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Ulrike55

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Veröffentlicht am 05.08.2017

Alte Liebe rostet nicht

Das Leuchten einer Sommernacht
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In ihrem neuen Roman entführt uns Ella Simon, wie schon in "Ein Gefühl wie warmer Sommerregen", nach Wales, das Land an der britischen Westküste, mal grün mit sanften Hügeln, mal felsig, rauh und meerumtost.
Hier ...

In ihrem neuen Roman entführt uns Ella Simon, wie schon in "Ein Gefühl wie warmer Sommerregen", nach Wales, das Land an der britischen Westküste, mal grün mit sanften Hügeln, mal felsig, rauh und meerumtost.
Hier begegnen wir Lynne und Reed. Die beiden kennen sich schon ein ganzes Leben lang, gehen miteinander durch Dick und Dünn, obwohl ihre innige Freundschaft auf wenig Gegenliebe bei den jeweiligen Familien stößt.
Als beide fünfzehn Jahre alt sind trennen sich ihre Wege auf schicksalhafte Weise, um sich zwölf Jahre später wieder zu kreuzen.
Und hier setzt die Handlung des Romans an!
Der junge, unbeherrschte Reed ist inzwischen ein gefeierter Rugbystar, während Lynne ihre Arbeit in den Dienst der Organisation "Gute Fee" gestellt hat, die es sich zur Aufgabe macht, kranken Kindern besondere Wünsche zu erfüllen.
Schnell merken sowohl Lynne als auch Reed, dass die alte Liebe aus Kindertagen keineswegs erloschen ist. Doch die Jahre der Trennung und schwere, prägende Erfahrungen scheinen unüberwindbare Barrieren zu sein.
Jetzt muss sich erweisen, ob beider Liebe stark genug ist, die Vergangenheit zu bewältigen, alles Trennende zu beseitigen und einen Neuanfang zu wagen...

Der sehr flüssig und schön geschriebene Roman ist vor allem eins: eine wunderbare Liebesgeschichte und empfehlenswerte Sommerlektüre!
Eine emotionsgeladene Geschichte voller Dramatik entwickelt sich vor dem Leser, zieht ihn in ihren Bann und lässt ihn bis zur letzten Seite nicht los.

Die Autorin versteht es ausgezeichnet, Spannung aufzubauen und bis zum Ende zu steigern, um sie dann in einem zu Herzen gehenden Finale aufzulösen.
Sie zeichnet glaubwürdige Charaktere, die ihr Leben trotz aller Schwere, die es ihnen aufbürdet zu meistern versuchen, die auf der Suche nach Liebe und Glück sind und doch eingedenk schlimmer Erfahrungen davor zurückschrecken.
Ella Simon lässt sie schmerzhafte Prozesse durchlaufen, denen sie sich stellen und denen sie standhalten müssen, um sich selbst die Chance auf Heilung zu geben.
Und folgerichtig erfahren die Protagonisten eine sehr überzeugende Reifung und Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit, die ihnen schließlich den Weg in eine verheißungsvolle Zukunft eröffnen.
Es fällt nicht schwer, Ella Simons Figuren Sympathie entgegenzubringen, sie sogar ins Herz zu schließen. Sie polarisieren nicht, provozieren nicht, verärgern nicht. Sie sind schlicht und einfach liebenswert und man wünscht ihnen alles Glück der Erde.

Ein Heile-Welt-Roman also? Auf jeden Fall! Und mit dem von den Lesern herbeigesehnte Happy End? Mag schon sein...
Und - warum auch nicht? Der Roman ist ein herzerwärmendes Gegenstück zu den Zeitungen und Nachrichtensendungen, die Tag für Tag mit Mord und Totschlag, mit Kriegen, Intrigen und Betrügereien auf unserem Planeten Schlagzeilen machen.
Er ist wie eine Auszeit vom Alltag - und tut einfach gut!

Veröffentlicht am 02.08.2017

Zola, ein Hund mit Charakter

Herzensräuber
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Als der Buchhändler Tobias an der Costa Brava einen herrenlosen Hund adoptiert und mit nach Heidelberg nimmt, wo er ein Antiquariat führt, das mehr schlecht als recht läuft, ahnt er noch nicht, dass Zola, ...

Als der Buchhändler Tobias an der Costa Brava einen herrenlosen Hund adoptiert und mit nach Heidelberg nimmt, wo er ein Antiquariat führt, das mehr schlecht als recht läuft, ahnt er noch nicht, dass Zola, wie er seinen neuen besten Freund nennt, sein Leben tüchtig umkrempeln wird!
Nicht nur hat es sich der lebens- und leidenserfahrene Zola zur Aufgabe gemacht, seinen Menschen nebst den ihm Nahestehenden zu beschützen und ihr Leben in die rechten Bahnen zu lenken sondern es stellt sich schnell heraus, dass der Exil-Spanier dank seines ausgeprägten Geruchsinns gepaart mit einer gehörigen Portion Einfühlungsvermögen in die Menschen, die ihm begegnen, die Gabe besitzt, für jeden Kunden seines Menschen das genau richtige Buch zu finden! Ein Umstand, der Tobias' Geschäft, das bald schon in eine unerwarteterweise geerbte Villa umzieht, einen gehörigen Aufschwung verschafft.
Doch ziehen dunkle Wolken in Gestalt von Tobias' böser und berechnender Exfreundin über den Menschen auf, die Zola am Herzen liegen - und der pfiffige Hund hat alle Hände voll zu tun, sie zu vertreiben, was selbst für ihn und seinen enormen Einfallsreichtum eine kaum zu bewältigende Herausforderung darstellt.
Zola aber wäre nicht Zola, wenn er nicht die Aufgaben, die er sich gestellt hat, auf seine unnachahmliche Art zu einem glücklichen Ende führen würde....

Sollte ich das so bezaubernde Buch beschreiben, das ich nur ungern zur Seite gelegt habe, so würde ich es am ehesten als einen warmherzigen Roman mit Märchenelementen bezeichnen, der sich wie Balsam auf traurige und verwundete Seelen legt.
Ein Roman, der einfach guttut, der aber auch nachdenklich stimmt, manchmal ein wenig traurig, der mitfiebern, mitleiden, sich herzlich freuen - und entschieden vehement Partei ergreifen lässt für die durchweg sympathischen Hauptfiguren, zwischen denen sich recht bald Solidarität und tiefe Freundschaft entwickelt, denen von der bösen Hexe in Gestalt der unverfrorenen Exfreundin übel mitgespielt wird und die auch sonst in allerlei Nöten stecken.

Und dann ist da natürlich Zola, die eigentliche Hauptfigur, der Bücherhund, der weise und unbestechliche Menschenkenner, aus dessen Perspektive der Roman geschrieben ist....
Ja, tatsächlich, ein Roman, in der ein Hund die Rolle des Erzählers übernimmt - und einen charmanteren kann man sich kaum vorstellen!
Die Autorin erweist sich als Hundeversteherin ersten Ranges, wenn sie ihrem Zola Gedanken in den Mund legt und mit so tiefen Gefühlen ausstattet, dass jeder, der das Glück hat, einen Hund zum Freund zu haben, nur verstehend nicken kann!
So genau könnte er empfinden, der Hund, der beste und treueste Freund des Menschen, der mit einem so feinen Geruchsinn ausgestattet ist, dass er womöglich auch allerkleinste Schwingungen wahrnehmen kann, die Menschen sich nicht einmal vorstellen können - und der dann die richtigen Schlüsse daraus zieht!

Überhaupt sind Zolas kluge Gedanken über die Welt und seine zwei- und vierbeinigen Bewohner für mich das Highlight des Romans.
Sie machen immer wieder nachdenklich, aber vor allem sind sie erheiternd und aufbauend - und immer zutreffend!
"Herzensräuber" nennt er die Bücher, die Tobias umgeben! Und wenn sein Mensch in ihnen versinkt, ist es so, als gäbe es die Welt rundum nicht mehr, denn alle Aufmerksamkeit der Sinne und des Herzens gelten dann nur den Buchstaben, die sich zu Wörtern, zu Sätzen, zu Geschichten zusammenfügen!
Wie wahr das ist, kann jede Leseratte, jeder Bücherwurm spätestens nach der Lektüre des "Herzensräuber" nur bestätigen!

Veröffentlicht am 29.07.2017

Ein Ort, an dem sich das Endliche und das Unendliche berühren

Wächter der Meere, Hüter des Lichts
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Die junge Rebecca, die bei gutsituierten, aber seltsam kalten und distanzierten Pflegeeltern in einem piekfeinen Hamburger Stadtteil aufwächst, hört plötzlich, kaum ist sie 16 Jahre alt, Stimmen in ihrem ...

Die junge Rebecca, die bei gutsituierten, aber seltsam kalten und distanzierten Pflegeeltern in einem piekfeinen Hamburger Stadtteil aufwächst, hört plötzlich, kaum ist sie 16 Jahre alt, Stimmen in ihrem Kopf, die sie zunächst für Halluzinationen hält.
Als sie wenig später jedoch Musik als buntschillernde Farben wahrnimmt, glaubt sie, den Verstand zu verlieren und bricht zusammen. Ihre Pflegeeltern bringen sie in eine psychiatrische Spezialklinik, sie sich sehr bald als Gefängnis herausstellt und aus der Rebecca auf spektakuläre Weise von einer buntzusammengewürfelten Gruppe skurriler Figuren befreit wird, die sich ihr als Wächter vorstellen und sie in einer Nacht und Nebelaktion auf die wind- und wellenumtoste fiktive Insel Zanderland in der Nordsee bringen.
Und hier beginnt für Rebecca das Abenteuer ihres Lebens!
Sie erfährt Ungeheuerliches, - über sich selbst, ihre Pflegeeltern, den Geheimbund der Wächter, eine uralte Prophezeiung, rätselhafte Geistwesen, die sich schwarze Passagiere nennen, die unentwegt bestrebt sind, Kontrolle über die Menschen auszuüben und ihren Gegenpol, den weißen Passagier, dem die Wächter den Weg bahnen müssen, damit er Licht und Hoffnung in die Welt bringt und die Menschen stark macht gegen die schwarzen Passagiere.
Doch was hat Rebecca mit all dem zu tun? Und wieso wird ihr plötzlich eine Schlüsselposition in dem großen Abenteuer zuteil?
Ein Wettrennen gegen die Zeit und die Feinde beginnt, die den Leser in einer wilden Jagd mit recht burlesken Zwischenfällen wieder zurück aufs Festland führt, dorthin, wo alles begann.
Wird Rebecca die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen können...?

Die mitreißende, ungewöhnliche, doch auch humorvolle Geschichte, die der Autor in seinem Roman erzählt, zieht den Leser sofort in seinen Bann!
Doch in welche Kategorie gehört er? Haben wir es hier mit einem reinen Fantasy-Roman zu tun oder, wie suggeriert wird, mit einem Roman für jugendliche Leser?
Mir scheint es, dass er weder eindeutig in die eine noch in die andere Kategorie einzuorden ist. Vielleicht kann man ihn am ehesten als modernes Märchen mit sehr realistischem Hintergrund bezeichnen, der ganz gewiss die unterschiedlichsten Leser und Altersgruppen anspricht, all diejenigen aber, die Träume und Sehnsüchte haben, die weit über die Erfüllung der eigenen Wünsche hinausgehen. Solche, die sich Gedanken machen um unsre Welt, die in Sorge sind angesichts der zahllosen Konflikte und Kriege, die die Erde und ihre Bewohner erschüttern und immer schon erschüttert haben.
Er spricht die Idealisten und unermüdlichen Kämpfer für eine bessere Welt an und all diejenigen, die trotz allem die Hoffnung nie verlieren.

Die Protagonisten dieses wunderbaren Buches, das trotz seines kritischen Hintergrundes eben auch ein hervorragender Unterhaltungsroman ist, sind solche Idealisten, sind Kämpfer für das Gute und gegen das Böse und bereit, dafür ihr Leben in höchste Gefahr zu bringen und, wenn es sein muss, auch zu opfern.
Aber es sind keine strahlenden Helden, die der Autor so lebensecht und glaubwürdig gezeichnet hat, wiewohl sie ganz und gar ungewöhnlich sind. Echte und unverwechselbare Typen mit jeder Menge Schwächen und schrulligen Eigenarten, oft mit launigen Sprüchen auf den Lippen - und gerade deshalb so sympathisch und liebenswert.

Oliver Schlick gibt seinen Figuren nicht nur phantasievolle, auf sie individuell zugeschnittene Namen, denen sie in jeder Beziehung gerecht werden, sondern er lässt sie auch von einem haarsträubenden und oft zum Schmunzeln einladenden Abenteuer ins nächste stolpern, immer auf oder am Meer und vor der grandiosen Kulisse der heimlichen Hauptdarsteller des Buches, der Leuchttürme!
Um sie und ihre Bedeutung für die Schifffahrt aber auch ihre Symbolkraft dreht sich hier alles. Im Grunde beginnt und endet die Geschichte mit ihnen, den Leuttürmen, den Wächtern des Meeres und Hütern des Lichts, die so viele Geschichten zu erzählen haben und deren geheimnisvolle Faszination auch heute, nachdem sie längst automatisiert sind und keiner Wärter/Wächter mehr bedürfen, ungebrochen ist.
Der Autor lässt sie noch einmal hell leuchten und erstrahlen in seinem Roman, den ich geradezu atemlos verschlungen habe, der mich nicht nur bestens unterhalten sondern mir auch Hoffnung gegeben hat - und den ich ohne jede Einschränkung weiterempfehlen möchte!

Veröffentlicht am 17.07.2017

Familienbande

Flieh in die dunkle Nacht
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Die New Yorkerin Olivia Morrow erhält von ihrem Arzt und Freund Clay die Nachricht, dass ihr nur noch wenige Tage vergönnt sind.
Obwohl sie auf ein langes und erfülltes Leben zurückblicken kann und durchaus ...

Die New Yorkerin Olivia Morrow erhält von ihrem Arzt und Freund Clay die Nachricht, dass ihr nur noch wenige Tage vergönnt sind.
Obwohl sie auf ein langes und erfülltes Leben zurückblicken kann und durchaus bereit ist, Abschied zu nehmen, nagt ein Geheimnis an ihr, das sie seit vielen Jahren hütet und von dem sie spürt, dass sie es nicht mit ins Grab nehmen darf: ihre geliebte Cousine Catherine ist vor vielen Jahren ihrer Berufung gefolgt und Ordensschwester geworden, - kurz bevor sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr.
Ihren neugeborenen Sohn, dessen Vater der charismatische Arzt und Wissenschaftler Alexander Gannon war, gab sie zur Adoption frei.
Olivia verfolgte aus der Entfernung seinen Lebensweg und nach seinem Tod den seiner Tochter, der jungen Kinderärztin Monica Farrell, die inzwischen in New York lebt und nicht ahnt, dass sie die Enkelin Catherines ist, über deren Seligsprechung die katholische Kirche gerade berät und zu der Monica selbst angehört werden soll.
Olivia drängt es, der jungen Ärztin, in der sie eine große Ähnlichkeit mit der Nonne, der man Wunderheilungen zuschreibt, erkennt, die Wahrheit über ihre Herkunft mitzuteilen. Doch bevor es dazu kommt, wird Olivia umgebracht...
Für den Leser wird bald klar, dass jemand aus der reichen, philantropischen Familie Gannon oder aus deren Umkreis um jeden Preis verhindern möchte, dass die Wahrheit ans Licht kommt, denn viel Geld steht auf dem Spiel, zumal Alexander Gannon sein Vermögen seinen direkten Nachkommen vermacht hat, sofern es sie gibt.
Monica, die rechtmäßige Erbin, muss also aus dem Weg geräumt werden....

Mit "Flieh in die dunkle Nacht" hat Mary Higgins Clark einen weiteren ihrer eleganten und unverwechselbaren Spannungsromane geschrieben, die den Leser sogartig in ihren Bann ziehen!
Wie die meisten ihrer Bücher spielt auch dieses an der Ostküste der Vereinigten Staaten und in der gehobenen Mittelklasse, - ein Milieu, in dem die Schriftstellerin selbst beheimatet ist.
Auch hier lässt sie neben den Protagonisten wieder eine ganze Reihe von Personen auftreten, die sie auf ihre präzise und unnachahmliche Weise charakterisiert, so dass der Leser sehr schnell ein Gefühl für sie bekommt und seine Sympathien ganz im Sinne der Autorin verteilt.

Aber Achtung! Bei Mary Higgins Clark muss man immer auf Überraschungen gefasst sein, auf unerwartete Entwicklungen und nicht vorhersehbare Auflösungen!
Denn anscheinend sympathische Figuren zeigen plötzlich ihr wahres, oftmals verstörendes Gesicht. Und umgekehrt stellen sich zunächst wenig liebenswürdige Charaktere als anständige Personen, gar als Sympathieträger heraus.

Ein weiteres Charakteristikum von Mary Higgins Clarks raffinierten Psychothrillern sind die jeweils spezifischen Themengebiete, die den Rahmen der immer spannenden Handlung bilden und die von der Autorin stets sehr gründlich recherchiert wurden.
Der vorliegende Roman kreist gleich um mehrere Themen.
Da ist zum einen die Welt der Familie Gannon, die durch die von Alexander Gannon gegründete Wohltätigkeitsstiftung vermeintlich Gelder an unterschiedliche Projekte und Institutionen vergibt.
Desweiteren erfährt man Interessantes über den langwierigen Prozess der Seligsprechung, der hier Schwester Catherine gilt; und ein anderes Thema, das Mary Higgins Clark nicht zum ersten Mal aufgreift, ist die Medizin, vertreten durch die Kinderärztin Monica und den engagierten Gehirnchirurgen Ryan Jenner, der sich zu Monica hingezogen fühlt.

Alle diese Handlungsebenen verwebt die Autorin allmählich zu einem komplexen Ganzen, wobei sie es dem Leser nicht leicht macht, denn in den vielen kurzen Kapiteln, aus denen, charakteristisch für Clark, der Roman besteht, wechselt sie ständig die Perspektive, springt von einem Handlungsstrang zum nächsten, lässt den Leser den Charakteren über einen Großteil des Buches hinweg meist einen Schritt voraus sein, - und lässt doch noch so viel ungesagt oder komplett im Dunkeln, dass dieses scheinbare Eingeweihtsein der Spannung keinen Abbruch tut!
Und das macht der großen alten Dame, der Meisterin des gepflegten Thrillers mit Gänsehautelementen so schnell niemand nach!

Der einzige Kritikpunkt gilt so auch nicht der Autorin selbst sondern vielmehr dem deutschen, bisweilen doch sehr eigenwillig frei agierenden Übersetzer und dem Verlag, der sich für einen unsinnigen Titel entschieden hat, der so gar keine Verbindung zum Inhalt herstellt. Da erscheint mir der Originaltitel "The Shadow of Your Smile" doch wesentlich treffender zu sein!
Es lohnt sich übrigens, den Roman, sofern das möglich ist, so zu lesen, wie Mary Higgins Clark ihn gemeint hat, im Original nämlich!

Veröffentlicht am 08.07.2017

"Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit"

Die Küste der Freiheit
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Vom Jahre 1775 bis zum Ende des Jahres 1783 begleitet der Leser dieses gewaltigen Epos die junge Mennonitin Anna auf ihrem Weg vom hessischen Waldeck über den Atlantik bis zur Ostküste der heutigen Vereinigten ...

Vom Jahre 1775 bis zum Ende des Jahres 1783 begleitet der Leser dieses gewaltigen Epos die junge Mennonitin Anna auf ihrem Weg vom hessischen Waldeck über den Atlantik bis zur Ostküste der heutigen Vereinigten Staaten von Amerika.
Es ist die Suche nach Freiheit, nach einem selbstbestimmten Leben in Würde, frei von Verfolgungen aller Art, die Anna antreibt, - eine von vielen der frühen Auswanderer, die freiwillig oder gezwungenermaßen ihre Heimat verließen, alle vereint in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Immer wieder kreuzt sich Annas Weg schicksalhaft mit dem des jungen adligen Offiziers Lorenz aus Cassel, der mit seiner Einheit den verbündeten Engländern bei deren Kampf gegen die aufrührerischen amerikanischen Patrioten im Unabhängigkeitskrieg zu Hilfe kommt.
Doch im gelobten Land müssen die beiden Liebenden Lorenz und Anna, die Welten voneinander trennen, erkennen und vielfach schmerzlich erfahren, dass Freiheit nur ein Wort ist!
Und dennoch etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Vor allem Anna erfährt die Knechtschaft der weniger Privilegierten am eigenen Leib, als sie, die durch unglückliche Umstände gezwungen war, sich als Schuldmagd zu verdingen, das Los der farbigen Sklaven unter der erbarmungslosen Herrschaft eines grausamen Plantagenbesitzers und dessen nicht weniger grausamen Aufsehers teilen muss!
Derweil sieht sich Lorenz mit den Schrecken und der blutigen Realität des Krieges konfrontiert und beginnt, auch dank des Einflusses der aufrechten und unbeugsamen Anna, die nach Gottes Geboten zu leben bestrebt ist, die Werte in Frage zu stellen, die ihm durch seine Herkunft und Erziehung vermittelt wurden....
Für den Leser stellt sich bald schon die Frage, ob der Traum von Freiheit für Anna und Lorenz wahr werden wird, und ob die Liebe, die die beiden verbindet, stark genug ist, um alle Gefahren, Erniedrigungen und Widerstände, die sich auch aus den Standesunterschieden ergeben, zu überwinden und hoffnungsvoll in eine gemeinsame Zukunft gehen zu können.

Jeder Versuch, ein so umfang- und facettenreiches Buch in wenigen Sätzen zusammenfassen zu wollen, muss zum Scheitern verurteilt sein!
Der Roman ist so überreich an Geschehnissen, an Schicksalsschlägen und schier unerträglichen Leidenswegen, so voller Dramatik vor dem historischen Hintergrund der 70er und 80er Jahre des 18. Jahrhunderts, dass man ihm nur in Ansätzen gerecht werden kann.
Gerade die geschichtlichen Informationen, die die Autorin dem Leser mit profunder Kenntnis und großer Sorgfalt nahebringt und geschickt in ihren Roman flicht, verdienten hier eigentlich ein eigenes Kapitel und ein großes Lob sowieso!
Denn selten nur habe ich eine so interessante, spannende, lebendige "Geschichtsstunde" erlebt, wie diejenige, die Maria W. Peters auf vorbildliche Art abhält.

Was an dem Buch aber ganz besonders besticht, sind seine unvergesslichen, grandios gezeichneten Charaktere, die auf ihrer Suche nach der ersehnten Freiheit eine wahre Odyssee an leidvollen Erfahrungen durchlaufen müssen - und dennoch niemals sich selbst dabei verlieren.
Im Gegenteil! Mit aufmerksamem Blick nehmen sie die himmelschreienden Ungerechtigkeiten um sich herum wahr, stellen sich ihnen, lassen sich von ihnen ergreifen, beeindrucken - und ganz allmählich verändern.
Allen voran die Handlungsträger, Anna und Lorenz, deren Liebe zueinander so stark ist, dass sie nicht nur allen Unbillen widersteht sondern daran sogar noch wächst.

Aber es sind auch die vielen menschlich überzeugenden und zutiefst glaubhaften Nebenfiguren, gute wie böse, die Anna und Lorenz begleiten und unterstützen, die ihnen wohlgesonnen sind oder sie mit ihrem unversöhnlichen Hass verfolgen, die den auch sprachlich makellosen Roman zu einem Leseerlebnis der ganz besonderen Art machen.
Außer Gwen Bristows berühmter Louisiana-Trilogie habe ich noch niemals einen historischen, im noch jungen Amerika angesiedelten, mich so anrührenden Roman wie diesen gelesen, bei dem die Spannung bis zum Ende konsequent durchgehalten wird und dessen roter Faden, die Suche nach der Freiheit, nie abreißt, bei dem ich von der ersten Seite an mitfieberte und oft bis an die Grenze des Erträglichen mit den Charakteren bangte!
Ein Roman der Superlative, fürwahr, an dem man nicht vorübergehen sollte!