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Veröffentlicht am 29.11.2023

Düstere Ermittlungen

Monster (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 11)
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Die 16-jähirige Larissa wird tot aufgefunden. Leider ist sie nicht eines natürlichen Todes gestorben. Ihre Eltern sind verzweifelt, denn Larissa war ihre einzige Tochter. Die beste Freundin das Mädchens ...

Die 16-jähirige Larissa wird tot aufgefunden. Leider ist sie nicht eines natürlichen Todes gestorben. Ihre Eltern sind verzweifelt, denn Larissa war ihre einzige Tochter. Die beste Freundin das Mädchens ist ebenfalls sehr traurig. Eigentlich waren sie an Larissas letztem Abend gemeinsam unterwegs, doch sie hatten sich gestritten und ihre Wege trennten sich. Pia Sander und Oliver von Bodenstein übernehmen die Ermittlungen. Sie stehen vor einem Rätsel. Es ist nicht so leicht vorstellbar, dass jemand etwas gegen eine so junge Frau gehabt haben könnte. Schnell gerät ein junger Mann unter Verdacht, der bereits einmal vor Gericht gestanden hat und nach einer Haftbeschwerde frei gekommen ist.

Dieser elfte Band um Kommissarin Pia Sander und Oliver von Bodenstein bietet einen sehr komplexen Fall. Es fängt jedoch wie eine Untersuchung in einem normalen, aber insbesondere für die Angehörigen sehr belastenden Fall an. Ein junges Mädchen wurde getötet. Von Bodenstein und sein Team ermitteln fieberhaft. Allerdings kommen die Nachforschungen erst nachdem ein weiterer Todesfall geschieht so richtig in Gang. Pia Sander kann nicht immer ganz bei der Sache sein, ihre Mutter wird langsam alt und es deutet sich an, dass sie nicht mehr alleine leben kann. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse, so dass sich das gesamte Team voll konzentrieren muss.

Dieses gekürzte Hörbuch wird sehr gekonnt vorgetragen von Julia Nachtmann. Wenn man schon einige Zeit keinen Roman der Autorin gelesen/gehört hat, fühlt man sich gleich wieder heimisch. Die Nähe zu den vertrauten Personen ist gleich da. Bei einem Hörbuch, dessen Lesung doch um einiges kürzer ist, als die vollständige Variante, fragt man sich allerdings, was fehlt. So sind hier private Entwicklungen, die einem beim Buch manchmal zu ausführlich behandelt vorkommen, hier eher knapp gehalten. Was jedoch den Fall angeht, vermisst man kein Detail.
Die Thematik, welche von der Autorin aufgegriffen wird, ist sehr aktuell. In einigen Bereichen erschüttert das Gelesene, man wird mit Geschehnissen konfrontiert, an die man nie gedacht hätte. Manchmal ist man ergrimmt über Ereignisse, die scheinbar in die heutige Zeit gehören, die jedoch alles andere als schön sind. Die Auswüchse sind doch manchmal extrem, da wünscht man sich bessere Zeiten herbei. Die Ermittlungen gestalten sich packend und durch die eindringliche Lesung fällt es schwer, mit dem Hören eine Pause einzulegen.

Die Covergestaltung passt sehr gut zu dem düsteren Fall und in die Optik der gesamten Reihe, das gibt einen schönen Wiedererkennungseffekt.

Veröffentlicht am 24.11.2023

Gefallen um Gefallen

Der Weg der Wünsche
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Bast wirkt wie ein rechter Taugenichts. Soll er seine Lektionen lernen, macht er das oder nicht. Soll er für seinen Meister, den Gastwirt Reshi, etwas besorgen, denkt er daran oder nicht. Am Morgen schleicht ...

Bast wirkt wie ein rechter Taugenichts. Soll er seine Lektionen lernen, macht er das oder nicht. Soll er für seinen Meister, den Gastwirt Reshi, etwas besorgen, denkt er daran oder nicht. Am Morgen schleicht er sich aus dem Haus, um zum Blitzbaum zu gelangen. Dort warten manchmal Kinder, die einen Gefallen von ihm zu wünschen. Und natürlich gibt es einen Gefallen nur im Austausch gegen einen anderen Gefallen oder ein Geschenk. Über den Tag trifft er mehrere Kinder, die ihre Wünsche offenbaren. Gewitzt sieht Bast dabei zu, dass er sich nicht zu sehr verpflichtet und dass ein Tausch für ihn recht günstig wird.

Eine neu geschriebene Novelle aus der Welt der der „Königsmörder-Chroniken“ legt der Autor vor. Der schlitzohrige Bast hat seinen Auftritt. Leichtfüßig springt er durch den Tag, handelt Tauschgeschäfte mit den Kindern aus, die ihn darum bitten. Und meist geht er so gewitzt vor, dass den Kindern die Wünsche erfüllt werden können, ohne dass irgendwer zu Schaden kommt. Bast ist schon anders, das soll aber keiner merken. Und meist fügt er sich ganz gut ein. Insgeheim freut er sich, wenn er die Ergebnisse seiner Tauschgeschäfte sieht und schließlich denkt er auch an seine Aufträge, manchmal.

Wenn man den Namen Patrick Rothfuss liest, denkt man natürlich sofort an die Kingkiller-Trilogie, die seit Jahren eine Duologie ist. Man kann nicht sagen, ob man noch auf die Veröffentlichung des dritten Bandes wartet. Man kann aber, wenn es eine neu geschriebene ältere Geschichte aus Kvothes Universum gibt, diese Worte nicht vermeiden. Nachdem diese wehmütigen Gedanken abgehakt sind, kann man sich mit Freude dieser Novelle widmen, die einem die tolle Weise, wie der Autor die Feder führt, sofort wieder nahebringt. Die liebenswerte Art seiner Figuren, schlitzohrig und sympathisch, erwärmt das Herz ebenso wie die Weisheit und Offenheit der Kinder. Nicht alle vermeintlich Fiesen sind tatsächlich so fies, wofür einem die Gedanken geöffnet werden. Und die wirklich Unangenehmen Personen kriegen ihr fett weg, ohne dass sie allzu viele Grausamkeiten erleiden. Mit seinem Zauber hilft Bast quasi unter der Hand, so dass es kaum bemerkt wird. Er ist und bleibt ein liebenswerter Bruder Leichtfuß, der doch mehr Tiefgang hat, als er zeigen möchte. Ein wunderbare Geschichte, die so gut in diese unschöne Zeit passt, weil sie den Blick auf etwas Besseres öffnet.

Veröffentlicht am 25.10.2023

Spannung pur

Das falsche Opfer
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Nachdem Carla Winter den Tod ihres Ex-Mannes Felix überwunden hat, ist ihr Leben wieder in ruhigeren Bahnen angekommen. Ihre Anwaltspraxis läuft und mit ihrem Freund dem Arzt Moritz versteht sie sich bestens. ...

Nachdem Carla Winter den Tod ihres Ex-Mannes Felix überwunden hat, ist ihr Leben wieder in ruhigeren Bahnen angekommen. Ihre Anwaltspraxis läuft und mit ihrem Freund dem Arzt Moritz versteht sie sich bestens. Mit ihrer Sekretärin führt sie ab und zu ein kleines Scharmützel, was diesmal zur Einstellung von Richie führt, der unbedingt eine Stelle braucht. Carla ahnt also nichts Böses als sie eine verzweifelte Frau vor ihrer Haustür aufliest. Diese erklärt, sie habe ihren Partner in Notwehr getötet. Carla muss der Frau einfach helfen. Der Fall liegt klar auf der Hand. So klar, dass die Frau bis zur Verhandlung auf freiem Fuß bleiben kann.

Der zweite Fall für die Rechtsanwältin Carla Winter scheint zunächst klar und harmlos zu sein. Dass ihre Mandantin ihren Partner in Notwehr getötet hat, war nach ihrer Schilderung beinahe unausweichlich. Und so läuft im Prozess auch alles wie vorhergesehen. Dabei macht Richie sich richtig gut. Obwohl Carla sich gegen die Einstellung eines weiteren Mitarbeiters gesträubt hat, kommt sie gut mit dem sympathischen jungen Mann aus. Und auch bei dem 12jährigen Sohn ihres Freundes kann Carla punkten. Sogar mit ihrer anstrengenden Sekretärin Mathilde läuft es besser. Als dann jedoch ein anonymer Brief bei der Praxis eingeworfen wird, erscheint einiges in einem anderen Licht.

Dies ist ein Roman, den man wirklich in kürzester Zeit inhaliert. Sehr packend ist es, wie hier die Geschichte hinter der Geschichte entwickelt wird, um dann doch in einer ganz anderen Geschichte zu enden. Wenn es Hinweise auf das bisherige Geschehen gibt, wird dies erläutert, so dass es zwar besser ist den ersten Band der Reihe zu kennen, aber nicht zwingend erforderlich. Carlas neue Mandantin erweckt einen Eindruck der Hilfsbedürftigkeit. Carla kann nicht anders als das Mandat zu übernehmen. Aus diesem Ansatz entwickelt sich eine rasante und überraschende Story, mit einem unverhofften politischen Einschlag und nicht absehbaren Gefahrensituationen. Da fliegt man nur so durch das Buch und hat am Ende einen Cliffhanger, der neugierig auf den nächsten Band der Reihe macht. Das richtige Buch zur richtigen Zeit, zumindest für diese Leserin.

Veröffentlicht am 29.09.2023

Kleine Stadt im Osten

Die Möglichkeit von Glück
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Stine wurde noch während der Existenz der DDR geboren, aber sie war erst ein paar Jahre als der Staat ihrer Eltern unterging. So richtig kann Stine das mit der Wende nicht verstehen. Liegt es an ihr, ...

Stine wurde noch während der Existenz der DDR geboren, aber sie war erst ein paar Jahre als der Staat ihrer Eltern unterging. So richtig kann Stine das mit der Wende nicht verstehen. Liegt es an ihr, dass sie sich überall falsch vorkommt? Erst Jahre später als sie schon in Berlin studiert und schon selbst Kinder hat, beginnt Stine nachzuforschen. Gerade in der Vergangenheit ihres geliebten Opas Paul scheint es einige Ungereimtheiten zu geben. Und ihre Eltern, die überzeugten Sozialisten? Bei ihrer Suche beginnt Stine nicht nur etwas über ihre Familie herauszufinden, sondern sie hinterfragt auch, wie sie ihr Selbst gebildet hat.

Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 ist dieses Erstlingswerk der Prosa einer jungen Autorin gelandet. Wie verarbeitet man so einen totalen Umbruch? Die Erfahrung von Diktatur und Bevormundung zur relativen Freiheit, in der auch nicht alles schön ist. Stines unterkühltes Elternhaus, die Eltern, die in der DDR schließlich auch ein gutes Leben hatten, sie haben sich ja nichts zu schulden kommen lassen. Und gerade ihr Halt, ihr Opa Paul hat nicht immer die Wahrheit gesagt, hat geschwiegen wie so viele andere auch. Was soll oder will Stine ihren Kindern weitergeben? Einiges wird sie jedoch bestimmt anders machen als ihre Mutter.

Hier hat die Buchpreisjury wirklich eine hervorragende Auswahl getroffen. Ohne diese Wahl hätte ich dieses Werk verpasst und das wäre schon ein Verlust gewesen. Wie das Leben in einem so bevormundenden Staat sei es nun im Nazi-Staat der 1930er und 1940er oder im Stasi-Staat der DDR nachwirkt, auch wenn diese Staaten untergegangen sind, ist ein packendes Thema. Konnten Eltern oder Großeltern mit ihren Erfahrungen überhaupt gute Eltern oder Großeltern sein? Wie fühlten sich die Kinder, die einem Weltbild entsprechen sollten, dass es nicht mehr gab. Können sie den Rucksack abschütteln, den ihnen die Geschichte und ihre schweigenden Eltern aufgebürdet haben? Beim Lesen des Buches fängt man an in eigenen Erinnerungen zu versinken, man erkennt sich wieder, auch wenn man einen anderen Hintergrund hat. Man muss auch mal absetzen und zu Atem kommen. Dennoch möchte man diese Leseerfahrung nicht missen. Es kann nicht alles bis ins Letzte geklärt werden und doch hat man die Chance etwas zu ändern.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 10.09.2023

Drei Tage noch

Eigentum
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Drei Tage hat die 95jähre Mutter des Autors noch zu leben. Das kann er natürlich nicht wissen als die drei Tage beginnen, doch als er mit dem Schreiben des Buches beginnt weiß er das wohl. Und So erinnert ...

Drei Tage hat die 95jähre Mutter des Autors noch zu leben. Das kann er natürlich nicht wissen als die drei Tage beginnen, doch als er mit dem Schreiben des Buches beginnt weiß er das wohl. Und So erinnert er den Leser immer daran wie viele Tage, Stunden es noch sind. Und der Autor erinnert sich an die Erzählungen der Mutter und er lässt sie auch selbst nochmal zu Wort kommen. 1923 geboren und die Inflation kam. Das Geld war nichts mehr wert und alles war hin. Sparen, sparen, sparen heißt es und am Ende hat es die Mutter nicht zu einem Eigentum gebracht. Dabei wohnt sie ganz schön im Altenheim, das früher die Klinik war, in der sie ihre Kinder zur Welt gebracht hat.

Man denkt beim Lesen dieser Annäherung an die Mutter auch immer mal wieder an die eigene Mutter. Die zu einer ähnlichen Zeit geboren auch die Geschichten hatte, die sich ewig wiederholten. Wobei durchaus der Eindruck entsteht, dass die Mutter, um die es hier geht wesentlich erzählfreudiger war. Oder gibt es auch hier Auslassungen, von denen der Autor nichts weiß? Immerhin erinnert sich sein Bruder manchmal ganz anders als er. Die Mutter jedoch erscheint als Persönlichkeit, aus der in der heutigen Zeit mehr hätte werden können. Wie bedauerlich und schade für diese Generation, die von einem unnützen Krieg und dummen Kriegsherren ausgenutzt und missbraucht wurde. Nur mit den Menschen konnte die Mutter nicht so gut.

Mit leichten aber doch eindringlichen Worten schildert der Autor die letzten Tage mit seiner Mutter. Wie sie doch etwas tüdelig geworden ist, nicht mehr so viel Interesse hat, immer wieder einnickt. Gerade das lässt ihm Zeit, sie mit seinen Worten zwar, aber doch mit ihrem eigenen Tonfall die wichtigsten Stationen ihres Lebens Revue passieren zu lassen. Das ist wirklich sehr gelungen. Man fühlt mit der alten Dame, die ja auch mal jung war. Und wie schon gesagt, wird auch der Gedanke an die eigene Mutter wieder geweckt. Dieser Roman ist ein liebevolles Denkmal an eine Mutter, die mit ihren Ecken und Kanten beschrieben wird und obwohl vielleicht nicht von jedem geliebt, doch eine größere Anzahl von Menschen positiv beeinflusst hat.