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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.08.2023

Eine ganz besondere letzte Ehre

Der Tag, an dem Conny Kramer wie durch ein Wunder überlebte
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Vier Freunde treffen sich zum ersten Mal nach Jahren wieder in ihrer Heimatstadt. Der Grund ist kein schöner: Ihr Kumpel Wolle hat auf dem Rüttenscheider Weihnachtsmarkt einen Schlaganfall erlitten, und ...

Vier Freunde treffen sich zum ersten Mal nach Jahren wieder in ihrer Heimatstadt. Der Grund ist kein schöner: Ihr Kumpel Wolle hat auf dem Rüttenscheider Weihnachtsmarkt einen Schlaganfall erlitten, und es steht nicht gut um ihn. So kommen Esra, Vegas und der Vierte im Bunde und Ich-Erzähler dieses Romans zusammen, um Wolle die letzte Ehre zu erweisen. Dazu muss der Protagonist erstmal aus dem kühlen Norden anreisen, den hat es vor sechs Jahren nämlich nach Hamburg verschlagen. Auch Esra und Vegas gehen mittlerweile sowas wie einem geregelten Leben nach, darum kann auch nur einem wie Wolle passieren, dass er sich auf dem Weihnachtsmarkt an einer Glühweinbude buchstäblich totlacht.

Die drei Freunde finden sich in Essen wieder zusammen, um auf Wolle zu trinken und in alten Zeiten zu schwelgen. Sie erinnern sich an Wolle und dessen poetischen Ausflüge in die Ruhrwiesen in Kupferdreh. Eine alte Freundin von Esra, die mittlerweile auf der Straße lebt, stößt zu diesem nostalgisch-fröhlichen Trupp, nur zu gern lässt sich zu dem Gelage einladen und bringt ihre ganz eigenen Geschichten mit an den Tisch. Als Esra einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommt, landen die Vier im Taxi zur Fahrt in eine Nacht, die sie so schnell nicht mehr vergessen werden.


Essener Urgesteine werden mit dieser Geschichte auf knapp 120 Seiten sicher ihre Freude haben. Die verrückte Handlung der vier bzw. fünf Kumpels ist eingewickelt ganz viel Lokalkolorit, den ich als in den Pott zugezogener Fischkopp nur mäßig verstehe, aber auf jeden Fall unterhaltsam fand. Es ist eine Geschichte über Jugendfreunde, die auch im Erwachsenenalter über alle Grenzen hinaus ihre Freundschaft ehren. Übrigens hat der Buchtitel gefühlt nur ganz am Rande was mit der Geschichte zu tun, aber lest selbst!

Veröffentlicht am 02.08.2023

Er und sein Frauchen

She and her Cat
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An einem Frühlingstag wird der verwahrloste Kater von einer jungen Frau gefunden, die ihn fortan bei sich aufnimmt. Chobi liebt sein Frauchen innig, doch er macht sich auch Sorgen, denn sie scheint von ...

An einem Frühlingstag wird der verwahrloste Kater von einer jungen Frau gefunden, die ihn fortan bei sich aufnimmt. Chobi liebt sein Frauchen innig, doch er macht sich auch Sorgen, denn sie scheint von Tag zu Tag trauriger zu werden.
Ein Jahr lang erläutert Chobi aus seiner Sicht die Zeit mit seinem Frauchen, doch was sich zwischen der Verabschiedung zur Arbeit am Morgen und dem Heimkehren am Abend abspielt, bleibt dem Kater – und damit uns als LeserInnen – verborgen. So entwickelt sich eine ganz eigene Erzählperspektive, die einen einerseits zwar distanziert von Chobis Frauchen hält, andererseits aber nachdenkliche Sicht ermöglicht. Es lässt ganz viel Raum zur Spekulation, was mit Chobis Frauchen in ihrem Innersten los ist.

Ich mochte den Zeichenstil sofort, und mir gefiel die Idee, dass aus Sicht einer Katze berichtet wird (ähnlich wie bei „My Roommate is a Cat“). Beim Versuch, nachzuvollziehen, an was das Frauchen des Protagonisten leidet, wanderten meine Vermutungen von Burnout zu Depressionen. Aufgelöst wird es nicht, man bleibt mit seinen Vermutungen auf sich allein gestellt. Gerade das fand ich aber auch interessant am Konzept dieses Mangas.

Veröffentlicht am 02.08.2023

Da steckt ganz viel Sehnsucht und auch Lebenshunger drin

Keine Ahnung, ob das richtig ist
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Ich mag die Gedichte von Poetry Slammerin Julia Engelmann, aber ich glaube, ich würde sie als Hörbuch noch ein Stückchen lieber mögen, weil sie so einen schönen Sprechrhythmus dabei hat. Man kommt hier ...

Ich mag die Gedichte von Poetry Slammerin Julia Engelmann, aber ich glaube, ich würde sie als Hörbuch noch ein Stückchen lieber mögen, weil sie so einen schönen Sprechrhythmus dabei hat. Man kommt hier und da beim Lesen der einzelnen Gedichte immer mal wieder ins Sinnieren und Nachdenken.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Test „Johann Philipp Möller“, der stark an Goethe angelehnt ist mit einer Anlehnung an Fettes Brots Jein von Neunzehnsechsundneunzig.

Begleitet werden die Verse wieder von kleinen Kritzeleien der Autorin.

Vielleicht wird meine nächste Engelmann ja auch mal mein erstes Hörbuch, denn ich hab definitiv Bock auf mehr.

Veröffentlicht am 31.07.2023

Zwei Kinder, zwei Welten und ein großes Übel dazwischen

Brombeerfuchs – Das Geheimnis von Weltende
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Ein Urlaub in Wales bei den beiden Tanten! Portia glaubt sich am Bahnhof des verschlafenen Dörfchens zwar schon fast vergessen, wird aber von Rose und Bramble herzlich aufgenommen, in deren Haus sie sich ...

Ein Urlaub in Wales bei den beiden Tanten! Portia glaubt sich am Bahnhof des verschlafenen Dörfchens zwar schon fast vergessen, wird aber von Rose und Bramble herzlich aufgenommen, in deren Haus sie sich sofort wohlfühlt, wäre da nicht dieser seltsame Fuchs, der immer im Garten herumschleicht...

Als Portia im hiesigen Buchladen stöbert, lernt sie Ben kennen, dessen Mutter ganz versessen darauf ist, dass sein Sohn mal von den Büchern ablässt und sich mehr mit anderen Kindern trifft, fädelt auch direkt eine Verabredung für die Kinder ein. Ben soll Portia ein wenig durch die Gegend führen und ihr die berühmten Runensteine zeigen. Portia freut sich schon sehr auf den Ausflug, wird aber von dem herumstreunenden Fuchs abgelenkt. Dieser entpuppt sich als Gestaltwandler, der nun endlich in seine Welt zurückkehren will und Portias Neugier dafür missbraucht das Tor in die Feenwelt zu öffnen, die für immer verschlossen bleiben sollte, denn im Flur zwischen der Menschenwelt und der Feenwelt lauert ein böses Unheil. Portia und Ben werden unfreiwillig in das Abenteuer ihres Lebens gezogen und müssen nun dafür sorgen, dass das Unheil nicht über die Schwelle der Welten tritt, ansonsten drohen die Welten in einem Nebel aus Vergessen zu versinken. Tante Rose eilt den beiden Kindern zu Hilfe und opfert dabei auf, die Kinder über die Schwelle zum Feenreich zu bringen, denn der Weg in die Menschenwelt ist abgeschnitten. Es gibt nur eine Chance, und die besteht darin, die Feenkönigin Titania um Beistand zu ersuchen...


„Brombeerfuchs“ ist eine schöne Kindergeschichte, die ein bisschen an „Narnia“ erinnert, als die Kinder über eine Türschwelle in eine andere Welt stolpern. Mich hat vor allem das wunderschöne Cover mit seinen schillernden Goldelementen und dem Fuchs zum Kauf eingelullt (Füchse gehen einfach immer!). Ich mochte den Perspektivwechsel zwischen Ben und Portia, die beide sehr unterschiedliche Charaktere sind und Dinge anders angehen. Stellenweise hatte mir persönlich die Handlung zu viele Längen, und das Ende war mir nicht genug ausgearbeitet, aber insgesamt ist es ein phantasiegespicktes Buch mit kreativen Figuren.

Veröffentlicht am 31.07.2023

Klug und wissenschaftlich Leser und Lektüre unter die Lupe genommen!

Die Unruhe der Bücher. Vom Lesen und was es mit uns macht
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Ein gebildeter Mensch, dieser Sascha Michel, das erkenne ich auf den ersten Seiten, denn ich hab keine Ahnung, was "Kontoguitätsrelation" oder "Metonymie" bedeuten (und bei dem raschen Aufeinanderfolgen ...

Ein gebildeter Mensch, dieser Sascha Michel, das erkenne ich auf den ersten Seiten, denn ich hab keine Ahnung, was "Kontoguitätsrelation" oder "Metonymie" bedeuten (und bei dem raschen Aufeinanderfolgen dieser Fachbegriffe habe ich ehrlicherweise keine Lust nachzuschauen). Ich kann allerdings Sätze wie diesen hier voll und ganz nachvollziehen und unterschreiben:

Das Lesen gedruckter Bücher mag gesellschaftlich und medienhistorisch immer mehr zum Nischenphänomen werden. Das Leben selbst ist aber alles andere als ein Nischenphänomen. [...] Auch die Frage, ob digital oder analog gelesen werden sollte, ist weniger wichtig, als oft behauptet wird. Wichtiger ist [...] zunächst einmal schlicht die Lesesozialisation: Vorlese-Erfahrungen in der Kindheit, das Lernen von Konzentration, ob am Bildschirm oder mit Papier, und ein lebendiger Deutschunterricht.
Und weiter:
"dafür brauchen wir die Bücher: damit uns immer wieder schockartig bewusst wird, wie viel größer das Universum ist, als wir zu denken gewohnt sind."

Die Quintessenzen, die ich aus Sascha Michels Abhandlung über die Unruhe der Bücher mitnehme, ist dass Bücher ganz schön retro sind, wenn man sie nicht auf einem Screen liest, sie uns aus unserer Komfortzone herauszuholen vermögen, das empathische Empfinden fördern können, und dass das Gelesene mehr als eine Bedeutung haben kann.
Ich fühle mich in meiner Berufswahl zur nahezu vollständigen Buchhändlerin bestärkt! Wer sich mit dem, was das Lesen in einem selbst macht, auseinandersetzen will, dem sei dieses kleine Büchlein ans Herz gelegt!