn erst sie hat es ermöglicht, dass sie gehört und wahrgenommen wurde und dessen ist sie sich sicherlich bewusst gewesen. Ihr Essay ist mutig und auch wenn ich nicht mit allem, was sie sagt, einverstanden bin, so beginnt er eine Diskussion, verändert Perspektiven und rüttelt hoffentlich wach.

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Veröffentlicht am 12.03.2023

Ein empfehlenswerter Roman

Wovon wir leben
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Nachdem sie auf der Arbeit einen Fehler begangen hat, lässt die Protagonistin in Birgit Birnbachers Roman "Wovon wir leben" ihr Leben in der Stadt notgedrungen hinter sich und kehrt in ihr Heimatdorf zurück. ...

Nachdem sie auf der Arbeit einen Fehler begangen hat, lässt die Protagonistin in Birgit Birnbachers Roman "Wovon wir leben" ihr Leben in der Stadt notgedrungen hinter sich und kehrt in ihr Heimatdorf zurück.
Es ist ein Rückschritt, der ihre Selbstzweifel mehrt und Existenzängste in ihr aufkommen lässt. Dazu trägt auch die Abwesenheit der Mutter bei, die es geschafft hat, den Vater zu verlassen und ihre eigenen Träume zu realisieren. Doch dann trifft sie den Städter, der sich nach einem Herzinfarkt in der Reha aufhält und von einem bedingungslosen Grundeinkommen lebt.

Was bedeutet Verantwortung der Familie gegenüber? Wie und wo kann man Grenzen ziehen? Und wie lassen sich Familie, das eigene Pflichtgefühl und Erwartungen an das Leben miteinander vereinbaren? All das sind Fragen, die der Roman thematisiert.

Daneben kann er auch als eine Exkursion in die engen Strukturen eines Dorfes gelesen werden, das keineswegs bloße Kulisse ist, sondern menschliche Schicksale prägt, in dem es Menschen entweder ausbrechen lässt oder sie ein Leben lang festhält. Was auch nicht erstaunt: das Dorf ist eine Männerwelt, in der Frauen für die Männer zu sorgen haben, in der der Vater der Protagonistin keinerlei Verständnis für die Flucht seiner Ehefrau hat. Es ist außerdem, besonders innerhalb der Familie, eine Welt des Schweigens, in der sich das Ungesagte über die Jahre angestaut hat.

Ich fand den Roman sehr stark. Anfangs nicht, muss ich zugeben. Ich brauchte ein paar Seiten, um in die Welt des Romans hineinzufinden. Und zwischendurch habe ich mich zusätzlich gefragt, ob es nicht zu viel wird, wenn sich plötzlich eine schreiende Ziege, ein beim Kartenspiel gewonnenes Gasthaus, ein totes Pferd, ein kranker Bruder, ein verletzter Vater, usw. ins Zentrum der Geschichte drängen.

Aber im Gesamtbild war es nicht zuviel. Im Gegenteil. Alles hat gestimmt und nicht nur das, es hat mich berührt. Diese Nähe zur Lebensrealität, die Glaubwürdigkeit der Protagonistin, die vor allem durch ihr Zweifeln und Hadern entsteht und durch einen Zustand, in dem man mit sich selbst nicht ganz im Reinen ist… Das war es, was sich ins Bewusstsein gedrängt hat, zum Nachdenken angeregt hat und sich schließlich gedanklich festgesetzt hat.

Ein empfehlenswerter Roman!

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