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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2023

Ein interessantes Thema wie hier hätte ruhig noch etwas länger sein können!

Der junge Mann
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Mit Mitte 50 lässt Annie Ernaux sich auf eine Affäre mit einem 30 Jahre jüngeren Mann ein. In diesem sehr kurzen Band gewährt sie einen Einblick in diese Affäre, in der sie sich so geliebt fühlt wie von ...

Mit Mitte 50 lässt Annie Ernaux sich auf eine Affäre mit einem 30 Jahre jüngeren Mann ein. In diesem sehr kurzen Band gewährt sie einen Einblick in diese Affäre, in der sie sich so geliebt fühlt wie von keinem anderen Mann je zuvor. Doch so gut diese Liebe tut, sieht sie sich in der Öffentlichkeit immer diesen Blicken ausgesetzt, die sie dafür verachten, dass sie sich einen solch jungen Geliebten genommen hat. Trotz der Abwertung, dass sie sich erlaubt hat, was für ältere Männer immer selbstverständlich und erstrebenswert war, fühlt sie einen Triumph in sich. Von der früheren Scham, die ihr Leben lange begleitet haben muss, ist hier kaum noch eine Spur. Sie genießt, solange sie kann. Diese Affäre hat aber auch sein Negatives, er z.B. möchte Fotos von ihr sehen wie sie als junge Frau ausgesehen hat - und setzt sie damit in Konkurrenz zu ihrem jüngeren Selbst.

Mir persönlich hätte dieses Buch etwas länger sein können, Ernaux ihr Siegesgefühl über die Moral der Zeit etwas mehr auskosten. Ansonsten war es aber ganz erfrischend.

Veröffentlicht am 23.04.2023

Bisher das schwächste Buch, das ich von Poznanski gelesen habe

Stille blutet
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Während einer Live-Sendung kündigt Nachrichtensprecherin Nadine Just ihre eigene Ermordung an -ein paar Stunden später liegt sie tot in ihrer eigenen Blutlache. Noch bevor der Hashtag #inkürzetot das Internet ...

Während einer Live-Sendung kündigt Nachrichtensprecherin Nadine Just ihre eigene Ermordung an -ein paar Stunden später liegt sie tot in ihrer eigenen Blutlache. Noch bevor der Hashtag #inkürzetot das Internet zum Explodieren bringt, wird ein kritischer Blogger ebenfalls tot aufgefunden.
Fina Plank ist erst vor kurzem dem Ermittlerteam der Wiener Mordtruppe beigetreten und versucht sich dem überheblichen Chauvinismus ihres Kollegen zu erwehren. Ihre Einheit wird mit der Lösung des Falls beauftragt, denn sofort wird ein Serienkiller hinter den beiden Morden vermutet. Durch die mediale Aufmerksamkeit können Trittbrettfahrer nicht ausgeschlossen werden, und Fina ist vollauf damit beschäftigt, die Sozialen Netzwerke zu überwachen. Die Indizien deuten schnell auf einen Mann, der beide Opfer gekannt hat.

Tibor Glaser, der Ex-Freund der Nachrichtensprecherin, erfährt zeitnah von der Live-Sendung. Seine Sorge führt ihn zum Nachrichtensender, um sich davon zu überzeugen, dass mit seiner Ex alles okay ist. Er ist es, der ihre Leiche in der Garderobe des Nachrichtensenders findet und von der Polizei vernommen wird. Während Tibor seine eigenen Nachforschungen anstellt, findet er furchtbare Dinge über Nadine heraus, die sie in ein noch schlechteres Licht rücken als er bisher von ihr hatte. Immer wieder während der laufenden Ermittlungen kommt die Polizei auf ihn zurück, und schon bald ist Tibor Verdächtiger Nr. 1 - doch er weiß, dass er unschuldig ist.

Ich hab mich ganz gut von Ursula Poznanskis neuem Reihenauftakt unterhalten gefühlt, aber mein Urteil über die Protagonist:innen fällt harsch aus: Fina Plank ist okay, aber Tibor Glaser ging mir mit seinen unüberlegten Handlungen komplett auf den Keks. Kann ein Mensch sich so doof anstellen und ständig die falschen Entscheidungen fällen? Der zweite Band der Reihe knüpft hoffentlich wieder an meine übliche Begeisterung für die Bücher von Poznanski an.

Veröffentlicht am 29.03.2023

Der Anfang dümpelt so dahin, zum Ende hin wird es spannend

Corpus Delicti
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Mia Holl hat ihren Bruder an ein System namens die METHODE verloren. Ihr Bruder Moritz wurde eines Verbrechens überführt, das er nicht begangen hat. Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders, er hat die ...

Mia Holl hat ihren Bruder an ein System namens die METHODE verloren. Ihr Bruder Moritz wurde eines Verbrechens überführt, das er nicht begangen hat. Mia glaubt an die Unschuld ihres Bruders, er hat die Frau nicht vergewaltigt und getötet. Das belastende Material spricht gegen ihren Bruder, und in einer Gesellschaft, in der jeder von der Unfehlbarkeit der METHODE überzeugt ist, mutet es seltsam an, dass Moritz Holl - weiterhin seine Unschuld beteuernd - sich dem weiteren Zugriff des Systems mit einem Suizid entzogen hat.

Juli Zehs Roman spielt in einem System, in dem jeder die Pflicht zur Gesundheit hat und Krankheit systemgefährdend ist. Gesundheits- und Hygienevorschriften regeln das Leben der Menschen. Mias Trauer um den Verlust ihres Bruders wird als Depression gedeutet und darf nicht ihre Sache allein sein, sondern soll gerichtlich gesteuert werden. Mia möchte einfach nur für eine Weile in Ruhe gelassen werden, um den Schmerz zu verarbeiten. Sie bekommt den Pflichtverteidiger Rosenschneider zur Seite gestellt, der Mia zur Räson bringen soll in ihrem Irrglauben, ihre Trauer sei Privatsache und ihren Glauben an das System wiederherstellen soll. Schon bald mischt sich Kramer ein, eine Führungsperson der METHODE im Namen der Regierung. Rosenschneider gelingt eine bahnbrechende Erkenntnis in dem Fall Moritz Holl, und Mia werden methodenfeindliche Gedanken und Handlungen unterstellt und sie wird zu einer politischen Schachfigur, an der ein Exempel für die METHODE statuiert werden soll.

Ich muss sagen, dass ich mich die meiste Zeit eher unbeteiligt durch das Buch gelesen habe. Erst zum Ende hin, als Rosenschneider eine Wendung herbeizuführen in der Lage ist, wurde mein Interesse richtig geweckt, und die letzten Seiten haben mich sinnierend zurückgelassen.
Es wirkt fern und fremd, dass Gesundheit eine Pflicht und ein Standard ist in einer Welt wie unserer jetzigen, die so weit von diesem eigentlich wünschenswerten Ziel entfernt ist, das von Juli Zeh in diesem Buch so ins Gegenteil verdreht ist. Es regt zum Grübeln darüber an, was staatliche Systeme an Privatsachen noch alles zum Gegenstand öffentlichen Interesses machen könnten.

Veröffentlicht am 29.03.2023

Kann man ohne viele Ansprüche zu stellen lesen, aber mehr auch nicht

Die kleine Buchhandlung am Ufer der Themse
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Charlotte erhält die Nachricht, dass eine Tante in London ihr eine Buchhandlung und das Haus, in dem diese untergebracht ist, vererbt hat. Charlotte hatte nie Kontakt zu Tante Sara und kann sich gar nicht ...

Charlotte erhält die Nachricht, dass eine Tante in London ihr eine Buchhandlung und das Haus, in dem diese untergebracht ist, vererbt hat. Charlotte hatte nie Kontakt zu Tante Sara und kann sich gar nicht denken, warum diese ausgerechnet ihr die Buchhandlung vermacht hat.
Charlotte, die ein Jahr zuvor ihren Mann verloren hat und immernoch trauert, reist von Schweden aus nach England, um sich ihrem Erbe anzunehmen.
In der Londoner Buchhandlung halten die Mitarbeiterinnen Martinique und Sam seit dem Tod ihrer Freundin und Arbeitgeberin Sara die Stellung. Während Martinique die neue Besitzerin freudig aufnimmt, reagiert Sam gereizt und ungeduldig auf die buchferne Charlotte. In Schweden führt Charlotte ein eigenes kleines Unternehmen und realisiert daher schnell, dass die Buchhandlung sich in den roten Zahlen befindet und kurz vor der Schließung steht. Direkt versucht sie Lösungspläne zu erarbeiten.
Im Haus wohnt auch noch William, ein Schriftsteller mit Schreibblockade, der viel Zeit in der Buchhandlung verbringt. Die Buchhandlung ist bis zu Saras Tod sowas wie eine kleine Familie für die Angestellten und die Menschen in der Umgebung gewesen, und Charlotte versucht nun mithilfe von Martinique, Sam und William den Buchladen zu halten.

Frida Skybäck hat eigentlich eine nette Geschichte geschrieben. Was mein Leseerlebnis gestört hat, war diese immense Anzahl an Nebenfiguren und Schauplätzen, wodurch die Seitenanzahl meines Erachtens ohne einen Mehrgewinn für die eigentliche Story erhöht wurde. Beispielsweise fand ich, dass die Vergangenheitsepisoden wesentlich kürzer hätten gefasst werden können, der Leser hätte auch ohne diese Breite die Dreiecksbeziehung gut erfasst. Auch hätte ich auf die Problematik zwischen Martinique und Teile ihrer Familie verzichten können, genauso wie auf die Anwohner mit ihren Mini-Problemen. Aber gut, Letztere waren wohl da, um irgendwie zu verdeutlichen, dass die Buchhandlung ein wichtiger Sozialisationsort für die Menschen der Umgebung ist...
Auch ahnte ich recht früh eine sich anbahnende Liebelei zwischen zwei Figuren, die ich ziemlich substanzlos und deshalb überflüssig fand. Insgesamt war mir vieles zu vorhersehbar, und ich habe dann nur noch stöhnend weitergelesen, bis meine Vorahnung endlich eingetreten ist. Es wirkte ein wenig als wolle Frida Skybäck ihre vielen Handlungsstränge in ein gewaltiges Happy End laufen lassen, um das Traurige zu überspielen. Weniger ist manchmal mehr, das ist mein Resümee zu diesem Buch.

Veröffentlicht am 21.03.2023

Insgesamt okay

Perfectly Broken (Bedford-Reihe 1)
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Brooklyn Parker zieht in eine neue Stadt, in der sie nichts an die Vergangenheit erinnert. An ihn. An die Liebe ihres Lebens, die sie zurücklassen musste. An ihr Herz. Das einzige, was sie mitnimmt, ist ...

Brooklyn Parker zieht in eine neue Stadt, in der sie nichts an die Vergangenheit erinnert. An ihn. An die Liebe ihres Lebens, die sie zurücklassen musste. An ihr Herz. Das einzige, was sie mitnimmt, ist ihr Hund Ghost.

Durch einen Kontakt ihrer Mutter findet sie in der neuen Stadt sofort einen Job und eine Unterkunft für die erste Nacht. Ungern möchte sie bei Mum's Freundin dauerhaft wohnen, also besichtigt sie eine preiswerte Wohnung. Der einzige Haken: Die Wohnung hat eine Verbindungtür zur Nebenwohnung, die von ihrem jungen Nachbarn Chase und seiner kratzbürstigen Freundin bewohnt wird, wie Brooklyn schnell feststellt. Die Tür wird für Brooklyn eine Verbindung zurück ins Leben. Durch Chase nimmt Brooklyn wieder am Leben teil, obwohl ihre Vergangenheit sie immer wieder einzuholen versucht. Auch wenn Chase schwer an seiner eigenen Vergangenheit trägt, ist sein Wunsch übermächtig, Brooklyn aus ihrer Gefühlsstarre herauszuhelfen.



Die Geschichte hat ihre Höhen und Tiefen. Für junge Mädchen ist es sicher eine tolle Liebesgeschichte, mir waren Teile der Story manchmal etwas zu vorhersehbar. Außerdem ist mir Brooklyn keine durchweg sympathische Frauenfigur (und das liegt nicht nur daran, dass ich zuvor die Spinster Girls gelesen habe!), da sie einfach zu abhängig von äußeren Aktionen ist und selbst nicht aus ihrem emotionalen Loch herauskommt. Die Pointe, dass gegen Traurigkeit nur ein neuer Lover hilft, stößt mir etwas sauer auf, aber gut, so ist nun mal die Geschichte geschrieben und auch solche Erzählungen muss es geben.
Insgesamt unterhaltsam, wenn man sich nicht zu viele Gedanken danach macht.
Als kleine positive Randnotiz möchte ich anmerken, dass ich den Namen Brooklyn bzw. den Kosenamen Brooke eine sehr schöne Anlehnung an den Buchtitel finde.