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Veröffentlicht am 29.06.2023

Sommerferien in der Weimarer Republik

Schloß Gripsholm / Rheinsberg
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Das passt ja wunderbar zum Beginn der großen Ferien: In den beiden Erzählungen von Kurt Tucholsky macht sich jeweils ein (unverheiratetes!) Paar auf den Weg in die Sommerfrische. Rheinsberg (1921) erscheint ...

Das passt ja wunderbar zum Beginn der großen Ferien: In den beiden Erzählungen von Kurt Tucholsky macht sich jeweils ein (unverheiratetes!) Paar auf den Weg in die Sommerfrische. Rheinsberg (1921) erscheint mir dabei wie ein "Versuch", wesentlich kürzer und nicht so ausgereift wie "Schloß Gripsholm" (1931). Auch der Aufenthalt der Liebenden weitet sich aus, in Rheinsberg ist es nur ein Wochenende, in Gripsholm mehrere Wochen.

Kurt/Peter/Daddy und die um einiges jüngere Sekretärin Lydia/die Prinzessin finden nach einigem hin und her im schwedischen Schoß Gripsholm eine Unterkunft. In die Idylle aus Sonne, Trägheit und verbalem Geplänkel bricht zunächst Karl, ein alter Freund von Kurt/Peter/Daddy, ein und nach dessen Abreise die liebreizende Billie, eine Freundin von Lydia. Dann gilt es noch ein kleines Mädchen aus den Klauen einer wirklich bösen Kinderheimleiterin zu befreien.

"Gripsholm" beginnt sehr charmant, mit einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen Tucholsky und dem Verleger Ernst Rowohlt, der sich von dem Autor eine leichte, ein wenig frivole Sommererzählung wünscht. Lydia schnackt bevorzugt platt, was einerseits recht humorig ist, sie aber andererseits manchmal auch etwas "schlicht" dastehen läßt. Auch wenn es im Roman heißt, dass es "kein bäurisches Platt" sei (S. 15). Dass Kurt/Peter/Daddy die Prinzessin oft mit "Alte" anredet, klingt natürlich heute etwas despektierlich. Sei's drum. Es gibt mehr oder weniger versteckte Andeutungen zum politischen Zeitgeschehen und sicherlich auch einige Anspielungen, die ohne vertieftes Hintergrundwissen an mir vorbeigerauscht sind. In Rheinsberg wird die Protagonistin Claire ebenfalls mit einer sprachlichen Auffälligkeit ausgestattet, was der Erzähler mit einem kindlichen Idiom gleichsetzt, obwohl Claire offenbar Medizinerin ist.

Beide Texte lesen sich sehr leicht, witzig, sprachlich intelligent und man meint selbst auf einer sommerlichen Wiese zu sitzen oder eine Bootsfahrt zu unternehmen. Die Wirkung, die die Erzählungen damals hatten, lässt sich auf die heutigen Leser*innen nicht mehr so gut übertragen. Allein, dass die Paare unverheiratet verreist sind, war ja ein Skandal und dazu wird auch recht unverblümt angedeutet, was ausser Bootsfahrten noch so passiert. Das treibt heute niemandem mehr die Röte ins Gesicht. Als literarisches Kontrastprogramm zum tristen und für viele entbehrungsreichen Alltag in der Weimarer Republik waren die Texte sicherlich sehr willkommen.

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Veröffentlicht am 20.03.2023

Von Ostfriesland nach Paris

Der Traum vom Leben
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Luise ist 1,86 m groß, füttert morgens um kurz nach fünf die Kühe auf dem elterlichen Hof und fährt dann mit dem Rad zum Frisörladen von Gitte, in dem sie arbeitet. In ihrem kleinen Dorf in Ostfriesland ...

Luise ist 1,86 m groß, füttert morgens um kurz nach fünf die Kühe auf dem elterlichen Hof und fährt dann mit dem Rad zum Frisörladen von Gitte, in dem sie arbeitet. In ihrem kleinen Dorf in Ostfriesland ist es Anfang der 1990er Jahre noch recht beschaulich. Größter Aufreger sind die geplanten Windräder auf dem Acker des Nachbarn. Als Luise jedoch in Bremerhaven eine Platzierung beim Preisfrisieren erreicht, wird jemand auf sie und ihr Talent aufmerksam. Udo Hammer, ein bekannte Coiffeur, will sie als seine Assistentin mit nach Paris zu den Prét-à-porter-Shows nehmen. Und tatsächlich verläßt Luise den kleinen Hof in Ostfriesland, um sich für eine Woche in ein Abenteuer zu stürzen und um eine Liebe zu vergessen.

Katharina Fuchs beschreibt das Dorf und den Hof in Ostfriesland ebenso detailfreudig, wie das schillernde Paris 1992/93, als die Supermodels alle Laufstege beherrschten und so bekannt waren wie Popstars. Es werden poppige und glamouröse Frisuren, Kleider und Shows der großen Designer beschrieben; das Nachtleben von Paris und die Arbeit von Modelagenturen. Überall begegnet Luise den weltbekannten Covergirls und Modeschöpfern. Dieser Einblick in die Model- und Designerwelt ist wirklich sehr interessant und lebendig, eine richtige Zeitreise. Die Geschichte liest sich wie ein modernes Aschenputtelmärchen und der Schreibstil der Autorin ist wunderbar flüssig und bildreich. Für die Einstimmung auf die Protagonisten hat sich Katharina Fuchs viel Zeit gelassen und das ist prima gelungen, so hatte man als Leserin eine sehr gute Vorstellung, wer da jetzt im Mercedes von Udo Hammer sitzt und mit nach Paris fährt. Aber gerade weil man Luise gut kennt, ging mir ihre Verwandlung dann doch etwas zu schnell. Besonders schwierig fand ich den Umgang mit der Sprachbarriere. In wenigen Tagen sein Schulenglisch derart aufpolieren zu können und sogar kleine Unterhaltungen in Französisch zu führen und Gehörtes wiedergeben zu können, fand ich schon sehr erstaunlich. In Paris scheint Luise ein ganz anderer Mensch zu sein. Scheinbar mühelos bewegt sie sich in dieser für sie absolut fremden Welt.

Ingesamt ein schöner Schmöker, der in einer wunderbaren Stadt und zu einer interessanten Zeit spielt. Und wenn man den Aspekt Märchen im Auge behält, kann man über die Logiklöcher hinwegsehen. Den Roman habe ich gerne gelesen, er konnte mich allerdings nicht so packen wie z.B. Lebenssekunden, der wirklich mitreißend war.

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Veröffentlicht am 04.01.2023

Die tote Frau im norwegischen Eistal

Das letzte Bild
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Das erste Mal habe ich von der Isdal-Frau im podcast @zeitverbrechen gehört, dabei wurde sie bereits 1970 in Norwegen getötet. Ein Kriminalfall, der nicht nur die Norweger bewegt, sondern weit über Skandinavien ...

Das erste Mal habe ich von der Isdal-Frau im podcast @zeitverbrechen gehört, dabei wurde sie bereits 1970 in Norwegen getötet. Ein Kriminalfall, der nicht nur die Norweger bewegt, sondern weit über Skandinavien hinaus für Aufsehen sorgt. Bis heute weiß man nicht, wer die Frau war, die quer durch Norwegen gereist ist und verschiedene Identitäten benutzt hat. Der Fall strotzt nur so vor Merkwürdigkeiten.

Anja Jonuleit hat daraus einen Roman gemacht. Sie gibt der Isdal-Frau eine Identität, eine Familie und eine Vergangenheit. Dabei berücksichtigt sie fast alle bisher bekannten Ermittlungsergebnisse und erschafft eine fiktive Person: Marguerite.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. In der Gegenwart begibt sich die Journalistin Eva auf die Spurensuche nach der Geschichte der Isdal-Frau, deren Phantombild eine extreme Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Ingrid aufweist. Diese will von der Angelegenheit zunächst jedoch nichts wissen. Auffällig brüsk wehrt sie Evas Fragen ab. In der Vergangenheit macht sich Marguerite daran, nach ihrer Familie zu suchen. Als Kind war sie in den Wirren des zweiten Weltkriegs verlorengegangen. So näheren sich die beiden Handlungsstränge an, bis Marguerite im Isdal stirbt und Eva meint, hinter ihr Geheimnis gekommen zu sein.

Der Roman ist flott und ansprechend geschrieben, er läßt sich gut lesen. Allerdings wirkt die Geschichte auf mich dann doch an einigen Stellen konstruiert. Die vielen Reisen der Isdal-Frau irgendwie logisch in einen Plot einzubauen ist schwierig. Die Autorin hat dafür und für viele andere Fakten eine gute Lösung gefunden. Für mich als Leserin war es aber irgendwann ermüdend, Marguerite und in der Gegenwart auch Eva auf den Trips durch die Städte und die Hotels zu folgen. Den Reiz des Buches macht die Tatsache aus, das hier auf der Grundlage realer Geschehnisse, die man sich so sicherlich nicht ausgedacht hätte, eine Geschichte entstanden ist. Daher ist besonders auch der Anhang des Romans interessant, der alle Fakten, Fake News und Unstimmigkeiten ausführlich auflistet. Die Autorin hat hier sehr umfangreiche und bewundernswerte Recherchearbeit betrieben.

Insgesamt ein Roman, der trotz meiner Kritik gute Unterhaltung bietet und einen Kriminalfall aufgreift, der an Ungereimtheiten seinesgleichen sucht.

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Veröffentlicht am 29.07.2022

Entführung, Brandstiftung und Mord

Der gute Samariter
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Corona macht auch vor dem Kosmos von Olivia Rönning und Tom Stilton nicht Halt. Im mittlerweile siebten Band der Serie ist die Pandemie in Schweden angekommen und legt weite Teile des öffentlichen Lebens ...

Corona macht auch vor dem Kosmos von Olivia Rönning und Tom Stilton nicht Halt. Im mittlerweile siebten Band der Serie ist die Pandemie in Schweden angekommen und legt weite Teile des öffentlichen Lebens lahm. Mittendrin verschwindet Olivia und Tom, der sich mit Luna in seine Hütte auf Rödlöga zurückgezogen hatte, kehrt in die Zivilisation zurück und unterstützt die Suche. Zeitgleich fürchtet Olivia in einem Keller um ihr Leben, dann bricht über ihr ein Feuer aus.

Dieser Teil der Handlung, der auch ähnlich auf dem Klappentext steht, ist allerdings bereits nach 76 Seiten (von insgesamt 441) abgearbeitet. Die Handlung entwickelt sich dann in eine ganz andere Richtung.

Zunächst hatte ich ein bisschen Mühe, mich in den Sprachstil einzufinden. Ich dachte zunächst an neue Übersetzer*innen, das stimmt aber nicht. Allerdings habe ich den letzten Band übersprungen, der ist mir irgendwie entgangen. Daher fehlte wohl ein bisschen der Anschluss, obwohl ich die anderen Bände gelesen habe. Es wird also für Quereinsteiger etwas schwieriger, aber dennoch kann man der Handlung folgen. Einige lieb gewonnene Figuren erschienen mir etwas gewollt in die Handlung eingebaut (Abbas, der Nerz). Eine kleine Liebesgeschichte hat sich ziemlich überstürzt und nicht so richtige nachvollziehbar entwickelt. Für mich hatte der Krimi darüber hinaus einige Längen, wirkte etwas lieblos und ich wollte auch nicht unbedingt in einem Buch Corona begegnen, davon ist man ohnehin schon umzingelt. Aber sei es drum.

Für Fans der Serie natürlich ein Muss, für Einsteiger eher nicht zu empfehlen. Die ersten Bände waren wesentlich spannender. Band acht wird mit einem Cliffhanger in Aussicht gestellt.

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Veröffentlicht am 30.04.2022

Was ist Realität, was Fiktion?

Ein Wort, um dich zu retten
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Was treibt einen gefeiert Pulitzerpreisträger dazu, mit gerade mal 35 Jahren seine Autorenkarriere zu beenden und sich auf eine kleine Insel zurückzuziehen? Seit 20 Jahren lebt Nathan Fawles abgeschieden ...

Was treibt einen gefeiert Pulitzerpreisträger dazu, mit gerade mal 35 Jahren seine Autorenkarriere zu beenden und sich auf eine kleine Insel zurückzuziehen? Seit 20 Jahren lebt Nathan Fawles abgeschieden auf der Île Beaumont, ohne Internet und Handy. Gelegentlich läßt er sich im kleinen Örtchen blicken und hält einen Plausch mit den Bewohnern der Mittelmeerinsel. Diese behagliche Ruhe wird durchbrochen, als ein junger Schriftsteller dem Kultautor auf die Pelle rückt und auch vor Einbruch nicht zurückschreckt. Als die Journalistin Mathilde Monney auf der Insel eintrifft und dann auch noch eine Leiche gefunden wird, holt Fawles die Vergangenheit wieder ein.

Guillaume Musso gehört zu den erfolgreichsten Autoren Frankreichs. Dies war mein erster Roman von ihm. Das Buch las sich sehr gut, es ist flott geschrieben. Die Figur des einsamen Schriftstellers hat mir gefallen und war auch glaubwürdig dargestellt. Mathilde hingegen war mir zu konstruiert und mit dem jungen Schriftsteller Raphaël, der einen Großteil der Geschichte erzählt, konnte ich kaum etwas anfangen. Seine Figur war für mich extrem naiv und überzeichnet. Aber vielleicht war das auch gewollt. Musso spielt nämlich in diesem Roman mit dem Schriftstellerdasein, mit dem Schreibvorgang, ja mit dem Text selbst und das beginnt schon mit der Widmung. Es gibt Zeitungsberichte, einen Roman im Roman, der quasi seine eigene Geschichte erzählt und einen Epilog, in den Musso sich selbst in die Handlung hineinschreibt.

Da passt ein Zitat aus dem Buchdeckel wunderbar, Musso sagt: "Wenn ich schreibe, bin ich so sehr von meinen Figuren eingenommen, dass ich darüber fast vergesse, mein eigenes Leben zu leben. Und dieser innere Kampf zwischen Fiktion und Realität findet sich dann in meinen Romanen wieder ..."

Und so bleibt es den Lesenden am Ende nicht erspart, nochmal genau zu überlegen, was da eigentlich alles passiert ist. Gerade zum Schluss kommt es wirklich arg dicke. Insgesamt hat mich der Roman gut unterhalten, es war für mich nicht alles stimmig, aber durchaus spannend.

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