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Venatrix

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Veröffentlicht am 06.06.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Bretonisch mit Sturm
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In ihrem vierten Abenteuer verschlägt es Tereza Berger, die Buchhändlerin aus der Villa Wunderblau, vom bretonischen Festland auf die kleine Insel Ouessant. Sie soll Kommissar Gabriel Mahon zu einer Hochzeit ...

In ihrem vierten Abenteuer verschlägt es Tereza Berger, die Buchhändlerin aus der Villa Wunderblau, vom bretonischen Festland auf die kleine Insel Ouessant. Sie soll Kommissar Gabriel Mahon zu einer Hochzeit begleiten.

Voll Erwartung auf ein entspanntes Wochenende mit dem wortkargen Schotten begibt sie sich zur Fähre. Nur, Gabriel taucht nicht auf, dafür erhält sie eine Novelle zum Lesen und die raue See macht ihr zu schaffen.

Endlich auf der Insel, stehen Tereza leider keine romantischen Tage bevor, denn ein Sturm an eigenartigen Ereignissen zieht auf. Da sind zuerst einmal die Befürworter und Gegner eines Windparks, die sich in die Haare kriegen, dann ein Bräutigam (Gabriels Verwandter!), dem der Rummel um die Hochzeit, den sich seine Zukünftige ausgedacht hat, viel zu viel ist und tote Vögel, die Tereza, als Kennerin der keltischen Mythologie, gleich in Zusammenhang mit den Toten sieht, sowie ein ordentlicher Sturm, der sich, „wenn Katzen fliegen“ zu einem Orkan auswächst.

Und dann fliegen sie, die Katzen. Die Insel ist von der Umwelt abgeschnitten und nicht nur die Hochzeitsgäste müssen auf besseres Wetter warten.

Meine Meinung:

Dieser vierte Fall für Tereza Berger ist weniger ein Krimi als ein wild-romantisches Abenteuer, das zeigt, dass jedes noch so unscheinbare Ereignis in ein böses oder gutes Vorzeichen umgedeutet werden kann, wenn es in einen bestimmten Kontext passt. Hier haben wir es mit einer kleinen Insel zu tun, deren Bewohner sich die Zeit, in der sie aufgrund des häufigen stürmischen Wetters von der Umwelt abgeschnitten sind, mit Sagen und Seemannsgarn vertreiben. Touristen mag man auf der Insel, die ein Naturschutzgebiet ist, nicht ganz so gerne, allerdings bringen sie Einnahmen.

Neben dem Handlungsstrang um Tereza und Gabriel, der diesmal nicht großartig in Erscheinung tritt, spielt die Novelle, die sie von Gabriel ziemlich kommentarlos zum Lesen erhalten hat, eine große Rolle. Das stellt sich allerdings erst nach einiger Zeit heraus. Zuvor sind Tereza und die Leser mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Das gefällt mir an dieser Krimi-Reihe von Gabriela Kasperski, dass wir es hier nicht unbedingt mit einem „Whodunit“-Krimi zu tun haben, sondern, dass sich das Offensichtliche geschickt verbirgt. Hier hat sie sich nach eigenen Angaben an eine „huis clos“-Variante (also „geschlossene Gesellschaft“) herangewagt. Ein gelungenes Wagnis, wie ich meine! Die Bezeichnung „huis clos“ lässt sich hier auf zwei Arten interpretieren: Einerseits wegen der Bewohner von Ouessant, die schon durch ihre Eigenarten, eine verschworene Gesellschaft sind und andererseits durch die wetterbedingte Isolation der Insel.

Der Schreibstil ist wie immer flüssig und gut zu lesen. Ich finde es gut gelungen, Tereza außerhalb ihres üblichen Kontexts agieren zu sehen. Der Ausflug in die Geschichte rund um einen Schiffsuntergang, der Auswirkungen bis in die Gegenwart hat, macht dieses Buch sehr interessant.

Schmunzeln musste ich über Terezas „Boule-Rouge“, die wie eine Wundertüte, das gerade benötigte Werkzeug hervorbringt. Die Tasche muss ja gefühlt 50kg haben. Ich kenne das gut, denn meine Tasche enthält auch alles Notwendige: Vom Pflaster über Nähzeug bis zum Multitool - frau kann ja nie wissen ....

Und ja, Gabriel Mahon darf sich ein wenig weiterentwickeln. Er ist zwar nach wie vor wortkarg und eigenbrötlerisch, aber immerhin ist eine Umarmung für Tereza drinnen. Mal sehen, was Frau Autorin mit ihm weiter vor hat. Wenn ich Gabriel mit einem Wort beschreiben müsste, wäre AUSTER wohl das richtige. Ziemliche raue Schale, fest verschlossen und ein weiches Inneres.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Ausflug auf die sturmgebeutelte Insel Ouessant 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 03.06.2023

Ein etwas anderer Blick auf den "Kutscher Europas"

der kleine metternich
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Am 15. Mai 2023 jährt sich der Geburtstag des früheren Staatskanzlers Clemens Wenzeslaus Nepomuk Lothar Graf von Metternich-Winneburg und Beilstein zum 250. Mal. Anlass genug, um den Menschen Metternich ...

Am 15. Mai 2023 jährt sich der Geburtstag des früheren Staatskanzlers Clemens Wenzeslaus Nepomuk Lothar Graf von Metternich-Winneburg und Beilstein zum 250. Mal. Anlass genug, um den Menschen Metternich ein wenig zu beleuchten. Die meisten von uns kenne ihn nur als Frauenheld, als Strippenzieher während des Wiener Kongresses und Unterdrücker der Pressefreiheit. Aber, war da nicht noch mehr?

Journalist Stefan Müller findet nach ausführlichem Quellenstudium auch die eine oder andere bislang unbekannte Seite, des auch als „Kutscher Europas“ bezeichneten Staatsmannes.

Diese Biografie enthüllt einen etwas anderen Metternich: einen interessierten, kultivierten Menschen, der gerne musizierte, Satire mochte und als Intellektueller, der mit den Geistesgrößen seiner Zeit wie Goethe oder Alexander von Humboldt korrespondiert hat. Mancher wird vielleicht fragen, wann hat er neben seinen Intrigen, Liebschaften und Politik noch Zeit für Schnurren und Pointen gefunden hat? Naja, dazwischen vielleicht? Mit irgendwas müssen ja die langweiligen Löcher zwischen zwei Intrigen oder Liebschaften gefüllt worden sein.

Wenn stimmt, was Müller schreibt – dass nämlich Metternich sehr viel für Schnurren und Pointen übrig hatte – darf man getrost annehmen: Er hätte Vergnügen an dieser Biografie gefunden. Denn Metternich war - wie Müller herausgefunden hat „war ein warmherziger, großzügiger Menschenfreund“, auch wenn ihm das keiner abzunehmen scheint.

Fazit:

Ich habe mich über diese kleine Biografie sehr amüsiert und werden demnächst wieder zu einer der zahlreichen Metternich-Biografen greifen.

Veröffentlicht am 03.06.2023

Regt zum Nachdenken an

Afrika und die Entstehung der modernen Welt
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Wie im folgenden Klappentext beschrieben, eröffnet Autor Howard W. French seinen Lesern eine vermutlich bislang unbekannte Sicht auf Afrika und seine Bewohner:

In dieser fesselnden Darstellung erkundet ...

Wie im folgenden Klappentext beschrieben, eröffnet Autor Howard W. French seinen Lesern eine vermutlich bislang unbekannte Sicht auf Afrika und seine Bewohner:

In dieser fesselnden Darstellung erkundet Howard W. French die zentrale, aber absichtlich vernachlässigte Rolle Afrikas und der Afrikaner bei der Entstehung von Wirtschaftssystemen und politischem Denken unserer modernen Welt. Souverän und aufrüttelnd zeigt der Autor, wie die tragische Beziehung zwischen Afrika und Europa, die im 15. Jahrhundert begann, unsere Moderne hervorbrachte. (Klappentext)

Nach einer etwas längeren Einleitung erläutert French seine Aspekte in fünf Kapiteln:

Die Entdeckung Afrikas
Der Dreh- und Angelpunkt
Der Wettlauf der Afrikaner
Der Lohn des Pythongottes
Der schwarze Atlantik und eine neugestaltete Welt

Nicht immer ist das Buch leicht zu lesen. Manches muss zwei Mal gelesen werden, was vielleicht auch an der Übersetzung liegen mag.

Einige Abbildungen, Zitate sowie ein ausführliches Nachwort mit Anhang ergänzen dieses interessante Buch, das zum Verstehen diverser Konflikte auf und um den afrikanischen Kontinent beitragen kann. Gerne gebe ich diesem Buch 5 Sterne.

Veröffentlicht am 03.06.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Bleiche Erben
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Chefinspektor Martin Ruprecht kommt auf dem Heimweg an einer Unfallstelle vorbei, an der ein roter Mustang von der Straße abgekommen ist. Man rettet den schwer verletzten Fahrer aus dem Wrack und die örtliche ...

Chefinspektor Martin Ruprecht kommt auf dem Heimweg an einer Unfallstelle vorbei, an der ein roter Mustang von der Straße abgekommen ist. Man rettet den schwer verletzten Fahrer aus dem Wrack und die örtliche Polizei will den Unfall zu den Akten legen, denn der Fahrer ist als Raser bekannt.

Ruprechts Bauchgefühl meldet sich, als er den Namen des Verunglückten erfährt. Bei einem Millionenerben und Teilhaber einer kleinen, aber feinen Pharma-Firma möchte man doch genauer hinschauen. Und tatsächlich! Der Unfall ist nicht ausschließlich auf deutlich überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen. Da hat jemand nachgeholfen.

Wer da seine Finger im Spiel hat, lest bitte selbst.

Meine Meinung:

Mir hat dieser zweite Fall für Chefinspektor Martin Ruprecht sehr gut gefallen. Der Polizist ist bodenständig, schätzt gutes Essen, liebt seine Freundin Konstanze sowie Hündin Ella und fährt einen betagten Volvo Amazon, den er liebevoll Amazone nennt. Auch die anderen Charaktere fallen durch eine ungewöhnliche „Normalität“ auf. Keine Junkies, keine Psychopathen - alles ganz normale Leute. Das hebt die Krimis von Ernst Kaufmann wohltuend von anderen Reihen ab.

Wir Leser wissen natürlich von Beginn an, dass das kein gewöhnlicher Unfall war, dennoch finde ich den Krimi spannend. Hier geht es um Intrigen, Gier nach Macht und Profit sowie um gefühlte Benachteiligung beim Verteilen eines Erbes.
Auch Themen wie Bestechung, Korruption, Lobbying, Amtsmissbrauch sowie skrupelloses Durchsetzen von Konzerninteressen sind Teil dieses Krimis, frei nach dem Motto: Die Großen fressen die Kleinen, ob es ihnen gefällt oder auch nicht.

Die Stadt Salzburg und ihre Umgebung darf auch eine kleine Rolle spielen. Das gefällt mir auch sehr gut und ergibt mit den gut authentischen Charakteren sowie einer stringenten Handlung einen gelungenen Krimi. Allzu lange werden wir auf den dritten Fall für Martin Ruprecht nicht warten müssen.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser gelungenen Fortsetzung 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 31.05.2023

Regt zum Nachdenken an

China, mein Vater und ich
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Anhand dieser Biografie seines Vaters Wenpo Lee erzählt Felix Lee ein fesselndes Stück deutsch-chinesischer Wirtschaftsgeschichte.

Während Felix in Wolfsburg, der VW-Metropole geboren ist, und recht ...

Anhand dieser Biografie seines Vaters Wenpo Lee erzählt Felix Lee ein fesselndes Stück deutsch-chinesischer Wirtschaftsgeschichte.

Während Felix in Wolfsburg, der VW-Metropole geboren ist, und recht wenig über die ehemalige Heimat seines Vaters weiß, musste dieser China verlassen. Als Kind ist Wenpo aus China geflüchtet, hat sein Leben als Straßenkind gefristet, wurde von einem Lehrerehepaar aufgenommen und Jahre später geht er nach Deutschland, um zu studieren. Er glaubt, mit dem China seiner Vergangenheit abgeschlossen zu haben, bis im April 1978 eine chinesische Delegation das VW-Werk besucht, und man sich des Chinesen erinnert, der Leiter der Forschungsabteilung ist.

Von da an müssen sich Wenpo Lee und seine Familie zwangsläufig mit China beschäftigen. Denn die Chinesen planen in der Zukunft Autos zu bauen und brauchen das Knowhow des Konzerns.

Mit einem lachenden und einem weinenden Augen erzählt Felix Lee, wie die Familie wieder nach China zurückkehrt und feststellen muss, dass die Welt des Vaters nicht mehr existiert, sondern einer anderen, unter Umständen nicht minder gefährlichen gewichen ist. Er selbst, Felix, kann China wenig abgewinnen. Sozialisiert zwischen süßsaurem Schweinefleisch und Knuspriger Ente, ist das moderne China so gar nichts für ihn.

Wenpo hat jedenfalls großen Anteil daran, dass China den Aufstieg zu einer Wirtschaftsmacht geschafft hat.

Der flüssige Erzählstil lässt die Seiten nur so dahinfliegen.

Fazit:

Felix Lee zeigt anhand der Biografie, wie sich China in den letzten Jahrzehnten verändert hat, verschweigt allerdings auch die Schattenseiten der Großmacht nicht, sodass die Leser einen interessanten Einblick in das moderne China erhalten. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.