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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.07.2023

Als Fan ihrer Hildegard-Palm-Reihe wollte ich mich natürlich auch mal mit Ulla Hahns Lyrik befassen

Bildlich gesprochen
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Ulla Hahns Lyriksammlung „Bildlich gesprochen“ beinhaltet Gedichte aus verschiedenen Stadien ihrer Schaffenszeit. Der Titel ist sehr passend, ihre Stücke haben häufig etwas Blumiges, Naturmotive, um Themen ...

Ulla Hahns Lyriksammlung „Bildlich gesprochen“ beinhaltet Gedichte aus verschiedenen Stadien ihrer Schaffenszeit. Der Titel ist sehr passend, ihre Stücke haben häufig etwas Blumiges, Naturmotive, um Themen wie Liebe, Vergänglichkeit oder Enttäuschung zu beschreiben. Die in diesem Buch versammelten Gedichte kommen allesamt ohne Reimschema daher.
Nicht ganz so warmgeworden bin ich mit der Art, Satzgebilde auf zwei Zeilen zu verteilen (ich habe keine Idee davon, wie der Lyrik-Fachterminus dafür ist). Dieses Stocken gibt mir beim Lesen das Gefühl eines inneren Schluckaufs.
Am besten gefallen mir die Gedichte aus dem titelgebenden Teil, in der einer einer Auswahl von Hahns bisher in den 80er Jahren entstandenen Sammlungen jeweils ein Gedicht als Antwort zu vorangegangenen Stück hintenangestellt wird. Das ist ein interessantes Konzept und hat ein wenig was von einem Fazit.
Insgesamt denke ich, werde ich weiterhin eher ein Fan von Ulla Hahns Prosa bleiben als von ihrer Lyrik werden.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Trans*sein und Familie

Detransition, Baby
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Reese hat sämtliche Beziehungsmodelle durch, die man sich nur vorstellen kann. Erst als sie Amy kennenlernt, kann sie zur Ruhe kommen. Sie leben als glückliches Paar, was den beiden trans Frauen jedoch ...

Reese hat sämtliche Beziehungsmodelle durch, die man sich nur vorstellen kann. Erst als sie Amy kennenlernt, kann sie zur Ruhe kommen. Sie leben als glückliches Paar, was den beiden trans Frauen jedoch fehlt, ist die Möglichkeit eine Familie zu sein. Doch Amy entscheidet sich dazu, wieder als Mann zu leben, die Liebe zerbricht daran.
Einige Jahre später, Amy lebt mittlerweile unter dem Namen, schwängert er seine Chefin Katrina. Doch die Aussicht ein Elternteil zu sein, so schön sie früher war, löst in Ames nun eine bange Unsicherheit aus. Reese, die für Amy zugleich Mutter und Partnerin war, kommt Ames in den Sinn und damit eine radikale Idee - das Baby als Dreiergespann großzuziehen. Doch besteht dazu eine Chance? Wird Reese überhaupt noch mit Ames reden? Würde Katrina als Kindsmutter diesen Gedanken nicht anmaßend finden? Ames muss zumindest versuchen, seine Idee an die beiden Frauen heranzutragen.

Torrey Peters wagt in ihrem Debütroman ein progressives Gedankenexperiment, mit dem sie die gängige Familienkonstellation ablöst. Das Dasein der trans Frauen, was diese umtreibt, ihre Beweggründe, ihre Sehnsüchte, das alles schildert die Autorin in einer Art, in der ich nie über das Thema nachgedacht hätte. Ich habe mir Fragen gestellt, wie wäre es nicht toll, als Kind das Beste aus beiden Welten zu bekommen? Eine Mutter, die die Antriebe und Ängste der Männer aus erster Hand kennt? Wenn es eine fiktive Maßeinheit gäbe, um wie vieles weiblicher will eine trans Frau sein, um die Rudimente ihres früheren Lebens zu überwinden, und wann ist sie für die Gesellschaft weiblich genug? Ich entschuldige mich, wenn diese Fragen unangemessen sind, was ich eigentlich ausdrücken möchte, ist dass dieses Buch über die eigentliche Geschichte hinaus etwas in mir bewegt hat.

Veröffentlicht am 07.06.2023

Dystopie im Ruhrgebiet

Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer
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In möglicherweise einer nicht allzu fernen Zukunft an der Küste Duisburgs leben Mara und ihr jüngerer Bruder Ben. Eine Flutkatastrophe biblischen Ausmaßes hat weite Landesteile überspült. Die Menschen ...

In möglicherweise einer nicht allzu fernen Zukunft an der Küste Duisburgs leben Mara und ihr jüngerer Bruder Ben. Eine Flutkatastrophe biblischen Ausmaßes hat weite Landesteile überspült. Die Menschen sind größtenteils heimatlos, jede:r schlägt sich irgendwie durch. Die größte Sorgen gelten der Nahrungsbeschaffung und einem trockenen Schlafplatz. Um jeden Preis trocken bleiben oder vor Einbruch der Nacht trocken werden, lockt Feuer doch andere Menschen und damit Gefahr an.

Mara und Ben sehen keine Zukunft mehr am kargen Duisburger Hafen. Wie so viele machen sie sich auf den Weg nach Osten. Erzählungen über freundliche Gestalten, die Menschen in ihrer Verzweiflung helfen, denen Nächstenliebe noch ein Begriff ist, treiben die Kinder an. Ben ist bereit, an diese Hilfsbereitschaft zu glauben, die in Form eines Mannes namens Noah existieren soll. Maras tiefe Skepsis lässt sie vorsichtig sein gegenüber allen Fremden. Denn irgendwann gilt es, sich zu entscheiden - wem kann man trauen und wem nicht?
Ein Buchhändlerkollege hat mir dieses Buch empfohlen, als ich ihm sagte, dass mir Cormac McCarthys "Die Straße" ungemein gefallen hat. Atmosphärisch nicht ganz zu vergleichen mit dem genannten Titel, liegt der Charme von Sascha Pranschkes "Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer" eher im Regionalkolorit der Reise durch ein Ruhrgebiet, das keiner von uns wiedererkennt. Ein unterhaltsames und empfehlenswertes Buch!

Veröffentlicht am 29.03.2023

Nur was für Schleckermäuler!

Kekse?! Die krümeligste Ausrede der Welt
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Samstag. Papa schleicht in die Küche und will sich Kekse holen. Die Keksdose ist aber alle! Er fragt den Sohn, ob er die Kekse aufgegessen hat, aber der meint, er war es nicht, weil er an das Regal gar ...

Samstag. Papa schleicht in die Küche und will sich Kekse holen. Die Keksdose ist aber alle! Er fragt den Sohn, ob er die Kekse aufgegessen hat, aber der meint, er war es nicht, weil er an das Regal gar nicht drankommt. Mama wars bestimmt, also ab zu Mama! Die hat sie aber auch nicht gegessen, war bestimmt die Oma, also zack, zu Oma! Die Oma kann das mit ihren schlechten Zähnen aber gar nicht kauen, sagt sie. Vielleicht die Schwester? Alle laufen zur Schwester, aber die behauptet, sie war es nicht, weil sie nur Schokolade isst. Es könnte der Opa gewesen sein, also alle ab zu Opa! Nee, der darf doch keinen Zucker, aber vielleicht hat der Hund die Kekse gegessen? Alle laufen zum Hund. Der mag doch nur Hundefutter und zeigt auf die Katze. Allemann (und -hund) tapern zur Katze. Die Katze bedeutet aber, dass sie viel sie nur Fisch mag und zeigt auf den Papagei. Alle rennen zum Papagei, aber der schüttelt nur sein Gefieder. Nun fragen sich alle, wer denn die Kekse gegessen hat? Alle schauen sich gegenseitig an.

Veröffentlicht am 29.03.2023

Über die Internierung japanischstämmiger Amerikaner

Als der Kaiser ein Gott war
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„Als der Kaiser ein Gott war“ ist die Geschichte einer japanischen Mutter mit ihren zwei Kindern, 1941 in ein Internierungslager in die amerikanische Wüste umgesiedelt werden. Mit Kriegseintritt der USA ...

„Als der Kaiser ein Gott war“ ist die Geschichte einer japanischen Mutter mit ihren zwei Kindern, 1941 in ein Internierungslager in die amerikanische Wüste umgesiedelt werden. Mit Kriegseintritt der USA und dem Angriff auf Pearl Harbor werden Japaner in Amerika als Sicherheitsrisiko eingestruft. Den Vater hat man schon abgeholt, in Bademantel und Pantoffeln, wie die Kinder sich im Laufe der Jahre immer wieder traurig erinnern werden.

Nach der behördlichen Anordnung bereitet sich die Mutter auf den Zwangsumzug vor, vergräbt das Tafelsilber im Garten und entledigt sich der Haustiere, bis es auf die anstrengende, mehrere Tage dauernde Fahrt in das weit entfernte Lager geht. Jahre, in denen die Familie in der amerikanischen Wüste Hitze in Sandstürmen und bitterkalte Winter durchlebt. Die Mutter fällt immer mehr in einen Zustand der Lethargie.
Der Tag kommt, an dem die Familie mit 25$ in die Freiheit entlassen wird. 25$, derselbe Betrag, den man Verurteilten nach Absitzen ihrer Haftstrafe zur Entlassung mit in die Welt gibt. Die Familie kommt zurück in ihr altes Haus, das von Wegelagerern und sondergleichen beschmutzt und heruntergekommen ist. Irgendwie versuchen sie sich wieder einzufinden in einen Alltag, der keiner ist, die Mutter wegen ihrer japanischen Abstammung keine Arbeit findet und sie auf der Straße geächtet werden. Und immer warten sie auf die Rückkehr des Vaters, der all die Jahre Briefe geschrieben und zurückbekommen hat.

Schnörkellos und fast teilnahmslos ist die Erzählweise Julie Otsukas über den zusammengefassten Zeitraum mehrerer Jahre ein dunkles Kapitel über rassistische Vorurteile, im Krieg begründete Hysterie und ein Versagen der Regierung der amerikanischen Geschichte nach. Nach „Wovon wir träumten“ ist dies mein zweites Buch von Julie Otsuka, und ich resümiere, dass ich mich mit ihrem nüchternen Stil nicht so ganz warm werde. Es war aber vor allem lehrreich, über dieses mir unbekannte Kapitel der US-Geschichte zu lesen.