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Veröffentlicht am 01.09.2023

Freundschaft und Verrat

Die Freiheit so nah
1

„Die Freiheit so nah“ und doch ist sie so weit entfernt. Acht Freunde sind sie, seit Kindertagen unzertrennlich und nach wie vor eine eingeschworene Gemeinschaft - für jeden einzelnen würden sie ihre Hand ...

„Die Freiheit so nah“ und doch ist sie so weit entfernt. Acht Freunde sind sie, seit Kindertagen unzertrennlich und nach wie vor eine eingeschworene Gemeinschaft - für jeden einzelnen würden sie ihre Hand ins Feuer legen. Während ihrer Jugendzeit hin zum Erwachsensein begleite ich sie ein Stück ihres Weges, es sind die 80er Jahre. Sie sind ganz normale Jugendliche mit ihren Träumen und ihren Sehnsüchten, jedoch ist ihre Heimat auf der falschen Seite der Grenze, sie sind in der Enge des DDR-Systems gefangen.

Kay ist einer davon, es ist seine Geschichte. Er erinnert sich und lässt uns auch einen Blick in sein Fotoalbum werfen, das Cover zeigt ein Bild aus jenen Tagen und auf den Klappeninnenseiten sind noch mehr von der Rostocker Clique zu finden. Sie hatten nicht viel, aber ein paar Tage am Warnemünder Strand konnten sie sich doch leisten. Im Zelt oder in der Hängematte waren sie glücklich, sie kannten ja nichts anderes. Die indische Reisegruppe nannten sie sich, sie waren übermütig, Alkohol auch für sie erschwinglich und wie alle jungen Leute mochten sie Musik. Rockige, westliche, verbotene Musik. Es waren einfache Dinge, die ihnen nicht erlaubt waren. Kay träumte davon, als Seemann um die Welt zu schippern und beinahe wäre sein Traum auch Wirklichkeit geworden. So einige Fahrten hat er schon machen dürfen, aber plötzlich hieß es: Abmustern. Warum? Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Auch andere in der Clique hatten mit Repressalien von Staats wegen zu kämpfen, einige von ihnen wurden gar weggesperrt. Seit jeher schwärmten sie von der unendlichen Freiheit - tun und lassen können, wonach ihnen der Sinn stand. Schon allein solche Gespräche waren gefährlich, Spione gab es in diesem Unrechtssystem zuhauf. Aber wer hat ein Interesse an ein paar jungen Kerlen? Bald kam der Verdacht auf, dass nur ein Insider all diese eigentlich harmlosen Infos haben konnte. War es gar einer von ihnen?

Lange habe ich kein so intensiv empfundenes Buch mehr gelesen. Der Roman nach einer wahren Geschichte ist mir sehr nahe gegangen. Als Kind des Westens wusste ich zwar von den üblen Machenschaften des Staatsapparats, der seine Bürger drillt, sie zu Spitzeln macht. Sie hatten linienkonform zu sein, mussten liefern. Einmal drin im System, gab es kein Zurück mehr. Nicht nur einmal fragte ich mich, wie weit man sinken muss, um seine Freunde, seine Familie, seine nächste Umgebung zu verraten. Ich werd das wohl nie verstehen können.

A. A. Kästner war direkt an der Quelle, ihr Ehemann, auf dessen Leben dieser Roman basiert, war einer von ihnen. Sie hat seine wahre Geschichte in einer gut lesbaren Form kurzweilig und spannend wiedergegeben. Von der ersten Seite an war ich dabei, sie hat mich regelrecht ans Buch gefesselt. Und ich hab das gerne zugelassen. Zwischendurch nimmt sie mich immer mal wieder mit nach Rostock-Parkentin ins Jahr 2016. Dort trifft sich der Rest der indischen Reisegruppe, um einen von ihnen zu betrauern. Bis zuletzt rätsle ich, wer dies sein könnte. Auch weiß ich erst am Ende um den Verräter. Diese Person hat sich gut getarnt, auch ich konnte ihn die ganze Geschichte über nicht zuordnen.

„Die Freiheit so nah“ ist ein Buch, das viele Emotionen frei setzt. Ein Buch, das ich unbedingt weiterempfehle, es zu lesen lohnt sich.

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Veröffentlicht am 30.08.2023

Spannend, dramatisch, lesenswert

Der Lehrmeister: Thriller
2

„Der Lehrmeister“ ist der achte Fall für Laura Kern und ihren Partner Max Hartung. Schon der Prolog hat es in sich und lässt mein Kopfkino anspringen.

Noch während des Joggens erhält Laura einen Anruf ...

„Der Lehrmeister“ ist der achte Fall für Laura Kern und ihren Partner Max Hartung. Schon der Prolog hat es in sich und lässt mein Kopfkino anspringen.

Noch während des Joggens erhält Laura einen Anruf von ihrem Vorgesetzten. Dieser beordert sie in ein abgelegenes Waldstück, auch Max ist schon unterwegs. Es erwartet sie eine tote Frau, an eine Eiche gelehnt, um deren Hals eine Schiefertafel hängt, darauf geschrieben ist ein Goethe-Zitat. Auf der Rückseite dieser Tafel finden sie einen Hinweis, der sie vermuten lässt, dass dies erst der Anfang ist, weitere Leichen werden folgen. Die Jagd nach einem Serienkiller beginnt.

Und - weitere Leichen werden gefunden, sie alle weisen eine Gemeinsamkeit auf und doch tappen Laura und Max lange im Dunkeln. Eine vielversprechende Spur bringt sie nicht weiter, nichts passt so recht zusammen und doch gibt es Hinweise, die in eine Richtung führen. So etliche zwielichtige Gestalten tauchen auf, keinem traue ich über den Weg.

Die Ermittlungen stehen im Vordergrund, sie gestalten sich äußerst schwierig mit so manch überraschender Wendung, die Charaktere haben Ecken und Kanten, sie sind in ihrer Eigenart, in ihrer Verschrobenheit glaubhaft angelegt. Auch blitzt Privates zwischendurch ein wenig hervor. Nicht zu viel, aber doch genug, die Ermittlungen bilden den Schwerpunkt.

Catherine Shepherd ist eine Meisterin der Täuschung, sie legt (falsche) Fährten aus, führt ihre Leser in Sackgassen. Und doch meint man, den Täter auszumachen, um die Theorie dann doch wieder zu verwerfen.

Wer ist dieser ominöse Lehrmeister und warum inszeniert er seine Mordopfer auf diese Weise, was treibt ihn an?

Als versierter Thriller-Leser meine ich, einen siebten Sinn zu haben, zwischen den Zeilen lesen zu können, auch lässt sich so einiges aus der Vergangenheit, die in kurzen Passagen immer wieder eingeflochten ist, ableiten und doch gelingt es der Autorin immer wieder aufs Neue, mich ratlos zu machen. Ihr fesselnder Schreibstil lässt mich das ganze Buch über nicht los, ich muss es wissen. Wissen, wie es weitergeht, muss jede freie Minute lesen. Bis kurz vor dem schlüssigen Ende sehe ich zwar ansatzweise einen Täter – aber kann der es denn sein?

„Der Lehrmeister“ ist ein spannendes, ein kurzweiliges Lesevergnügen aus der Laura-Kern-Reihe. Mein Tipp – lesen, es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 28.08.2023

Eine gar geheimnisvolle Jagd

Wilde Jagd
2

Professor Quintus Erlach stellt sich vor, er lebt jetzt wieder in seinem ziemlich maroden Elternhaus. Frau und Tochter sind am gefühlt anderen Ende der Welt, er und Machtnix, der Mischlingshund, blicken ...

Professor Quintus Erlach stellt sich vor, er lebt jetzt wieder in seinem ziemlich maroden Elternhaus. Frau und Tochter sind am gefühlt anderen Ende der Welt, er und Machtnix, der Mischlingshund, blicken zurück auf die letzten zwölf Tage. Es ist so einiges passiert hier in Stein am Gebirge.

Gleich mal drängt sich eine Gestalt ins Licht. Wie entrückt steht die da, auf einer Lichtung, einen Stoffhund in der Hand. Wie sich später herausstellt, ist es Evelina, die neue Pflegerin des alten Zillner.

Quintus mit Machtnix und Evelina laufen sich bald wieder über den Weg und sie erzählt ihm von Angelika, der verschwundenen Pflegerin von Herwig Zillner, der im Rollstuhl sitzt und eine Rundum-Pflege braucht. Bald taucht auch Herwigs Sohn Adrian mitsamt Frau und Kindern auf. Er ist im Immobiliensektor ziemlich erfolgreich, auch ist er an Quintus Haus interessiert und bietet ihm eine enorme Summe. Schon verlockend, dieses Angebot, denn das Dach ist undicht, die Scheune perdu – was also hält ihn noch in diesem Dorf? Es ist dann doch die Suche nach Angelika, denn Evelina lässt nicht locker.

Es sind so einige Gestalten, die nicht so recht durchschaubar sind - seien es der Polizist, der Förster oder die Fußpflegerin und noch so einige mehr. Und Evelina kommt ziemlich mystisch daher, sie redet von den Seelen der Toten und „sieht“ zwei Ermordete im Wald. Ihre hellseherischen Fähigkeiten fördern noch so einiges zutage, Quintus lässt sich auf dieses Geheimnisvolle mehr und mehr ein. Und so bilden sie bald ein Team, natürlich mit Machtnix an ihrer Seite, das auf Evelinas Visionen baut. Quintus ist eher der zwar schlaue, aber auch ein wenig naive Professor, der zudem versucht, seine privaten Probleme in den Griff zu bekommen.

Eine gar „Wilde Jagd“ der Gefühle ist nun hinter mir, ich habe den Roman sehr genossen. Schon allein Machtnix hat mich schmunzeln lassen. Wer, bitteschön, kommt auf die Idee, seinem Hund diesen doch ungewöhnlichen Namen zu geben. Auch wenn wir dieses „macht nix“ öfter ungedanks aussprechen. Und auch, wenn Evelina als gar mystische Person daherkommt, so ist sie doch von dieser Welt. Nicht nur beim Dorfleben in Stein am Gebirge hat René Freund genau hingeschaut, der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten - wie nebenbei, ohne anklagend zu sein. Seine Charaktere sind perfekt gezeichnet. Sie leben unter uns, diese kauzigen oder überspannten, aber auch die ganz normalen, harmlosen Typen, sie alle sind direkt aus dem Leben gegriffen.

Die „Wilde Jagd“ ist vorbei. Es war eine aufreibende Suche nach einer verschwundenen Pflegerin, eine sehr gelungene, kriminalistische Erzählung mit Witz und Charme und spannend bis zum überraschenden Ende aus der Feder von René Freund, die ich ohne Wenn und Aber wärmstens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 23.08.2023

Die Suche nach dem Vater oder Billies Traum vom Meer

Paradise Garden
2

Die 14jährige Billie und ihre Mutter haben ein sehr inniges Verhältnis. Es ist zwar nicht viel Geld da, ihr Sofa ist vom Sperrmüll, die Wohnung eher zusammengewürfelt und doch sind sie glücklich, sie haben ...

Die 14jährige Billie und ihre Mutter haben ein sehr inniges Verhältnis. Es ist zwar nicht viel Geld da, ihr Sofa ist vom Sperrmüll, die Wohnung eher zusammengewürfelt und doch sind sie glücklich, sie haben ja sich. Ein gemeinsamer Tag im Möbelhaus ist mehr wert als die schönste Reise, auch wenn das Muttersein für Marika manchmal verdammt anstrengend ist. Am Monatsanfang essen sie ab und zu einen üppigen Eisbecher, den Paradise Garden, am Monatsende sind es dann eher Spaghetti mit Tomatensoße. Eines Tages erscheint Billies ungarische Großmutter, für die sie ihr Zimmer räumen muss. Wäre es nicht schön, wenn sie ihre Großmutter verschwinden lassen könnte – einfach so, wie der Zauberer das Kaninchen wegzaubert? Und auch deshalb, weil das angespannte Verhältnis von Marika zu ihrer Mutter nur zu deutlich spürbar ist? Als dann bei einem Streit Marika unglücklich stürzt und kurz danach stirbt, steht für Billie fest, dass sie nicht hierbleiben kann, sie macht sich auf die Suche nach ihrem unbekannten Vater. „Am Tag, als meine Mutter starb, fiel ich auseinander.“

Billie und ihre Mutter waren mir sofort nahe, es ist eine ganz besondere Mutter-Tochter-Geschichte. Trotz zweier Jobs reicht das Geld nicht und doch sind sie zufrieden. Es sind ihre ganz besonderen Momente, die sie zelebrieren, die ihnen keiner nehmen kann. In der maroden Hochhaussiedlung haben sie Nachbarn in ähnlicher Situation und doch spürt man den Zusammenhalt. Jeder ist für den anderen da, keiner wird im Stich gelassen. Die Schulfreundin mitsamt ihrem reichen Elternhaus kann da nicht mithalten, wenngleich sie sich oberflächlich um Großherzigkeit bemühen, ist doch der Klassismus schmerzhaft spürbar.

Auf eher unkonventionelle Art ist Billie von ihrer Mutter auf das Leben vorbereitet worden, was ihr jetzt zugute kommt. Mutig geht sie ihrem Ziel entgegen, sie entwickelt sich weiter, erweitert ihre persönlichen Grenzen, überschreitet sie. Mit ihren vierzehn Jahren ist Billie weder Kind noch Erwachsener, sie ist irgendwo dazwischen.

Die behutsame Erzählweise und die zu Herzen gehende Geschichte macht das Buch zu einem ganz besonderen Buch. Jeder einzelne Charakter ist authentisch, die gesellschaftliche Diskrepanz wird auch ohne erhobenen Zeigefinger deutlich. Billies Schicksal hat mich nicht mehr losgelassen, es war für sie auch ein Trip hin zu sich selbst.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Gelungener erster Teil

Die Fabrik der süßen Dinge – Helenes Hoffnung
2

Bitte einzutreten – schon das Cover lädt ein, von all den süßen Dingen zu kosten. Wir befinden uns in Köln im Jahre 1927, die Süßwarenmanufaktur der Familie Ratschek wird von Theodor geleitet, seine beiden ...

Bitte einzutreten – schon das Cover lädt ein, von all den süßen Dingen zu kosten. Wir befinden uns in Köln im Jahre 1927, die Süßwarenmanufaktur der Familie Ratschek wird von Theodor geleitet, seine beiden Söhne Alfred und Henri werden nach seinem Ausscheiden die Firmenleitung übernehmen. Für seine einzige Tochter Helene ist da kein Platz, auch wenn sie es ist, die mit Leidenschaft neue Rezepte kreiert, denn ihre Brüder haben dahingehend eher wenig Interesse. Ihr Vater hält an Altbewährtem fest, er ist der Patriarch und alle haben sich seinen Anweisungen zu fügen. Auch Helene, für die er einen geeigneten Ehemann auswählt. Er ist das, was man eine gute Partie nennt, sein nicht unbeträchtliches Vermögen wäre eine willkommene Finanzspritze. Soweit, so wohl bekannt. Von Helene wird erwartet, dass sie sich fügt, auch wenn der Auserwählte neben den monetären Vorzügen ansonsten nichts zu bieten hat.

Vor hundert Jahren war die Welt der Frau noch eine ganz andere. Die Männer hatten das Sagen, die Frauen mussten sich fügen, ihre Rolle war vorgegeben, das Korsett eng geschnürt. Auch Helene bekommt dieses althergebrachte Rollenbild zu spüren. Ihr Bruder Alfred ist von sich eingenommen, er gleicht in vielem seinem Vater. Die Frage, ob er für die Firmenleitung geeignet ist, stellt sich nicht. Und Henri geht mit Leidenschaft seinem Kunststudium nach, einzig Helene zeigt nicht nur Interesse, sie bringt sich ein, mit Lakritz und Weingummi zaubert sie die verführerischsten Kreationen. Und doch hat sie hier in Köln keine Chance. Nach wiederholten Zwistigkeiten flieht sie nach Hamburg, das Schicksal nimmt seinen Lauf…

„Die Fabrik der süßen Dinge - Helenes Hoffnung“ aus der Feder von Claudia Romes ist der unterhaltsame erste Teil um die fiktive Familie der Kölner Süßwarenhersteller von Ratschek. Der Autorin ist es bestens gelungen, ihre Charaktere lebensnah, lebendig und facettenreich darzustellen, sie sind authentisch, haben Ecken und Kanten und manchmal auch sehr viel mehr. Im Mittelpunkt steht Helene, eine Frau, die nach vielen Enttäuschungen ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, die sich mehr und mehr emanzipiert. Neben all den verführerischen Süßigkeiten, deren Duft mir bei so mach unwiderstehlichen Beschreibung entgegenströmt, lese ich von Freundschaft und Vertrauen, von Verrat und Hinterhältigkeit, aber auch von Liebe und Leidenschaft. Das Leben verläuft nicht geradlinig, für niemanden. Irgendwann muss auch Helene sich entscheiden und sie hat sich entschieden. Wehmütig klappe ich das Buch zu und freue mich auf den zweiten Band, auf „Helenes Träume.“

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