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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.07.2023

Regt zum Nachdenken an

Zerrüttung
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Anders als in den Vorgängern dieses Werkes rund um Joseph Maria Nechyba ermittelt der nunmehrige Ministerialrat nicht (mehr). Nechyba, dem wir bei seinen Ermittlungen in der Monarchie sowie im Ersten Weltkrieg ...

Anders als in den Vorgängern dieses Werkes rund um Joseph Maria Nechyba ermittelt der nunmehrige Ministerialrat nicht (mehr). Nechyba, dem wir bei seinen Ermittlungen in der Monarchie sowie im Ersten Weltkrieg über die Schulter schauen durften, ist nun pensioniert. Während sein Tagesablauf stets gleich bleibt, ändert sich seit einigen Jahren die Welt rundherum.

Seit dem Zerfall der Donaumonarchie 1918 taumelt die Erste Republik ein wenig. Die Armut nimmt überhand, die Politik schafft es nicht, den Menschen Zuversicht zu geben. Heimwehr und Republikanischer Schutzbund stehen einander unversöhnlich gegenüber, als nach dem Fehlurteil von Schattendorf 1927 der Justizpalast brennt. Die Wirtschaftskrise verschärft sich. Im Nachbarland Italien ist Diktator Benito Mussolini an der Macht und in Deutschland marschieren die Nazis. 1930 wird die Sozialistische Partei Österreichs stärkste Partei, den zersplitterten Konservativen droht die bisherige Macht zu entgleiten. Da nutzt Bundeskanzler Dollfuß die sogenannte „Geschäftsordnungskrise“, um das Parlament aufzulösen und autoritär zu regieren. Dass im Februar 1934 der Bürgerkrieg ausbricht und Österreicher auf Österreicher schießen, muss Nechyba genauso wenig erleben wie die Ermordung Dollfuß‘ und den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland.

Als diese interessanten politischen Ereignisse werden von Joesph Maria Nechyba in seinem Lieblingskaffeehaus kommentiert. Zwar wird er von Kellner Engelbert Nowak immer wieder daran erinnert, hier nicht zu politisieren, doch der Nechyba lässt nicht beirren. Betont hellsichtig kommentiert er die Ereignisse, von denen in den Zeitungen berichtet wird. So sagt er auf S. 50 „Das kann à la longue zu einem Bürgerkrieg führen“. Doch von Woche zu Woche wird die gewohnte Vielfalt der Presse weniger. Immer öfter enthalten sozialistische Blätter weiße Stellen, weil der eine oder andere Artikel der Zensur zum Opfer gefallen ist. Bald schon sind es nicht mehr nur einzelne Beträge, sondern ganze Zeitungen.

“... und plötzlich erschien ihm sein schmutziges Kaffeehäferl eine Allegorie der politischen Situation in Österreich zu sein. Über und über besudelt von schwarzbräunlichen Flecken und Schlieren.“

Meine Meinung:

Gewohnt gekonnt und brillant integriert Autor Gerhard Loibelsberger die politischen Ereignisse in diesen historischen Roman. Die verbindende Figur ist Joseph Marie Nechyba. Wie Perlen auf einer Perlenschnur reiht Gerhard Loibelsberger die Ereignisse auf. Die verbindende Schnur sind Nechybas und Nowaks Dialoge. Daneben dürfen zwei Vorfahren des Autors, nämlich Rudolf und Erich Loibelsberger eine Rolle spielen. Als Vorbotin für alle Denunzianten, Vernaderer und Blockwarte steht die ewig grantelnde und schimpfende Hausberogerinf

Gespenstisch ist die langsame Zerrüttung der Republik, die wie wir wissen, über den Ständestaat direkt in die NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg führen wird, dargestellt. Dazu bedient Loibelsberger zahlreicher historischer Quellen wie Briefe und Zeitungsberichte, deren Inhalte wörtlich zitiert werden. So ist der Leser in der Zeit um 1933 mitten drin. Dass hier manche Parallele zur aktuellen Gegenwart aufzutauchen scheint, macht nachdenklich.

„Gegen die Nazi sollte der Dollfuß kämpfen! Die sollte er bekriegen. Die sind die wahre Gefahr für Österreich und seine Demokratie. ln diesem verdammten Bürgerkrieg schlachtete Dollfuß das falsche Schwein.“ (Nechyba kurz vor seinem Ableben/S. 239)

Ja, die Angst vor den Linken hat viele Menschen auf die Rechten vergessen lassen. Und, wie die Menschen nach dem Bürgerkrieg 1934 leidvoll erfahren musste: Wenn sich zwei streiten (Heimwehr und Schutzbund) freut sich ein Dritter.

Fazit:

Ein hellsichtiger Joseph Maria Nechyba, der das Glück hat, die dunklen Zeiten nicht mehr erleben zu müssen. Gerne gebe ich diesem finalen Band der Nechyba-Reihe 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 09.07.2023

Außergewöhnliche Einblicke in die Klosterwelt der Frauen

Unerhörte Frauen
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Das Autorinnen-Duo Henrike Lähnemann & Eva Schlotheuber widmet sich in diesem Buch einem interessanten Kapitel der Geschichte, das bislang nur wenig Beachtung gefunden hat: Der Rolle der mittelalterlichen ...

Das Autorinnen-Duo Henrike Lähnemann & Eva Schlotheuber widmet sich in diesem Buch einem interessanten Kapitel der Geschichte, das bislang nur wenig Beachtung gefunden hat: Der Rolle der mittelalterlichen Klosterfrauen im politischen Umfeld. Wer waren sie? Warum sind sie in ein Kloster eingetreten? Warum wissen wir so wenig über ihren Klosteralltag?

Basis dieses Buches ist eine kleine Sensation, nämlich das Tagebuch einer leider unbekannten Nonne, die das Leben im Kloster beschreibt. Über mehrere Jahre dürfen wir Leser (und die Forscherinnen) am Alltagsleben der Unbekannten teilhaben, bis das Tagebuch, während einer Pestepidemie plötzlich abbricht. Es ist zu vermuten, dass die Schreiberin der Seuche zum Opfer gefallen ist.

Neben diesem Tagebuch liegen diverse Briefe diesem interessanten Buch als Quelle zugrunde. So erfahren wir, dass die Frauenklöster oftmals Spielball der weltlichen Herrscher waren, sich immer wieder behauptet haben, wenn ihre Existenz bedroht war. Die Äbtissinnen, die häufig aus wohlhabenden bzw. einflussreichen Familien stammten, haben ihren politischen Einfluss geltend gemacht. Sie haben aus armen Klosterniederlassungen florierende Wirtschaftsbetriebe gemacht, was oft den Neid ihrer männlichen Kollegen hervorgerufen hat.

Wir erfahren einiges über die „Laufbahn“ der Nonnen, die oft schon als kleine Mädchen mehr oder weniger freiwillig in ein Kloster eintreten.

Ihre Überzeugung, dass sie und ihre Gebete von Gott erhört werden, ist tief in ihrem Glauben verwurzelt. Dass sie daneben Einfluss auf die Mächtigen ihrer Zeit haben, ist ihrem Status zuzuschreiben. Diese Frauen waren alles andere als unerhört, auch wenn ihre Bedeutung durch die durchwegs männlichen Chronisten heruntergespielt worden ist.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem außergewöhnlichen Einblick in eine mittelalterliche Lebensweise 5 Sterne.

Veröffentlicht am 09.07.2023

Fesselnd bis zur letzten Seite

Frühling lässt sein schwarzes Band (Roussillon-Krimi 4)
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Nach einer langen Schaffenspause haben wir Leser nun endlich den vierten Band der Reihe um Lieutenant Gilles Sebag in den Händen.

Der aktuelle Fall führt uns zu einer archaisch anmutenden Tradition, nämlich ...

Nach einer langen Schaffenspause haben wir Leser nun endlich den vierten Band der Reihe um Lieutenant Gilles Sebag in den Händen.

Der aktuelle Fall führt uns zu einer archaisch anmutenden Tradition, nämlich zu dem alljährlichen Büßerumzug am Karfreitag. Tausende Mitwirkende wie Zuschauer sind auf den Beinen. Wegen der allgegenwärtigen Terrorgefahr in Frankreich begleitet ein großes Polizeiaufgebot die Veranstaltung. An der Spitze mit dabei ist Lieutenant Gilles Sebag, als er zu einem Überfall auf einen Juwelier gerufen wird. Kaum hat er die Lage sondiert, muss er wieder zur Prozession, denn ein Zwischenfall hat eine Massenpanik ausgelöst. Übrig bleibt ein Toter und zahlreiche Verletzte. Vom Täter keine Spur.

Für Lieutenant Gilles Sebag beginnt die mühevolle Ermittlungsarbeit, die dadurch, dass die aktiven Teilnehmer der Prozession allesamt Kutten mit Kapuzen getragen haben ....

Meine Meinung:

Autor Philippe Georget hat mit diesem vierten Fall für Lieutenant Gilles Sebag einen komplexen Krimi geschaffen, bei dem wenig so ist, wie es scheint.

Da sind zum einen die religiösen Bräuche, die ziemlich archaisch und aus der Zeit gefallen wirken, der Überfall auf den Juwelier, der wie ein Ablenkungsmanöver aussieht sowie das Mordopfer, ein Klavierlehrer, um den sich Gerüchte über mögliche Übergriffe auf seine Schüler ranken. Die Ermittlungen erweisen sich als zäh und bekommen erst dann etwas Drive, als sich herausstellt, dass der Juwelier und der Tote ziemlich gute Freunde waren.

Interessant sind die Charaktere, mit denen wir uns hier beschäftigen. Einige sind Kleinganoven, andere wieder honorige Bürger von Perpignan. Meine Lieblingsfigur ist der Obdachlose, der Bücher liest und auch verschenkt. Auch das gesellschaftliche Gefälle zwischen arm und wohlhabend ist Thema in diesem Krimi.

Das einzige, das mir missfällt, ist der Titel: Ein grammatikalisch verstümmelter Halbsatz, den jeder Deutschlehrer rot anstreichen würde.

Fazit:

Ein komplexer Krimi, bei dem wenig so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 09.07.2023

Fesselnd bis zur letzten Seite

Trügerisches Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 9)
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Die Tourismussaison ist angelaufen, als eine junge Frau aufgelöst auf der Polizeistation erscheint und angibt, ihre beiden Kinder Lucas und Louisa wären aus dem abgestellten Auto verschwunden. Die ersten ...

Die Tourismussaison ist angelaufen, als eine junge Frau aufgelöst auf der Polizeistation erscheint und angibt, ihre beiden Kinder Lucas und Louisa wären aus dem abgestellten Auto verschwunden. Die ersten Suchaktionen verlaufen erfolglos, bis eine Lösegeldforderung eintritt. Nun ist klar, dass die beiden Kinder entführt worden sind.

Nur von wem? Das Ehepaar ist sich uneinig, ob die Polizei bei der Übergabe des Lösegeld anwesend sein soll und dann geht die noch schief.

Capitaine Isabelle Morell, deren Tochter selbst einmal ein Entführungsopfer gewesen ist, weiß, dass es hier auf jede Stunde ankommt, das Versteck der Kinder zu finden.

Meine Meinung:

Schon der Titel weist darauf hin, dass in diesem Krimi nichts so ist, wie es scheint. Als gewiefte Krimileserin habe ich recht schnell einen Verdacht gehabt, der sich letztlich bestätigt hat.

Da die Suche nach den kleinen Kindern sowohl bei den Ermittlern, zu denen auch Dr. Leon Ritter zählt, alle über Gebühr anstrengt, bekommen wir diesmal nur wenig vom Privatleben der Ermittler zu lesen.

Die neuen Charaktere sind wieder gut gelungen. Hat der Leser zu Beginn noch ein wenig Mitleid mit der Mutter, die ihre Kinder vermisst, so wendet sich das Blatt im Laufe der Zeit. Mir war sie gleich zu Beginn an unsympathisch. Kleine Kinder in der Sommerhitze allein im Auto zu lassen, geht für mich gar nicht. Auch das Verhalten des Ehepaares zueinander ist ziemlich merkwürdig.

Der Fall bleibt bis zur letzten Seite spannend.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem fesselnden Krimi, der immerhin schon der 9. der Reihe ist, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 09.07.2023

Penibel recherchiert und opulent erzählt

Alle Feuer der Hölle
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Autor André Milewski entführt seine Leser auf die wunderschöne Karibikinsel Martinique, genauer gesagt in der Hafenstadt Sainte-Pierre. Dort trifft Anfang April 1902 der deutsche Kapitän Leonhard Mahler ...

Autor André Milewski entführt seine Leser auf die wunderschöne Karibikinsel Martinique, genauer gesagt in der Hafenstadt Sainte-Pierre. Dort trifft Anfang April 1902 der deutsche Kapitän Leonhard Mahler mit seinem Dampfschiff ein, um Rum und Zuckerrohr zu kaufen. Man wird schnell handelseins, Mahler nimmt noch eine Ladung feinster Kissen an Bord und verspricht wiederzukommen, denn die Reise Martinique - New York dauert mit dem Dampfschiff nun weniger als zwei Wochen.

Während Mahler wieder auf See ist, beginnt der Vulkan Mont Pelée deutliche Warnzeichen für einen Ausbruch zu senden, die aber von den Bewohnern und vor allem von der Regierung nicht ernst genommen werden. Man kennt ihn ja, den Kahlen, wie der Berg genannt wird. Er grummelt vor sich hin. Die Zeugen des letzten Ausbruchs sind längst verstorben, Aufzeichnungen gibt es keine.

Der Gouverneur und der Bürgermeister sind mit den kommenden Wahlen beschäftigt. Schon Tage vor dem Ausbruch fallen Vögel tot vom Himmel und Weidetiere sterben einfach ohne sichtbare Verletzungen. Eine „Expertenkommission“, die aus mehreren Verwaltungsbeamten und dem Naturkundelehrer des örtlichen Lycée, Gaston Landes, besteht, besichtigt den Vulkan. Man kann natürlich keine Prognose erstellen, ob und wann der Vulkan ausbrechen wird. Die nahende Katastrophe wird heruntergespielt, den Einheimischen ein Verlassen der Insel untersagt und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Nach Mahlers Rückkehr Ende April bricht der Mont Pelée am 8. Mai 1902 aus, verwüstet Sainte-Pierre und tötet rund 30.000 Personen durch seinen pyroklastischen Sturm sowie durch die heiße Lava. Der im Hafen gelagerte Rum verschlimmert durch Explosionen die Lage der Bevölkerung zusätzlich.

Mahler, der 1883 den Ausbruch des Krakatau miterlebt hat, schafft es, aus dem Hafen zu entkommen.

Man zählt lediglich drei Überlebende, wovon nur einer, eine Rolle in diesem Roman spielt: der Frauenheld Louis-August, genannt Sanson, der später als Sensation in diversen „Völkerschauen“ dem gaffenden und staunenden Publikum vorgeführt wird.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist der zweite des Autors André Milewski, der sich bereits in seinem ersten Buch („Der Choral der Hölle“) mit einem Vulkanausbruch, nämlich mit dem des Krakatau von 1883, beschäftigt hat.

André Milewski hat penibel die wenigen Berichte der Katastrophe recherchiert und einen beeindruckenden historischen Roman geschaffen. Dazwischen ist Platz die Lebensweise der Menschen dieser Zeit zu beschreiben. Eine kleine Oberschicht bestimmt die Richtung in die, die Insel geht. Junge Frauen und Mädchen werden von ihren Eltern an gut situierte Männer verschachert, egal ob diese ihr Ehegelöbnis ernst nehmen oder nicht. Einige der afrokaribischen Einwohner haben es zu einer kleinen Mittelschicht geschafft, die Mehrzahl allerdings sind Arbeiter mit wenig Rechten, die der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt sind.

Eine kleine, dezente Liebesgeschichte zwischen Mahler und Havriva, der Kissenlieferantin, darf auch nicht fehlen.

Dieser historische Roman ist fesselnd geschrieben. Dem Gouverneur oder dem Bürgermeister Versagen vorzuwerfen, ist aus heutiger Sicht fehl am Platz. Vulkane sind unberechenbar und trotz modernster Technik ist es kaum mögliche einen Ausbruch vorherzusagen. Daher ist eine rechtzeitige Evakuierung der Menschen nicht leicht zu bewerkstelligen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und gekonnt erzählten historischen Roman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.