Im Grunde ist es ganz einfach, eine gute Geschichte zu erzählen: Man konzentriert sich auf die Hauptfigur, um den Lesern die Identifikation zu ermöglichen, und schneidet nach Vollendung der ersten Rohfassung ...
Im Grunde ist es ganz einfach, eine gute Geschichte zu erzählen: Man konzentriert sich auf die Hauptfigur, um den Lesern die Identifikation zu ermöglichen, und schneidet nach Vollendung der ersten Rohfassung so viel überflüssigen Krimskrams (Adjektive, Attribute etc.) weg, wie es nur geht. Das Resultat dann lesenswert.
Nur äußerst selten gelingt es Autoren, einen knappen und zugleich eleganten Stil zu erreichen. Ernest Hemingway ist Meister darin und David Goodis scheint sich ihn als Vorbild genommen zu haben. Einfach genial, wie er Dialoge zwischen den Figuren aufbaut, und in der Erzählform zwischen innerem Dialog und erzählter Zeit wechseln. Dazu kommt die Fähigkeit, Spannung bis zum Höhepunkt zu steigern und eine Auflösung zu präsentieren, zu zugleich logisch und überraschend ist.
Man räumt den Arbeitsplatz auf, hat als Telefon abgestellt, eine gute Tasse Tee oder Kaffee neben sich stehen, eine neuen weißen Bogen in die IBM-Kugelkopfschreibmaschine eingefädelt, lauscht der Ruhe ...
Man räumt den Arbeitsplatz auf, hat als Telefon abgestellt, eine gute Tasse Tee oder Kaffee neben sich stehen, eine neuen weißen Bogen in die IBM-Kugelkopfschreibmaschine eingefädelt, lauscht der Ruhe dort draußen, atmet tief durch, starrt auf das weiße Blatt, es fällt einem nichts ein und man haut mit der Stirne immer und immer wieder auf den Schreibmaschinendeckel.
So in etwas beginnt ein ganz durchschnittlicher Autorentag im Ratgeber von Sol Stein. Muss man mehr zu diesem großartigen Buch sagen
Eigentlich nichts.
Nur dass man heutzutage vielleicht mit dem blöden Kopf auf die Laptop-Tastatur haut.
Ansonsten hat sich seit dem Erscheinen dieses Bestsellern vor ewigen Zeiten im Grunde nichts geändert.
Es war Ende der 70er-Jahre hoch oben in einem Naturschutzgebiet der französischen Alpen, wo wir für ein paar Wochen in einen internationalen Workcamp trafen, tagsüber an der Berghütte arbeiteten und in ...
Es war Ende der 70er-Jahre hoch oben in einem Naturschutzgebiet der französischen Alpen, wo wir für ein paar Wochen in einen internationalen Workcamp trafen, tagsüber an der Berghütte arbeiteten und in langen Pausen bei gutem Essen und reichlich Wein über ein Buch diskutierten.
Wir, das waren junge Leute aus Irland, Frankreich, Dänemark und Deutschland. Es ging um "The Tao of Physics", Jahre später in der deutschsprachigen Erstausgabe als "Der kosmische Reigen" erschienen.
Damals war es Neuland, asiatische Religionskonzepte mit Theorien der abendländischen Quantenphysik populärwissenschaftlich darzustellen, und mir namen die Anregungen des Briten Fritjof Capra begierig auf, erörterten sie ganz weltoffen und ergebnisoffen - heute kaum noch vorstellbar.
Dieses Buch hat eine ungeheure Wirkung auf die Geisteswissenschaft ausgelöst.
Wenn heutzutage Schwurbler und Aluhutträger in Internetforen ihre selbstzusammengebastelten Wahnideen über Coronaverschwärung und dergleichen verbreiten, wenn Hinz und Kurz über Telegram und Whattsapp so tun, als könnten sie die Naturwissenschaft über Fake News und "alternative Fakten" besser erklären als die so genannte "Systempresse", dann ist das weit entfernt von jenem ganzheitlichen Ansatz, den dieses großartige Buch, in Neuauflage auch heute noch gerne gelesen, eigentlich postuliert.
Man muss erst einmal reinkommen in diesen israelischen Krimi. Die Vielzahl von fremdländischen Namen haben mich verwirrst, zumal für den gleichen Protagonisten oft der Vorname ...
Cover und Umschlaggestaltung
Man muss erst einmal reinkommen in diesen israelischen Krimi. Die Vielzahl von fremdländischen Namen haben mich verwirrst, zumal für den gleichen Protagonisten oft der Vorname und im nächsten Absatz der Nachname genannt werden. Und dann fast der gleiche Text auf dem zweiten und vierten Buchumschlag, wobei vorne der ersten Satz mit "Beide" beginnt und man erst die nächsten Sätze lesen muss, um die rückbezügliche Bedeutung zu begreifen.
All dies nicht dem Israeli Deror Mishʿani anzulasten, der seinen Krimi auf Hebräisch schrieb. Auswahl von Übersetzer und Umschlaggestaltung ist Sache des schweizerischen Diogenes-Verlags.
Erste Seiten
Der Kampf des Lesers durch die ersten Seiten und eine zugegebenermaßen verzwickte Handlung lohnt sich. Charaktere und Hintergrundgeschichte werden liebevoll und elegant eingeführt. Der Autor verzichtet auf schablonenhafte Schwarz-Weiß-Zeichnung, was bei Krimis heutzutage fast schon Standard ist. Man kann sich so fast jeden der Protagonisten, ob sie nun zu den scheinbar guten oder den scheinbar bösen gehören, wunderbar einfühlen.
Souveräner Umgang mit multipersonalen Erzählperspektiven und fließenden Übergänge zwischen innerem und erzählten Dialog, das ist wirklich große Literatur!
Handlung und Figuren
Wer zu den Guten und zu den Bösen gehört, wird erst nach 350 Seiten klar. Im Laufe der Erzählung entwickelt sich ein Rededuell zwischen der Kriminalkommissarin, die an einer fürchterlichen Augenkrankheit leidet, und einer zickigen Frau aus der Unterschicht. Jene jedoch einen Plan hat, tischt mit raffinierter Strategie eine Lügengeschichte nach der anderen auf. Die Hintergründigen Hintergründe der Hintergründe enthüllen sich gleich einer Zwiebel, die man schält, Schale um Schale – wobei dem Leser die Tränen in die Augen steigen können.
Ähnlich verhält es sich bei den Untersuchungen der Kollegen der Erblindenden bei der israelischen Polizei, der nach Paris reisen muss, um einen vagen Verdacht bestätigt zu bekommen, dass es sich bei einem ermordeten jüdischen Geschäftsmann um einen Agenten handelt und warum der Geheimdienst Mossad keinerlei Interesse an der Aufklärung des Falls hat.
Beide Erzählstränge sind genial miteinander verknüpft. Feinstes Lesevergnügen. Man muss als Leser halt erst einmal reinkommen in die Geschichte, dem Buch eine Chance geben.
Lieblingsstelle
Ziemlich am Ende des Buches zitiert Dror Mishani aus "Don Quijote" von Cervantes. Die Geschichte vom Ritter mit der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlenflügel ankämpft, ist bekannt - jedoch:
Auf Seite 323 lässt der Autor das Zitat aus dem Munde seiner Figur Ben-Chayat jedoch folgendermaßen kommentieren:
"Bei uns auf jeden Fall ist es umgekehrt, Avi. Denken Sie daran. Bei uns sind Leute, die wie Windmühlenflügel erscheinen mögen, in Wahrheit gewaltige Riesen mit todbringenden Armen, die sehr, sehr weit reichen."
Spoilerwarnung
Allen meinen üblichen Leser-Gewohnheiten zum Trotz habe ich in diesem Krimi auf das Ende geschielt, weil es mir momentan ähnlich geht und ich wie Kriminalkommissar Avraham angesichts der Übermacht von Bürokraten in die Knie gehe. Soll ich meinen Kampf gegen Windmühlenflügel aufgeben, weil sie in Wahrheit gewaltige Riesen sind? Die letzten beiden Seiten geben mir die Antwort.