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Veröffentlicht am 16.04.2023

Horowitz und Hawthorne ermitteln auf Alderney

Wenn Worte töten
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Im vorliegenden dritten Band einer Reihe schickt der Verleger seinen Autor Anthony Horowitz und den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne zu einem Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney. ...


Im vorliegenden dritten Band einer Reihe schickt der Verleger seinen Autor Anthony Horowitz und den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne zu einem Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney. Sie sollen durch ihre Teilnahme die Vermarktung des nächsten, noch nicht vollendeten Romans vorbereiten. Horowitz und Hawthorne bilden ein Team, wobei Hawthorne dem Autor Fälle schildert, bei denen er selbst ermittelt hat. Die beiden Männer haben ein ziemlich distanziertes Verhältnis zu einander und mögen sich nicht einmal besonders. Die anderen geladenen Gäste sind eine Kinderbuchautorin, ein bekannter Fernsehkoch mit seiner Assistentin, eine Wahrsagerin, ein Historiker und eine Dichterin, die Gedichte in Cauchois, einem nordfranzösischen Dialekt, vorträgt. Dann wird Charles le Mesurier, der schwerreiche Sponsor des Festivals ermordet aufgefunden. Hawthorne und Horowitz ermitteln sofort in diesem aktuellen Fall. Als später ein zweiter Mord geschieht, kommt Deputy Chief Jonathan Torode mit seiner Assistentin von der Insel Guernsey hinzu. Es zeigt sich, dass hier jeder ein Geheimnis verbirgt und einige nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Hinzukommt, dass die Menschen auf der Insel wegen des geplanten Baus einer Überlandleitung tief zerstritten sind. Da Charles le Mesurier ein Fürsprecher des Projekts ist, könnte der Mörder auch unter seinen Gegnern zu finden sein. Ex-Polizist Hawthorne ist den anderen immer mindestens einen Schritt voraus, weil er gewohnheitsmäßig Details bemerkt, die sonst keiner sieht. Er teilt sein Wissen jedoch nicht einmal mit seinem Partner.
Der Leser folgt der Geschichte mit vielen falschen Fährten gespannt und erlebt in diesem Locked Room Mystery nach dem Vorbild der großen Agatha Christie bis zur Auflösung viele Überraschungen.
Zum Schluss möchte ich noch bemerken, dass ich mich sehr über den deutschen Titel wundere. Welche Worte sollten das wohl sein? Der Originaltitel "A Line To Kill" bezieht sich vielmehr auf die Reihe (!) von zwölf Verdächtigen, die Gegner der Stromtrasse nicht einmal mitgezählt.
Mir hat der Roman gut gefallen, auch wenn er eher konventionell geschrieben ist. Besonders beeindruckt hat mich die gelungene Charakterisierung nicht nur der beiden wichtigsten Protagonisten, sondern auch der anderen Personen. Eine gute Idee ist dabei, dass der Autor selbst als fiktiver Charakter im Roman auftritt und damit den Eindruck erwecken könnte, dass all dies wirklich geschehen ist. Ein gut lesbarer Krimi ohne übertriebene Grausamkeit.

Veröffentlicht am 16.04.2023

Privatsphäre oder Überwachungsstaat?

Going Zero
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In Anthony McCartens neuem Roman arbeitet die Firma Fusion unter Leitung des schwerreichen Social-Media-Moguls Cy Baxter mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einen letzten Test der von der Firma ...


In Anthony McCartens neuem Roman arbeitet die Firma Fusion unter Leitung des schwerreichen Social-Media-Moguls Cy Baxter mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einen letzten Test der von der Firma entwickelten neuen Software durchzuführen, die dem Schutz des Landes vor terroristischer Bedrohung dienen soll. Der Betatest mit zehn ausgewählten Bewerbern - fünf Spezialisten, fünf Normalbürgern – soll beweisen, dass mit Hilfe dieser neuen Software jeder zu jeder Zeit an beliebigen Orten aufgespürt werden kann. Auf ein Signal hin sollen die Kandidaten sich unsichtbar machen und für 30 Tage unauffindbar bleiben. Dem Gewinner winken 3 Millionen Dollar. Das ist gar nicht so einfach im Zeitalter von Computern, Smartphones, Kreditkarten, allgegenwärtigen Überwachungskameras, Techniken der Gesichtserkennung etc. Einige Kandidaten werden schon bald aufgespürt, aber die harmlos wirkende Bibliothekarin Kaitlyn Day aus Boston erweist sich als überaus clever und entwischt den Verfolgern immer wieder. Ihr geht es nicht in erster Linie ums Geld. Sie verfolgt ein anderes Ziel. Bald gerät Cy Baxter zunehmend unter Druck und muss verhindern, dass illegale Geschäftspraktiken seiner Firma ans Licht kommen genauso, wie die CIA bestimmte fragwürdige Vorgehensweisen weiterhin geheimhalten will.
Die Geschichte dieses gefährlichen und für einen der Protagonisten tödlichen Kräftemessens wird immer raffinierter mit zahlreichen Handlungsumschwüngen. Das ist spannend zu lesen, wenn einen die zugrundeliegende Thematik interessiert: Was ist mir wichtig? Darf der Schutz der Privatsphäre immer weiter zugunsten der (angeblichen) Sicherheit des Landes vernachlässigt werden? Laufen wir Gefahr, in einem Überwachungsstaat zu landen, wenn immer neue Technologien entwickelt und zugelassen werden, um Menschen in aller Welt in jeder Sekunde ihres Lebens auszuspähen? An welchem Punkt dieser Entwicklung sind wir aktuell bereits angekommen? Auf diese Frage liefert der 2014 von der Dokumentarfilmerin Laura Poitras gedrehte Film Citizenfour eine besorgniserregende Antwort. Sie hat zusammen mit zwei Journalisten den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden interviewt und macht in ihrem Film öffentlich, dass die NSA und andere Geheimdienste mit Hilfe des nach den Anschlägen vom 11.9.2001 geschaffenen Patriot Act umfangreiche Befugnisse bekamen, täglich Millionen von persönlichen Daten zu sammeln und damit praktisch die gesamte Menschheit unter Generalverdacht zu stellen. Die kafkaesk wirkende Realität in McCartens Roman ist also schon längst nicht mehr Teil einer erdachten Zukunft.
Ich habe diesen sehr gut konstruierten Thriller gern gelesen, auch weil es dem Autor gelingt, Spannung ohne Blutvergießen aufzubauen und den Leser vor allem durch die sorgfältig gezeichneten Charaktere und die überraschenden Wendungen der Handlung zu faszinieren.

Veröffentlicht am 25.03.2023

Was wären wir ohne den Trost der Bücher?

Die Bibliothek der Hoffnung
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“Die Bibliothek der Hoffnung“ ist ein historischer Roman über das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs in London. In der noch nicht fertiggestellten U-Bahnstation Bethnal Green finden die Menschen Zuflucht ...

“Die Bibliothek der Hoffnung“ ist ein historischer Roman über das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs in London. In der noch nicht fertiggestellten U-Bahnstation Bethnal Green finden die Menschen Zuflucht vor den deutschen Fliegerbomben. Es gibt Schlafkojen für 5000 Menschen, aber auch einen Kindergarten, ein Café, ein Theater und ärztliche Versorgung. Vor allem aber hat die Bibliothekarin der zerstörten oberirdischen Bibliothek Tausende von Büchern gerettet und in dem Tunnel eine Leihbibliothek eingerichtet. Clara Button und ihre Freundin Ruby Monroe helfen den Menschen, den Mut und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Sie stärken ihr Durchhaltevermögen und sind gleichzeitig so etwas wie Sozialarbeiterinnen und Kummerkastentanten, weil sie zuhören und Trost spenden, wenn die Menschen mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer zu ihnen kommen. Clara und Ruby müssen ebenfalls schmerzliche Verlusterfahrungen verarbeiten und begegnen den Menschen mit viel Empathie. Dabei müssen sie sich immer wieder gegen die Einmischungen ihres arroganten Vorgesetzten wehren, der das Büchersortiment zensiert, so dass Frauen nicht auf „dumme“ Gedanken kommen und den unteren sozialen Schichten den Zugang zur Bibliothek verwehren will.
Die Geschichte wird mit kapitelweise wechselnden Überschriften „Clara“ und „Ruby“ erzählt, sodass die Perspektive und Lebensumstände der beiden Freundinnen zur Sprache kommen. Ich habe diesen auf Tatsachen beruhenden, sehr warmherzig geschriebenen Roman gern gelesen, auch wenn er nicht frei von Längen ist. Seine Botschaft spricht begeisterte Leser/innen besonders an: Bücher können dein Leben retten oder zumindest entscheidend verändern. Sie sollten jedem ungeachtet seiner Herkunft und Bildung zugänglich sein. Dabei ist dieser Roman kein Wohlfühlbuch, in dem einfach nur alles am Ende gut wird. Die Autorin schildert auch Kriegsgräuel und die Verbrechen in den Konzentrationslagern gut informiert und authentisch. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 18.02.2023

Young Mungo wird zum Mann

Young Mungo
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Mungo Hamilton, 15 wächst in den 90er Jahren in einem verarmten Arbeiterviertel im East End von Glasgow in einer kaputten Familie auf. Seine Mutter Maureen genannt Mo-Maw ist Alkoholikerin und verschwindet ...

Mungo Hamilton, 15 wächst in den 90er Jahren in einem verarmten Arbeiterviertel im East End von Glasgow in einer kaputten Familie auf. Seine Mutter Maureen genannt Mo-Maw ist Alkoholikerin und verschwindet immer wieder unangekündigt für Tage oder Wochen auf der Suche nach Alkoholexzessen oder Männerbekanntschaften, ohne einen Gedanken an ihren vaterlosen Nachwuchs zu verschwenden. Mungos ein Jahr ältere Schwester Jodie kümmert sich verantwortungsbewusst um ihn, während sein fünf Jahre älterer Bruder Hamish genannt Ha-Ha, der gewalttätige Anführer der Prodders, einer protestantischen Jugendgang, einen Mann aus ihm machen will, indem er ihn zur Teilnahme an lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit den katholischen Fenians zwingen will, denn Mungo ist zu hübsch, zu zart und schüchtern. Eines Tages lernt Mungo den etwas älteren James Jamieson aus dem Haus gegenüber kennen, der Tauben in einem Taubenschlag in der Nähe hält. Die Beiden kommen sich näher, verlieben sich schließlich in einander. Damit bricht Mungo ein doppeltes Tabu: Homosexualität wird genauso wenig toleriert wie der Umgang von Protestanten mit Katholiken. In einem zweiten Handlungsstrang schickt Maureen ihren Sohn mit zwei Männern, die sie flüchtig von ihren Treffen bei den Anonymen Alkoholikern kennt, auf einen Ausflug in die schottische Wildnis und bringt ihn damit in Lebensgefahr. Auch Hamish wird aktiv und will mit äußerster Gewaltanwendung der Freundschaft zwischen Jamie und Mungo ein Ende setzen.
Für den Leser ist die zeitliche Orientierung nicht einfach, denn er muss die Geschehnisse „Im Januar davor“ von denen „Im Mai danach“ gedanklich trennen. Die beiden Handlungsstränge werden erst am Ende zusammengeführt. Der Roman erzählt eine Liebesgeschichte, aber er enthält so viele brutale und derbe Szenen, dass es auch wegen teilweise drastischer Formulierungen schwer zu ertragen ist. Allein das halbwegs hoffnungsvolle Ende versöhnt den Leser mit dieser Darstellung eines homophoben, extrem gewaltbereiten Milieus, das durch Margaret Thatchers Stilllegung der schottischen Schwerindustrie seiner Existenzgrundlage beraubt wurde. Ein ungewöhnlicher Roman, nicht frei von Redundanzen und Längen, aber sicher lesenswert.

Veröffentlicht am 05.02.2023

Das Leben sichtbar und verständlich machen

Das glückliche Geheimnis
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In „Das glückliche Geheimnis“ erzählt Arno Geiger, dass er etwa 25 Jahre lang fast jede Woche einmal frühmorgens durch Wien zog und Paper-Container durchsuchte. Er fand große Mengen von Büchern, die er ...

In „Das glückliche Geheimnis“ erzählt Arno Geiger, dass er etwa 25 Jahre lang fast jede Woche einmal frühmorgens durch Wien zog und Paper-Container durchsuchte. Er fand große Mengen von Büchern, die er teilweise las, zum Teil weiterverkaufte, in Auktionshäusern, wenn sie wertvoll waren, oder auf Flohmärkten. Er fand auch alte Druckgrafiken, Brief-Konvolute Tagebücher, alte Postkarten und historische Wertpapiere. Anfangs war er als Schriftsteller weder erfolgreich noch bekannt und bestritt damit seinen Lebensunterhalt. Er setzte seine Runden aber auch noch fort, als er sein Roman „Es geht uns gut“ 2005 mit mehreren Buchpreisen ausgezeichnet wurde. Inzwischen schämte er sich nicht mehr dafür, obwohl das Risiko, erkannt zu werden, inzwischen erheblich gestiegen war. Ein Schriftsteller, der kopfüber in riesigen Container hängt und sein Tagewerk verdreckt und oft verletzt beendet, ist schon ungewöhnlich. Dass er sein glückliches Geheimnis nun öffentlich macht, bedeutet das Ende dieser Tätigkeit. Er betrachtet diese Phase seines Lebens als abgeschlossen.
Was hat ihm dieses jahrzehntelange „Containern“ gebracht? Durch die Lektüre von Tausenden von Briefen und unzähligen Tagebüchern erhält er Einblick in verschiedene Milieus, lernt nicht nur private Schicksale, sondern die Menschen allgemein und auch sich selbst besser kennen. Er erweitert seinen Horizont und hat eine nie versiegende Inspirationsquelle. Müll ist also nicht nur ein wiederverwertbarer Rohstoff, sondern auch eine kulturelle Ressource.
Neben seiner sehr speziellen Abfallverwertung behandelt der Autor auch eine Reihe anderer Themen. Der Leser erfährt, wie lang der Weg bis zum erfolgreichen Schriftsteller war. Der Autor porträtiert seine Eltern und sein Verhältnis zu ihnen und schreibt sehr detailliert über seine Frauengeschichten, nicht nur über die Beziehung zu K., der Liebe seines Lebens. Diese Passagen finde ich weniger gelungen, vor allem überwiegend entbehrlich. Ansonsten habe ich das Buch gern gelesen, vor allem wegen der gehaltvollen Umsetzung seines Anspruchs, in der Literatur das Leben sichtbar und verständlich zu machen. Nicht sein bestes Buch, aber lesenswert.