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Veröffentlicht am 10.11.2017

Der Mensch hinter dem Mythos

Der Fall Kallmann
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„Ich denke, so und nicht anders sieht das Leben aus: Wir befolgen die dunklen Anweisungen, wir wissen nicht, was sie bedeuten, aber sie sind alles, was wir haben.“


Inhalt


An der Bergtunaschule in einer ...

„Ich denke, so und nicht anders sieht das Leben aus: Wir befolgen die dunklen Anweisungen, wir wissen nicht, was sie bedeuten, aber sie sind alles, was wir haben.“


Inhalt


An der Bergtunaschule in einer kleinen Ortschaft in Schweden, herrscht der Ausnahmezustand. Nicht nur das der geachtete Schwedischlehrer Eugen Kallman wahrscheinlich das Opfer einer Straftat wurde, sondern auch die schlampigen Ermittlungen in diesem Fall und ein weiteres Verbrechen, diesmal an einem rassistischen Schüler verübt, sorgen für dauerhaften Gesprächsstoff. Es sind dunkle Zeiten für das Lehrerkollegium aber auch für die Schüler untereinander. Misstrauen, offene Fragen, üble Verdächtigungen und private Schnüffelaktionen sind die Folge. Ein Lehrerteam aus drei Kollegen versucht etwas Licht in die Sache zu bringen, indem sie sich den Tagebüchern Kallmanns annehmen und versuchen, zu recherchieren, warum er ums Leben kam und wer als potentieller Täter in Frage käme. Doch der Eigenbrötler Kallmann, der schon zu Lebzeiten keine intensiven Kontakte pflegte, bleibt ein Mysterium. Zwar entdecken die selbsternannten Privatdetektive mögliche Zusammenhänge, doch stoßen sie immer wieder auf eine Wand des Schweigens. Als ihnen klar wird, dass mindestens zwei ihrer Schüler auf unerklärliche Art und Weise in den Fall Kallmann verwickelt sind, übergeben sie ihre Arbeit einer motivierten jungen Polizistin. Und diesmal wird sich zeigen, ob der Mord aufzuklären ist und welcher Hintergrund sich tatsächlich verbirgt …


Meinung


Dieser Roman, der für mich kein klassischer Krimi ist, konnte mich dennoch voll und ganz überzeugen. Hakan Nesser entwirft eine groß angelegte Menschenstudie, die er vielschichtig und perspektivenreich präsentiert und in deren Zentrum ein verstorbener Lehrer steht, dessen Handlungen selbst zu Lebzeiten nicht wirklich verständlich waren. Er widmet sich mit Ausdauer und großem Erzähltalent einem Eigenbrötler, der nur wenige Freunde und keine näheren Angehörigen hatte und in seiner Freizeit alten, ungelösten Kriminalfällen auf die Schliche kommen wollte. Rückblickend bekommt der Leser eine Menge Material geboten, sei es durch Tagebuchaufzeichnungen oder aus kleineren Gesprächsepisoden, aus der Erinnerung von Kollegen oder durch rätselhafte Fotos – bald stellt man sich ebenso die Frage, wie die handelnden Personen: „Wer war Kallmann wirklich?“. Interessant ist auch der Aspekt des Mythos, der hier ganz nah greifbar erscheint. Während Eugen Kallmann früher ein geachteter Lehrer war, für den sich kaum einer interessierte, tritt sein unerklärlicher Tod eine ganze Lawine an Ereignissen los. Sehr schnell wird Kallmann zum Mythos, dem die Hinterbliebenen auf die Spur kommen möchten …


Der Großteil des Buches basiert auf der Suche nach den Hintergründen, offenbart aber auch grandiose Einblicke in den Schulalltag. Alle Erzähler gemeinsam schildern ihre persönlichen Eindrücke und bekommen dennoch ein Gesicht, einen eigenen Background und eine ausgearbeitete Geschichte. Dadurch entsteht ein sehr intensiver, stiller Roman, der viel Realitätsbezug hat und manches Ereignis einfach nur abbildet, ohne zu bewerten. Die Verbrechen, die Vergangenheit, die Rätsel sind stets greifbar, dominieren aber nie die Geschichte. Vielmehr macht sich der Leser gemeinsam mit den Erzählern auf die Suche und stochert ebenso ratlos wie diese in winzigen Bruchstücken eines fragwürdigen Lebens.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen komplexen Roman, der sich hinter einer vordergründigen Kriminalgeschichte nicht verstecken sollte. Die Spannungskurve liegt nicht sonderlich hoch, der Erlebnisfaktor ebenso wenig und trotzdem konnte mich diese Geschichte nicht nur fesseln, sondern auch bestens unterhalten. Ich empfehle dieses Buch vor allem Lesern, denen es mehr um die Menschen hinter der Geschichte geht, die bereits sind sich auf Abschweifungen einzulassen und gerne aus zweiter Reihe Beobachtungen anstellen. In gewisse Weise betreibt Nesser hier psychologische Studien, involviert Menschenkenntnis und persönliche Kontakte, beschreibt, erzählt und bringt nur hin und wieder neue Impulse in diese Geschichte hinein. Doch gerade dieser dunkle, unaufgeregte Erzählton, der viele Facetten aufwirft, konnte mich begeistern. Ein Roman, der bestens unterhält, wenn man Inhalte erwartet und weniger Nervenkitzel sucht.

Veröffentlicht am 06.11.2017

Das Dilemma einer erzwungenen Abhängigkeit

Dann schlaf auch du
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„Sie hat die unsichtbaren Fäden in der Hand, ohne die der Zauber nicht funktioniert. Sie ist Vishnu, die nährende, eifersüchtige und schützende Gottheit. Sie ist die Wölfin mit der Zitze, an der sie alle ...

„Sie hat die unsichtbaren Fäden in der Hand, ohne die der Zauber nicht funktioniert. Sie ist Vishnu, die nährende, eifersüchtige und schützende Gottheit. Sie ist die Wölfin mit der Zitze, an der sie alle trinken, die verlässliche Quelle ihres Familienglücks.“


Inhalt


Myriam Massé, Mutter zweier kleiner Kinder sehnt sich danach, endlich wieder in ihren Beruf einzusteigen und dort mit Erwachsenen zu kommunizieren und Bestätigung durch sinnvolle Arbeit zu erfahren. Als ihr ehemaliger Kommilitone sie in seine Anwaltskanzlei holen möchte, sagt sie zu und sucht gemeinsam mit ihrem Mann Paul eine Nanny für die beiden Kleinkinder. Sie haben großes Glück und finden eine Frau, die nicht nur Wert auf ihr Äußeres legt, sondern auch noch eine Landesfrau ist und über mehrjährige Berufserfahrung verfügt. Außerdem scheint sie einen direkten Draht zu Adam und Mila zu haben und wird prompt engagiert. Was zunächst wie der Sechser im Lotto erscheint, weil die Kinderfrau Louisé nicht nur kocht, aufräumt und den kompletten Haushalt samt Kindern übernimmt, entwickelt sich mehr und mehr zu einem ungesunden Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Angestellter. Myriam und Paul machen nun Familienurlaub zu „fünft“ und fühlen sich wie Fremde in der eigenen Wohnung. Die ungesunde Stimmung nimmt kontinuierlich zu, doch keiner hätte die Tragödie, die sich wenig später im Hause Massé ereignet vorausgesehen …


Meinung


Dieser Roman, der im Jahr 2016 Preisträger des Prix Goncourt geworden ist, hat mich schwer beeindruckt. Weniger auf Grund seines literarischen Anspruchs als vielmehr durch die beklemmend realistische und doch erschreckend grausame Erzählung, die sehr viele Belange des täglichen Lebens aufgreift und sie in einen alltäglichen Kontext setzt. Darüber hinaus entwirft die junge Autorin Slimani nicht nur vielschichtige Charaktere, sondern auch ein Beziehungsgeflecht zwischen Ihnen, welches wie das Netz einer gefährlichen Spinne immer dichter und enger wird und in dem man schließlich nur noch als Beute verenden kann. Die gewählte Ausgangssituation ist äußerst profan und realistisch, zeigt aber bereits das Dilemma, in dem sich berufstätige Mutter befinden, die zwar ihrer beruflichen Laufbahn nachgehen möchten, dann aber förmlich gezwungen sind, ihre Kinder einer anderen Frau anzuvertrauen, sie in die Obhut Fremder zu entlassen und immer mit einer latenten Schuld leben, weil Kind und Karriere nicht restlos vereinbar sind. Desweiteren greift die Autorin einen wichtigen gesellschaftlichen Punkt auf, der deutlich macht, wer eigentlich die Zugehfrauen sind, woher sie kommen und wie undankbar und unterbezahlt ihre tägliche Schwerstarbeit ist. Zwar sind die Umstände im gewählten Pariser Musterhaushalt noch weit schockierender, noch viel tiefgründiger und natürlich äußerst persönlich, doch neben dem Einzelschicksal der Familie Massé, wird auch das gesellschaftliches Phänomen von Nannys greifbar.


Die gewählte Erzählperspektive sorgt beim Leser für den Rundumblick, eben weil er nicht nur die gestresste, verzweifelte Mutter kennenlernt, nicht nur den leicht desinteressierten Vater, sondern auch die psychisch gestörte Kinderfrau, die arglosen, manchmal auch gemeinen Kinder. Die Nachbarn, das persönliche Umfeld, die immer gleichen Tagesabläufe und die zahlreichen Ursachen aus der Vergangenheit ebenso wie die trügerische Idylle der Gegenwart. Die Besonderheit dieses Romans liegt meines Erachtens in seiner beklemmenden Stimmung, in seiner nachhaltigen Wirkung und seiner allumfassenden Erzählweise. Obwohl die Autorin bewusst auf die Ich-Erzählperspektive verzichtet und damit alles sehr sachlich und streckenweise distanziert wirkt, gefällt mir dieses stilistische Mittel bei der Art der Erzählung ausgesprochen gut. Nicht zuletzt, weil damit die Frage nach Schuld oder Selbstverschulden so offen im Raum hängen bleibt. Es gibt kein abschließendes Urteil, keine absolute Wahrheit, keine zufriedenstellende Auflösung – die Tragödie nimmt einfach ihren Lauf und lässt den Leser mit dem bitteren Geschmack des Unvermeidlichen zurück.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für ein weiteres Lesehighlight im Jahr 2017, einen Roman mit Realitätsbezug mit Dramatik, mit persönlichen und gesellschaftlichen Verfehlungen, mit Menschen, die nicht aus ihrer Haut können, die gleichermaßen verzweifelt und engagiert auftreten, die kämpfen, abwägen und fehlerhafte Entscheidungen treffen. Und diese fast psychologische Menschenstudie hat mir ausgesprochen gut gefallen, weil sie Komplexität und Überblick bewahrt, in Momenten in denen das Glück Einzelner wie ein herunterfallender Spiegel in tausend Scherben zerbricht.

Veröffentlicht am 06.10.2017

Die Falle, der man zu entkommen versucht

Der gefährlichste Ort der Welt
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Dieser Ort war so speziell, in seiner Schönheit und seinen Beschränkungen, dass kein anderer Ort ihnen wirklich stimmig erscheinen würde. Sie konnten nicht vergessen, dass diese Welt für sie geschaffen ...

Dieser Ort war so speziell, in seiner Schönheit und seinen Beschränkungen, dass kein anderer Ort ihnen wirklich stimmig erscheinen würde. Sie konnten nicht vergessen, dass diese Welt für sie geschaffen worden war, dass sie in dieses perfekte Nest hineingeboren worden waren, und trotzdem hatten sie darauf bestanden, unglücklich zu sein.“

Inhalt

Mit 13 Jahren kann die Welt um einen herum alles bedeuten oder sie erfüllt keinen Zweck mehr. Für Tristan Bloch gilt Zweiteres, nachdem er zum Gespött der ganzen Klasse geworden ist, weil er dem Mädchen, in welches er verliebt ist, einen emotionalen Liebesbrief übergibt, in der Hoffnung, dass sie seine Gefühle erwidert. Dank Facebook weiß bald jeder von diesem scheinbar absoluten Volltrottel, der an seiner Abfuhr wohl selbst schuld ist. Tristan hält dem Druck und Mobbing seiner Mitschüler nicht stand und stürzt sich in seiner Verzweiflung von der Golden Gate Bridge. Und während seine einstigen Mitschüler nun versuchen auf ihre Art und Weise mit seinem Tod zurechtzukommen, zeigt sich immer deutlicher das keiner der Klasse jemals dort landen wird, wo er wirklich glücklich sein könnte. Sie alle werden erwachsen und können bald ein selbstbestimmtes Leben beginnen, nur dass niemand ihnen sagen kann, wie sie das eigentlich anstellen sollen …

Meinung

Dieser Debütroman der amerikanischen Autorin Lindsey Lee Johnson greift gleich mehrere Dinge auf und schmiedet aus elementaren Verhaltensweisen einen sehr tiefgründigen, absolut ansprechenden Coming-of-Age Roman, der nicht nur die tatsächlichen Hintergründe von jugendlichen Verfehlungen an den Pranger stellt sondern auch zeigt, wie schwer es ist, trotz aller Möglichkeiten, perfekter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, Förderung und Ansprache ein vernünftiger, verantwortungsbewusster Mensch zu werden, der nicht willkürlich über andere urteilt sondern sich selbst auch zurücknehmen kann. Sie arbeitet zunächst sehr geschickt das soziale Umfeld der Beteiligten heraus, lässt deutlich werden, dass es sich hier um Jugendliche handelt, denen es an nichts fehlt, die aus Elternhäusern stammen, die sie eher überfordern als abzulehnen und die sich für Geld und gutes Aussehen alles leisten dürfen, was ihr Herz begehrt. Doch gerade in diese Wunde legt sie ihren Finger: „Was wünscht man sich, wenn man alles haben kann, nur nicht das persönliche Glück geliebt und geachtet zu werden, um seiner selbst willen?“

Der Leser begleitet die verschiedenen Protagonisten, die stimmige Beinamen wie der Schönling oder die Tänzerin bekommen, durch die nächsten 5 Schuljahre und lernt sie alle kennen, wie sie versuchen sich freizuschwimmen und in ihrer Zukunft einen echten Sinn, eine elementare Bedeutung suchen. Nacheinander sieht man aber auch, wie sie entweder auf die schiefe Bahn geraten oder sich sozialen Randgruppen anschließen oder einfach nur durch eine Dummheit ihre Gesundheit einbüßen. Bitterkeit und Unverständnis schwingen mit, als Leser schüttelt man den Kopf und fragt sich, wie es zu derartigen Auswüchsen kommen kann, doch man findet die Antwort auf die Frage schnell: es sind die leeren Herzen, die diese Jugendlichen sinnfrei und respektlos gegenüber anderen Mitmenschen aufzutreten und ihre Zukunft ist vor allem deswegen so düster, weil sie versuchen der Falle zu entkommen, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben.

Der Schreibstil ist locker, teilweise sogar salopp und entspricht dem Umgangston Jugendlicher, nichts was mich vorrangig anspricht, doch hier wechseln die Passagen schnell und der erzählende Fließtext vermittelt die eigentlichen, sehr tiefgründigen Inhalte, die in der wörtlichen Rede fehlen. Was mir sehr gefallen hat, ist die Wertungsfreiheit, mit der die Autorin ihren Text schreibt. Sie polarisiert nicht, sie will auch kein Mitleid hervorrufen, sie stellt sich klar gegen die Handlungen der Protagonisten, drückt das aber alles sehr distanziert und absolut unverbindlich aus. Dadurch kann sich jeder Leser selbst positionieren, wie er zu dem Verlauf der Geschichte Stellung bezieht, und was er als Resümee aus der Lektüre mitnimmt.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen etwas anderen Jugendroman, der durchaus Ansprüche stellt und Fehler aller Art benennt, sie darlegt aber offenlässt, wohin der Weg führen wird. Eine sehr ansprechende Lektüre, die man hinterfragen und auf sich wirken lassen kann. Vielleicht kein Buch für junge Erwachsene und auch nicht für diejenigen die bloße Unterhaltungsliteratur suchen. Hier muss man auch Traurigkeit und Unwillen ertragen, Menschen willkommen heißen, die man nicht kennenlernen möchte und Lebenswege verfolgen, denen es an jeglicher Grundlage fehlt. Mir hat dieser zweischneidige Text ausgesprochen gut gefallen, weil er sehr viel Wahrheit zwischen den Zeilen erkennen lässt.

Veröffentlicht am 07.09.2017

Ich war erfolgreich, wo er versagt hatte

Geständnisse
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„Ich begriff, das Rache niemals auslöschen würde, was geschehen war, mich niemals davon abhalten würde, Sie abgrundtief, mit meinem ganzen Sein zu hassen.“

Inhalt

Als Yuko Moriguchis vierjährige Tochter ...

„Ich begriff, das Rache niemals auslöschen würde, was geschehen war, mich niemals davon abhalten würde, Sie abgrundtief, mit meinem ganzen Sein zu hassen.“

Inhalt

Als Yuko Moriguchis vierjährige Tochter einem als Unfall getarnten Mord zum Opfer fällt, ermittelt die verzweifelte Mutter selbst, wie es dazu kommen konnte. Schon bald findet sie heraus, dass zwei ihrer Schüler, für das Verbrechen die Schuld tragen, doch da beide noch minderjährig sind, vertraut die ambitionierte Lehrerin diesmal nicht der Polizei und der Gesetzgebung, sondern beschließt, die beiden ihrer gerechten Strafe zuzuführen und sich an ihnen zu rächen. Doch so einfach funktioniert das nicht, denn während derjenige, der ihre kleine Manami wirklich töten wollte, sie nur betäubt hat, war sein Helfer derjenige, der alles vertuschen wollte und sie letztlich im Schwimmbad ertränkte. So setzt sie ein Gerücht in die Welt, dem es an jeder Grundlage fehlt, doch den einen treibt sie damit in den Wahnsinn und den anderen verleitet sie zu weiteren mörderischen Taten …

Meinung

Dieser psychologische Spannungsroman hat mich auf ganzer Linie überzeugt, gerade weil er aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird und viele Protagonisten zu Wort kommen lässt, die nichts weiter tun, als dem Leser ihre Version der Geschichte zu präsentieren. So fühlt man sich wie in einem Spiegelsaal – wohin man auch schaut, immer wieder begegnet man dem Bösen, den verzweifelten Hilferufen geschundener Seelen und den niederträchtigen Beweggründen von Mördern und Wahnsinnigen. Dadurch entsteht ein umfassendes, sehr facettenreiches Porträt eines Verbrechens, welches nicht nur die Sinnlosigkeit mancher Handlung in Frage stellt, sondern konkrete Beispiele liefert, wie eine kleine Gruppe funktioniert, wen sie ausschließt, wen sie bevorzugt und vor allem, was passiert, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät und plötzlich mit Begriffen wie Schuld, Verantwortung und Mittäterschaft konfrontiert wird.

Der Titel „Geständnisse“ wurde sehr passend gewählt und umfasst den kompletten Text, der sich mit allen Beteiligten intensiv auseinandersetzt. Trotz der Tatsache, dass der jeweilige Erzähler immer in der Ich-Form spricht, merkt man deutliche Unterschiede zwischen den Charakteren. Dieses hintergründige Agieren hat mir sehr gut gefallen, denn dadurch gewinnt der psychologische Aspekt des Ganzen an Bedeutung und man bekommt ein gutes Gefühl dafür, aus welchen teils abstrusen Gedanken sich eine mörderische Handlung aufbaut. Aber schlimmer noch, die Autorin setzt den Fokus bewusst auf das Motiv Rache und bald schon hat man das Gefühl, dass ein Geständnis noch aussteht und die endgültige Wahrheit noch viel bedrückender sein wird, als das Intermezzo ohnehin schon ist.

Fazit

Ich bin begeistert und vergebe für diesen ansprechenden, wenn auch ungewöhnlichen Spannungsroman volle Punktzahl und damit 5 Lesesterne. Kein klassischer Thriller, vielmehr eine psychologische Studie über die Verfehlungen, denen Menschen aus diversen Gründen erliegen können. Auch die angesprochene Thematik der Selbstjustiz hat mich zwar erschreckt, erscheint mir in diesem Zusammenhang aber durchaus verständlich. Dieser Roman wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, weil er sich so positiv vom „Einheitsbrei“ abhebt und vollkommen ohne Effekthascherei und abstruse Handlungen auskommt – gerne mehr von solch interessanten Sachverhalten.

Veröffentlicht am 05.09.2017

Eine Jugendfreundschaft auf Distanz

Die Geschichte der getrennten Wege
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„Er war, so kam es mir vor, zu einer Gestalt des Bedauerns geworden, zur Synthese dessen, was ich nun wohl nie werden würde, obwohl ich die Chance dazu gehabt hatte.

Inhalt

Diesmal gehen Elena und Lila ...

„Er war, so kam es mir vor, zu einer Gestalt des Bedauerns geworden, zur Synthese dessen, was ich nun wohl nie werden würde, obwohl ich die Chance dazu gehabt hatte.

Inhalt

Diesmal gehen Elena und Lila getrennte Wege. Die eine heiratet in eine angesehene Professorenfamilie ein und genießt den Ruhm ihres ersten erfolgreichen Romans und die Freuden einer jungen Ehe, die andere plagt sich schwer in einer Wurstfabrik ab und kämpft für die Stärkung der Rechte aller Arbeitnehmer. Eine gemeinsame Herkunft und eine Freundschaft, die ebenso stark wie zermürbend wirkt, eint die beiden jungen Frauen, doch ihre Entwicklung könnte nicht differenzierter verlaufen. Endlich ist es Elena gelungen, aus dem Schatten ihrer um ihre Schönheit und Klugheit beneideten Freundin herauszutreten. Doch das erhoffte Hochgefühl stellt sich nicht ein, denn schon bald muss auch Elena einsehen, dass ihr Leben zwischen zwei kleinen Töchtern und der aufgedrängten Haushaltführung rein gar nichts mit ihren Vorstellungen von Freiheit und Akzeptanz zu tun hat und ihre ehelichen Pflichten bereiten ihr große Sorgen. Aus einer gut gewählten Partie, wird schließlich eine lieblose Beziehung und dann tritt plötzlich ihr Jugendschwarm Nino in ihr wohlgeordnetes Leben. Elena ahnt, dass sie sich positionieren muss und erneut an einer Wendeschleife des Lebens steht.

Meinung

Mittlerweile zähle ich mich tatsächlich zu den Ferrante Fans, die der Verlag und das Marketing bereits im Vorfeld verkündet haben. Zunächst bin ich eher skeptisch an die neapolitanische Saga rund um die beiden Frauen Elena und Lila herangegangen, weil der erste Band noch nicht dieses Hochgefühl erzeugen konnte, wie es nun der zweite aber noch mehr der dritte Band vermögen. Tatsächlich lebt diese Geschichte von zwei gegensätzlichen Charakteren und deren Handlungen sowie von dem geschaffenen Zeitpanorama, den politischen Entwicklungen und Verfehlungen eines Landes.

Gerade in diesem dritten Teil spielt auch der Klassenkampf eine wichtige Rolle, nicht nur die Ablösung zweier Frauen aus ihren Jugendjahren hinein in ein verantwortungsvolles Erwachsenenleben steht im Zentrum der Erzählung, sondern auch die brutalen Kämpfe der Arbeiter, die sich in Gewerkschaften formieren und auf Biegen und Brechen ihre Rechte einfordern. Die Autorin vermag es geradezu vortrefflich ein persönliches Schicksal mit den Rahmenbedingungen der Politik zu verweben, so dass tatsächlich eine Einheit entsteht, die keinerlei Widerspruch erzeugt. Ihr ist es gelungen über die Anzahl der vorherigen Bücher, die beiden Hauptprotagonistinnen so treffend und intensiv zu beleuchten, dass der Leser ihre Aktionen, ihren Willen und die publizierten Wünsche direkt greifen kann. So dass es weder Sympathie noch Ablehnung bedarf, um genau das auszudrücken, was die Geschichte ausmacht.

Nach wie vor ambivalent bleibt dabei die Mädchenfreundschaft, die sich im Wesentlichen auf Zuneigung, Bewunderung aber auch Neid und Konkurrenzkampf beruft. Man kann spüren, dass Elena und Lila viel verbindet, obwohl sie noch mehr trennt und da sich dieses Wissen nun noch auf einen gemeinsamen Liebhaber konzentriert, steigt die Spannung bis zum großen Finale in Band 4.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen mitreißenden, sehr euphorischen Text, der viel Temperament und Charakterstärke besitzt und sich über Grenzen hinwegsetzen kann. Es empfiehlt sich hier unbedingt die Lesereihenfolge einzuhalten, da diese Tiefenwirkung des Romans wohl erst entstehen kann, wenn der Leser auch Teil der Vorgeschichte geworden ist. Ein unverwechselbarer Schreibstil und eine weitgreifende Geschichte nehmen hier den Verlauf des Lebens und die wichtigen Ereignisse im Kleinen wie im Großen auf und vermitteln zwar keine tieferen Erkenntnisse aber eine wunderschön erzählte, fast gelebte Geschichte, die zu Recht den Namen ROMAN trägt. Ich erwarte mit großer Spannung den vierten Band im Februar 2018 und freue mich jetzt schon auf einen würdigen Abschluss.