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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.08.2023

Ein kurzweiliger gut unterhaltender Krimi

Schwarzvogel
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Beworben wird der Krimi als „Nr. 1 Bestseller aus Schweden“. So ganz kann das Buch aber nicht mithalten mit all den nordischen Hochkarätern.
Die Story beginnt nordisch düster. Eine Frau wird auf einen ...

Beworben wird der Krimi als „Nr. 1 Bestseller aus Schweden“. So ganz kann das Buch aber nicht mithalten mit all den nordischen Hochkarätern.
Die Story beginnt nordisch düster. Eine Frau wird auf einen halb zugefrorenen See getrieben und ertrinkt dort. Ausgerechnet Fredrikas Großmutter muss dies mit ansehen. Und Fredrika – gerade frisch zurück in der Heimat – übernimmt den Fall. Zur Seite wird ihr der eher eigenbrötlerische und dabei sehr sympathische Henry gestellt. Gemeinsam beginnen sie das Leben der verstorbenen Frau zu erkunden und stoßen dabei auf viele verheimlichte alte Geschichten. Und immer ist Fredrikas Familie involviert. Bei so vielen Verbindungen sollte man meinen, dass ein Ermittler eigentlich vom Fall abgezogen werden sollte. In diesem Buch wird die Familienverbundenheit als Stilmittel genutzt. Fredrika ist ohnehin voller Fragen zu ihrer eigenen Vergangenheit. Diese überlagern sich mit den Untersuchungen zum Fall. Und so geht es munter durcheinander.
Die zentralen Charaktere sind sympathisch beschrieben und haben Entwicklungspotenzial. Man merkt deutlich, dass sie auf eine längere Reihe angelegt sind. Der Rest des Ermittlerteams bleibt noch ein bisschen blass. Und warum, bitte, muss der Chef so als Depp hingestellt werden?
Sprachlich könnte manches – gerade kritische Wortwechsel - noch etwas ausgefeilter erzählt werden. Die eher kurzen Kapitel haben dazu geführt, dass ich voller Neugierde das nächste auch gleich noch mitgelesen habe. In Summe war es ein kurzweiliger gut unterhaltender Krimi.

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Veröffentlicht am 22.07.2023

Wenn Gedanken kreisen

Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
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Wie wird es wohl werden, wenn die Zwillinge ausziehen? Wo zieht es die Protagonistin selbst hin? Was kann sie sich überhaupt leisten? WAS WIRD AUS DER FAMILIENWOHNUNG?
Um diese Fragen kreist die unbekannte ...

Wie wird es wohl werden, wenn die Zwillinge ausziehen? Wo zieht es die Protagonistin selbst hin? Was kann sie sich überhaupt leisten? WAS WIRD AUS DER FAMILIENWOHNUNG?
Um diese Fragen kreist die unbekannte Ich-Erzählerin in kurzen Kapiteln. Sie zieht in sprunghaften Gedanken und Erinnerungen durch ihr Leben. Erinnerst sich an die eigene Jugend und hinterfragt ihr Selbstbild (War sie wirklich das ungeliebte Kind zwischen all den Zwillingen). Überdenkt, was ihr für die Zukunft wichtig ist und begleitet die Kinder dabei beim endgültigen selbständig werden. Ja, es ist ein Fazit zum Zeitpunkt der Lebensmitte. Mit allen zugehörigen Sorgen und Bedenken. In vielen Fragen kann ich mich wiederfinden. Und dennoch werde ich nicht warm mit der Protagonistin. Zu sehr kreist sie um sich selbst, die Wohnung, ums immerwiederkehrend materielle: Familienwohnung, Werkstatt, Häuschen auf dem Land. Da wird sich doch eine Lösung finden??? Und gleichzeitig verstehe ich dieses rastlose Gedanken machen um die Zukunft.
Sprachlich gefällt mir das Buch sehr gut. Doris Knecht beobachtet genau, schreibt manchmal sehr detailliert und löst das dann durch einen Satz auf, der vor trockenem Humor nur so strotzt.
Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wieviel Ich der Autorin im Buch steckt. Die Parallelen haben mich lange verwirrt. Und so lege ich das Buch am Ende etwas ratlos aus der Hand…

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Veröffentlicht am 30.04.2023

Regt zum Nachdenken an

Die spürst du nicht
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Der ungewohnte Schreibstil fesselt sofort. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte wie ein neutraler Beobachter. Anonyme Pressetexte und Postings bilden eine weitere externe Erzählperspektive. Dadurch ...

Der ungewohnte Schreibstil fesselt sofort. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte wie ein neutraler Beobachter. Anonyme Pressetexte und Postings bilden eine weitere externe Erzählperspektive. Dadurch kommt man den handelnden Personen nicht wirklich nah, ist aber um so mehr angeregt, über sie nachzudenken.
Da fahren zwei Familien in den Urlaub und nehmen (warum eigentlich?) eine Mitschülerin der Tochter mit. Diese ist ein somalisches Flüchtlingskind, bisher wenig integriert und sehr zurückhaltend, nicht spürbar geradezu. Es ist kein gemeinsamer Urlaub, sondern jeder lebt in seiner eigenen Welt. Schnell kommt es zur Katastrophe. Und wenn man denkt, diese wird nun gemeinsam verarbeitet, irrt man sich gewaltig. Auch hier bleibt jeder für sich allein. Die Erwachsenen quält überwiegend die Frage, wie man ungeschoren aus der Situation herauskommt. Die Kinder werden komplett sich selbst überlassen. Insbesondere die Tochter driftet ins Internet ab und sucht dort nach Trost und Verständnis. Daniel Glattauer zeichnet hier ein schonungsloses Gesellschaftsbild. Vordergründig muss alles picobello sein, im Hintergrund spielen sich die wahren Katastrophen ab. Im Netz wird dazu fleißig kommentiert, jeder traut sich ein Urteil über den anderen zu.
Es ist dem Autor ein Anliegen, die Geschichten dahinter zu erzählen. Das Ende des Buchs ist geprägt vom Leben der somalischen Flüchtlingsfamilie. Sie werden sichtbar und spürbar gemacht, entanonymisiert geradezu.
Während mich am Anfang der ungewöhnliche Stil gefesselt und das Handeln der Familien sehr zum Nachdenken über unser Leben im hier und jetzt gebracht hat, war mir das Ende des Buches zu sehr „mit dem Holzhammer“ erzählt. Da hätte ich mir mehr von der Feinsinnigkeit des Beginns gewünscht, denn die Botschaft ist ohnehin mehr als deutlich.

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Über die Herausforderung, sich selbst zu sehen

Mit anderen Augen
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Tilda wird unsichtbar! Mit Entsetzen stellt sie fest, dass Teile ihres Körpers nicht mehr sichtbar sind. „Unsichtbarkeit“ heißt die Diagnose ihrer Ärztin. Trifft meistens Frauen, üblicherweise ab 50 und ...

Tilda wird unsichtbar! Mit Entsetzen stellt sie fest, dass Teile ihres Körpers nicht mehr sichtbar sind. „Unsichtbarkeit“ heißt die Diagnose ihrer Ärztin. Trifft meistens Frauen, üblicherweise ab 50 und ist nicht wirklich gut erforscht. Was für eine brillante Idee der Autorin Jane Tara, dieses Gefühl der Unsichtbarkeit Realität werden zu lassen. Wie gekonnt sie gleichzeitig das dringliche Thema gender health gap anspricht! Der Einstieg ins Buch ist begeisternd. Die Charaktere sind toll gezeichnet und ich fühle Tildas Verzweiflung.

Auf Anraten einer Therapeutin setzt sich Tilda mit PAULA auseinander, ihrem Programm aller unhinterfragten Langzeitmechanismen. Dies ist schmerzhaft, aber auch klärend und zu Beginn hervorragend beschrieben. Leider entwickelt sich das Buch in dieser Phase zunehmend zu einem Selbsthilferatgeber. Es wird immer plakativer, wellbeing-Sprüche werden auf fast jeder Seite eingestreut.

Nie hätte ich zu Beginn des Buchs gedacht, dass ich am Ende dann froh bin, es ausgelesen zu haben. Wie kann sich eine Geschichte so wandeln? Was so eindrücklich beginnt, was mir eine großartige PAULA zum Nachdenken mitgab, wird nun eine einzige Werbebroschüre für Meditation (nichts spricht dagegen, dass die Autorin ihre Leidenschaft teilt, aber doch bitte nicht so einseitig und wunderheilend). So schade! Die am Anfang stark besetzten Charaktere der Freundinnen sind nur noch stille Bewunderer. Was hätte ich mir gewünscht, dass das Wiederfinden der eigenen Werte und Identität Tildas in einer realistischen Welt stattfindet. In der sie nachhaltig spüren kann, dass ihre Wertschätzung für sich selbst auch in schwierigen Situationen hält.

Trotz aller Kritik ist es ein lesenswertes Buch, dessen Idee ich einfach großartig finde.

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Veröffentlicht am 24.02.2021

Komplexe Familiengeschichte mit vielen Geheimnissen

Die vier Gezeiten
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Wir tauchen tief ein in das Familienleben der Kießlings. Dieses ist von Geheimnissen und Verschweigen geprägt, das immer mehr Verschwiegenheit nach sich zieht.
Da ist Johanne, Matriarchin, die stets alle ...

Wir tauchen tief ein in das Familienleben der Kießlings. Dieses ist von Geheimnissen und Verschweigen geprägt, das immer mehr Verschwiegenheit nach sich zieht.
Da ist Johanne, Matriarchin, die stets alle Fäden in der Hand hielt und nun demenzbedingt oft in ihrer eigenen Welt verharrt. Doch hin und wieder tauchen Erinnerungen auf. Und das sind nicht nur gute: aus dem Osten nach dem 2. Weltkrieg geflüchtet, große Lieben und ein Kind verloren. Das hat sie scheinbar sehr hart gemacht. Anders ihre Tochter Adda, die wiederum ihren Kindern so viel Liebe wie möglich geben will. Aber das Schicksal der Frauen in der Familie lastet auch auf ihr. Und sie türmt auf die bestehenden Geheimnisse weitere auf.
Beide Frauen versuchen, das Beste für ihre Familien zu geben, entfremden sich dabei und gehen im Laufe der Geschichte wieder aufeinander zu. Dieses sich langsam annähern und verstehen ist ein ganz starker, berührender Teil des Buches.
In dieser ganzen Gemengelage taucht wie aus dem nichts Helen auf. Sie ist Adda wie aus dem Gesicht geschnitten und sucht ihre leibliche Mutter. Durch ihr beharrliches Fragen bringt sie viele Steine ins Rollen und schließlich die Wahrheit ans Licht.
Für den Leser passiert dies in vielen Zeitsprüngen, ausführlichen Lebensbeschreibungen und zur jeweiligen Zeit passenden (lokal-)politischen Themen. Die Zeitsprünge erfordern Konzentration beim Lesen, beflügeln aber auch die Fantasie. Die politischen Themen nehmen für mich ein bisschen zu viel Raum ein, zumal sie auch nicht immer direkt mit der Geschichte zu tun haben. Auch das gesamte Familienkonstrukt ist unnötig kompliziert aufgebaut. Ich hätte mir ein paar weniger Figuren gewünscht, dafür die direkt handelnden etwas stimmiger und ausgereifter.
Es ist dennoch ein unterhaltsamer Roman, der in eine inzwischen fast vergessene Zeit entführt.

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