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Veröffentlicht am 01.12.2025

Aufwachsen im Bürgerkrieg

Der brennende Garten
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Der erste Satz in "Der brennende Garten" knallt direkt rein und setzt die Stimmung für diese dramatische Geschichte: "Ich habe vor Kurzem einen Brief an einen Terroristen geschickt, den ich von früher ...

Der erste Satz in "Der brennende Garten" knallt direkt rein und setzt die Stimmung für diese dramatische Geschichte: "Ich habe vor Kurzem einen Brief an einen Terroristen geschickt, den ich von früher kannte." Damit eröffnet die Protagonistin und Ich-Erzählerin Sashi einen vielschichtigen Roman, der schnell verdeutlicht, dass Bezeichnungen wie "Terroristen" immer von der Perspektive abhängen und nie alle Seiten eines Menschen abdecken. Wer die Geschichte schreibt, welche Erlebnisse dabei bewahrt und welche verdrängt oder verdreht werden, zieht die Autorin V. V. Ganeshananthan als Motiv durch den ganzen Roman.

Die Rahmenhandlung spielt in New York, der größte Teil des Romans aber in Sri Lanka, vor allem auf der nördlichen Halbinsel Jaffna und in der Hauptstadt Colombo, die im Südwesten der Insel liegt. Statt den bekannten romantischen Urlaubsbildern von Palmen-gesäumten Sandstränden und goldglänzenden Tempeln lernen wir hier den rauen, gefährlichen Alltag kennen. Aus den Spannungen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit entwickelt sich ein schrecklicher Bürgerkrieg, in den später auch Indien eingreift. Eine unübersichtliche Lage, in der alle Seiten grausame Menschenrechtsverbrechen begehen und viele Zivilisten von Gewalt betroffen sind. Ich muss gestehen, dass ich bisher extrem wenig über die Geschichte Sri Lankas wusste und in dem Buch viel darüber gelernt habe. Trotzdem liest sich der Roman nicht wie ein trockenes Geschichtsbuch, sondern wie ein lebendiges, menschliches Zeugnis von unmenschlichen Geschehnissen.

Wir lernen Sashi als Jugendliche kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges kennen und begleiten sie auf fast 450 Seiten beim Erwachsenwerden in widrigen Umständen. Sie und ihre Familie machen viel durch. Plastische, interessante Charaktere, die in Ausnahmesituationen überleben müssen, prägen dieses Buch und machen es zu einer mitreißenden Lektüre. Besonders interessant ist, wie unterschiedlich die einzelnen Familienmitglieder mit dem Krieg umgehen, wo ihre Loyalitäten liegen und wie sich Zweifel auf das Zusammenleben auswirken.

Einziger Wermutstropfen: Ich hätte mir entweder einen Familienstammbaum im Anhang gewünscht oder ein Glossar mit den tamilischen (?) Begriffen und Kosenamen. Für Brüder, Eltern etc. nutzen die Charaktere hier teilweise Begriffe neben ihren Namen und wenn mehrere Brüder etc. vorkommen, ist es manchmal verwirrend, der Handlung zu folgen. Abgesehen davon ist es eine bewegende, hervorragend erzählte Geschichte, die es sich zu lesen lohnt.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Aktivistinnen aus Gegenwart und Vergangenheit

Tage mit Milena
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In Katrin Bursegs neuem Roman "Tage mit Milena" treffen zwei beeindruckende Frauen aufeinander und verändern unerwartet das Leben der anderen.

Da ist Annika, die gerade in die Wechseljahre kommt und ein ...

In Katrin Bursegs neuem Roman "Tage mit Milena" treffen zwei beeindruckende Frauen aufeinander und verändern unerwartet das Leben der anderen.

Da ist Annika, die gerade in die Wechseljahre kommt und ein gutbürgerliches Leben mit ihrem Mann in Lübeck führt. Sie hat eine Vergangenheit in der Hamburger Hausbesetzerszene in den 1980er Jahren, die sie scheinbar hinter sich gelassen hat. In der Altstadt betreibt sie das Schreibwarengeschäft ihres verstorbenen Schwiegervaters. Dort taucht zu Beginn des Romans die 17-jährige Luzie auf und kauft Sekundenkleber, mit dem sie sich später zum Klimaprotest auf die Straße vor dem Geschäft klebt. Als Mitglied der Letzten Generation setzt sie sich aus Überzeugung für eine klimagerechte Zukunft ein.

Aus dieser Zufallsbegegnung entsteht eine Bekanntschaft, die die beiden Frauen erst nach Hamburg und dann nach Venedig bringt. Diese Reise, die v.a. bei Annika auch innerlich stattfindet, bewegt viel. Die Autorin hat einen sehr bildlichen Schreibstil, der mitreißt und sich angenehm und leicht lesen lässt, sodass man richtig in die Geschichte hineingezogen wird. Außerdem hat mir gut gefallen, dass sie sich intensiv mit Klimaprotesten beschäftigt und so einen sehr aktuellen Bezug reinbringt.

Einige der Handlungswendepunkte wirkten auf mich leider etwas erzwungen. Sie kamen nicht richtig aus der Motivation der Charaktere heraus, sondern etwas zu impulsiv. Abgesehen davon ist der Roman gut strukturiert und zeichnet sich durch spannende Themen und interessante Charaktere aus.

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Veröffentlicht am 18.06.2024

Aktueller Blick auf eine klassische Geschichte

James
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Auch wenn ich Huckleberry Finn nie gelesen habe, kennt man trotzdem die groben Grundzüge dieser Geschichte, in der auch der Sklave Jim vorkommt. Das reicht, um "James" von Percival Everett noch mehr wertschätzen ...

Auch wenn ich Huckleberry Finn nie gelesen habe, kennt man trotzdem die groben Grundzüge dieser Geschichte, in der auch der Sklave Jim vorkommt. Das reicht, um "James" von Percival Everett noch mehr wertschätzen zu können, als es dieses beeindruckende Buch für sich alleinstehend bereits verdient.
Der Roman erzählt die Geschichte des Sklaven James und bietet damit eine moderne Charakterzeichnung und eine völlig neue Perspektive auf eine klassische Romanfigur. Seine Lebensumstände, das Lebens mit seiner Familie in Sklaverei und seine Flucht entlang des Mississippi, bei der er auch Huck trifft, beschreibt der Autor mit einer Tiefe und Klarheit, die oft beklemmend wirkt. Auch die immer wieder eingestreuten humorvollen Momente lenken nicht von der Dramatik und Aktualität der Geschichte ab. Wie lebensgefährlich und menschenverachtend Rassismus ist, bringt das Buch auf den Punkt. Nicht immer die einfachste Lektüre, aber eine die besonders heute enorm wichtig ist!

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Veröffentlicht am 23.11.2023

Atemlos erzählt

Memoria
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Eigentlich sollte es keine Überraschung sein, dass Zoë Becks neuer Thriller "Memoria" von Anfang bis Ende fesselnd erzählt ist. Und trotzdem ist es immer wieder beeindruckend, wie clever sie ihre Geschichten ...

Eigentlich sollte es keine Überraschung sein, dass Zoë Becks neuer Thriller "Memoria" von Anfang bis Ende fesselnd erzählt ist. Und trotzdem ist es immer wieder beeindruckend, wie clever sie ihre Geschichten konstruiert, sodass man beim Lesen total hineingezogen wird und atemlos mitfiebert.

Die Protagonistin Harriet rettet eine ihr scheinbar fremde Frau vor einem Brand, doch diese Frau erkennt Harriet. Diese Begegnung löst Erinnerungen bei ihr aus, die Harriet nicht zuordnen kann. Sie geht ihnen nach und plötzlich kommen immer mehr Erinnerungen zurück, die aber überhaupt nicht zu dem passen, was Harriet für ihr Leben hält. An je mehr sie sich erinnert, desto gefährlicher wird es. Als Harriet endlich zusammenpuzzeln kann, was ihr passiert ist und warum sie falsche Erinnerungen hat, ist das ein wirklich schockierender, trauriger Moment.

Das Buch spielt in der nahen, düsteren Zukunft: Die Klimakrise sorgt für hohe Temperaturen und ständige Katastrophen wie Waldbrände prägen den Alltag. Du Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer - nur wer Geld hat, kann sich beispielsweise rund um die Uhr Strom und fließendes Wasser leisten. Harriet lebt unter prekären Verhältnissen in einem Bankentower, den sie sich mit vielen anderen Menschen teilt. Auch Zukunftsthemen wie KI bindet die Autorin ein, jedoch auf eine sinnvolle, zurückhaltende Art. Sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 06.11.2023

Reise in ein vertraut-fremdes Land

Terafik
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Kopftuch und iPhone sind kein Widerspruch, wie Nilufar Karkhiran Khozani in ihrem Debut-Roman "Terafik" zeigt. Darin reist ihre prägnante Ich-Erzählerin, die ebenfalls Nilufar heißt, zum ersten Mal in ...

Kopftuch und iPhone sind kein Widerspruch, wie Nilufar Karkhiran Khozani in ihrem Debut-Roman "Terafik" zeigt. Darin reist ihre prägnante Ich-Erzählerin, die ebenfalls Nilufar heißt, zum ersten Mal in den Iran, das Heimatland ihres Vaters. Zu ihm hat die Protagonistin ein schwieriges Verhältnis, schließlich hat er seine Tochter und ihre deutsche Mutter allein in Deutschland zurückgelassen, als er in den Iran zurückgekehrt ist.

In ausdrucksstarken Beschreibungen springt die Autorin zwischen Nilufars Leben in Deutschland und ihrer Reise in den Iran hin und her. So erlebt man nicht nur dieses Land aus Nilufars Perspektive, sondern erhält auch nach und nach mehr Einblicke in ihre Kindheit und ihr Verhältnis zu ihren Eltern. Damit wird die Geschichte zu einer spannenden und persönlich aufrührenden Reise

Hier zeigt sich auch immer wieder, dass nichts einfach ist und Menschen komplex sind. Anhand der Briefe, die der Vater seiner Tochter in gebrochenem Deutsch geschrieben hat, wird beispielsweise deutlich, wie schw

r dem Iraner das Leben in Deutschland gefallen ist und warum er trotz der Liebe zu seiner Tochter wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist. Dort will er nun Nilufar so viele Verwandte und Bekannte wie möglich vorstellen, sie reisen durch den Iran, treffen ständig neue Leute, tingeln von Feier zu Feier. Zwischendurch fand ich das leider etwas ermüdend - so viele verschiedene Charaktere, die man teilweise nur sehr flüchtig bei den sich immer wiederholenden Familienbesuchen antrifft. Da Nilufar kaum Persisch spricht, fällt ihr die Kommunikation mit ihren Verwandten schwer. Auch Aspekte der Kultur sind ihr fremd, warum muss der Vater zur Feier ihres Besuchs ein Lamm schlachten, obwohl sie das gar nicht möchte? Obwohl sie iranische Wurzeln hat, fühlt Nilufar sich nicht dazugehörig. Dieses Gefühl von Heimatlosigkeit zieht sich sowohl auf Seite der Tochter als auch auf Seite des Vaters durch das ganze Buch. Die Autorin beschreibt anschaulich und nachvollziehbar, wie schwer das Leben zwischen zwei Kulturen sein kann, wenn man auf keiner Seite richtige Anerkennung und Zugehörigkeit findet.

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