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Veröffentlicht am 12.04.2023

Leben heißt leiden

Solange wir leben
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David Safier erzählt in "Solange wir leben" die Lebensgeschichte seiner Eltern Waltraut und Joschi. Wie viel davon wahr ist, bleibt unklar; wenn man etwas googelt, so erwähnt Safier in Interviews immer ...

David Safier erzählt in "Solange wir leben" die Lebensgeschichte seiner Eltern Waltraut und Joschi. Wie viel davon wahr ist, bleibt unklar; wenn man etwas googelt, so erwähnt Safier in Interviews immer wieder, dass seine Eltern mit ihm nicht über ihre Vergangenheit gesprochen hätten (etwa Focus 2016, in "Er sprang dem Tod oft von der Schippe": Safier über das Leben seines Vaters: "Erzählt hat er mir von dieser Zeit: nichts. Seinen Lebenslauf habe ich mir aus Halbsätzen, Erzählungen seiner Schwester und Recherchen gebastelt."). Für mich entstand der Eindruck, dass die wesentlichen Daten stimmen und viele Lücken gerade aus den frühen Jahren mit schriftstellerischer Freiheit gefüllt wurden.

Der Roman beginnt im Jahr 1937 und erzählt bis ins Jahr 2005 in zwei parallelen Handlungssträngen die sehr bewegte und von Schicksalsschlägen geprägte Geschichte von Joschi und Waltraut. Joschi hat als Jude fast seine ganze Familie im Holocaust verloren und Waltraut wächst als Kriegskind in ärmlichen Verhältnissen auf. Es war für mich faszinierend, die beiden und ihr Umfeld über nahezu ihr ganzes Leben zu begleiten und zu sehen, wie sie  sich verändern und entwickeln und sich immer wieder ihrem Leben und dem Schicksal stellen.

David Safiers Schreibstil ist ganz wunderbar zu lesen, es gelingt ihm, jede Figur in all ihren Facetten darzustellen, und ich konnte sie mir lebhaft in all ihren Eigenheiten, in ihren liebenswerten und auch herausfordernden Charakterzügen vorstellen.

Das Buch zeigt, wie wenig im Leben planbar ist und wie sehr sich das Leben manchmal von dem unterscheidet, was wir uns in jungen Jahren erträumen. Es erzählt von großen und schmerzlichen Verlusten, vom kleinen Glück und von der Liebe, die uns im Leben antreibt.

Ein berührendes und sehr lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 06.04.2023

Liebevoll illustriert und sehr lehrreich

Wenn die Erde einen Tag alt wäre ...
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Als ich das Buch "Wenn die Erde einen Tag alt wäre" entdeckt habe, wollte ich es unbedingt mit meinem Sohn lesen, da ich die Idee, die Geschichte der Erde auf einen Tag umzurechnen, sehr interessant fand. ...

Als ich das Buch "Wenn die Erde einen Tag alt wäre" entdeckt habe, wollte ich es unbedingt mit meinem Sohn lesen, da ich die Idee, die Geschichte der Erde auf einen Tag umzurechnen, sehr interessant fand.

Das Buch umfasst 64 Seiten, wobei jeweils eine Doppelseite einen Zeitpunkt auf der Erdzeituhr behandelt und komplett farbig illustriert ist. Jede Doppelseite zeigt oben links die Erdzeituhr mit dem aktuellen Zeitpunkt an und enthält mehrere Textabschnitte, die die Ereignisse auf der Erde erläutern. Dabei kommen immer wieder komplizierte Begriffe (Nukleinsäure, Mitochondrien, Chloroplasten, Stromatholiten,....) vor, und  insbesondere bei der Zellbiologie sind die Erläuterungen schon recht komplex, so dass ich das Buch ab 10-11 Jahren empfehlen würde. Besonders gelungen finde ich die ganzseitigen Illustrationen, die sehr farbenfroh, aber nicht knallig sind und den Text hervorragend ergänzen und auflockern. Es macht richtig Lust, durch das Buch zu blättern!

Durch die Umrechnung auf einen Tag werden die für Kinder doch recht schwer fassbaren 4,54 Milliarden Jahre greifbarer und sie können so anschaulich erkennen, wie kurz oder lang einzelne Phasen der Erdgeschichte im Verhältnis zueinander sind. So wird auch klar, daß die Geschichte der Menschheit auf dieser Skala nur wenige Wimpernschläge beträgt. 

Am Ende des Buches gibt es noch ein Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen und eine geologische Zeitskala in einer übersichtlichen Tabelle.

Fazit: Ein wirklich schön gestaltetes, interessantes und sehr lehrreichen Buch für Kinder ab ca. 10-11 Jahren, das ich auf jeden Fall empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 04.04.2023

Toller Krimi mit unterschwelliger Komik

Der nette Herr Heinlein und die Leichen im Keller
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Norbert Heinlein, ein rechtschaffener, gediegener Herr Ende 50, führt mit viel Herzblut ein traditionsreiches Delikatessengeschäft, in dem er für seinen kleinen, aber anspruchsvollen Kundenkreis auch erlesene ...

Norbert Heinlein, ein rechtschaffener, gediegener Herr Ende 50, führt mit viel Herzblut ein traditionsreiches Delikatessengeschäft, in dem er für seinen kleinen, aber anspruchsvollen Kundenkreis auch erlesene Tagesgerichte anbietet, die er mit Hingabe zubereitet. Hierbei wird er von seinem jungen Gehilfen Marvin unterstützt, der autistische Züge aufweist. Seit mehreren Wochen hat Heinlein einen neuen und etwas undurchsichtigen Stammgast, Adam Morlok, der eines Tages durch ein Missgeschick Heinleins im Geschäft zu Tode kommt, und Herr Heinlein weiß sich keinen anderen Ausweg, als Morlok im Kühlhaus zu lagern. Damit nimmt das Schlamassel seinen Anfang, denn Heinlein gerät von einer Misere in die nächste...

Das Buch hat mich gleich auf den ersten Seiten begeistert, da ich den unterhaltsamen Schreibstil auf Anhieb mochte. Herr Heinlein, Marvin, die Kunden und das Delikatessengeschäft werden so lebendig beschrieben, dass ich mir alles genau vorstellen konnte und auch regelrecht Appetit auf die beschriebenen Köstlichkeiten bekam.

Die Art und Weise, wie Herr Heinlein, ein eigentlich ehrbarer, hilfsbereiter, etwas gutgläubiger und konfliktscheuer Mensch, nach der Einlagerung Morloks im Kühlhaus sich seine Wahrheit zurechtbiegt, Ausflüchte aus der Verantwortung sucht und dabei immer tiefer in eine ausweglose Situation gerät, ist toll beschrieben. Hinzu kommen dubiose Geschäfte, in die Heinlein unversehens und natürlich nur in bester Absicht hineingerät. Auch die Figur von Marvin und dessen erstaunliche Entwicklung hat mir richtig gut gefallen. Die Geschichte ist nicht nur richtig spannend, sondern bietet auch eine gute Portion unterschwelligen Humor und makabre Situationskomik.

Einen kleinen Wermutstropfen bot für mich das Ende, da man hier, wenn man etwas gründlicher darüber nachdenkt, auf einige logische Ungereimtheiten stößt bzw. zumindest entsprechende Fragen offen bleiben. Das mag aber nicht jeden Leserin stören.

Fazit: Ein äußerst kurzweiliger, skurriler Krimi, den ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann. Wer "Achtsam morden" von Karsten Dusse mochte, hat sicher auch viel Spass mit Herrn Heinlein!

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Veröffentlicht am 31.03.2023

Ein herausragendes Buch!

Das Lied der Zelle
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Bevor ich dieses Buch las, hatte ich noch nie von Siddharta Mukherjee gehört, aber der Titel und die Beschreibung machten mich sehr neugierig.

Bei populärwissenschaftlichen Büchern aus dem amerikanischen ...

Bevor ich dieses Buch las, hatte ich noch nie von Siddharta Mukherjee gehört, aber der Titel und die Beschreibung machten mich sehr neugierig.

Bei populärwissenschaftlichen Büchern aus dem amerikanischen Raum bin ich zunächst sehr skeptisch, da sie häufig bemüht locker und oberflächlich geschrieben sind. Das ist bei diesem Buch erfreulicherweise nicht der Fall. Siddharta Mukherjee gelingt es auf einzigartige Weise, hochkomplexe medizinische Sachverhalte Laien verständlich zu erläutern, und dabei genau soweit zu vereinfachen wie nötig. Man spürt richtig, dass er seine Leser*innen ernst nimmt und sich viel Mühe gibt, anschauliche Vergleiche und Bilder zu finden, die das Verständnis erleichtern. Sein Schreibstil ist abwechslungsreich und eingängig, und er mischt medizinische Theorie gekonnt mit interessanten Fallbeispielen aus seinem Berufsalltag und umfassenden und sehr informativen Ausflügen in die Geschichte der Medizin, so dass ein rundes Bild entsteht.

Der Enthusiasmus des Autors für sein Fachgebiet war für mich beim Lesen regelrecht spürbar und führte dazu, dass mich das Buch richtig begeistert hat. Ich möchte auf jeden Fall demnächst seine anderen bisher auf deutsch erschienen Bücher lesen und kann "Das Lied der Zelle" nur jedem empfehlen, der sich für diese faszinierenden Bausteine des Körpers interessiert. Ganz klare 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 27.03.2023

Ein wunderbarer Sommerroman

Seemann vom Siebener
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"Seemann vom Siebener" von Arno Frank beschreibt einen heißen Sommertag in einem Dorffreibad in der Pfalz. Einem Freibad, auf dem der Schatten einer Tragödie liegt, die sich dort vor wenigen Jahren ereignet ...

"Seemann vom Siebener" von Arno Frank beschreibt einen heißen Sommertag in einem Dorffreibad in der Pfalz. Einem Freibad, auf dem der Schatten einer Tragödie liegt, die sich dort vor wenigen Jahren ereignet hat.

Dorffreibäder sind seit jeher Orte, an denen im Sommer alle aufeinandertreffen, Familien mit Kindern, Jugendliche, Singles, Pärchen, Senioren. Ein Mikrokosmos mit eigener Dynamik und einem eigenen Rhythmus, der aufmerksamen Beobachtern Einblicke in das Leben der Besucher gewährt und einen interessanten Schauplatz für dieses Buch bildet.

Der Roman wechselt häufig die Erzählperspektive und lässt uns den Tag im Freibad aus mehreren Blickwinkeln erleben: Da ist Kiontke, der langjährige Bademeister, Renate, die Frau an der Kasse, Sergej vom Kiosk, und da sind die Besucher Melanie, Lennart, Josephine und Frau Trautheimer, die aus unterschiedlichen Gründen das Freibad aufsuchen und deren Wege sich dort kreuzen. Und dann ist da noch das namenlose Mädchen mit seinem Bruder, das als Ich-Erzählerin besonders heraussticht. Das Leben aller ist auf verschiedene Weise mit dem Freibad verbunden, als Arbeitsplatz, als Ort der Erinnerung an vergangene Tage, an die Leichtigkeit und die Verheißungen der Jugend, an Tragisches und Schmerzhaftes, an Wendepunkte im Leben. Und im Laufe der Geschichte wird klar, dass auch dieser Tag ein solcher Wendepunkt sein kann, der Dinge abschließt und einen neuen Anfang ermöglicht.

Das Buch lebt von Arno Franks Gefühl für Sprache und seinem genauen Blick auf die kleinen, unscheinbaren Dinge. Besonders gelungen fand ich die Zeichnung der einzelnen Personen, deren Charaktere bis in die Sprache hinein so detailliert und nuanciert ausgearbeitet sind, dass ich sie in allen Einzel- und Eigenheiten lebhaft vor Augen hatte.

Ein sehr berührender, leiser Roman mit wehmütigen, aber auch hoffnungsvollen Momenten, und eine Hommage an die unscheinbaren alten Freibäder, die denen, die hinhören, vom Leben erzählen.

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