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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.10.2023

Ein Mann am Rande der Gesellschaft

Kein guter Mann
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....kann nur ein schlechter Mann sein! So denken immer noch viele und bei seinen Kunden - er ist Briefzusteller - ist er nicht beliebt. Besonders bei einem nicht, mit dem er sich richtig bekriegt. ...

....kann nur ein schlechter Mann sein! So denken immer noch viele und bei seinen Kunden - er ist Briefzusteller - ist er nicht beliebt. Besonders bei einem nicht, mit dem er sich richtig bekriegt. Das geht so weit, dass er strafversetzt wird - in die Christkindlfiliale in Engelskirchen, wo die Kinder vor Weihnachten ihre Wunschzettel hinschicken. Auch dort stänkert er herum, bis er an die Briefe von Ben, einem zehnjährigen Jungen, der sich praktische Hilfe - und zwar nicht vom Weihnachtsmann, sondern von Gott höchstpersönlich. Denn er muss den Haushalt für sich und seine Mutter schmeißen.

Walter beginnt irgendwann, ihm zurückzuschreiben... als Gott natürlich. Doch auch das bringt ihm wieder Ärger.

Ein stimmungsvoller, dabei warmherzig-humorvoller Roman, in dem es vor allem darum geht, wer Walter eigentlich ist. Beziehungsweise: was ihn zu dem gemacht hat, der er ist. Das sind schlechte Erfahrungen, vor allem aber sein Ruf, der Menschen veranlasst, ihm nicht gerade wohlwollend entgegenzutreten. Und noch einiges mehr, was der Leser höppchenweise in einem Rückblick erfährt.

Ein Buch, in dem vieles Traurige und Ärgerliche auf den Tisch kommt, das mich aber trotzdem mit einem warmen Gefühl im Bauch zurücklässt. Das ist der Verdienst des Autors Andreas Izquierdo, der hier wieder einmal den richtigen Ton trifft und es inhaltlich auf den Punkt bringt. Eine herzliche Empfehlung für dunkle Herbst- und Winterabende!

Veröffentlicht am 12.10.2023

Nicht nur Gras-, sondern auch Blutgeschmack

Wodka mit Grasgeschmack
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begegnet den Brüdern Markus und Stefan, die nach langen Jahren der Vertreibung eine erste kurze Reise mit ihren Eltern in deren frühere Heimat, nämlich nach Schlesien, wagen. Es ist eine Reise voller Schmerz, ...

begegnet den Brüdern Markus und Stefan, die nach langen Jahren der Vertreibung eine erste kurze Reise mit ihren Eltern in deren frühere Heimat, nämlich nach Schlesien, wagen. Es ist eine Reise voller Schmerz, vor allem auf Seiten der Eltern, aber ganz ohne Hass.

Allerdings begegnen den Eltern traumatische Erinnerungen auf Schritt und Tritt - auch die Söhne hören Geschichten, die sie mehr als einmal schlucken lassen. Als junge Leute verließen die Eltern die geliebte Region, nicht einer eigenen Entscheidung folgend - nein, sie wurden enteignet und vertrieben. Ihre Familien und zahllose andere mussten büßen für die Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten, ohne irgend etwas damit zu tun zu haben.

Stellvertreter-Abstrafung anstelle von Stellvertreter-Krieg. Diese sehr persönliche Geschichte zu lesen, tat mir in der Seele weh und ich brauchte dafür sicher fast so lange wie der Autor zum Niederschreiben, war ich doch wesentlich feiger als er und seine Familie. Ihre Erlebnisse - die früheren und auch die jetzigen - ließen mich weiter meinen Gedanken nachhängen: wie konnte es passieren, dass so viele Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus ungestraft davonkamen und statt dessen Zivilisten leiden mussten? Es ist doch mmer wieder dasselbe während und nach den Kriegen - es leiden die, die keine Schuld tragen.

Doch Markus Mittmann schildert auch ein Aufeinander-Zugehen: die polnische Familie, die jetzt im Elternhaus des Vaters lebt, begegnet dem ehemaligen Bewohner des Hauses mit Achtung und mit Verständnis. Ja, die Würde des Menschen sollte unantastbar sein und das ist sie auch, wenn Menschlichkeit und Mitgefühl agieren!

Der Autor hat seiner Leserschaft ein großes Geschenk gemacht, in dem er uns die Geschichte seiner Eltern erzählt und ihren Umgang mit der Vergangenheit schildert. Ein wirklich sehr besonderes Buch!

Veröffentlicht am 06.10.2023

Gemeinsam einsam

Die einsame Stadt
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Kann man sich vorstellen, dass jemand überaus einsam, aber überhaupt nicht traurig ist? Mich verwundert es nur deswegen nicht, weil es sich dabei um die englische Kulturwissenschaftlerin Olivia Laing handelt, ...

Kann man sich vorstellen, dass jemand überaus einsam, aber überhaupt nicht traurig ist? Mich verwundert es nur deswegen nicht, weil es sich dabei um die englische Kulturwissenschaftlerin Olivia Laing handelt, die es der Liebe wegen nach New York verschlug. Dort lebte nämlich ihr Freund, mit dem alles zu Ende war, kaum dass sie zu ihm gezogen war.

Kurz danach lebte Laing allein in einer Bruchbude, in einer Gegend, in der sie keine Menschenseele kannte. Ich will nicht ausschliessen, dass sie ganz zu Beginn zumindest ein bisschen traurig war, aber das legte sich rasch wieder - gab es doch so viele Aspekte, denen man nachgehen konnte. Nämlich, warum gerade New York als die einsame Stadt gilt und wie diese Einsamkeit in Kreativität umgemünzt werden kann.

Bei ihr selbst in die Autorentätigkeit, andere - vor allem Edward Hopper - haben gemalt. Haben der Einsamkeit ein Gesicht gegeben auf unterschiedliche Art, wobei Laing wieder und wieder zu Hopper zurückkehrt. Auch vieles andere lässt sich mit ihr gemeinsam entdecken zum Thema Einsamkeit - das mir nach der Lektüre gar nicht mehr nur schrecklich vorkommt, sondern auch tröstlich und sogar inspirierend. Ich glaube, ich muss unbedingt mal alleine nach New York!

Veröffentlicht am 07.08.2023

Kein Nekrolog

Simone
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Die Journalistin Anja Reich spürt ihrer Freundin Simone nach, die vor langer Zeit - nämlich 1996 - Selbstmord beging, indem sie sich aus ihrem Mietshaus stürzte. Leider war es hoch genug.

In ...

Die Journalistin Anja Reich spürt ihrer Freundin Simone nach, die vor langer Zeit - nämlich 1996 - Selbstmord beging, indem sie sich aus ihrem Mietshaus stürzte. Leider war es hoch genug.

In diese Reminiszens an Simone ist einiges an Themen, an Textarten eingeflossen, es ist ein vielseitiges, keineswegs nur trauriges Werk geworden: unter anderem eine Art Sozialgeschichte der späten DDR bzw. der Übergangsjahre in die Wiedervereinigung bezogen auf die Generation der jungen Erwachsenen, eine Liebeserklärung an die Freundin, verbunden mit Erinnerungen.

Auch die Suche nach Ursachen, nach Gründen: die Autorin hat sich tief hinein begeben in diese Fragestellungen in Bezug auf den Suizid, hat verschiedene Theorien studiert, mit Therapeuten gesprochen und vieles mehr.

Es ist ein kluges und sehr persönliches Buch geworden, ein sehr ungewöhnliches Werk, man könnte es auch ein Lebenswerk nennen, hat Anja Reich doch so viel von sich selbst hineingepackt.

Ich verneige mich vor ihrem Mut, ihrer Bereitschaft, sich selbst darzulegen, den Lesern zu präsentieren, denn die Erinnerungen an Simone sind gleichzeitig welche an sich selbst. Sie sind nicht schonungslos - ich finde es sehr gelungen, dass hier nicht im herkömmlichen Sinne gewertet und schon gar nicht abgestraft wird - das macht das Buch trotz des schweren Themas auf gewisse Weise leicht zu lesen. Eine ausgesprochen lohnenswerte Lektüre für Leser, die nicht vor Extremen in jeder Hinsicht zurückschrecken.

Veröffentlicht am 26.07.2023

Einen ziemlich heftigen Auftrag

Mord auf der Insel Gokumon
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Nämlich, seine Schwestern zu beschützen, gibt der sterbende Kriegskamerad Chimata Kito seinem Freund Kosuke Kitaichi mit auf dem Weg, verbunden mit dem Auftrag, sein Elternhaus auf der Insel ...

Nämlich, seine Schwestern zu beschützen, gibt der sterbende Kriegskamerad Chimata Kito seinem Freund Kosuke Kitaichi mit auf dem Weg, verbunden mit dem Auftrag, sein Elternhaus auf der Insel Gokumon zu besuchen.

Der zweite ins Deutsche übersetzte japanische Krimi mit dem absoluten Burner von Detektiv, den sich der Autor Seishi Yokomizo bereits in den 1940er Jahren hat einfallen lassen. Nämlich Kosuke Kitaichi, der diesmal - 1945 und damit acht Jahre nach seinem ersten Fall bereits vor getaner Tat vor Ort weilt. Wird er die Morde an drei Schwestern verhindern können?
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Gokumon ist eine eigenartige Insel, bewohnt von Fischern und den Nachkommen ehemaliger Strafgefangener. Die Menschen, die hier wohnen, leben sehr abgeschieden und genießen keinen guten Ruf. Die Akteure werden sorgfältig eingeführt, aber glauben Sie nicht, dass Ihnen das beim Rätseln und Kombinieren weiterhilft!

Auch in seinem zweiten Fall lässt der junge Privatdetektiv sich von nichts beeindrucken, stellt eine Menge absurd wirkender Fragen und löst den Fall im Stil von Hercule Poirot oder Miss Marple.

Herrlich! Zumal der Autor über jede Menge Humor verfügt, den er an geeigneten Stellen des Romans immer wieder durchblitzen lässt. Dazu kommen Fakten zur japanischen Geschichte, die zwar nur erläuternd erwähnt werden, aber dennoch den Fall sehr bereichern. Ich habe mit Kosuke Kitaichi einen neuen Lieblingsermittler und kann nur hoffen, dass bald weitere der insgesamt 77 Fälle mit dem klugen, aber manchmal schlampigen Detektiv übersetzt werden!