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Veröffentlicht am 13.08.2023

Es ist zum Fürchten

Blue Skies
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Im Mittelpunkt von T.C. Boyles neuem Roman Blue Skies steht eine ganz normale, der oberen Mittelschicht angehörende Familie. Frank ist Arzt und lebt mit seiner Frau Ottilie in Kalifornien. Sie haben eine ...

Im Mittelpunkt von T.C. Boyles neuem Roman Blue Skies steht eine ganz normale, der oberen Mittelschicht angehörende Familie. Frank ist Arzt und lebt mit seiner Frau Ottilie in Kalifornien. Sie haben eine Tochter - Cat – und einen Sohn – Cooper. Die Tochter heiratet einen jungen Mann namens Todd und zieht in das Elternhaus ihres Mannes an der Ostküste Floridas. Sie will eine erfolgreiche Influencerin werden und kauft sich eines Tages eine kleine Schlange. Sie verspricht sich einen Riesenerfolg, wenn sie Bilder mit der wie ein Accessoire um die Schultern gelegten silbernen Schlange ins Netz stellt. Ihre Familie hat wenig Verständnis für diese Marotte. Ihr Bruder Cooper ist Entomologe und hat sich schon als kleiner Junge für Käfer und Insekten interessiert. Er engagiert sich stark für Maßnahmen zur Rettung des Planeten und überredet seine Mutter zu einer radikalen Umstellung der Ernährung. Die Mutter beginnt, Grillen zu züchten und serviert sie in unterschiedlicher Form auch ihren Gästen. Dann ereignen sich die ersten Katastrophen. Cooper wird von einer Zecke gebissen und gerät in Lebensgefahr. Cat ist mitschuldig an einer Katastrophe in ihrer jungen Familie mit den kürzlich geborenen Zwillingsmädchen Sierra und Tahoe. Die privaten Krisen finden ihre Entsprechung in den globalen, die Boyle thematisiert: Während in Kalifornien eine extreme Dürre herrscht und immer wieder Brände ganze Landstriche zerstören, regnet es in Florida fast ununterbrochen. Überschwemmungen zerstören Ortschaften, und die Menschen stehen vor dem Nichts. Cats und Todds Haus ist durch Feuchtigkeit und Termiten stark beschädigt, und Cat muss viele Wege mit dem Boot erledigen. Dann setzt ein Massensterben nicht nur von Bienen, sondern von allen Arten von Insekten ein. Für Cooper bleibt bald nichts mehr zu erforschen.
T.C. Boyle zeichnet ein realistisches und kenntnisreiches Bild einer Apokalypse, die in ihren Anfängen schon sichtbar ist: die Gletscherschmelze und die Erwärmung der Meere, Überflutung von tief gelegenen Inseln und Küsten überall auf der Welt, das Artensterben, Pandemien… Am Ende ist nichts mehr normal. Die gewohnte Lebensweise der Menschen mit sorglosen Partys und gedankenlosem Umgang mit den Ressourcen ist überholt. Blue Skies ist ein Roman, der den Leser ängstigt und deprimiert. Dennoch ein gutes, empfehlenswertes Buch, weil es zum Nachdenken anregt.

Veröffentlicht am 23.07.2023

Ein Loblied auf Solitude

Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
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Die namenlose Protagonistin steht vor großen Veränderungen in ihrem Leben. Nach ihrer Scheidung war die Journalistin und Schriftstellerin alleinerziehende Mutter der Zwillinge Mila und Max, die nach ihrem ...


Die namenlose Protagonistin steht vor großen Veränderungen in ihrem Leben. Nach ihrer Scheidung war die Journalistin und Schriftstellerin alleinerziehende Mutter der Zwillinge Mila und Max, die nach ihrem Schulabschluss ausziehen und ihr eigenes Leben haben werden. Dies ist der Moment Bilanz zu ziehen, im eigenen Leben im wörtlichen und übertragenen Sinn aufzuräumen. Die Mutter kann in der großen Wohnung aus finanziellen Gründen nicht bleiben und sucht deshalb eine bezahlbare kleine Wohnung in einem Viertel in Wien. Sie besitzt eine Werkstatt genannte Einraumwohnung und ein Haus auf dem Land, in dem sie sich immer wieder zeitweise mit ihrem Hund und ihren Kindern aufhält.
Die kurzen Kapitel wechseln zwischen den Vorbereitungen des Auszugs ihrer Kinder und der Suche nach einer neuen Wohnung, die sich vor allem aus Kostengründen sehr schwierig gestaltet und den Rückblicken in die Vergangenheit. Sie geht immer wieder weit in die Vergangenheit zurück, in ihre Kindheit als ältestes von fünf Mädchen und Schwester von zwei jeweils zwei Jahren jüngeren Zwillingspaaren, von denen sie sich mit ihren dunklen Haaren auch äußerlich unterschied. Sie war immer Außenseiterin, hatte einen schweren Stand neben ihren hübschen blonden Schwestern und wollte immer nur weg aus der Enge der katholischen Provinz und dem Einfluss ihrer strengen Mutter. Deshalb zog sie sofort nach dem Abitur nach Wien. An der Schwelle zu ihrem neuen Leben stellt sie fest, wie unzuverlässig Erinnerungen sind, vor allem wie subjektiv. Wenn sie mit Freundinnen oder ihrer Mutter über vergangene Ereignisse spricht, hören sich die Versionen der anderen völlig anders an und sind weniger negativ als ihre eigenen. Sie räumt auf in ihrem Leben, trennt sich von vielen Dingen und damit gleichzeitig von Erinnerungen, die damit verbunden sind. Sie hat keine Angst vor dem neuen Lebensabschnitt, weil der Auszug der Kinder und ihre eigene räumliche Veränderung auch eine ganz neue Freiheit und Unabhängigkeit bedeuten, die ihr immer wichtig waren. Sie sehnt sich nach Solitude, was Alleinsein bedeutet nicht negativ konnotierte Einsamkeit.
Mir hat der ruhig erzählte Roman über ein ganz normales Frauenleben gut gefallen. Es ist eine Geschichte über die Selbstfindung einer Frau, die ohne spektakuläre Handlung auskommt und dennoch interessant und an keiner Stelle langweilig ist. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das Mut macht, ohne Angst eigenständige Lebensentscheidungen zu treffen und auch in fortgeschrittenem Alter einen Neustart zu wagen.

Veröffentlicht am 23.07.2023

Alex kämpft ums Überleben

Die Einladung
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In Emma Clines neuem Roman steht eine attraktive 22jährige Frau namens Alex im Mittelpunkt, die als Callgirl arbeitet und sich immer wieder durch Fehler in Schwierigkeiten bringt. Sie besitzt nichts und ...


In Emma Clines neuem Roman steht eine attraktive 22jährige Frau namens Alex im Mittelpunkt, die als Callgirl arbeitet und sich immer wieder durch Fehler in Schwierigkeiten bringt. Sie besitzt nichts und musste die Wohngemeinschaft in der Stadt – vermutlich New York – verlassen, weil sie ihre Mitbewohnerinnen bestohlen und ihren Mietanteil nicht gezahlt hat. Dann lernt sie den reichen, etwa 30 Jahre älteren Simon kennen, der sie für den Monat August in sein Strandhaus in den Hamptons auf Long Island einlädt. Er könnte sie aus ihrer prekären Situation befreien, denn sie wird von ihrem früheren Liebhaber Dom verfolgt, dem sie sehr viel Geld schuldet. Bei einem Dinner mit Simon benimmt sie sich daneben, und Simon setzt sie vor die Tür. In die Stadt kann sie nicht zurück. Sie glaubt, dass sie lediglich die sechs Tage bis zu Simons Labor Day-Party am 1. Montag im September überbrücken muss, dass Simon sich dann mit ihr versöhnen wird und sie auf Dauer bei ihm bleiben kann. Bis dahin lässt sie sich treiben, lügt und betrügt und verschafft sich überall Zugang, wo sie eigentlich nicht hingehört. Alex muss immer wieder weiterziehen, weil sie durchschaut oder bloßgestellt wird, weil sie stiehlt und Schäden in fremden Häusern anrichtet. Sie nimmt Drogen und trinkt zu viel Alkohol, z.B. am Ende mit dem jungen Jack, der sich in sie verliebt und mit ihr zusammenbleiben möchte. Die Geschichte endet am Tag der Party mit einer Art Cliffhanger, wobei nichts die optimistischen Erwartungen der jungen Frau zu rechtfertigen scheint.
Alex beantwortet keine Fragen nach ihrer Vergangenheit, und auch der Leser erfährt bis zum Schluss nicht, warum sie dieses Leben führt. Wir beobachten sie bei ihrer Verstellungskunst, für jeden das zu sein, was er von ihr erwartet: ein schüchternes junges Mädchen oder eine Schönheit mit viel Sexappeal. Das Porträt von Alex enthält auch eine Portion Sozialkritik, denn ihre Geschichte zeigt, dass die Klassenschranken unüberwindlich sind, dass niemand dauerhaft in die Oberschicht eindringen kann, der dort nicht hingehört. Der Originaltitel „The Guest“ ist von daher eigentlich treffender als "Die Einladung". Niemand hilft Alex, denn die Reichen und Schönen sind nicht empathiefähig, und junge Frauen wie Alex werden lediglich als austauschbare Ware betrachtet. Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl er mich nicht so beeindruckt wie "The Girls“. Der auf der wahren Geschichte der Manson Family beruhende Roman las sich spannender.

Veröffentlicht am 20.07.2023

Wie geht man mit Trauer und Verlust um?

Hotel Silence
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Jonas Ebeneser ist unglücklich. Seine Frau hat ihn nach Jahren der gegenseitigen Entfremdung verlassen und ihm noch die Information mit auf den Weg gegeben, dass die geliebte Tochter nicht von ihm ist. ...

Jonas Ebeneser ist unglücklich. Seine Frau hat ihn nach Jahren der gegenseitigen Entfremdung verlassen und ihm noch die Information mit auf den Weg gegeben, dass die geliebte Tochter nicht von ihm ist. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und plant seinen Selbstmord. Sein Nachbar Svanur, von dem er sich eine Waffe ausleiht, scheint etwas zu ahnen und besucht ihn immer wieder, sozusagen zur Kontrolle. Jonas will seiner Tochter nicht den Fund seiner Leiche zumuten und bucht eine Reise. Sein Gepäck besteht aus einem Werkzeugkoffer mit Bohrmaschine ohne Kleidung zum Wechseln. Er reist in ein namenloses unsicheres, vom Krieg zerstörtes Land mit traumatisierten Überlebenden, die vor dem Nichts stehen – mit dem Hintergedanken, dass dort vielleicht ein Anderer seinem Leben ein Ende setzt. Jonas begegnen die Menschen im Dorf mit Misstrauen. Den harmlosen Touristen nimmt ihm niemand ab. Schon bald führt er im Hotel Silence einfache Reparaturen aus und hilft später auch den Frauen im Dorf bei allen möglichen Arbeiten, was einigen Männern weniger gefällt. Bald hat er sich mit den Geschwistern, die das Hotel führen, so angefreundet, dass er auch ihnen den Anblick seiner Leiche nicht mehr zumuten möchte. Jonas ist im Dorf inzwischen zu einem wahren Helden des Wiederaufbaus geworden, denn viele Männer haben den Krieg nicht überlebt. Er merkt, wie das Leid der anderen sein eigenes Unglück zunehmend relativiert und sein selbstloses Helfen ihn positiv verändert. Seinen geplanten Suizid verschiebt er immer wieder.
Die ruhig erzählte Geschichte überzeugt mit vielen Zitaten und kunst- und literaturhistorischen Anspielungen und enthält trotz der ernsten Themen von Trauer und Verlust auch komische Elemente. Jonas und die Überlebenden im Kriegsgebiet bekommen eine zweite Chance und Perspektiven für einen Neubeginn. Der angenehm zu lesende Roman hat mich gut unterhalten.

Veröffentlicht am 18.06.2023

Wer war der Täter?

Die Affäre Alaska Sanders
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In „Die Affäre Alaska Sanders“, Joel Dickers neuem Roman, ermittelt wieder das Duo Sergeant Perry Gahalowood und Autor Marcus Goldman, die wir aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ bereits gut ...


In „Die Affäre Alaska Sanders“, Joel Dickers neuem Roman, ermittelt wieder das Duo Sergeant Perry Gahalowood und Autor Marcus Goldman, die wir aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ bereits gut kennen. Es geht um den Mord an einer jungen Frau 11 Jahre zuvor. Der Fall Alaska Sanders galt eigentlich als aufgeklärt. Ein Täter kam bei der Vernehmung ums Leben, der andere wurde zu lebenslänglich verurteilt, nachdem er auf Anraten seiner Anwältin auf „schuldig“ plädiert hatte, um nicht die Todesstrafe zu riskieren. Er sitzt seit damals im Gefängnis. Seine Anwältin und seine Schwester kämpfen seitdem mit einer Gruppe von Unterstützern um die Wiederaufnahme des Verfahrens, weil sie an seine Unschuld glauben. Der Ermittler und der Autor wollen der Sache auf den Grund gehen und finden schon bald Anzeichen für einen Justizirrtum. Im Verlauf der mit über 570 Seiten recht umfangreichen Geschichte gibt es immer neue Verdächtige, immer neue Spuren. Wenn der Leser ca. 100 Seiten vor Schluss glaubt, nun sei der wirkliche Täter gefunden, wird er eines Besseren belehrt. Man darf bis zum Ende nicht glauben, was man liest. Das lehrt schon „Die Wahrheit…“, als dessen Fortsetzung der vorliegende Roman konzipiert wurde.
Ich habe das Buch trotz der epischen Breite gern gelesen, zumal mich die Konstruktion des Romans im Roman mit dem fiktiven Autor Goldman, der die Bücher des real existierenden Autors Dicker schreibt, durchaus überzeugt, aber es gibt schon Dinge, die mir weniger gefallen. Wenn man den Vorgänger kennt, vermisst man Originalität bei den Plotideen und den Schauplätzen, stößt sich an zu vielen Wiederholungen. Auch die Protagonisten Perry und Marcus sind hinlänglich bekannt, und ich finde ihre kleinen Reibereien nicht mehr besonders witzig. Auch stört mich die Eigenwerbung des Autors für seine anderen Romane, auf die er ständig Bezug nimmt, als ob er die Verkaufszahlen noch einmal positiv beeinflussen wollte. Im Übrigen gehe ich jede Wette ein, dass sein nächstes Buch den Titel „Die Affäre Gaby Robinson“ haben wird. Dennoch bleibt Dicker für mich ein durchaus lesenswerter Autor, der trotz der genannten Mängel einen gewissen Sog auf den Leser ausübt.