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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.07.2023

Wenn Gedanken kreisen

Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
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Wie wird es wohl werden, wenn die Zwillinge ausziehen? Wo zieht es die Protagonistin selbst hin? Was kann sie sich überhaupt leisten? WAS WIRD AUS DER FAMILIENWOHNUNG?
Um diese Fragen kreist die unbekannte ...

Wie wird es wohl werden, wenn die Zwillinge ausziehen? Wo zieht es die Protagonistin selbst hin? Was kann sie sich überhaupt leisten? WAS WIRD AUS DER FAMILIENWOHNUNG?
Um diese Fragen kreist die unbekannte Ich-Erzählerin in kurzen Kapiteln. Sie zieht in sprunghaften Gedanken und Erinnerungen durch ihr Leben. Erinnerst sich an die eigene Jugend und hinterfragt ihr Selbstbild (War sie wirklich das ungeliebte Kind zwischen all den Zwillingen). Überdenkt, was ihr für die Zukunft wichtig ist und begleitet die Kinder dabei beim endgültigen selbständig werden. Ja, es ist ein Fazit zum Zeitpunkt der Lebensmitte. Mit allen zugehörigen Sorgen und Bedenken. In vielen Fragen kann ich mich wiederfinden. Und dennoch werde ich nicht warm mit der Protagonistin. Zu sehr kreist sie um sich selbst, die Wohnung, ums immerwiederkehrend materielle: Familienwohnung, Werkstatt, Häuschen auf dem Land. Da wird sich doch eine Lösung finden??? Und gleichzeitig verstehe ich dieses rastlose Gedanken machen um die Zukunft.
Sprachlich gefällt mir das Buch sehr gut. Doris Knecht beobachtet genau, schreibt manchmal sehr detailliert und löst das dann durch einen Satz auf, der vor trockenem Humor nur so strotzt.
Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wieviel Ich der Autorin im Buch steckt. Die Parallelen haben mich lange verwirrt. Und so lege ich das Buch am Ende etwas ratlos aus der Hand…

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Veröffentlicht am 30.04.2023

Regt zum Nachdenken an

Die spürst du nicht
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Der ungewohnte Schreibstil fesselt sofort. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte wie ein neutraler Beobachter. Anonyme Pressetexte und Postings bilden eine weitere externe Erzählperspektive. Dadurch ...

Der ungewohnte Schreibstil fesselt sofort. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte wie ein neutraler Beobachter. Anonyme Pressetexte und Postings bilden eine weitere externe Erzählperspektive. Dadurch kommt man den handelnden Personen nicht wirklich nah, ist aber um so mehr angeregt, über sie nachzudenken.
Da fahren zwei Familien in den Urlaub und nehmen (warum eigentlich?) eine Mitschülerin der Tochter mit. Diese ist ein somalisches Flüchtlingskind, bisher wenig integriert und sehr zurückhaltend, nicht spürbar geradezu. Es ist kein gemeinsamer Urlaub, sondern jeder lebt in seiner eigenen Welt. Schnell kommt es zur Katastrophe. Und wenn man denkt, diese wird nun gemeinsam verarbeitet, irrt man sich gewaltig. Auch hier bleibt jeder für sich allein. Die Erwachsenen quält überwiegend die Frage, wie man ungeschoren aus der Situation herauskommt. Die Kinder werden komplett sich selbst überlassen. Insbesondere die Tochter driftet ins Internet ab und sucht dort nach Trost und Verständnis. Daniel Glattauer zeichnet hier ein schonungsloses Gesellschaftsbild. Vordergründig muss alles picobello sein, im Hintergrund spielen sich die wahren Katastrophen ab. Im Netz wird dazu fleißig kommentiert, jeder traut sich ein Urteil über den anderen zu.
Es ist dem Autor ein Anliegen, die Geschichten dahinter zu erzählen. Das Ende des Buchs ist geprägt vom Leben der somalischen Flüchtlingsfamilie. Sie werden sichtbar und spürbar gemacht, entanonymisiert geradezu.
Während mich am Anfang der ungewöhnliche Stil gefesselt und das Handeln der Familien sehr zum Nachdenken über unser Leben im hier und jetzt gebracht hat, war mir das Ende des Buches zu sehr „mit dem Holzhammer“ erzählt. Da hätte ich mir mehr von der Feinsinnigkeit des Beginns gewünscht, denn die Botschaft ist ohnehin mehr als deutlich.

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Veröffentlicht am 24.02.2021

Komplexe Familiengeschichte mit vielen Geheimnissen

Die vier Gezeiten
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Wir tauchen tief ein in das Familienleben der Kießlings. Dieses ist von Geheimnissen und Verschweigen geprägt, das immer mehr Verschwiegenheit nach sich zieht.
Da ist Johanne, Matriarchin, die stets alle ...

Wir tauchen tief ein in das Familienleben der Kießlings. Dieses ist von Geheimnissen und Verschweigen geprägt, das immer mehr Verschwiegenheit nach sich zieht.
Da ist Johanne, Matriarchin, die stets alle Fäden in der Hand hielt und nun demenzbedingt oft in ihrer eigenen Welt verharrt. Doch hin und wieder tauchen Erinnerungen auf. Und das sind nicht nur gute: aus dem Osten nach dem 2. Weltkrieg geflüchtet, große Lieben und ein Kind verloren. Das hat sie scheinbar sehr hart gemacht. Anders ihre Tochter Adda, die wiederum ihren Kindern so viel Liebe wie möglich geben will. Aber das Schicksal der Frauen in der Familie lastet auch auf ihr. Und sie türmt auf die bestehenden Geheimnisse weitere auf.
Beide Frauen versuchen, das Beste für ihre Familien zu geben, entfremden sich dabei und gehen im Laufe der Geschichte wieder aufeinander zu. Dieses sich langsam annähern und verstehen ist ein ganz starker, berührender Teil des Buches.
In dieser ganzen Gemengelage taucht wie aus dem nichts Helen auf. Sie ist Adda wie aus dem Gesicht geschnitten und sucht ihre leibliche Mutter. Durch ihr beharrliches Fragen bringt sie viele Steine ins Rollen und schließlich die Wahrheit ans Licht.
Für den Leser passiert dies in vielen Zeitsprüngen, ausführlichen Lebensbeschreibungen und zur jeweiligen Zeit passenden (lokal-)politischen Themen. Die Zeitsprünge erfordern Konzentration beim Lesen, beflügeln aber auch die Fantasie. Die politischen Themen nehmen für mich ein bisschen zu viel Raum ein, zumal sie auch nicht immer direkt mit der Geschichte zu tun haben. Auch das gesamte Familienkonstrukt ist unnötig kompliziert aufgebaut. Ich hätte mir ein paar weniger Figuren gewünscht, dafür die direkt handelnden etwas stimmiger und ausgereifter.
Es ist dennoch ein unterhaltsamer Roman, der in eine inzwischen fast vergessene Zeit entführt.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Nicht ganz rund

Nordwindworte
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Mila kehrt nach einer enttäuschenden Beziehung zurück nach Ostfriesland, wo sie aufgewachsen ist und ihre Familie immer noch lebt. Sie übernimmt kurzerhand den Buchladen ihres Vaters und wird direkt ins ...

Mila kehrt nach einer enttäuschenden Beziehung zurück nach Ostfriesland, wo sie aufgewachsen ist und ihre Familie immer noch lebt. Sie übernimmt kurzerhand den Buchladen ihres Vaters und wird direkt ins heimische Leben integriert. Ein Buchsommer ist geplant, der ihre Mitwirkung erfordert und dann ist da noch dieser ominöse Filmdreh, von dem sie sich als Buchliebhaberin irgendwie bedroht fühlt.
Diese Bedrohung nimmt unglaublich viel Raum ein und wirkt für mich irgendwie künstlich erhöht.

Ja, Mila wird von der Hauptdarstellerin des Films gedemütigt und ja, es droht die kurze Sperrung der Straße vor ihrem Laden. Aber das ist dann doch zu wenig Geschichte für ein ganzes Buch. Zumal Mila irgendwie überhaupt nichts unternimmt, um die Bedrohungen zu relativieren, sondern nur abwartet, wie das Kaninchen vor der Schlange. Gleichzeitig wuppt sie alles: Freunde, Buchladen, Laientheater, Buchsommer, schließlich sogar die Unterstützung der Filmcrew und ihre Liebesgeschichte. Da schlägt bei mir ein Realitätsradar an, dass ich leider beim Lesen nicht mehr abschalten kann.

Schade, denn die Figuren sind einfach richtig nett. Und die Liebesgeschichte ist feinfühlig geschrieben. Auch die Szenerie rund um Emden macht Lust, sofort den Norden zu besuchen und vor allem im schön skizzierten Buchladen zu schmökern. Dieser ist so einladend, wie ich es mir von der ganzen Geschichte gewünscht hätte.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Zermürbt mich ebenso wie die Protagonistin

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Was für ein tolles Cover – frühlingshaft, farbenfroh, inspirierend. Die Frau auf dem Cover scheint ein bisschen in ihrer Umwelt zu verschwinden. Das weckt meine Erwartungen an das Buch. Ich vermute, es ...

Was für ein tolles Cover – frühlingshaft, farbenfroh, inspirierend. Die Frau auf dem Cover scheint ein bisschen in ihrer Umwelt zu verschwinden. Das weckt meine Erwartungen an das Buch. Ich vermute, es geht um Suche nach Identität – wie gelingt es mir, wieder ich selbst zu sein? Es geht vielleicht auch um Zukunftsgestaltung, um Pläne, um Klarheit.

Die Erwartungen werden erfüllt- einerseits. Doch andererseits erreicht mich das Buch leider überhaupt nicht. Liegt es an der Protagonistin, die mir fernbleibt? Liegt es an der Sprache, die gleichzeitig verschachtelt, grob und klar ist? Zu vieles ist mir Rückbetrachtung, zu wenig gelingt der Blick nach vorn, den ich mir anhand des Titels gewünscht hätte.

Erika, Mitte 60, wird von ihrem Mann betrogen. Seit 1½ Jahren schon. Sie ist schockiert, blockiert und verzweifelt. Wollte sie doch mit ihrem Mann alt werden, auch wenn die Ehe schon immer mit Problemen behaftet war. Vielleicht weil sie selbst ihren Mann in jungen Jahren betrogen hat und das ein Ungleichgewicht in ihrer Ehe erzeugt hat.

Erikas Gedanken springen hin und her. Die aktuellen Therapiesitzungen geben Anlass, in der Vergangenheit zu wühlen. Und dann wieder in die Verzweiflung der Gegenwart zu springen. Und sich Gedanken zu machen, wie der Mann wohl mit seiner neuen Freundin agiert (lange, oft, wiederholend). Dieses ewige Kreisen um die immer wieder selben Gedanken zermürben mich als Leserin ebenso wie sie Erika zermürben.

Im zweiten Drittel des Buches – es sind nur knapp 190 Seiten in einem ungewöhnlichen kleinen Format- kommt Erika zu der Erkenntnis, dass ihre Ehe die Basis verloren hat „Nicht, weil meine Gefühle nicht aufrichtig gewesen wären, denn ich wusste ja, dass sie es waren, sondern weil Jan nicht an sie geglaubt hatte und immer noch nicht an sie glaubte.“ Für diesen Satz, der so viel Erkenntnis über Beziehungen bringt, hat sich das Buch gelohnt.

Allerdings empfand ich das Lesen als mühsam und teilweise langatmig. Zu eng war mir die Geschichte angelegt. Die wunderschönen Coverfarben sind für mich nicht auf die Story übergesprungen.

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