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Veröffentlicht am 03.10.2023

Georg Wilhelm Papst - ein Genie des deutschen Films

Lichtspiel
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In seinem Roman “Lichtspiel“ erzählt Daniel Kehlmann das Leben des deutschen Regisseurs Georg Wilhelm Papst. Er wurde durch seine genialen Stummfilme bekannt, drehte in Frankreich, bevor er sich mit seiner ...


In seinem Roman “Lichtspiel“ erzählt Daniel Kehlmann das Leben des deutschen Regisseurs Georg Wilhelm Papst. Er wurde durch seine genialen Stummfilme bekannt, drehte in Frankreich, bevor er sich mit seiner Frau Trude und seinem Sohn Jakob in Hollywood niederließ – in der Hoffnung, an seine bisherigen Erfolge anknüpfen zu können. Sein erster Film war jedoch ein Misserfolg, und keiner konnte oder wollte ihm helfen. Deshalb kehrte er nach Europa zurück. Als er seiner alten Mutter in einem Seniorenheim in seiner Heimat Österreich einen kurzen Besuch abstatten will, kann er wegen des Kriegsausbruchs nicht wieder ausreisen und muss sich irgendwie mit dem Naziregime arrangieren. Kehlmann beschreibt sehr anschaulich, welche Schwierigkeiten und Schikanen die Familie bewältigen muss. Der Vaterlandsflüchtling Papst wird noch immer als Kommunist und Jude beschimpft, obwohl es keine Juden in seiner Familie gibt. Er muss sich jede Äußerung genau überlegen, denn auch unter seinen Mitarbeitern könnten Spitzel des Regimes sein. Das Leben in Nazi-Deutschland ist auch deshalb eine große Belastung für das Ehepaar, weil Sohn Jakob Mitglied der Hitlerjugend ist und später als Soldat an die Front geht.
Der gut recherchierte, kenntnisreiche Roman stellt dem Leser nicht nur G.W. Papst vor, sondern eine Vielzahl bekannter Persönlichkeiten der Zeit. Der Autor vermischt Fakten und Fiktion, vor allem im Zusammenhang mit dem in den letzten Kriegsmonaten in Prag gedrehtem Film “Der Fall Molander“, der nie in die Kinos gelangte. In einer Rahmenhandlung tritt der im Sanatorium Abendruh lebende demente Franz Wilzek, ehemals Papsts Regieassistent, später eigenständiger Regisseur in der Fernsehsendung „Was gibt es Neues am Sonntag“ auf und lässt das Rätsel um den verschwundenen Film in einem neuen Licht erscheinen.
Ich habe den neuen Roman wie schon seine Vorgänger gern gelesen, obwohl er durch den enormen Detailreichtum zur damaligen Herstellung von Filmen und die schier unüberschaubare Personenvielfalt streckenweise erhebliche Längen hat. Dennoch ist Kehlmann ein sehr interessantes Buch gelungen.

Veröffentlicht am 03.10.2023

Dem Tod und dem Schmerz Zeit abtrotzen

Die Kinder des Don Arrigo
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In seinem Roman “Die Kinder des Don Arrigo“ erzählt Ivan Sciapeconi die Geschichte von jüdischen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg von der Organisation DELASEM vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden. ...

In seinem Roman “Die Kinder des Don Arrigo“ erzählt Ivan Sciapeconi die Geschichte von jüdischen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg von der Organisation DELASEM vor den Nazis in Sicherheit gebracht werden. Der fiktive Ich-Erzähler Natan wird 1942 von Recha Freier aus Berlin weggebracht, nachdem die Nazis schon seinen Vater abgeholt haben und genauso wie zahlreiche andere Kinder und Jugendliche nach einer langen Odyssee im Ort Nonantola in der Emilia Romagna versteckt. In der Villa Emma wird die kleine Gemeinschaft vom Pfarrer Don Arrigo mit Unterstützung des Bürgermeisters und eines Arztes geschützt. Auch die Dorfgemeinschaft hält zusammen und hilft, wo es nötig ist. Die Dorfbewohner riskieren dabei ihr Leben, denn die Bedrohung durch die Braunhemden wird immer größer, die deutschen Soldaten rücken näher, sodass sie am Ende kaum noch das Haus verlassen können. Schließlich muss erneut eine abenteuerliche Flucht organisiert werden, die beim ersten Versuch scheitert, denn die Schweizer Grenzposten lassen keine Juden ins Land. Ihr eigentliches Ziel - Palästina - werden sie so bald nicht erreichen.
Der Autor erzählt eine berührende Geschichte, die nicht nur verdeutlicht, dass in dieser furchtbaren Zeit nicht alle Faschisten und Mörder waren, sondern dass gerade dann mitmenschliches Verhalten und christliche Nächstenliebe vonnöten ist. Die Überlebenden haben dem Tod und dem Schmerz Zeit abgetrotzt. Ihr Sieg besteht darin, dass sie überlebt haben und die Chance auf ein neues Leben bekommen (S. 187). Ein wichtiges, lohnendes Buch.

Veröffentlicht am 23.09.2023

Es werde Schmerz, und es ward Schmerz

Die weite Wildnis
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Lauren Groffs neues Buch “Die weite Wildnis“ ist ein historischer Roman. Die Protagonistin ist ein Waisenkind, das von ihrer Dienstherrin im Alter von 4 oder 5 Jahren aus dem Waisenhaus geholt wird, damit ...


Lauren Groffs neues Buch “Die weite Wildnis“ ist ein historischer Roman. Die Protagonistin ist ein Waisenkind, das von ihrer Dienstherrin im Alter von 4 oder 5 Jahren aus dem Waisenhaus geholt wird, damit sie sich um die neugeborene kleine Bess kümmert. Der zweite Mann der Frau, ein Pastor, verlässt England mit der Familie, um an der amerikanischen Ostküste als einer der neuen Siedler zu leben. Viele Engländer sterben schon in den Stürmen während der Überfahrt, sehr viele mehr während des harten Winters an Hunger oder Krankheiten im belagerten Fort. Das Mädchen, von den grausamen Frauen im Heim Lamentatio Venal genannt, damit die Schande ihrer Herkunft nie in Vergessenheit gerät, erlebt im Fort schlimme Dinge. Eines Tages flieht sie, weil die Gefahren ihr dort viel größer erscheinen als alles in der unbekannten Wildnis dort draußen. Als Leser verfolgen wir, wie klug sie sich Nahrung verschafft und Schutz unter Felsen, in Höhlen oder zwischen Baumstämmen sucht. Sie bekommt einen neuen Blick auf die Welt, lernt die Schönheit der Natur mit ihren Pflanzen und Tieren zu lieben und lässt den Leser an ihren Erinnerungen an die Vergangenheit teilhaben. Nach allem, was ihr widerfahren ist, verliert sie ihren Glauben und stellt die Existenz Gottes in Frage. Schließlich war auch der Pastor nur ein gefährlicher Heuchler, dem es immer nur um den eigenen Vorteil ging. Das Mädchen schafft es durch ihre überragende Intelligenz allen Gefahren zu trotzen, leidet aber unter ihrer Einsamkeit. Mit dem holländischen Glasbläser auf dem Schiff hat sie die Liebe ihres Lebens verloren. Zurück bleiben Trauer und Schmerz (S. 254).
Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin in packender Sprache, überzeugt durch wunderbare Passagen über Landschaft und Klima und lässt auch Kritik an den skrupellosen Europäern einfließen, die sich anmaßen, die neue Welt in Besitz zu nehmen und alles zu zerstören, die Natur genauso wie fremde Zivilisationen, in diesem Fall die First Americans, die Ureinwohner. Ich habe den Roman gern gelesen, hätte mir aber schon etwas mehr Handlung gewünscht. Auch hat mich die Qualität der Übersetzung mit ihrer gewollt altertümelnden Sprache gestört, die leider auch unzählige Fehler enthält („vom Hunger gehagert“, S. 7 – soll das Deutsch sein?). Eine dennoch überwiegend positive Leseerfahrung.

Veröffentlicht am 10.09.2023

Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck

Vom Himmel die Sterne
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Der neue Roman von Jeannette Walls ist zugleich eine Familiengeschichte und das Porträt der Familie Kincaid in Claiborne County im ländlichen Virginia in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. An der ...


Der neue Roman von Jeannette Walls ist zugleich eine Familiengeschichte und das Porträt der Familie Kincaid in Claiborne County im ländlichen Virginia in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. An der Spitze steht der mächtige Duke Kincaid, von allen nur der Duke genannt. Es ist die Zeit der Prohibition, als durch den 18. Zusatzartikel zur Verfassung die Herstellung, der Verkauf und der Transport von Alkohol verboten ist. Die Regierung hat jedoch keine Möglichkeit, die Befolgung dieses Gesetzes auch durchzusetzen. So gibt es vor allem in den auf dem Land überall illegale Schnapsbrennereien, und die verarmte Mittel- und Unterschicht hält sich mit dem verbotenen Handel über Wasser. Auch der Duke hat seinen Reichtum u.a. auf diese Weise erworben.
Die Familiengeschichte der Kincaids ist in dieser Generation besonders kompliziert, denn der Duke ist viermal verheiratet und hat mehrere Kinder aus diesen Beziehungen. Sallie, die Tochter aus seiner zweiten Ehe, wird von ihrer Stiefmutter zu ihrer Tante Faye, einer Schwester ihrer früh unter zunächst ungeklärten Umständen verstorbenen Mutter geschickt, nachdem sie den kleinen Bruder in Gefahr gebracht hat. Sie lebt neun Jahre in äußerster Armut bei der Tante, bis sie zur Betreuung des Bruders zurückkommen darf. Sie kämpft von da an mit Mut und Stärke um ihre Position in der Familie.
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ihre fehlende Wertschätzung sind eines der zentralen Themen des Romans. Daneben geht es um die wirtschaftlichen Spätfolgen des Krieges, Korruption und Bandenkriege. Sallie macht schlechte Erfahrungen mit den Männern, nicht nur mit ihrem Vater. Sie kann niemandem vertrauen und ist in ihrem Kampf weitgehend allein. “Der Tod scheint überall zu sein. Tod und Schmerz und Lug und Trug und Dreck.“ (S. 425) Im Lauf der Zeit kommen immer mehr Familiengeheimnisse ans Licht – vor allem über Mutter und Vater und die Tante.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl es nicht ganz einfach ist, den Überblick über die weitverzweigte Familie zu behalten. Dennoch bleibt für mich “Schloss aus Glas“ das beste Buch der Autorin.

Veröffentlicht am 27.08.2023

Haben wir Menschen eine Zukunft?

Tasmanien
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Der Protagonist des neuen Romans von Paolo Giordano heißt Paolo und ist ebenfalls studierter Physiker. Inzwischen arbeitet er allerdings als Journalist und Romanautor. Er ist mit der etwa zehn Jahre älteren ...


Der Protagonist des neuen Romans von Paolo Giordano heißt Paolo und ist ebenfalls studierter Physiker. Inzwischen arbeitet er allerdings als Journalist und Romanautor. Er ist mit der etwa zehn Jahre älteren Lorenza verheiratet, die einen Sohn aus einer anderen Beziehung hat. Paolos Ehe ist kinderlos und gerät in eine Krise, als seine Frau beschließt, keine weiteren Versuche mit künstlicher Befruchtung mehr zu unternehmen. Der 40jährige Paolo ist unglücklich und muss sich neu orientieren. Er will so wenig wie möglich zu Hause sein. Deshalb reist er zu Veranstaltungen überall in der Welt und berichtet darüber. So ist er zum Beispiel 2015 bei der Klimakonferenz in Paris, wo er seinen Freund Guilio und den Wolkenforscher Jacopo Novelli trifft. Auch Guilio hat nach seiner Scheidung große Probleme, weil er vor Gericht um das Sorge- und Umgangsrecht für seinen Sohn kämpfen muss. Hier soll Paolo aufgrund seiner Beobachtungen eine für ihn günstige Aussage machen.
Vor dem Hintergrund seines privaten Unglücks beschäftigt sich Paolo mit all den Themen, die die Menschen bedrohen: Klimawandel, Terrorakte überall in der Welt, Kriege und nicht zuletzt die atomare Bedrohung. Er arbeitet an einem Buch über die Bombe, d.h. über die im August 1943 von den Amerikanern über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben. Er nimmt deshalb in Japan an den jährlichen Gedenkfeiern zu diesem Anlass teil und wird mit dem Leid der Überlebenden und ihrer Angehörigen konfrontiert. Das trägt nicht gerade zur Aufhellung seiner Stimmung bei. Mit seinem Buch kommt er ohnehin nicht voran. Er leidet unter einer regelrechten Schreibblockade.
Giordano setzt sich in seinem Roman mit gesellschaftlich relevanten Themen wie z.B. mit den Chancen von Männern und Frauen in der Wissenschaft, aber vor allem mit all den aktuellen Bedrohungen auseinander, die die Menschen ängstigen und unsicher machen. Das wirkt sich auch auf den Leser aus, der zwar Kenntnisse hinzugewinnt, sich aber nach der Lektüre fragt, ob die Menschheit eine Überlebenschance hat. Ich halte “Tasmanien“ für ein interessantes und wichtiges Buch, das zu dem neu entstandenen Genre CliFi gehört, wie so viele andere, die gerade erscheinen, z.B. T.C. Boyle, “Blue Skies“.