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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.11.2023

Regt zum Nachdenken an

Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero
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Dieses Buch ist der dritte Band der „Autobiografie des Giuliano di Sansevero“ von Andrea Giovene (1904-1995). Andrea Giovene ist Nachkomme einer italienischen Adelsfamilie, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg ...

Dieses Buch ist der dritte Band der „Autobiografie des Giuliano di Sansevero“ von Andrea Giovene (1904-1995). Andrea Giovene ist Nachkomme einer italienischen Adelsfamilie, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Schriftsteller betätigte. Dieses fünf-teilige Romanreihe ist sein Hauptwerk, für das er einen internationalen Preis erhielt und sogar als Kandidat für den Literaturpreis gehandelt worden ist.

Worum geht es in diesem Gesamtwerk?

Beginnend im Jahr 1903 erzählt Giovene das Leben des Giuliano di Sansevero bis in die 1950er-Jahre. Band 1 und 2 befassen sich mit der Kindheit und Jugend bis hin zur unglücklichen Liebe zu einer Schauspielerin. Im vorliegenden Band 3 teilen wir Giulianos Leben in der Zwischenkriegszeit, bis es in Band 4 um die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und im 5. Band um die Jahre 1945-1957 geht.

Doch zurück zum vorliegenden 3. Band, der in der Zwischenkriegszeit spielt und als Erstes veröffentlich worden ist:

Nach Jahren der vergeblichen Suche nach der wahren Liebe, dem Sinn des Lebens und der Enttäuschung von den Zerstreuungen der mondänen Welt zieht sich Giuliano in das fiktive Dorf Licudi an der Küste Kalabriens zurück. Licudi ist nur über einen Säumerpfad erreichbar und vermisst den Zugang zur übrigen Welt auch gar nicht. Das Dorf ist zwar bitterarm, lebt aber autark. Die Gemüsebauern versorgen die Dorfbewohner mit ihren Erzeugnissen, die Fischer tragen mit ihrem Fang und die Olivenbäume mit ihren Früchten zum Auskommen bei. Daneben gibt es einen Tischler, einen Kesselschmied und den Maurer Janaro mit seinen Brüdern. Der geerbte Olivenhain scheint Giuliano als Rückzugsort angemessen. Gemeinsam mit Janaro plant er das Haus der Häuser. Janaro ist ein Schlitzohr. Es wird Jahre dauern, bis das Haus fertiggestellt ist, denn jeder Steinmuss per Maultier oder zu Fuß herangeschafft werden. Während dieser Zeit erarbeitet sich Giuliano eine Platz in der Gemeinschaft, bis er in unerfüllter, weil verbotener, Liebe zu einem zwölfjährigen Mädchen entbrennt. Als dann archäologische Fund eine Zufahrtsstraße bedingen, bereitet der Bau der vermeintlich Segen bringenden Straße der Idylle ein Ende.

Meine Meinung:

Diese Romanserie wurde 2010 neu entdeckt und von Moshe Kahn übersetzt. Giovene gelingen poetische Landschaftsbilder und eindringliche Charakterstudien, die von Kohn sichtlich gut übersetzt worden sind. Manchmal ufern seine Beschreibungen allerdings aus, vor allem dann, als es um die verbotene Liebe zur Zwölfjährigen geht.
Stellenweise ist das Buch ein wenig anachronistisch. So scheint das einfache Leben in Licudi für den übersättigten Ich-Erzähler als die ideale Lebensform. Dennoch geht sein persönliches Arkadien durch den Bau der Straße und die langsam fortschreitende Modernisierung zugrunde.

Fazit:

Eine poetisch anmutende Schilderung des kargen Lebens in einem rückständigen (fiktiven) Dorf in Kalabrien, dessen Gemeinschaft durch die beginnende Modernisierung zerbricht. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 26.11.2023

Archäologie kompakt

Staub, Steine, Scherben
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Archäologie kompakt und im Schnelldurchlauf

Ich geb’s zu, in meiner frühen Jugend wollte ich auch Archäologin werden und habe C. W. Cerams Bücher verschlungen. Meine Berufswahl, ich bin Geodätin, passt ...

Archäologie kompakt und im Schnelldurchlauf

Ich geb’s zu, in meiner frühen Jugend wollte ich auch Archäologin werden und habe C. W. Cerams Bücher verschlungen. Meine Berufswahl, ich bin Geodätin, passt aber dennoch recht gut dazu. Immerhin kenne ich die technische Ausrüstung, die Jens Notroff hier in seinem Buch beschreibt von der Pike auf: Vom Schnurgerüst über Tachymeter, Theodolit, Totalstation bis hin zum 3D-Laser-Scanner. Nach einer mittels Luftbildinterpretation entdeckten Kreisgrabenanlage im niederösterreichischen Weinviertel habe ich diese mit befreundeten Ur- und Frühgeschichtlern vermessen. In der Pension dann, werde ich mich wieder mit der Archäologie beschäftigen, versprochen.

Jens Nortroff erklärt die zahlreiche Methoden zur Auffindung von Funden detailliert. Für jene, die eine romantische Vorstellung (ich sage nur Pinsel und Goldschatz) von der Archäologie haben: manchmal ist sie eher „Blood, Sweat and Tears“. Dann nämlich, wenn man sich blutige Knie oder Fingerspitzen holt, wenn einem der Schweiß überall hinrinnt und man vor Wut heulen könnte, weil sich der potenzielle Grabungsort als Niete herausstellt.

Das Buch liest sich flüssig und durchaus humorvoll. Die liebevollen Zeichnungen tragen auch dazu bei, dass der Staub draußen bleibt.

Ein grober Schnitzer hat sich aber rund um die Varus-Schlacht eingeschlichen: Der gute Varus, mit vollem Namen Publius Quinctilius Varus lebte von 47/46 v. Chr. bis 9.n. Chr.. Die Schlacht im Teutoburger Wald kann daher nicht wie im Kapitel „Fundkontext oder: Wo kommt das her“ beschrieben „in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts n. Chr. stattgefunden haben, von der antike Historiker wie Strabon und Tacitus berichten.“ Das ist die Zeit zwischen 850 und 900 nach Christus. Das Römische Reich ist längst (476 nach Chr.) zu Staub und Asche zerfallen. Im ehemaligen Germanien, nach der Völkerwanderung nunmehr als Frankenreich bezeichnet, sitzen die Karolinger mehr oder eher weniger fest auf dem Thron. Es ist das Frühmittelalter und die Zeit der Wikinger, die bis Paris kommen und der Waräger, die Konstantinopel einen Besuch abstatten.

Und ja, mit folgendem Ausspruch hat Georg Loeschcke (1852-1915) „Nichts ist dauerhafter als ein Loch!“ den Nagel auf dem Kopf getroffen - weitere Erklärungen dazu stehen im Buch.

Fazit:

Diesem Buch, das die Archäologie kompakt und durchaus humorvoll beschreibt, gebe ich gerne 4 Sterne. (den 5. kostet - siehe oben - der Murks mit der Varus-Schlacht)

Veröffentlicht am 16.11.2023

Genuss statt Leistung

Skitouren-Schmankerl
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Der Doyen des Alpinjournalismus, Thomas Neuhold, stellt in diesem Buch „seine“ liebsten 100 Skitouren vor. Dabei hat er - wie er sagt - eine höchst subjektive Auswahl getroffen. Sein Motto lautet: „Genuss ...

Der Doyen des Alpinjournalismus, Thomas Neuhold, stellt in diesem Buch „seine“ liebsten 100 Skitouren vor. Dabei hat er - wie er sagt - eine höchst subjektive Auswahl getroffen. Sein Motto lautet: „Genuss statt Leistung“.

Seit einigen Jahren erfreut sich das Skitouren-Gehen immer größerer Beliebtheit. Deshalb sind bereits zahlreiche Bücher über diesen, vom Hobby weniger Freaks zu einem Sport für viele, gewordene Freizeitbeschäftigung, erschienen. Leider zeigen es auch die Unfallzahlen, dass sich immer mehr Menschen in die verschneite Landschaft begeben, ohne ausreichend vorbereitet zu sein. Deswegen ist es Thomas Neuhold ein Herzensanliegen, den Skitourengehern, egal ob Anfänger oder Fortgeschrittene, die wichtigsten Verhaltensregeln zu predigen. Ja, predigen ist wohl der richtige Ausdruck, denn man kann es nicht oft genug sagen: Auf die richtige Planung kommt es an. Was nützt die beste (teuerste) Ausrüstung, wenn man die Regeln Lawinen- und Wetterkunde nicht kennt? Eben!

Jede Tour enthält eine verbale Beschreibung, Informationen zu Ausrüstung und Einkehr, ein Foto und eine Kartenskizze, nicht ohne die nochmalige Aufforderung, jede Tour auch ordentlich zu planen.

„Gut geplant, gut vorbereitet und gut ausgerüstet macht eine Skitour in Summe einfach mehr Spaß. Risikomanagement hat auch einen hedonistischen Faktor. Lasst euch nicht stressen, auch von der Gruppe nicht. Das Leistungsprinzip soll im Tal bleiben, niemand muss dem anderen etwas beweisen. Im Gegenteil: Wer Bedenken oder eigene Probleme nicht thematisiert, handelt fahrlässig und gefährdet sich und andere. Die Anzahl der Herzerl und Likes stehen übrigens dann auch nicht auf dem Grabstein.“

Das Buch ist in Klappenbroschur erschienen und enthält auf Vorsatz- Nachsatzseiten jeweils eine Landkarte, in der die 100 Touren eingezeichnet sind.

Fazit:

Diesem Buch, in dem Thomas Neuhold seine 100 liebsten Skitouren zeigt, gebe ich gerne 4 Sterne.

Veröffentlicht am 14.11.2023

Regt zum Nachdenken an

Das leise Platzen unserer Träume
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Wer kennt nicht jemanden, dessen Traum laut oder leise zerplatzt? Man träumt von einem Haus am Land (mit Garten, Pool und Kindern) oder einer tollen Wohnung, und kaum geht der Traum ganz oder teilweise ...

Wer kennt nicht jemanden, dessen Traum laut oder leise zerplatzt? Man träumt von einem Haus am Land (mit Garten, Pool und Kindern) oder einer tollen Wohnung, und kaum geht der Traum ganz oder teilweise in Erfüllung, zerplatzt die Idylle?

„Wie lange wollen wir das noch durchziehen? Jule hatte das Gefühl, die Frage schwebte wolkengleich über dem gemeinsamen Bett, für Jule so unangenehm präsent, dass es ihr schwerfiel, sie nicht auszusprechen.“

Dieser Roman vom Platzen der Träume spielt sich zwischen Jule, Hellen und David ab. David ist Arzt und mit Jule verheiratet. Sie bewohnen auf dem Land ein Haus mit Garten. Zum perfekten Glück fehlen noch (?) Kinder. Doch dann sitzt Jule plötzlich allein zu Hause, weil David ein heimliches Verhältnis mit Hellen hat. Man richtig mit Jule überlegen, wann und warum haben sie sich als Ehepaar voneinander entfernt? Ist es der unerfüllte Kinderwunsch, der Sex auf Knopfdruck und nach dem Kalender erfordert? Oder das erreichte Ziel - ein gemeinsame Haus?

Jedenfalls freundet sich Jule via Internet mit der alleinerziehenden Mutter von Zwillingen und Bloggerin Hellen an, ohne zu wissen, dass diese Davids Liebschaft ist. Erst ein Paar ausgefallene Laufschuhe, die sie zunächst für ihr Geburtsgeschenk hält, dann aber stolz von Hellen auf ihrem Blog präsentiert werden, öffnet ihr die Augen.

Meine Meinung:

Solche Beziehungsgeschichten gehören üblicherweise nicht unbedingt in mein Beuteschema. Aber ich wollte einmal über den Tellerrand hinausblicken.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: jeweils alternierend aus jener der Ehefrau und jener der Geliebten. Während Jules Sicht eher eine beschreibende ist, ist die von Hellen eine sehr aktive. Sie spricht Jule quasi direkt an, obwohl sie sich ja vorerst gar nicht kennen. David kommt bei beiden Frauen vor, hat aber keinen eigene „Kolumne“.

Letztlich kommt es zu einer doch unerwarteten Wendung.

Fazit:

Aus geplatzten Träumen entsteht häufig etwas Neues. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 11.11.2023

Hat mich gut unterhalten

Und nebenan der Tod
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Gleich im Prolog werden die Leser Zeugen eines Verbrechens: Ein Paar vergräbt eine Leiche. Noch weiß man nicht wer und wo sie sind und wer der tote Körper ist.

Dann lenkt Krimi-Autorin und Psychotherapeutin ...

Gleich im Prolog werden die Leser Zeugen eines Verbrechens: Ein Paar vergräbt eine Leiche. Noch weiß man nicht wer und wo sie sind und wer der tote Körper ist.

Dann lenkt Krimi-Autorin und Psychotherapeutin Andrea Nagele die Aufmerksamkeit der Leser auf zwei Paare: Adele und Niklas in Venedig sowie Veronika und Konstantin in Berlin.

Die gebürtigen Hamburger Adele und Niklas bewohnen ein kleines Haus auf der Giudecca, dem historischen Stadtteil von Venedig. Alles könnte wunderbar sein, wenn nicht Marlene, eine gemeinsame Freundin in Berlin, nach einer Kopfoperation Hilfe benötigen würde, und die beiden spontan beschließen, sofort nach Berlin zu reisen. Dazu wollen sie mittels Wohnungstauschbörse eine Unterkunft finden. Recht schnell meldet sich das andere Paar, das schon länger vorhat, Berlin zu verlassen, egal wohin, in den Süden soll es gehen.

Beim Skypen findet man sich sympathisch, der Wohnungstausch beschlossen. Bei der Ankunft der beiden Paare kommt es zum Kontakt mit jeweils einer Nachbarin, die sich augenscheinlich zu sehr für die Neuankömmlinge interessiert. Adele und Niklas bereuen es schon fast, ihr schönes Haus in Venedig verlassen zu haben. Nur das Pflichtgefühl Marlene gegenüber hält sie noch in Deutschland. Doch dann stürzt die neugierige Nachbarin, die zuvor von Konstantins Freundin Pauline und dem gemeinsamen Baby erzählt, aus dem Fenster und stirbt.

Meine Meinung:

Der Prolog suggeriert einen spannenden Thriller, bei dem quasi das Ende, nämlich ein Mord, inklusive Beseitigung des Opfers, vorangestellt ist. Doch Andrea Nagele führt ihre Leser ein wenig an der Nase herum, denn sie präsentiert hier ein Thriller, in dem nicht der Mord im Vordergrund steht, sondern ein Psychodrama.

Keine der vier Hauptpersonen ist wirklich sympathisch. Adele und Niklas leiden an ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Allerdings wirkt Adele selbst noch sehr kindlich. Dazu trägt die eigenartige Beziehung zu ihrem Vater, den sie häufig anruft und der seiner „Kleinen“, seinem „Kindchen“ alle Steine aus dem Weg räumt und das Loch auf dem Konto stopft. Niklas kommt gegen den dominanten Schwiegervater, der wie eine schwarze Wolke über den beiden hängt, nicht an und scheint resigniert zu haben. Immerhin partizipiert er von den Verbindungen und dem Vermögen.

Das andere Paar, Veronika und Konstantin führt eine, wie es scheint toxische Beziehung, wie gefährlich, erfährt der Leser erst gegen Ende des Thrillers. Auch das eigenartige Verhalten zum jeweiligen Freundeskreis des anderen, gibt einem zu denken. Es scheint, als hätte sich Veronika auf Biegen und Brechen in Konstantins Leben gedrängt, nun aber, wo sie ihr Ziel erreicht hat, ziemlich unzufrieden damit ist.

Die Spannung ist zu Beginn gar nicht vorhanden bzw. wird durch nerviges Geplänkel wie über z. B. Vor- und Nachteile einer Bialetti gegenüber einer Kapselkaffeemaschine verwaschen. So richtig spannend wird es erst, als die Nachbarin tot auf Beton liegt. Der geübte Leser von Andrea Nageles Büchern hat spätestens ab hier eine Ahnung, was vor sich geht bzw. wie sich die Zusammenhänge ergeben.

Mir persönlich ist die Auflösung ein wenig zu kurz geraten. Es braucht geraume Zeit, bis die Handlung so richtig in Schwung kommt. Ein paar Seiten mehr, um Pauline, die uns nur aus Erzählungen eines dritten (!) Paares, nämlich Jochen und Luise bekannt ist, besser kennenzulernen sowie um die Beweggründe von Veronika und Konstantin für ihre Handlungen zu verstehen, hätten dem Buch gutgetan.

Ich habe Andrea Nagele auf der Buchmesse Wien getroffen. Beim dortigen Interview hat sie erklärt, dass sie bei einem Thriller nicht auf die Tat selbst, sondern eher auf die psychologischen Zusammenhänge Wert legt. Als Psychotherapeutin ist sie natürlich mit den Abgründen der menschlichen Seele vertraut und kann aus dem Vollen schöpfen. Ich bin es glücklicherweise nicht, daher hat mir ein Puzzlesteinchen gefehlt.

Fazit:

Ein Psycho-Thriller, der sich erst langsam entwickelt und ein paar Seiten mehr verdient hätte. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.