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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.07.2023

Beklemmend und düster

Ich habe keine Angst
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Der Roman "Ich habe keine Angst" des italienischen Autors Niccolò Ammaniti wurde vom Eisele Verlag zusammen mit "Fort von hier" neu aufgelegt. Zeitgleich erscheint auch Niccolò Ammanitis neuestes Werk ...

Der Roman "Ich habe keine Angst" des italienischen Autors Niccolò Ammaniti wurde vom Eisele Verlag zusammen mit "Fort von hier" neu aufgelegt. Zeitgleich erscheint auch Niccolò Ammanitis neuestes Werk "Intimleben".

Ich hatte zuvor noch nichts von Niccolò Ammaniti gelesen, der Klappentext machte mich jedoch neugierig.

Das süditalienische Örtchen Acqua Traverse mit gerade einmal vier Häusern und einer alten Villa ist Schauplatz der Geschichte und Heimat des neunjährigen Michele und seiner Familie. Der Sommer 1978 ist sengend heiß, die sechs Kinder des Dorfes vertreiben sich die Zeit. Eines Tages findet Michele beim Spielen in einem abgelegen Haus ein Loch im Boden, in dem ein gleichaltriger Junge angekettet liegt. Michele kehrt immer wieder zu dem Loch zurück, zunächst unschlüssig und überfordert, nähert er sich dem Jungen immer weiter und bringt ihm Essen und spricht mit ihm. Die Antworten sind allerdings wirr, da der Kleine offenbar schwer traumatisiert ist. Durch Zufall erfährt Michele, dass der Junge ein Entführungsopfer ist, und je mehr er über die Hintergründe erfährt, desto unglaublicher und auswegloser wird die Situation.

Ammanito zeichnet ein trostloses Bild dieses kleinen armseligen Dörfchens. Die Häuser sind heruntergekommen, alles wirkt schmutzig, es gibt nicht einmal fließend Wasser. Michele, seine kleine Schwester Maria und die Nachbarskinder sind weitgehend sich selbst überlassen, die Eltern kümmern sich wenig, Liebe und Zuwendung fehlen. Auch die Kinder gehen wenig freundschaftlich miteinander um, haben Spaß daran, sich gegenseitig zu demütigen oder ein Huhn aus Langeweile zu töten. Trotz der Sommerhitze im Buch fröstelt einen beim Lesen. Je weiter das Buch fortschreitet, desto größer wird das Grauen. Einzig Michele und in Andeutungen auch das Nachbarskind Barbara scheinen sich ihre Menschlichkeit bewahrt zu haben.

Ammaniti lässt den Protagonisten Michele rückblickend als Erwachsener die Ereignisse dieses Sommers 1978 erzählen. Vieles bleibt vage, doch als Leser*in kann man sich die Zusammenhänge erschließen. Der Autor erschafft eine düstere, beklemmende Atmosphäre, und er konterkariert die emotionale Kälte durch sentimentale Schlagertexte, etwa als der skrupellose und unberechenbare Felice abwechselnd zweistimmig "Parole, parole" trällert. Mich hat die Stimmung im Buch immer wieder an William Goldings Herr der Fliegen erinnert, das mich als Jugendliche sehr beeindruckt hat.

Wahrlich kein leichter, aber ein sehr bewegender Roman, der menschliche Abgründe aufzeigt und unbedingt lesenswert ist.

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Veröffentlicht am 10.07.2023

Magische Geschichte voller Bücherliebe

Tintenwelt 1. Tintenherz
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Da ich bereits dem Jugendalter entwachsen war, als die Tintenwelt-Trilogie veröffentlicht wurde und ich nie viel Fantasy gelesen habe, ging Tintenherz bisher an mir vorbei. Nun hat mein Sohn bald das passende ...

Da ich bereits dem Jugendalter entwachsen war, als die Tintenwelt-Trilogie veröffentlicht wurde und ich nie viel Fantasy gelesen habe, ging Tintenherz bisher an mir vorbei. Nun hat mein Sohn bald das passende Alter, und ich hatte große Lust, schon mal vorab in die Tintenwelt abzutauchen.

Die Idee, Figuren aus Büchern herauszulesen, faszinierte mich auf Anhieb, und auch Cornelia Funkes bildhafter, lebendiger und teils poetischer Schreibstil gefiel mir sehr und ist für ein Jugendbuch ab ca. 11 Jahren wirklich bemerkenswert. Die große Liebe zu Büchern spricht aus jeder Seite, und die Geschichte zeigt, wie wunderbar, aufregend und magisch es sein kann, sich an einem sicheren, heimeligen Ort von den wildesten Abenteuern in Büchern fesseln zu lassen. Selbst Teil eines solchen zu werden, ist jedoch oft alles andere als wünschenswert. Die Geschichte ist bis zum Schluß spannend, wobei die Handlung sich deutlich an einem jugendlichen Publikum orientiert.

Mein Lieblingscharakter ist Staubfinger, da er für mich die tiefgründigste Figur darstellt und innere Konflikte und Ambivalenzen deutlich werden. Die anderen Charaktere sind mitunter etwas schwarz-weiß geraten (Capricorn und seine Männer, Mo, Meggie) und Elinors Figur empfand ich als etwas "holprig". Ich denke jedoch, dass dies (und die ein oder andere kleine logische Schwäche) der jugendlichen Zielgruppe möglicherweise weniger auffallen dürfte.

Insgesamt ein wirklich außergewöhnliches, sehr fantasievolles und unbedingt lesenswertes Jugendbuch! Ich freue mich schon darauf, die weiteren Bände Tintenblut und Tintentod der Trilogie zu lesen. Mitte Oktober erscheint überdies mit "Die Farbe der Rache" ein brandneuer vierter Teil!

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Veröffentlicht am 10.07.2023

Lesenswert!

Tür an Tür
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Argentinien hat als Einwanderungsland eine wechselvolle Geschichte und wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durch den zunehmenden Antisemitismus in Europa ein Emigrationsziel für Juden aus Russland ...

Argentinien hat als Einwanderungsland eine wechselvolle Geschichte und wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durch den zunehmenden Antisemitismus in Europa ein Emigrationsziel für Juden aus Russland und Osteuropa. Nach der Machtergreifung Hitlers und während des zweiten Weltkrieges emigrierten vielen deutsche Juden nach Argentinien und trafen dort in der Nachkriegszeit auf Kriegsverbrecher und Nazis, die dorthin geflohen waren, um der Strafverfolgung zu entgehen. In "Tür an Tür. Nazis und Juden im argentinischen Exil" beleuchtet Ariel Magnus, Enkel nach Argentinien eingewanderter Juden, dieses mitunter skurrile Zusammenleben in direkter Nachbarschaft. Bekennende Nazis und Kriegsverbrecher konnten über viele Jahrzehnte relativ unbehelligt in Argentinien leben und erschreckend offen ihre Nazi-Ideologie vertreten.

Ariel Magnus begibt sich auf die Suche nach der Identität der Jeckes, der im Ausland lebenden Deutschen jüdischer Abstammung, und zeigt die Vielfalt und Inhomogenität jüdischen Lebens und Selbstverständnisses in Argentinien. Zudem lässt er den Leser teilhaben an seinen inneren Konflikten als deutschjüdischer Auswanderer der dritten Generation, der seit einigen Jahren wieder in Deutschland lebt.

Ein sehr empfehlenswertes und interessantes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 10.07.2023

Unterhaltsam, humorvoll, lesenswert!

Wie isst man ein Mammut?
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Da ich die Autorin Uta Seeburg unabhängig vom Genre sehr schätze und insbesondere ihre Major Gryszinski-Krimis liebe, war ich sehr gespannt auf "Wie isst man ein Mammut". Mit der für Uta Seeburg typischen ...

Da ich die Autorin Uta Seeburg unabhängig vom Genre sehr schätze und insbesondere ihre Major Gryszinski-Krimis liebe, war ich sehr gespannt auf "Wie isst man ein Mammut". Mit der für Uta Seeburg typischen Sprachfreude und ihrem trockenen Humor nimmt das Buch den Leser und die Leserin in 50 abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichten auf höchst vergnügliche Weise mit auf einen kulinarischen Streifzug durch die Geschichte der Menschheit  von 11000 v. Chr. bis ins Jahr 2021.

Als Leser*in sitzt man mit den Etruskern bei hefigst gewürzten Speisen zu Tisch, erlebt das Ritual gursha in Äthiopien, nimmt an einem mittelalterlichen Gelage teil und erfährt Erstaunliches, etwa über die Entwicklung der buttrigen Saucen im Frankreich des 17. Jahrhunderts, die einen Paradigmenwechsel in der westeuropäischen Esskultur einläutete. Ich habe nicht nur Neues über historische kulinarische Bräuche fremder Kulturen gelernt, sondern auch über frühere Essgewohnheiten im mitteleuropäischen Raum.

Das Buch bietet eine perfekte Mischung aus lockerer Unterhaltung und interessanten Informationen über unterschiedlichste historische Gerichte, Tischsitten und ihre Bedeutung für das soziale Gefüge der jeweiligen Gesellschaft. Ich hatte viel Freude an der Lektüre und könnte mir das Buch auch sehr gut als Geschenk vorstellen.

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Veröffentlicht am 02.07.2023

Beeindruckend

Die Postkarte
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Anne Berests Mutter erhält Anfang des Jahres 2003 eine Postkarte ohne Absender, darauf nur 4 Namen: Ephraim, Emma, Noemi, Jacques. Dabei handelt es sich um Annes jüdische Urgroßeltern und deren Kinder, ...

Anne Berests Mutter erhält Anfang des Jahres 2003 eine Postkarte ohne Absender, darauf nur 4 Namen: Ephraim, Emma, Noemi, Jacques. Dabei handelt es sich um Annes jüdische Urgroßeltern und deren Kinder, die 1942 in Ausschwitz ermordet wurden. Anne vergisst die Karte zunächst, doch 10 Jahre später, als sie selbst ein Kind erwartet, erwacht ihr Interesse daran, und sie begibt sich auf Spurensuche, fragt ihre Mutter nach der Familiengeschichte. Diese hat in mühevoller Arbeit über Jahre in Archiven recherchiert, Briefe und Erinnerungsstücke zusammengetragen, so dass die Geschichte der Familie beeindruckend genau und detailliert erzählt werden kann. Zusammen mit ihrer Mutter macht sich Anne weitere Jahre später auf die Suche nach dem Absender der Karte und besucht den Wohnort ihrer Vorfahren, in der Hoffnung, dort weitere Antworten zu finden. Des weiteren thematisiert Anne Berest Antisemitismus im heutigen Frankreich und geht der Frage nach, was es bedeutet, heute als Jüdin in Frankreich zu leben.

Anne Berests Schilderungen sind sehr berührend und bewegend. Da Annes Vorfahren im heutigen Baltikum, in Russland, Polen, Palästina und Frankreich gelebt haben, liefert das Buch ein beeindruckendes Zeugnis jüdischen Lebens in Europa zwischen 1920 und heute. Ich habe zudem viel über die Verfolgung der Juden während des Vichy-Regimes erfahren.

Das Hörbuch wurde von Simone Kabst eingelesen. Ihre tiefe, ruhige Stimme empfand ich als sehr angenehm.

Ein wirklich bemerkenswertes und sehr empfehlenswertes (Hör-)buch.

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