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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.08.2017

Ganz klar sehr viel mehr als nur simple, oberflächliche Unterhaltungslektüre!

Sieh mich an
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An diesem Roman (das eBook hatte ich unentgeltlich als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen) scheiden sich ja durchaus die Geister: ich zähle zu den Fans dieser Ich-Erzählung, an der ich ...

An diesem Roman (das eBook hatte ich unentgeltlich als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen) scheiden sich ja durchaus die Geister: ich zähle zu den Fans dieser Ich-Erzählung, an der ich teils ganz besonders jene Aspekte schätzte, die mitunter bemängelt werden, wie z.B. das offene Ende. Persönlich empfinde ich jenes aber gar nicht als besonders offen; die Kurzbeschreibung verrät ja bereits, dass „Sieh mich an“ im Grunde genommen nur einen einzigen Tag behandelt und dass dieser zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem Katharina sich bereits des „Dingens“ in ihrer Brust bewusst ist, von diesem aber noch keinem erzählt hat und gleich zu Beginn des Buchs wird klar, dass dieser eine Freitag quasi das letzte krebslose Wochenende einläuten soll, ehe sie in der Folgewoche den Arzt konsultiert. Für Katharina ist klar, dass das Ding bösartig ist und dass sie sterben wird; in dieser Hinsicht mag sie resigniert wirken, aber später wird immer deutlicher, dass sie genetisch vorbelastet ist und in ihrer Familie noch niemand diese Erkrankung überlebt hat. Deswegen gehört sie nicht nur zur physischen Risikogruppe, sondern man merkt ihren kreisenden Gedanken auch an, dass sie als Kind völlig damit überfordert war, eine Krebserkrankung bis zum bitteren Schluss zu begleiten und Angst davor hat, dass es ihren Kindern ebenso gehen wird. Die Tochter ist zudem ADHS-diagnostiziert und eh schnell überfordert, während der ältere Sohn bislang eher als ein äußerst gelassener Ruhepol nebenherlief und Katharina mit ihren eigenen Gedanken konfrontiert zu befürchten beginnt, dass ihr Sohn von ihr zu unbeachtet blieb und bereits jetzt auch im Zusammenleben mit der Schwester von dieser schon sehr beansprucht wird. In ihrem Sohn erkennt Katharina sich ohnehin wieder: Wird sich an ihm nun ihre eigene Jugend wiederholen?
Der Roman verfolgt eine hohe Geschwindigkeit, in dem Sinne, dass an diesem einen Tag eben alles geballt auf Katharina einprasselt, und behält bis zuletzt diese gemächliche Melancholie bei, in der Katharinas Gedanken immer wieder abschweifen, in der sie gedanklich immer wieder erörtert, wo sie nun eigentlich steht und was aus all ihren früheren Träumen und Lebenszielen geworden ist. Ist sie glücklich? Und sind Diejenigen, die Katharinas ehemalige Zukunftsvisionen für sich tatsächlich wahrgemacht haben, damit glücklich geworden? Ich mochte diese „was wäre, wenn“-Mutmaßungen und damit verbunden die immer klarer hervortretenden Erkenntnisse, dass auch in ihrem „Traumleben“ nicht alles eitel Sonnenschein gewesen wäre und das Nachdenken darüber, inwiefern sie bereit wäre, ihr jetziges Leben noch zu ändern bzw. zu tauschen.

Das Ende war mir zwar auch ein wenig zu drastisch; da platzte alles aus Katharina heraus, was sich so lange in ihr angestaut hatte und im Prinzip passte es zu ihren von Sorge, und auch Fürsorge, wiedergegebenen Gedanken, aber da dort nun Menschen anwesend waren, die ihr sehr nahe standen, fand ich es irritierend, dass von diesen niemand Katharina in jenen Momenten abschottete, sondern einfach alle ihren nervlichen Zusammenbruch lediglich begafften. Von daher fand ich den Schluss auch ein wenig erschreckend.

Generell bildet dieser kleine Einblick in Katharinas (Seelen)Leben aber in meinen Augen sehr schön ab, wie sich wohl die meisten Menschen an diesem Punkt fühlen würden und mit welchen Gedanken sie sich plagen, wenn sie auf Untersuchungsergebnisse warten bzw. Untersuchungen und medizinische Therapien, die über Tod und Leben mitentscheiden können, erst noch unmittelbar bevorstehen. Ich empfand „Sieh mich an“ als sehr eindrücklich, etwas philosophisch und definitiv auch nachdenklich machend. Toll!

Veröffentlicht am 20.07.2024

Plötzlich ohne Tochter, aber mit unbändiger Trauer

Mein drittes Leben
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In „Mein drittes Leben“ berichtet die verwaiste Mutter Linda, selbst erst knapp 40 Jahre alt, von dem krassen Einschnitt, den der Unfalltod ihrer 17jährigen Tochter Sonja für ihr Leben bedeutet hat, und ...

In „Mein drittes Leben“ berichtet die verwaiste Mutter Linda, selbst erst knapp 40 Jahre alt, von dem krassen Einschnitt, den der Unfalltod ihrer 17jährigen Tochter Sonja für ihr Leben bedeutet hat, und gibt zudem Einblick in ihr eigenes Aufwachsen bis hin zum Erwachsen- und vor Allem Mutterwerden ebenso wie in die gemeinsame Zeit mit ihrer Tochter; die drei titelgebenden Leben beziehen sich also auf erstens ihre kinderlose Zeit, zweitens die Zeit, in der ihre Tochter lebte und nun drittens diesen neuen Abschnitt nach dem Tod der Tochter.

Gleich zu Beginn wird man mit der räumlichen Trennung konfrontiert, die unlängst zwischen Linda und ihrem Mann Richard, Sonjas Vater, vollzogen wurde bzw. eher ausschließlich von Linda durchgeführt wurde, die – es lässt sich nicht anders umschreiben – in und mit all ihrer Trauer aus Leipzig aufs Land geflüchtet ist, wo sie sich zwar komplett von der Außenwelt zurückzuziehen versucht, aber mit der Zeit doch auch zarte Bande neuer Bekanntschaften knüpft. So erlebt man als Lesende*r mit, wie sich Linda von der stillen, trauernden Frau ohne jegliches Zeitgefühl, für die alle Tage gleich belanglos vorübergehen, zu einer Frau entwickelt, die, aufmerksam das Geschehen um sich herum beobachtend, langsam wieder zurück in ein aktives Leben kriecht.
Linda als Hauptfigur ist hierbei von der Autorin sehr multidimensional dargestellt, wobei ich immer noch nicht weiß, ob sie mir nun sympathisch ist. Eingangs fand ich sie eher anstrengend, da sie Richard nicht nur vorzuwerfen schien, dass er mit seiner Trauer völlig anders umging, ohne dass die Beiden sich je über ihren gemeinsamen Verlust unterhalten zu haben schienen; nein, als dessen zweite Frau gab sie zwischen den Zeilen doch auch freimütig zu, dass sie ihm von Anfang an übelgenommen hatte, dass er sich absolut innig um seine Kinder aus der ersten Ehe kümmerte, während er zugleich Zweifel hatte, ob Linda und er überhaupt ein gemeinsames Kind bekommen sollte, da er doch deutlich älter als sie war und er seine Familienplanung eigentlich schon als abgeschlossen betrachtet hatte. Richard, dessen erste Frau ihm gegenüber sogar gewalttätig geworden war und die sich kaum um ihre Kinder scherte, hatte sich mit Linda dafür auf eine Frau eingelassen, die zwar unbedingt eine Familie haben wollte, der es aber auch viel wichtiger zu sein schien, selbst Kinder zu gebären, anstelle Richards Kinder zumindest als ihre Stiefkinder anzuerkennen und eine echte Bindung zu diesen aufzubauen: Insgesamt hatte ich da nach der anfänglichen Lektüre einer die ersten 57 Seiten umfassenden Leseprobe bereits den Eindruck einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Verbindung; auch nach dem Auslesen des kompletten Buchs glaube ich nicht an ein mögliches Funktionieren des Paares Linda/Richard, das für mich im Rahmen einer Freundschaft dauerhaft funktionieren könnte, aber für mich auf romantischer Ebene schon von ihrem Kennenlernen an nie mehr als eine Art Zweckgemeinschaft hatte sein können.

In dieser Erzählung, in der sich Linda von allen, auch von ihm, distanziert hat, stellt sich Richard zügig als jemand heraus, der die Liebe und die Intimität einer Partnerschaft vermisst, und sich da bereits neu zu orientieren begonnen hat, wobei die von ihm ins Auge gefasste Dame auch ständig so beschrieben wird, dass allzu offensichtlich ist, dass Richard zu Beziehungen neigt, die ihm zumindest auf Dauer nicht guttun, so dass „Mein drittes Leben“ zwar ganz unterschwellig immer fragte, ob Linda und Richard letztlich wieder zusammenfinden könnten, mich aber immer „besser nicht“ denken ließ.

„Mein drittes Leben“ ist insgesamt ein sehr ruhiges Buch, ähnlich wie es eben auch Linda ist; der Roman gleicht einem an den Rändern ins Expressionistische aufbrechenden Stillleben; und es macht im Verlauf nicht nur Linda weiter nachdenklich, der sich Stück um Stück die sonstigen Tragödien „zerbröselnder“ Menschen um sich herum enthüllen. Nimmt sie es Anderen zu Beginn noch übel, dass deren Kinder leben und diese sich „freuen“, dass keines ihrer Kinder verunglückt ist, bemerkt sie zum Einen immer mehr Leid, das ihr hingegen erspart blieb, was Betroffene umgekehrt ihr ebenso vorhalten könnten und muss zum Anderen auch erkennen, dass grade neue Bekanntschaften weder Ahnung davon haben, dass sie ein Kind verloren hat, noch dass sie weiß, ob diese Menschen nicht doch auch schon Ähnliches bis Gleiches erlebt haben.
Das Leid-Thema ist hier ein sehr großes: steckt dahinter ein Sinn, müssen wir Leid erleben, müssen wir alle einen Umgang damit erlernen, soll persönliches Leid uns etwas lehren? Wie viel bedeutet uns das Leben noch, wenn ihm das uns Bedeutsamste genommen wird; können wir ihm je wieder Bedeutung geben, es ausfüllen, oder ist diese Lücke ein Schwarzes Loch, vor dem uns nichts bewahren kann und dessen Ränder wir nicht sichern können?

Mich hat es sehr berührt, grade dass letztlich auch die Lebenswirklichkeiten anderer Figuren gespiegelt wurden und aufgezeigt, dass doch auch alle ein Päckchen zu tragen haben; ich glaube, das vergisst man in eigene Trauer versunken sehr schnell, ebenso wie das nicht jeder dieselbe Art der Trauer durchlebt, selbst wenn man vom selben Trauerfall betroffen ist, und das wurde hier meiner Meinung nach sehr gut aufgezeigt.
„Mein drittes Leben“ habe ich als sehr eindrückliche Lektüre empfunden, aber allen, die grad selbst noch akut in einem Loch, ob größer oder auch kleiner, stecken, würde ich dann doch noch dazu raten, mit dem Lesen dieses Romans erst dann zu beginnen, wenn das Licht am Ende des Tunnels zumindest schon ganz deutlich zu erkennen ist. Es ist halt einfach keine aufheiternde, oder gar fröhliche, Lektüre, sondern letztlich immer noch die traurige Geschichte einer Mutter, deren Teenie-Tochter tödlich verunglückt ist.

Veröffentlicht am 01.09.2023

Was ihre Mutter ihr mitgegeben hat...

Paradise Garden
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Die in diesem Roman erzählte Geschichte mündet in den nachdenklichsten Roadtrip, von dem ich je gelesen habe: Als Roadnovel würde ich „Paradise Garden“ nicht bezeichnen, da er sich über weite Strecken ...

Die in diesem Roman erzählte Geschichte mündet in den nachdenklichsten Roadtrip, von dem ich je gelesen habe: Als Roadnovel würde ich „Paradise Garden“ nicht bezeichnen, da er sich über weite Strecken im Wohnblock abspielt, in dem die Jugendliche Billie den Großteil ihres Lebens; jenen, an den sie sich klar erinnern kann; gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden Mutter verbracht hat, wobei sie dieses diffuse Gefühl hat, als Kleinkind zunächst mit ihrer Mutter am Meer gelebt zu haben, was von ihrer Mutter ebenso abgetan wird wie genauere Nachfragen bzgl. ihres Vaters.
Trotz ihrer Armut haben ihre Mutter und Billie es gemeistert, mit dem wenigen Geld auszukommen, und ihren Alltag nicht von den Geldsorgen beherrschen zu lassen, doch ihr Leben wird auf die Probe gestellt, als ihre Billie fremde Großmutter aus Ungarn anreist und erschüttert auf die Verhältnisse, in der Tochter und Enkelin leben, reagiert. Hier zeigen sich zudem deutliche Unterschiede zwischen den beiden Mutter-Tochter-Beziehungen, denn während Billie und ihre Mutter sehr innig miteinander sind, ist der Umgang zwischen ihrer Mutter und ihrer Oma eher befremdlich.
Kurz nachdem ihre Mutter plötzlich verstirbt (kein Spoiler; deren Tod ist nicht nur aus der Buchbeschreibung zu erahnen, sondern wird bereits während der ersten Seiten angesprochen), weiß Billie in ihrer Überforderung nicht wohin und kurzerhand haut sie mit dem klapprigen Auto ihrer Mutter und einer kleinen Kiste voller deren Erinnerungsstücke, ab, um nicht nur die Geschichte ihrer Eltern, sondern auch sich, zu finden.

„Paradise Garden“, aus der Sicht Billies erzählt, ist ein sehr berührender Roman, dem man Billies Hilflosigkeit und Verzweiflung nach dem Tod der Mutter regelrecht anmerkt (ich habe während des Lesens auch mehrfach in Betracht gezogen, dass es schließlich einen krassen Mindf***-Plottwist geben könnte, bei dem sich herausstellen würde, dass Billie selbst bereits tot wäre und aus einer Zwischenwelt heraus berichtete); da fand ich es ferner erschreckend, dass ein 14jähriges Mädchen derart wenig Unterstützung erfuhr, nachdem ihre Mutter starb. Die Betreuung, die man ihr zuteilwerden ließ, war da eher rein logistisch; aber auch unterwegs reagierten die Leute, die Billie später mitunter doch ansprachen, da sie als offensichtlich Minderjährige alleine unterwegs war, eher nachlässig und gaben sich bereits mit halbgaren Erklärungen zufrieden – das ließ mich doch überlegen, ob sich das Gros unserer älteren Gesellschaft wirklich dermaßen wenig um die jüngeren Generationen schert. Würde ich noch so gerne glauben, dass Billies Ausreißertum hier zu unrealistisch dargestellt ist: jugendliche Obdachlose in den Städten sprechen doch dafür, dass tatsächlich eventuelle Suchaktionen häufig versanden oder diese Menschen allzu leicht aufgegeben werden.
Da bleibt als Trost nur, dass Billie letztlich doch ein wenig mehr ihrer Familiengeschichte aufzudecken vermag; dennoch bildet „Paradise Garden“ eher eine zeitweilige Aufnahme ab, an dessen Ende unter Anderem einfach nur wieder die Hoffnung (auf ein, in diverser Hinsicht, reicheres Leben) steht, die Billie und ihre Mutter immer verbunden hatte. Aber die Melancholie blieb immer und in diesem Fall habe ich es ferner von Anfang an vorgezogen, den Roman nicht am Stück, sondern Stück für Stück, zu lesen und die Geschichte immer etwas mehr sacken zu lassen.

Veröffentlicht am 28.08.2023

Überzeugend

Heartbreak
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In diesem Roman laufen die Geschichten der unter Angstzuständen leidenden Marie, die nach einem Jahr urplötzlich von ihrem Freund geghostet worden ist, und des als Schauspieler durchstartenden Newcomer ...

In diesem Roman laufen die Geschichten der unter Angstzuständen leidenden Marie, die nach einem Jahr urplötzlich von ihrem Freund geghostet worden ist, und des als Schauspieler durchstartenden Newcomer Tom, der sich aber vielmehr als Sänger sieht und zunächst damit hadert, dass er jetzt doch eher als Mime wahrgenommen wird, spitz aufeinander zu, ehe sie quasi zu einer gemeinsamen Geschichte werden, nachdem Tom als Sündenbock in eine Ecke gedrängt worden war, in der er mit dem Hass einer ganzen Nation überschüttet wird: Ein wenig ist die Begegnung der beiden Hauptfiguren hier also ein Treffen der Alleingelassenen, die gestern noch geliebt wurden und denen heute ganz andere Gefühle entgegengebracht werden. (Okay, Marie wird eher gar nix mehr entgegengebracht.)

Mich hat „Heartbreak“ zu Beginn direkt eingesogen, da sowohl Marie als auch Tom recht deutlich gezeichnet wurden und ich den Eindruck erhielt, dass der Inhalt stark aufs Psychologische bezogen sein würde; tatsächlich wurden grade eingangs Verhaltensweisen und Empfindungen auch sehr stark reflektiert; Maries Ratlosigkeit angesichts des Sitzengelassenwordenseins sowie Toms Zerrissenheit und seine Schwierigkeiten bzgl. des Umgangs mit seinem Ruhm kamen da sehr deutlich rüber. Ab dem ersten Aufeinandertreffen der Beiden verlief sich dies aber leider doch und zwar nicht (nur) insofern als dass sich beide gegenseitig herausgefordert oder auch unterstützt hätten, sondern die Geschichte wurde ab da einfach oberflächlicher, so dass ich letztlich zwischen den Stühlen sitze, denn insgesamt hat mir „Heartbreak“ sehr gut gefallen, aber als 5-Sterne-Lektüre würde ich den Roman rein dieses Abflachens wegen nicht bezeichnen, wohingegen er mir für eine 4-Sterne-Wertung eigentlich zu viel bietet.

Den Erzählstil fand ich toll, die tiefgründigeren oder einfach nur ernsteren Szenen waren nie zu lässig dargestellt, ohne dass sich der Roman insgesamt nicht doch leichtfüßig gelesen haben ließ. Bislang für mich doch eines der diesjährigen Highlights und müsste ich den Roman als Reise beschreiben, dann wie folgt: Ein wenig wie ein Roadtrip einer zufälligen Fahrgemeinschaft, die Gemeinsamkeiten untereinander aufdeckt und zu einem Team wird.

Veröffentlicht am 19.08.2023

Irgendwo teilt jemand deine Sorgen. Vielleicht schon direkt neben dir.

Irgendwo wartet das Leben
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Am Ende der 10. Klasse wurde den daran Interessierten unserer Stufe eine Art dreitägiges Selbstfindungsseminar angeboten, zu dem sich kaum 15 Leute anmeldeten, worunter sich zu meiner anfänglichen Überraschung ...

Am Ende der 10. Klasse wurde den daran Interessierten unserer Stufe eine Art dreitägiges Selbstfindungsseminar angeboten, zu dem sich kaum 15 Leute anmeldeten, worunter sich zu meiner anfänglichen Überraschung aber auch (generell war es eine sehr unerwartete, und erstaunlicherweise absolut cliquenfreie, Mischung an Teilnehmenden) gar die zwei "obercoolsten" Jungs unserer Stufe befanden, die, denen nichts etwas anhaben konnte, die, denen alles zuflog bzw. zugeflogen wurde, die, für die es immer perfekt lief... die, die doch bestimmt nur mitfuhren, um sich darüber (und wahrscheinlich über uns anderen Teilnehmenden) lustigmachen zu können. Pustekuchen: Beide waren von Anfang an, wie alle Anderen, absolut begeistert und sehr ernst mit von der Partie, waren ferner allen (und zugegeben teils wirklich albern anmutenden) Übungen gegenüber sehr aufgeschlossen und bemühten sich sogar, diverse Entspannungsübungen noch zu modifizieren und ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich, als wir Vertrauensübungen durchführten, verwundert war, dass generell die Lässigsten unter uns, die sonst doch keine Gefahr scheuten, dort die meisten Probleme damit zu haben schienen, sich auf die Anderen zu verlassen: die Dynamik während dieser drei Tage war da sehr wechselhaft und während einer Gesprächsrunde, in der es um Träume und vor Allem auch Ängste ging, brach es aus unserem absolut coolsten Obercoolen als Erstes heraus und plötzlich war da alles anders, nachdem jeder von uns offenbarte, womit er am Meisten haderte: Das war definitiv der Moment, in dem uns ALLEN klar wurde, dass wir zwar alle unterschiedlich, aber doch ziemlich gleich waren, dass wir uns vielfach mit denselben Sorgen rumschlugen, die aber häufig für uns behielten, um nicht zu riskieren, dass die Anderen schlecht von uns denken könnten, weil sich zum Beispiel längst erfolgreich eingeredet wurde, dass man den prügelnden Vater, den saufenden Vater, die tote Mutter, das Mobbing durch diese eine Clique in der Nachbarschaft etc. eben einfach ganz bestimmt verdient habe oder dass man im Gegenteil keine Selbstzweifel haben und keinen Druck verspüren dürfte, weil man immerhin aus dieser hochangesehenen, schwerreichen Familie stammte und als Millionärssohn könne es einem ja nur gut gehen - und dass es uns allen die Pubertät derbe erleichtert haben würde, hätten wir uns schon zu Beginn der Mittelstufe, oder wenigstens währenddessen, zusammengesetzt und diese Unterhaltungen geführt.

"Irgendwo wartet das Leben" hat mich sehr an diese drei Tage erinnert, nicht nur, weil die darin beschriebene Schulklasse ähnlich "groß" wie unsere damalige Gruppierung ist, sondern weil dort abwechselnd einige der Schüler
innen fokussiert werden und diese dort jeweils ihre eigenen Gedanken und Empfindungen beschreiben und dort ebenso klar wird, dass sie alle doch auch ihre Probleme haben, selbst wenn niemand sonst diese (dort) sieht, wie z.B. der Schüler, dessen Vorname zu einem eher abschätzigen Spitznamen verballhornt wird und der es gemäß der Anderen "doch gewöhnt ist, dass er so genannt wird; dem macht das nichts aus" und der sich dadurch aber eben doch getroffen fühlt und lieber beim echten Vornamen genannt werden möchte.
Orchid Mason ist als Neue in diesem Fall diejenige, die, die Dynamiken herausfordert und die Schüler*innen animiert, zu sich zu stehen anstatt sich unbedingt einfügen zu wollen und auch anzusprechen, was einen bewegt und was einem womöglich eben auch wehtut und sie zudem dazu bringt, sich gegenseitig Komplimente zu machen und zu äußern, was man (ggf. auch völlig Unerwartetes) an den Anderen schätzt - auch da erkannten Einige, dass sie eine ganz andere Außenwirkung haben als sie glaubten.
Es ist ein sehr psychologisches Buch: viel echtes Geschehen im Sinne von Abenteuer und Spannung gibt es da nicht und auch wenn die Kurzbeschreibung recht "magisch" angehaucht ist, so hat der Inhalt rein absolut gar nichts mit Fantasy zu tun. Dies ist ein ganz simpler zeitgenössischer Roman, der mir als Erwachsene sehr gut gefallen hat und der mir als 12Jährige Mut gemacht hätte, meine Perspektiven Anderer zu hinterfragen und daran zu glauben, dass niemand von uns frei von Sorgen, geschweige denn Macken und Eigenarten, war.
Das ist einer der Jugendromane, die zum Reflektieren einladen und angesichts seiner nachdenklichen Art sehe ich die Altersempfehlung "ab 11" auch als ganz gut getroffen an. Ich hatte zunächst überlegt, dass dies ein Buch für meine 9jährige Nichte sein könnte, die eine echte Leseratte ist und sich auch schon Bücher aus dem Regal genommen hat, die bei uns zur Schullektüre der 7. Klasse gehörten, und prompt in deren Inhalt versank, aber jene erzählten alle "wildere" Geschichten und an sich denke ich weiterhin, dass "Irgendwo wartet das Leben" sie durchaus ansprechen könnte; der Schreibstil ist toll und die jeweiligen Kapitel übrigens megakurz (also ideal, um Kinder, die noch lesen üben sollen, dazu zu bringen, "nur ein Kapitel zu lesen" ohne dass die Kinder an ihre Frustrationsgrenzen geraten); aber noch nicht jetzt. Dafür halte ich sie dann doch noch zu unstet, wobei ich einer introvertierteren, absolut schüchternen und vor Allem gedankenversunkeneren Version von ihr dieses Buch ohne zu zögern sofort in die Hand drücken würde. So werde ich es aber erst noch 1-3 Jahre beiseitelegen.