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Veröffentlicht am 25.05.2023

Zwei Frauenschicksale und eine Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen - gefühlvoll und wendungsreich

Das tiefe Blau des Meeres
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Katharina findet nach dem Tod ihres Vaters bei der Auflösung des Haushalts ihrer Eltern auf dem Dachboden eine Mappe mit Aquarellen, die sie zuvor nie gesehen hat. Mit den Initialen MdM kann sie nichts ...

Katharina findet nach dem Tod ihres Vaters bei der Auflösung des Haushalts ihrer Eltern auf dem Dachboden eine Mappe mit Aquarellen, die sie zuvor nie gesehen hat. Mit den Initialen MdM kann sie nichts anfangen. Als sie bei der Aufbahrung ihres Vaters dann auch noch ein Foto einer jungen Frau in seinen Händen bemerkt, wird sie stutzig und beginnt mit Nachforschungen. Eine Kollegin erkennt auf den Aquarellen Gebäude und Orte in der Bretagne, weshalb sich Katharina dorthin begibt, um mehr über ihre Familiengeschichte und das Schloss in der Bretagne zu erfahren, auf dem Vorfahren von ihr gelebt haben mögen.

1939 flüchtet die Jüdin Margot Löwenstein aus Deutschland. Ihr eigentliches Ziel Großbritannien, wo sie bei Verwandten hätte Zuflucht finden können, erreicht sie nicht. Ihre Reise endet in Frankreich, wo sie ihre große Liebe Alan de Morand findet. Während er als Soldat an die Front muss, malt Margot unaufhörlich Bilder des Schlosses der Morands, des Meeres und der Landschaft der Bretagne. Als Folge der Wirren des Zweiten Weltkriegs und nach dem Einmarsch deutscher Soldaten in Frankreich muss Margot wieder und verliert erneut eine Familie.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und erzählt in der Gegenwart die Erforschung Katharinas nach der Vergangenheit ihrer Familie und in der Vergangenheit das Schicksal der Jüdin Margot.
Beide Handlungsstränge sind lebendig und abwechslungsreich geschildert. Die beiden Protagonistinnen sind authentisch dargestellt, so dass man sich gut in sie und ihre Situation hineinversetzen kann. Aufgrund der Kriegsereignisse ist die Vergangenheit und Margots Schicksal dramatischer und emotionaler. Aber auch Katharina muss nicht nur den Verlust des Vaters verarbeiten, sondern entdecken, dass in ihrer Familie Geheimnisse herrschten, die ihr zunächst rätselhaft bleiben. Darüber hinaus stellt sie ihr derzeitiges Leben in Frage, ist unzufrieden mit ihrem langjährigen Lebensgefährten und ihrem Beruf als Lehrerin, in den sie von ihrer Mutter gedrängt wurde. In der Bretagne empfindet sie wieder Freude an der Kunst und an der Malerei und verliebt sich nicht nur in die wunderschöne Landschaft und das alte baufällige Schloss sondern auch in den insolventen Schlossherren.

"Das Tiefe Blau des Meeres" schildert die Schicksale zweier Frauen und zwei ganz unterschiedliche Liebesgeschichten. Es ist ein gefühlvoll geschriebenes Buch mit diversen Wendungen in der Handlung, die den Roman nicht vorhersehbar machen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass der Erzählstrang in der Gegenwart nicht nur schmückendes Beiwerk ist, um ein Familiengeheimnis der Vergangenheit zu entdecken, sondern neben der tragischen Geschichte der Vergangenheit, Raum für eine eigene Geschichte der Katharina lässt, die bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte auch zu sich selbst findet.

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Veröffentlicht am 18.05.2023

Spannende Familiengeschichte mit interessanten Figuren und einem wundervollen Setting an der französischen Atlantikküste - allerdings etwas viele brodelnde Geheimnisse innerhalb einer Familie

Adas Fest
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Ada ist 74 Jahre alt und verbringt den Sommer an der Atlantikküste in Südfrankreich in ihrem Ferienhaus "Les Vagues". Es wird der letzte Sommer dort sein, denn aufgrund des Klimawandels und des steigenden ...

Ada ist 74 Jahre alt und verbringt den Sommer an der Atlantikküste in Südfrankreich in ihrem Ferienhaus "Les Vagues". Es wird der letzte Sommer dort sein, denn aufgrund des Klimawandels und des steigenden Meeresspiegels muss das Haus am Meer der Renaturierung zum Schutz der Küste weichen. Zum Abschied und Erinnerung an ihren Ehemann Leo Kwant, den berühmten Künstler, den sie vor knapp 50 Jahren in Frankreich kennengelernt hat und der vor zwei Jahren gestorben ist, möchte sie ein letztes Mal ein großes Fest feiern und lädt dazu Freunde und Verwandte ein. Unterstützung bei den Vorbereitungen der Feierlichkeiten erhält sie von Vincent, einem Freund Leos und dem Inhaber des Cafés Victoire, mit dem sie selbst viel mehr verbindet als nur Freundschaft, was sie vor ihren erwachsenen Töchtern jedoch weiterhin verbergen möchte.
Diese haben ihre eigenen Probleme und nicht mit der überraschenden Einladung nach Frankreich gerechnet. Die Älteste Esther, deren Ehe kriselt, reist als erste aus Berlin an, da sie mit einem Gerücht über ihren Vater konfrontiert wurde, das nicht nur seinen Ruf, sondern auch ihre Karriere als Galeristin dauerhaft schädigen oder gar zerstören könnte. Als auch die beiden jüngeren Töchter Imme und Kiki vorzeitig anreisen, treten Verwerfungen der Familie zutage und unschöne Wahrheiten, die endlich ans Licht kommen.

Das Buch ist aus wechselnden Perspektiven geschildert, wobei der Fokus auf die 74-jährige Ada gerichtet ist, die schon so viele Sommer in Laplage-sur-Mer verbracht hat und so viele Erinnerungen an ihre Ehe, ihre Kinder, Vincent und die Künstlerkarriere ihres Ehemannes Leo Kwant damit verbindet. Ada hat akzeptiert, dass sie das Sommerhaus, in dem so viele Feste mit Künstlern, Galeristen und Models gefeiert wurden, aufgeben muss und möchte eine Abschiedsfeier veranstalten. Schon Tage vor dem Fest reisen ihre Töchter aus unterschiedlichen Gründen an, wodurch immer mehr Geheimnisse und unbequeme Tatsachen aus der Vergangenheit und Gegenwart offenbart werden, die für die Frauen erschütternd sind und die unterschiedliche Reaktionen von Angst, Wut und Verzweiflung hervorrufen, gleichzeitig aber auch Erleichterung schaffen und Neuanfänge bedeuten können.

Es ist spannend zu erfahren, was jede einzelne von ihnen zu enthüllen hat, woran sich wer nach all der Zeit noch erinnert und welches veränderte Bild sich am Ende über die Ehe von Ada und Leo und über Leo als Künstler offenbart.

Das Setting an der rauen Atlantikküste ist dabei eindringlich beschrieben. Man fühlt sich in das Sommerhaus versetzt, kann den Wind spüren, die Möwen kreischen und das Meer rauschen hören und hat den Geschmack von Vincents französischer Küche im Mund.
Das damit vermittelte leichte Urlaubsgefühl steht im krassen Gegensatz zur Stimmung innerhalb der Familie und zu den Sorgen und Problemen der Frauen, die dort nach längerer Zeit wieder aufeinander treffen. Die Atmosphäre ist aufgeladen und als die Fassade zu bröckeln beginnt und man aus den Einzelsichten bereits Verschiedenes erahnen kann, kommt es zu weiteren Enthüllungen. Die kurzen Rückblenden in die Vergangenheit werden dabei geschickt mit der gegenwärtigen Erzählung verbunden und ergeben am Ende ein stimmiges Bild über die Familie und jedes einzelne Mitglied, das die Sommer in Frankreich und die Ehe von Ada und Leo und auch Leo als Ehemann, Vater und Künstler unterschiedlich wahrgenommen hat. Die bodenständigeren Freunde des Cafés Victoires, Vincent und sein Sohn Joël gleichen die temperamentvollen und überspannten Kwant-Frauen auf angenehme Weise aus.

"Adas Fest" ist eine spannende Familiengeschichte aus dem Künstlermilieu mit ganz unterschiedlichen Charakteren, deren Lebenswelten und Verhältnisse untereinander zwar nur kurz, aber dennoch emphatisch geschildert sind. Auch wenn der Roman für eine Familie mit etwas zu viel Geheimnissen und Enthüllungen aufwartet, ist die Geschichte dennoch authentisch und in ihrer Dramatik nachvollziehbar. Der Roman überzeugt sowohl durch die Atmosphäre am Meer als auch durch die allmähliche Aufdeckung und Tiefe der Probleme, die in der Familie schon lange brodeln und das Leben und die Charakterentwicklung der Figuren geprägt haben.

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Veröffentlicht am 16.05.2023

Drei Freundinnen islamischen Glaubens zwischen Tradition, Religion, Liebe und Freiheit - lebendig, emotional und Horizont erweiternd.

Alles, was wir uns nicht sagen
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Seit ihrer Kindheit sind die Musliminnen Jenna, Kees und Malak beste Freundinnen, halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig, wenn es darum geht, die Erwartungen ihrer streng religiösen Familien ...

Seit ihrer Kindheit sind die Musliminnen Jenna, Kees und Malak beste Freundinnen, halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig, wenn es darum geht, die Erwartungen ihrer streng religiösen Familien zu erfüllen - oder zumindest den Schein zu wahren. Je älter sie werden, desto schwieriger wird der Balanceakt zwischen Freiheit und Tradition.
Malak wünscht sich einen Partner, mit dem sie die islamischen Traditionen leben kann, ist jedoch in den weißen Jacob verliebt, mit dem sie trotz seiner Bereitschaft zu konvertieren, keine gemeinsame Zukunft sieht.
Kees liebt Harry, doch auch er ist ein weißer Katholik, weshalb sie ihn vor ihrer Familie versteckt und nicht zugeben kann, dass sie bereits schon eine Grenze überschritten haben, indem er fast jede Nacht in ihrem Apartment verbringt.
Jenna interpretiert die Glaubensregeln wie sie es für richtig hält, geht auf Partys und hat ihren Spaß mit losen Partnerschaften, ist in ihrem Herzen jedoch rastlos und einsam.
Als ihre Studienzeit endet, verändert ein Abend im Streit alles, als sie sich Wahrheiten konfrontieren, die sie nicht hören möchten. Die Freundschaft der drei jungen Frauen bricht und so versucht jede für sich, Erwartungen, Glaube und ihr persönliches Glück in Einklang zu bringen, bis sie Monate später feststellen, dass es nur die Freundinnen sind, auf die am Ende Verlass ist.

Nach einem Streit schon früh zu Beginn des Romans driftet die Freundschaft der drei Frauen zwischen Anfang und Mitte 20 auseinander und sie gehen weitgehend getrennter Wege. Malak verlässt ihren britischen Freund und geht nach Ägypten, um Arabisch zu lernen, aber vor allem auch um sich über ihren weiteren Lebensweg klar zu werden und lernt dort Ali kennen, der sie anbetet und mit dem sie ihre Vorstellungen eines perfekten traditionellen muslimischen Lebens umsetzen kann. Doch blind vor Liebe und Dankbarkeit für diesen Mann beginnt Malak sich selbst zu verlieren.
Kees entscheidet sich nach der Hochzeit ihrer jüngeren Schwester dafür, Harrys Heiratsantrag anzunehmen und bricht damit mit ihrer Familie. Auch wenn sie mit Unverständnis ihrer Eltern gerechnet hat, ist der Schmerz des Alleingelassenwerdens überwältigend, den sie zudem nicht einmal mit ihren Freundinnen teilen kann.
Jenna krempelt ihr Leben nach einem einschneidenden Erlebnis um, ändert ihren Lebensstil und bindet sich an Mo, zu dem sie bisher nur ein lockeres Verhältnis pflegte. Bald schon nimmt er ihr Leben komplett ein und sie tut alles, um ihm zu gefallen.

Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven der drei Frauen geschildert, die schon bald kaum noch in Kontakt miteinander stehen. Nach dem Streit waren sie sich fremdgeworden und keine war in der Lage, den ersten Schritt zu einer Versöhnung zu machen. So machen sie ihre nächsten Erfahrungen im Umgang mit Partnern und Familie allein und fühlen sich jede auf ihre Weise einsam.

Der Roman ist empathisch geschrieben, so dass man sich leicht in die Hauptfiguren hineinzuversetzen und ihre verwirrenden Gefühle nachempfinden kann. Dabei ist weniger die Fremdheit von Muslimen in einem westlichen, christlich geprägten Land das Thema sondern das Verhältnis zur eigenen Familie und zu Liebespartnern, zu Glaube und Tradition und dem Wunsch nach Freiheit und Glück.
Alles scheint in einem großen Gegensatz zu stehen, das eine mit dem anderen nicht möglich, so dass die Handlung von zahlreichen Konflikten, Wut, Angst, Enttäuschung und Schmerz geprägt ist. Es ist erstaunlich, wie viel Einfluss die Erwartungen anderer auf das eigene Leben haben können und unter welchen enormen Druck die Frauen stehen. Sie sind gezwungen sich zwischen zwei Welten zu entscheiden, die sie eigentlich miteinander vereinbaren wollen. Durch eine unfassbare Borniertheit, Intoleranz und sturem Festhalten an alten Traditionen erscheint dies selbst im 21. Jahrhundert ein Ding der Unmöglichkeit.
So hofft man, dass Kees, Malak und Jenna in ihren schlimmsten Zeiten des Leids und der Einsamkeit wieder zu einander finden werden und sich gegenseitig Halt geben können.

Die Geschichte zeigt eindrücklich und auf dramatische Weise wie drei beste Freundinnen durch das Leben und die Liebe navigieren, während sie dennoch an ihrem muslimischen Glauben und ihren Familienwerten festhalten. Dabei ist spannend zu erfahren, welchen Hindernissen Kees, Malak und Jenna begegnen und ob sie eine Möglichkeit finden, diese zu umgehen. Neben den Widerständen, die sich aus der Tatsache ergeben, dass Kees, Malak und Jenna Musliminnen sind, die in streng religiösen Familien aufgewachsen sind und ihren Glauben aktiv praktizieren, werden sie zusätzlich mit Problemen konfrontiert, die universal sind. Es geht um Freundschaft und Toleranz, um Liebe, Abhängigkeit und toxische Beziehungen, um den Wunsch nach Freiheit und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.
Es ist eine lebendige und emotionale Geschichte, bei der Freud und Leid eng beieinander liegen.

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Veröffentlicht am 11.05.2023

Familiengeschichte mit komplexen Figuren und einer spannenden Suche nach der Wahrheit - sehr atmosphärisch durch einnehmende Naturbeschreibungen in der schwülwarmen Hitze Floridas..

Tochter des Marschlands
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Loni Mae Murrow lebt in Washington, D.C., wo sie für das Smithonian Institute als Naturkünstlerin arbeitet. Als ihr Bruder Phil sie bittet, sie bei der Pflege ihrer dement werdenden Mutter zu unterstützen, ...

Loni Mae Murrow lebt in Washington, D.C., wo sie für das Smithonian Institute als Naturkünstlerin arbeitet. Als ihr Bruder Phil sie bittet, sie bei der Pflege ihrer dement werdenden Mutter zu unterstützen, die sich das Handgelenk gebrochen hat, bricht Loni widerwillig nach Florida in die Kleinstadt ihrer Heimat im Marschland auf. Bei ihrer Ankunft findet sie einen kurzen Brief einer Henrietta an ihre Mutter Ruth, die ihr etwas über den Tod ihres Ehemannes Boyd offenbaren möchte. Dieser ist unter ungeklärten Umständen in den Sümpfen ums Leben gekommen. Der Tod wurde als Unfall deklariert, um die Versorgung der Familie zu garantieren, hinter vorgehaltener Hand wird von einem Selbstmord gesprochen, was Loni ihrem Vater nie hatte verzeihen können.
Während Loni ihre Mutter regelmäßig im Pflegeheim besucht und nach wie vor unter deren Gefühlskälte leidet, flieht sie immer wieder in die Sümpfe, leiht sich ein Kanu und zeichnet die einheimischen Vögel. Dabei wird sie in die Vergangenheit versetzt, erinnert sich an Ausflüge mit ihrem Vater, der sie liebevoll die "Marschkönigin" nannte und möchte herausfinden, was es mit seinem Tod auf sich hatte. Ihre Suche nach der Wahrheit wird allerdings offensichtlich sabotiert. Subtile Drohungen und ernsthafte Übergriffe zeigen ihr, dass sie auf der richtigen Spur ist, sie sich mit ihrer Suche allerdings selbst in Gefahr bringt.

"Tochter des Marschlands" erzählt die schwierige Familiengeschichte aus der Ich-Perspektive von Loni, die nur allzu gerne ihre Heimat verlassen hatte und den Kontakt nach Hause zu ihrer Mutter und ihrem verheirateten jüngeren Bruder auf das Mindeste reduziert. Von ihrer verbitterten Mutter, die inzwischen geistig verwirrt ist und in einem Pflegeheim lebt, fühlte sie sich Zeit ihres Lebens ungeliebt. Ihr Vater, zu dem sie ein enges Verhältnis hatte und mit dem sie die Liebe zur Natur teilte, starb in den Sümpfen als Loni zwölf Jahre alt war.

Nach einem anfänglich etwas behäbigen Beginn wird die Geschichte nicht nur aufgrund der ungeklärten Todesumstände von Boyd Murrow sondern auch aufgrund Lonis Entwicklung spannender und dichter. Loni ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, der sich lieber verschließt, in die Natur oder zum Zeichnen zurückzieht, statt sich mit Menschen abzugeben und Gefühle zuzulassen. In ihrer Heimat gilt sie als Yankee und tritt selbst alles andere als vorurteilsfrei auf. Durch den Aufenthalt, den sie aufgrund ihrer zähen Nachforschungen immer wieder verlängern muss, wird sie selbst offener und lässt sich eines Besseren belehren. Konflikte mit ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin bleiben dabei nicht aus, aber die Meinung in Bezug auf ihre provinziell abgetane Schwägerin ändert sich und auch in dem Kanuverleiher entdeckt sie weit mehr als gedacht.

Neben der Familiengeschichte wird man von der Beschreibung der Natur eingenommen, spürt das feuchtwarme, schwüle Klima und hat das Marschland und die Sümpfe mit der Flora und Fauna bildhaft vor Augen. Lebendig begleitet man Loni auf ihren Kanufahren bei der Beobachtung der Vögel sowie bei ihrer Suche nach der Wahrheit in der Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, Loni auf alte Bekannte trifft und in der Geheimnisse verborgen liegen. 25 Jahre nach Boyds Tod ist die Suche nach der Wahrheit schwierig, insbesondere da es nach wie vor Personen gibt, die kein Interesse daran haben, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

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Veröffentlicht am 04.05.2023

Bittersüße Familiengeschichte mit einer liebenswert unperfekten Hauptfigur - mehr tragisch statt "wunderbar wahnsinnig"

Die unglaubliche Grace Adams
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Grace Adams ist 45 Jahre alt und arbeitet nach einer begonnenen Fernsehkarriere seit der Geburt ihrer Tochter als Übersetzerin und Französischlehrerin. Ihr Ehemann Ben hat sie vor einigen Monaten verlassen ...

Grace Adams ist 45 Jahre alt und arbeitet nach einer begonnenen Fernsehkarriere seit der Geburt ihrer Tochter als Übersetzerin und Französischlehrerin. Ihr Ehemann Ben hat sie vor einigen Monaten verlassen und die Scheidung eingereicht. Ihre 15-jährige Tochter, die sich zunehmend von ihr entfernte und als Teenagerin gegen sie und die Schule rebelliert, ist kürzlich zu ihrem Vater gezogen. Nicht einmal zu ihrem 16. Geburtstag möchte Lotte ihre Mutter sehen, doch diese ist entschlossen dennoch zu erscheinen und sie mit einer überdimensionalen Torte zu überraschen.

Der Roman handelt an nur einem Tag in London, als Grace zu ihrer Tochter und dem von ihr getrennt lebenden Ehemann unterwegs ist. Grace ist nervös, verzweifelt und wütend - auf sich selbst und alles, was sich ihr an diesem Tag in den Weg stellt. Erst steht sie im Stau, dann macht sie sich zu Fuß auf den Weg und die überteuerte handgefertigte Torte ist eine Enttäuschung.
Erst durch Einblicke in die Vergangenheit erfährt man allmählich, was in Grace vor sich geht und was zur Trennung von Ehemann und Tochter geführt hat. Beginnend mit dem Kennenlernen von Ben, Graces preisverdächtigen Talents als Multilinguistin, der Geburt der Tochter und den ersten Jahren als Mutter, wird vier Monate vor Lottes 16. Geburtstag deutlich, wie der Konflikt in der Familie eskalierte.

"Auch Affen fallen mal von Bäumen."

Grace ist eine toughe, talentierte Frau, die ihre Karriere für ihre Mutterrolle aufgegeben hat, was sie zwischenzeitlich bitter bereute. Nun ist sie 45 Jahre alt, macht sich Gedanken um ihre Gesundheit und hat mit den ersten Anzeichen der Menopause zu kämpfen. Ihre rebellierende und sich immer weiter zurückziehende Tochter überfordert sie, ihre Jobs wurden ihr gekündigt. Grace ist an einem absoluten Tiefpunkt angekommen, hat nichts mehr zu verlieren und macht sich auf einen unerwartet beschwerlichen Weg zu Tochter und Ehemann auf. Sie reflektiert ihr Leben und begreift, was sie falsch gemacht hat.

Grace ist eine facettenreiche, authentische Figur, die schon einiges in ihrem Leben durchgemacht hat und die man trotz oder gerade wegen ihrer kleinen Macken und Fehler ins Herz schließt und ihre unkontrollierten Emotionen sehr gut nachempfinden kann. Durch die beiden Erzählstränge in der Vergangenheit, durch die sich Details offenbaren, die Graces Leben nachhaltig erschütterten sowie die Frage, ob sie sich mit ihrer Familie versöhnen kann, ist die Geschichte spannend aufgebaut.

"Die unglaubliche Grace Adams" wird als "wunderbar wahnsinnig" angekündigt und so hatte ich mir eine turbulente und amüsante Geschichte mit einer ganz besonderen, liebenswert verrückten Protagonistin erwartet. Der Roman ist allerdings mehr tragikomisch und hat trotz manch unterhaltsamer Aggressionsschübe von Grace vor allem ernste Inhalte wie Ängste und die Folgen des Älterwerdens, die Rolle als Frau zwischen Kind, Ehemann und Beruf, die Entfremdung in der Familie, Tod, Trauer und sexuellen Missbrauchs zum Thema.

Obgleich ich mir etwas unbeschwertere, positiv verrückte Lesestunden erhofft hatte, hat mich die bittersüße Familiengeschichte um die kämpferische Grace, die aus unterschiedlichen Gründen mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter hadert, gut unterhalten und wirkte trotz Graces abenteuerlicher Tour durch London authentisch aus dem Leben gegriffen.

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