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HenrietteFriederike

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Veröffentlicht am 16.08.2023

Endlich! Liebevolles, ausführliches und hübsches Tansania-Kochbuch

Eine kulinarische Reise durch Tansania
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Endlich! Bislang gab es noch kein deutschsprachiges Kochbuch speziell für die tansanische Küche, sondern lediglich englische oder ganz Afrika umfassende Ausgaben, die einige wenige Speisen aus Sansibar ...

Endlich! Bislang gab es noch kein deutschsprachiges Kochbuch speziell für die tansanische Küche, sondern lediglich englische oder ganz Afrika umfassende Ausgaben, die einige wenige Speisen aus Sansibar vorstellten. Die Tansanierin aus Österreich, Vera Lifa Seiverth, unternimmt in diesem farbenfrohen Band eine kulinarische Reise durch das abwechslungsreiche Angebot Tansanias. Die Rezepte für Pilau (Gewürzreis), Kochbananencurry sowie Fruchtlimonaden und süße Schleckereien zeigen auch die indischen, arabischen und europäischen Einflüsse auf die Landesküche. Für jeden Geschmack ist etwas zu finden: Scharfes, Würziges, Süßes, fruchtig Frisches.

Die Autorin gibt Tipps zu den Zutaten, die im deutschsprachigen Raum nur schwer zu bekommen sind, und schlägt Alternativen vor. Jedes einzelne Gericht wird kommentiert und mit wissenswerten Fakten ergänzt. Außerdem schreibt sie eine kurze Einführung über einheimische traditionelle Esskulturen. Die anschaulichen Bilder lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Fazit: Ein schönes Kochbuch für alle, die in Deutschland die tansanische Küche vermissen, und Fern- bzw. Heimweh haben. In diesem Sinne: Karibu chakula na mlo mwema! ( Willkommen zum Essen und guten Appetit!)

Rezension zuerst erschienen im HABARI-MAGAZIN 02/2020 des Tanzania Network e.V.

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Veröffentlicht am 16.08.2023

"*Das Denkmal zum Nachdenkmal machen" - ein Ringen über die angemessene Auseinandersetzung mit dem Kolonialerbe

Stand und Fall.
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Hermann von Wissmann war als Reichskommissar und Gouverneur in Deutsch-Ostafrika beteiligt an Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt. Er ist bekannt als „Löwe von Afrika“ und gilt als mutiger Held, weil ...

Hermann von Wissmann war als Reichskommissar und Gouverneur in Deutsch-Ostafrika beteiligt an Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt. Er ist bekannt als „Löwe von Afrika“ und gilt als mutiger Held, weil er als erster Deutscher den afrikanischen Kontinent durchquerte. An ihn erinnern nicht nur zahlreiche Bücher und Straßennamen. Für „den großen Afrikaner“ wurden auch zwei Denkmäler gestiftet: in seiner Geburtsstadt Bad Lauterberg und in Daressalam.

Ursprünglich in Ostafrika errichtet, später nach Hamburg verschifft, gestürzt, wieder aufgestellt, beschmiert, Proteste und Debatten auslösend, glorifiziert, weggeräumt, vergessen: Die wechselvolle Geschichte des Monuments aus Tansania steht im Mittelpunkt des Buches „Stand und Fall – Das Wissmann-Denkmal zwischen kolonialer Weihestätte und postkolonialer Dekonstruktion“ von Hannimari Jokinen, Flower Manase und Joachim Zeller.

Für viele sind die Denkmäler Orte der Erinnerung und Gedenkveranstaltungen – so in Bad Lauterberg, wo das zweite Ehrenmal noch immer seinen Platz hat. Andere Stimmen befürworten zwar das Stehenlassen des umstrittenen Objekts, aber nur, wenn Infotafeln über den brisanten Hintergrund aufklären. Wieder andere sprechen sich für die Entfernung der Statue aus dem öffentlichen Raum aus oder wünschen zumindest eine kritischere wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung.

Das Denkmal zum Nachdenkmal machen, fordert die Künstlerin Hannimari Jokinen mit ihrem Projekt www.afrika-hamburg.de. Der Sammelband stellt die Aktion vor und wirft verschiedene Fragen auf: Wem wird ein Denkmal gesetzt und wem nicht? Wo gibt es weitere koloniale Spuren in Ostafrika und Deutschland? Und welchen Anspruch stellt die tansanische Politik?

Die einzelnen Beiträge sind interessant: Historische Forschung wird mit künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Perspektiven ergänzt. Die Texte sind klar verständlich geschrieben. Einiges wiederholt sich jedoch. Andere Aspekte haben nur entfernt mit dem Thema „Wissmanndenkmal“ zu tun und hätten auch weniger seitenfüllend dargelegt werden können. Eindrucksvolle Schilderungen und Fotografien von Zeitzeugen sowie Tenzi (Swahili-Gedichte) lockern die einzelnen Kapitel auf. Ein Highlight ist der Beitrag über koloniale Bauwerke und Denkmäler im heutigen Tansania.

Bei der Lektüre wird exemplarisch an der Person Hermann von Wissmann erkennbar, wieviel Leid und Gewalt die Deutschen nach Ostafrika brachten und mit welcher Ignoranz und Überheblichkeit sie herrschten. Das Buch zeigt: Es bleibt ein Ringen um Erinnerung und Vergessen. Eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Kolonialerbe muss von Deutschen und Tansanier:innen gemeinsam bewältigt werden.

Rezension zuerst erschienen in HABARI 03/2022 "Sprachen" vom Tanzania-Network.e.V.

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Veröffentlicht am 16.08.2023

Großartige Zusammenstellung und Analyse entwicklungspolitischer Verflechtungen zwischen Tansania, Ost- und Westdeutschland in den 1960er bis 1990er Jahren

In Diensten des Afrikanischen Sozialismus
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Entwicklungspolitische Verflechtungen zwischen Tansania, Ost- und Westdeutschland in den 1960er bis 1990er Jahren zeigt der Historiker und Afrikanist Eric Burton (Universität Innsbruck) in seiner Doktorarbeit ...

Entwicklungspolitische Verflechtungen zwischen Tansania, Ost- und Westdeutschland in den 1960er bis 1990er Jahren zeigt der Historiker und Afrikanist Eric Burton (Universität Innsbruck) in seiner Doktorarbeit auf. Er beschreibt welche Rolle Entwicklung für den Aufbau des Afrikanischen Sozialismus spielte und wie die Zusammenarbeit im Spannungsverhältnis von Kaltem Krieg, Dekolonisierung und konkurrierenden Sozialismen aus Ost und Süd funktionierte. Dafür sichtete er deutsche und tansanische Archive, wälzte unzählige Akten der außen- und entwicklungspolitischen Institutionen und führte mehr als einhundert Interviews.

Die Leser:innen erfahren interessante Hintergründe über die Ujamaapolitik Nyereres, die Revolution in Sansibar, Dar es Salaam als Zentrum für afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen sowie ost- und westdeutsche Systemkonkurrenz auf tansanischem Boden. Außerdem beschreibt der Autor den Wandel von wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen zu entwicklungspolitischer Solidarität und Zusammenarbeit.

Die Entwicklungszusammenarbeit stand stets in der Kritik: in Tansania hatte man Angst vor einer kapitalistischen bzw. kommunistischen Beeinflussung, durch bestimmte Projekte wurden (neokoloniale) Abhängigkeiten geschaffen, andere Vorhaben wurden nicht gut zu Ende geführt und verkamen zu Projektruinen. Außerdem wollte man als blockfreies Land nicht zwischen die Fronten des Kalten Krieges geraten. Gleichzeitig fehlte es nach der Unabhängigkeit 1961 auf dem tansanischen Festland bzw. 1964 auch auf Sansibar an einheimischen Expert:innen. Die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte sowie die Ausbildung von Tansanier:innen im Ausland waren zwei vielversprechende Problemlösungsstrategien.
Das Buch gibt einen tiefen Einblick in die entwicklungspolitische Szene der 60er bis 90er Jahre, insbesondere lenkt es den Blick auf Akteure wie Berater:innen, Entwicklungshelfer:innen kirchlicher, politischer und wirtschaftlicher Institutionen, entsandte Fachkräfte (z.B. Ärzt:innen oder Lehrkräfte) und tansanische Studierende in DDR und BRD. Es zeigt Beispiele interkultureller Begegnung und Lernprozesse ebenso wie Hierarchien und Probleme.

Für eine Dissertation ist die Sprache verständlich; es bleibt aber als historisches Sachbuch kein lockeres Lesevergnügen. Da einzelne Beispiele vertieft dargestellt werden, ziehen sich einige Kapitel in die Länge.

Nichtsdestotrotz: Aufgrund der zahlreichen Quellen gibt das Buch einen breiten Überblick und interessante weiterführende Literaturhinweise. Geschickt verknüpft Eric Burton politische, geschichtliche und individuelle Dimensionen zu einem Netz jenseits von Vorurteilen und den starren Kategorien „Süd“, „West“ und „Ost“. Die Leser:innen werden auf imposanten 600 Seiten auf komplexe, dynamische Wechselbeziehungen in der entwicklungspolitischen deutsch-deutsch-tansanischen Zusammenarbeit aufmerksam gemacht.

Rezension zuerst erschienen im HABARI-MAGAZIN 01/2023 des Tanzania Network e.V.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Der inspirierende Pageturner beschreibt die Lebensgeschichte einer beeindruckenden, mutigen Persönlichkeit, die für Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation einsteht.

Tochter der Savanne
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„Das ist meine Heimat. Das bin ich. Und doch bin ich es auch nicht… mehr. Ich ging als ahnungsloses Mädchen und komme zurück als zerrissene Frau. Beide Welten in mir tragend aber in keiner wirklich zu ...

„Das ist meine Heimat. Das bin ich. Und doch bin ich es auch nicht… mehr. Ich ging als ahnungsloses Mädchen und komme zurück als zerrissene Frau. Beide Welten in mir tragend aber in keiner wirklich zu Hause.“ (S. 246) So beschreibt die Tansanierin Macelli Wadino Shabati ihre lebensverändernde Entscheidung, gegen die Widerstände ihres Vaters in die Schule zu gehen und nach ihrem Abschluss Lehramt zu studieren. Ein für Mang’ati untypischer Weg, vor allem für eine Frau! Denn die Zukunft des jungen Mädchen, das in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft im Norden Tansanias aufwächst, scheint vorgezeichnet: als Tochter der nomadischen Gemeinschaft der Mang’ati soll sie früh verheiratet werden, ihrem Ehemann gehorchen und harte Arbeit leisten. Doch ein familiärer Schicksalsschlag eröffnet ihr einen neuen Weg – einen gefährlichen und zugleich hoffnungsvollen, auf dem sie für Bildung kämpft und ihre Schwester vor einer Zwangsheirat rettet.

Das Buch behandelt schwierige Themen mit beachtenswerter Offenheit: die Verheiratung Minderjähriger, fehlende medizinische Versorgung, ungleiche Bildungschancen und Genitalbeschneidung werden nicht beschönigt, sondern in ihrer ganzen Härte thematisiert. Besonders hervorzuheben ist die kritische Auseinandersetzung mit innertansanischer Diskriminierung und den Vorurteilen gegenüber nomadischen Lebensweisen. Gleichzeitig gelingt es der Erzählung, den Stolz und die Würde der Gemeinschaft zu zeigen – etwa durch die Bedeutung von Muttersprache, die Trost, Kraft und ein Gefühl von Heimat spendet oder der Schilderung des Großfamilienzusammenhalts.

Der Roman schafft es stellenweise gut, die kulturelle Vielfalt Tansanias und die Gleichzeitigkeit sehr unterschiedlicher Lebensrealitäten sichtbar zu machen – auch wenn einige Passagen durch verallgemeinernde Aussagen auffallen. Ein Wermutstropfen ist die unreflektierte Verwendung von Begriffen wie „Stamm“ und „Hütte“, die aus einer dekolonialen Perspektive heraus problematische Assoziationen wecken. Eine rassismussensible Sprache hätte hier dem Gesamtbild keinen Abbruch getan, sondern die Wirkung des Buches sogar noch verstärkt. Die atmosphärisch dichten Beschreibungen wirken stellenweise beinahe voyeuristisch – eine Nähe, die nicht immer notwendig erscheint.

Dennoch gelingt es der Autorin Claudia Liebetanz – die die Protagonistin persönlich kennt und sie über Jahre hinweg nicht nur finanziell unterstützte –, sich in weiten Teilen aus der White-Saviour-Perspektive herauszuhalten. Statt sich selbst zu inszenieren, rückt sie Macelli Wadino Shabatis Eigeninitiative, Widerstandskraft und Entschlossenheit ins Zentrum.

Insgesamt ist „Tochter der Savanne“ eine berührende Geschichte über den Mut zur Veränderung, über Würde und Zusammenhalt – und über die Erkenntnis, dass kultureller Wandel möglich ist, ohne die eigene Identität vollständig aufzugeben.

Rezension zuerst erschienen im HABARI 2025/02 (Tanzania Network e.V.)

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Veröffentlicht am 16.08.2023

Plädoyer für eine angemessenere Betrachtung der deutschen Kolonialgeschichte

Kritik des deutschen Kolonialismus
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Es gibt zahlreiche gute Überblickswerke über die deutsche Kolonialgeschichte, und auch die Frage nach kolonialen Kontinuitäten wurde bereits vielfach behandelt. Braucht es also noch weitere Ausführungen? ...

Es gibt zahlreiche gute Überblickswerke über die deutsche Kolonialgeschichte, und auch die Frage nach kolonialen Kontinuitäten wurde bereits vielfach behandelt. Braucht es also noch weitere Ausführungen? Ja, sage ich nach Lektüre der vorliegenden Sammlung, herausgegeben von Geschichtslehrer Wolfgang Geiger und Politikwissenschaftler und Soziologe Henning Melber. Vor dem Hintergrund der Anerkennung des Genozids in Südwestafrika (Namibia) durch die deutsche Politik und dem sogenannten Historikerstreit 2.0, ob und wie Kolonialismus und Holocaust zusammenhängen, tauchen Fragestellungen auf, die noch nicht beantwortet wurden. Das Buch liefert neue Impulse, die zur Beschäftigung mit dem Thema befähigen und motivieren.

Der Band gliedert sich in drei Abschnitte: Das einführende Kapitel stellt grundsätzliche Überlegungen an zur Geschichte und erinnerungskulturellen Wahrnehmung des Kolonialismus in Deutschland. Im ersten Thementeil geben die Autoren an den Beispielen Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, den Südseegebieten und Kiautschou einen knappen Einblick in historische und spezifische Eigenheiten des jeweiligen Gebiets. Ein Augenmerk der Beiträge liegt auf den kolonialen Kontinuitäten in der Gegenwart. Auch die Täter-Opfer-Dualität wird an einigen Stellen aufgebrochen, stattdessen die heterogene Gruppe der Einheimischen skizziert, die zwischen Kooperation und Widerstand eigenständige Rollen einnahmen. Der zweite Thementeil bietet Anregungen zum geschichtsdidaktischen Umgang mit Kolonialismus und der Auseinandersetzung mit einseitigen eurozentrischen Bildern in Schulunterricht und Museen.

Vieles ist nicht neu, einiges verkürzt dargestellt. Allerdings erhebt das Buch nicht den Anspruch, sich tiefergehend mit der historischen Dimension deutscher Kolonialgeschichte zu befassen. Vielmehr liegt seine Besonderheit darin, dass durch die Ergänzung von Personen aus dem Globalen Süden und/oder Betroffenen die Darstellungen an Tiefe gewinnen und zum Perspektivenwechsel anregen. Beispielsweise ordnet der namibische Aktivist Israel Kaunatjike, der sich seit Jahren für die Anerkennung des Genozids an Ovaherero und Nama einsetzt, die jüngsten Geschehnisse kritisch ein und erklärt, warum die deutsche Politik nicht weit genug geht. Der Tansanier Mnyaka Sururu Mboro, Gründungs- und Vorstandsmitglied von Berlin Postkolonial, bereichert das Kapitel zu Deutsch-Ostafrika mit Erläuterungen, wie sich Menschen in Tansania an die Kolonialzeit erinnern und erklärt, warum Begriffe wie „Häuptling“ oder „Aufstand“ mit Vorbehalt zu sehen sind.

Ein feministischer Wermutstropfen hingegen bleibt: Nur einer von zwölf (!) Beiträgen wurde von Frauen verfasst. Insgesamt sind die fast 200 Seiten mit neuen Argumenten ein Plädoyer für die angemessenere und sensiblere Betrachtung der deutschen Kolonialgeschichte.

Rezension zuerst erschienen im HABARI-MAGAZIN 04/2021 des Tanzania Network e.V.

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