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Pantoffeltier

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.08.2023

Informativ, kurzweilig, gespickt mit vielen absurden und tragischen Anekdoten.

Sowjetistan
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In diesem Buch beschreibt die norwegische Autorin Erika Fatland ihre 2015 erfolgte Reise in die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Dabei ...

In diesem Buch beschreibt die norwegische Autorin Erika Fatland ihre 2015 erfolgte Reise in die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Dabei fragt sie sich, was nach ihrer Unabhängigkeit aus den Staaten geworden ist, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es gibt und wie die Sowjet-Vergangenheit Politik und Gesellschaft beeinflusst.

Die Autorin beschreibt nicht nur ihre Reiseerlebnisse, sondern streut auch Abrisse über politische und historische Hintergründe ein. Das hat mir sehr gut gefallen. Zwar ist das Buch schon einige Jahre alt und es haben sich sicherlich Dinge verändert, aber da ich vorher kaum etwas über die besuchten Länder wusste, war es für mich trotz allem ein informativer Einblick.

Sie erzählt von märchenhaften Prachtbauten und bitterer Armut, von traditionellen Dorfgemeinschaften und modernen Städten, von Umweltkatastrophen, machtverliebten Autokraten und ethnischen Konflikten. Dabei hat sie eine Vorliebe für absurde Geschichten, spart aber auch tragische Schicksale nicht aus. Abgerundet wird der Reisebericht durch einige Farbfotos.

Gerne empfehle ich das Buch allen weiter, die sich für die Region interessieren und noch nicht so viel Wissen haben.

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Veröffentlicht am 04.09.2023

Künstlerleben mit Hindernissen

Die Träume anderer Leute
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Judith Holofernes wurde als Sängerin von „Wir sind Helden" mit ihren konsum-/kapitalismiskritischen Texten und ihrer eigensinnigen Weigerung, sich den Regeln des Pops unterzuordnen, bekannt. In diesem ...

Judith Holofernes wurde als Sängerin von „Wir sind Helden" mit ihren konsum-/kapitalismiskritischen Texten und ihrer eigensinnigen Weigerung, sich den Regeln des Pops unterzuordnen, bekannt. In diesem autobiographischen Buch beschreibt sie ganz offen, wie man trotz vieler klugen Gedanken, Meditation und Achtsamkeit an seinen eigenen Ansprüchen scheitern kann und was ihr weiterhalf, als sie keine Heldin mehr sein wollte.

Judith bekam schon als Kind zu hören, dass sie eine zu schwache Konstitution habe, um Rockstar zu sein. Sie ist ständig krank und hat jede Menge Allergien, will Dinge anders machen als alle anderen, möchte auf der Bühne stehen, aber auch Mutter sein, will ihren eigenen Weg gehen, aber auch allen um sie herum alles recht machen. Diese Ansprüche zerreißen sie immer mehr.

Judith berichtet davon, dass man als Künstler oft sehr viel Promotion und sehr wenig Kunst macht und wie hart es ist, künstlerisch seinen eigenen abseitigen Weg zu gehen, wenn man weiß, dass jede Menge Jobs davon abhängen, wie gut sich Musik verkauft. Dabei ist sie durchaus selbstkritisch und entscheidet sich bewusst dafür nicht ihrem Management die Schuld an ihrem Ausbrennen als Künstlerin zu geben. Das hat mir sehr imponiert. Man merkt, dass Judith seid einiger Zeit in Therapie ist und sich selbst viel reflektiert (hat), manchmal will man sie fest in den Arm nehmen und sagen "Denk nicht so viel, das wird schon".

Zwischendurch wird es auch immer wieder sehr düster. Die Familie wird von einigen Schicksalsschlägen getroffen und selbstständige Arbeit schlägt sehr schnell in Selbstausbeutung um. Doch Judith findet auch selbst Lösungen für sich, zieht Kraft aus der Begegnung mit anderen KünsterInnen und der Unterstützung durch ihre Fans. Hier wirft sie auf jeden Fall interessante Fragen darüber aus, was überhaupt Kunst ist und wie sie anerkannt und bezahlt werden sollte.

Mir persönlich hat das Hörbuch sehr gut gefallen, nachdem ich meine anfängliche Irritation darüber überwunden hatte, die Gedanken von Judith Holofernes mit der Stimme von Nora Tschirner präsentiert zu bekommen. 😊 Auch wenn man kein Judith und/oder Helden-Fan ist, kann man viel über die Musikindustrie und das „Künstlerleben“ erfahren und darüber ins Grübeln kommen, ob es wirklich sinnvoll ist den Wert der Musik an Verkaufszahlen zu messen.

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Veröffentlicht am 15.04.2023

Werkzeugkasten zur Selbsthilfe

Mein PMS und ich
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Dr. Mirjam Wagner ist Gynäkologin und selbst von PMS betroffen ist. Sie hat in diesem Buch Wissenswertes und Tipps und Tricks rund um den Zyklus, PMS und PMDS gesammelt. Denn obwohl PMS sehr viele Frauen ...

Dr. Mirjam Wagner ist Gynäkologin und selbst von PMS betroffen ist. Sie hat in diesem Buch Wissenswertes und Tipps und Tricks rund um den Zyklus, PMS und PMDS gesammelt. Denn obwohl PMS sehr viele Frauen betrifft, wird es oft als Launenhaftigkeit abgetan und viele ganz praktische Tipps gegen typische Symptome sind kaum bekannt.
Ich selbst leide nicht besonders schlimm an PMS, habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Frage, was ich denn gegen Schmerzen/Unwohlsein tun könnte, bei FrauenärztInnen nur die Antwort „Nehmen Sie die Pille oder eben Schmerzmittel“ ergab. Das ist mir dann doch deutlich zu wenig Information. Genau hier setzt die Autorin an und präsentiert ganz unterschiedliche Ansätze, sowohl aus der Schulmedizin, als auch aus der Naturheilkunde und alternativen Verfahren.
Die Ansprache ist persönlich, der Schreibstil locker und gut zu lesen. Gut gefallen hat mir die Vielzahl der angebotenen Tipps aus ganz verschiedenen Bereichen. Es wird nicht das eine Wundermittel versprochen, sondern man wird dazu angeregt sich in ganz verschiedenen Bereichen anzusehen was hilfreich sein könnte. Dadurch geht etwas an Tiefe verloren, was ich manchmal schade fand, jedoch kann man sich natürlich auf Basis der gegebenen Informationen selbst weiter vertiefend informieren.
Am Ende jedes Kapitels lädt die Autorin zum Nachdenken über einige Fragen ein, sodass man eingeladen wird, sich mit seinem Körper und seinen Gewohnheiten auseinanderzusetzen.
Eine Empfehlung für alle, die sich mit dem Zyklus auseinandersetzen möchten und einen breiten Überblick über Möglichkeiten der Linderung von PMS-Symptomen suchen.

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Veröffentlicht am 01.09.2022

Nicht nur eine Liebesgeschichte

Jahre mit Martha
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Der fünfzehnjährige Željko wird von allen Jimmy genannt, da man sich in Deutschland mit seinem Namen schwertut. Seine Mutter putzt unter anderem bei Martha, einer Professorin, die beeindruckt von Željko ...

Der fünfzehnjährige Željko wird von allen Jimmy genannt, da man sich in Deutschland mit seinem Namen schwertut. Seine Mutter putzt unter anderem bei Martha, einer Professorin, die beeindruckt von Željko ist, der alles liest, was er in die Finger bekommt. Martha fordert und fördert Željko. Es entspinnt sich über Jahre hinweg eine komplizierte Beziehung.

Gerade die Darstellung dieser Beziehung gefiel mir sehr gut. Natürlich gibt es auch eine sexuelle Anziehungskraft, aber der Autor lässt noch so viel mehr ganz subtil mitschwingen.
Es ist wird nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, sondern auch die Geschichte eines Erwachsenwerdens, einer Emanzipation von Förderern, Erwartungen, Ansprüchen, Lebensentwürfen, um selbsterfüllende Prophezeiungen, darum den Weg zu finden aber sich auch immer wieder zu verlaufen. Es geht um Aufstieg und Scheitern, Familie und Identität, Anpassung und "Selbstfindung".
Teilweise ist die Schreibweise poetisch, berührend und fast schon romantisch und dann wieder sehr bodenständig.
Einige kroatischen Begriffe werden nicht erklärt, das fand ich aber nicht weiter störend. Man kann selbst nachschlagen, wenn man es möchte. Überhaupt lässt der Autor viel Raum zum selbst nachdenken. Und natürlich sind da ganz viele heiß diskutierte Themen im Text.
Eine gewinnbringende Lektüre die zum Diskutieren und Mitdenken einlädt.

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Veröffentlicht am 24.07.2022

Die Datscha

Das Leben vor uns
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Anja und Milka wachsen im Moskau der 80er Jahre auf. In der Datscha der Eltern verbringen sie ganze Sommer. Ihr Alltag wird von Mangel und politischer Unsicherheit bestimmt. Anja ist fasziniert von der ...

Anja und Milka wachsen im Moskau der 80er Jahre auf. In der Datscha der Eltern verbringen sie ganze Sommer. Ihr Alltag wird von Mangel und politischer Unsicherheit bestimmt. Anja ist fasziniert von der lebenshungrigen, abenteuerlustigen Milka, die laut und vulgär ist und sich nichts sagen lassen will und doch eine seltsame Ernsthaftigkeit hat. Sie sind unzertrennlich, bis sich eine Tragödie ereignet. Fast 20 Jahre später kehrt die inzwischen in den USA lebende Anja zurück, da die Datscha ihrer Eltern von einem Invenstor gekauft werden soll.

Kristina Gorcheva-Newberry wuchs selbst in Moskau auf und emigrierte wie die Hauptperson in die USA. Man merkt dem Text an, dass sie aus eigenen Erfahrungen oder vielleicht Erzählungen von Bekannten schöpfen kann. Man hat als Leser*in das Gefühl einen sehr ehrlichen, ungeschönten Blick auf das Aufwachsen der Jugendlichen zu bekommen. Es tauchen nur wenige Personen auf, die jedoch umso sorgfältiger betrachtet werden. Die Jugendlichen sind fasziniert von westlicher Musik und Kultur, sehnen sich nach Paris, Rom, New York, wohl wissend, dass ihr Leben ganz anders ablaufen wird. Gewalt, Missbrauch und Ungerechtigkeit werden stoisch ertragen und als selbstverständlicher Teil des Alltages in Russland hingenommen. Trotz Wissens um die Fehler der Politik stehen die meisten hinter der politischen Führung, wurschteln sich mehr oder weniger legal durch oder wählen die Emigration. Gleichzeitig beschreibt die Autorin sehr schön die Freundschaft der Jugendlichen, alltägliches Glück und berührende Erlebnisse. Referenzpunkt ist immer wieder Tschechows "Kirschgarten", zu dem es sehr viele Paralellen, nicht nur in der Auswahl der Namen der Charaktere, gibt. Während bei Tschechow aus der Leibeigenschaft befreite Neureiche das Gut der verarmten Adligen aufkaufen um Datschen zu errichten, sind es nun die Schergen zwielichtiger Oligarchen, die die Datschen einebnen und Hotels bauen möchten.


Ein fesselndes, bittersüßes Buch, das trotz schwerer Themen leicht lesbar daherkommt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick auf die russische Gesellschaft, macht es ihrer Hauptperson dabei aber nicht zu leicht. Sie lässt erkennen, wie komplex die Zusammenhänge sind und wie sehr die Menschen, und dadurch auch die Gesellschaft, von den vergangenen Ereignissen, ob nun persönlich oder "gesellschaftlich-historisch" beeinflusst sind. Auch wenn man sich so gar nicht für Russland/die UdSSR interessiert empfehlenswert. Eine schöne, grausame, beunruhigende Geschichte über Freundschaft, Familie und Heimat.

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