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Veröffentlicht am 14.11.2023

Vom Freund zum Feind

Die Weite des Horizonts
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Cara Biber verbringt die Sommer ihrer Kindheit in der Normandie, wo sie mit den Nachbarn unbeschwert spielt und sich schließlich in Nic Poulin verliebt. Im Jahre 1942 ist die junge Schwarzwälderin Wehrmachtshelferin ...

Cara Biber verbringt die Sommer ihrer Kindheit in der Normandie, wo sie mit den Nachbarn unbeschwert spielt und sich schließlich in Nic Poulin verliebt. Im Jahre 1942 ist die junge Schwarzwälderin Wehrmachtshelferin und wird just genau in dieses kleine Dorf, Pourville-sur-Mer, versetzt. Während Nic inzwischen nach Kanada ausgewandert ist und als Radar-Experte für die Engländer kämpft, wendet sich die frühere Freundin Isabelle konsequent von Cara ab. Aus Freunden sind Feinde geworden.

Mit ihrer unvergleichlichen Art zu schreiben, fesselt Noa C. Walker auch diesmal den Leser von der ersten bis zur letzten Seite an dieses aufregende Buch. In hervorragender Weise recherchierte historische Details und gut durchdachte romanhafte Handlungselemente verknüpft die Autorin fabelhaft zu einem großen Ganzen, das durch Glaubwürdigkeit und bewegende Emotionen besticht. Das Geschehen driftet dabei niemals in Belanglosigkeiten oder Oberflächliches ab, ganz im Gegenteil, haucht Walker ihren Figuren so viel Lebendigkeit ein, dass man reale Persönlichkeiten vor sich zu sehen meint. Die widerstreitenden Gefühle aller Protagonisten sind spürbar, niemand weiß, wem er noch vertrauen darf und wer welches Spiel spielt, um selbst zu überleben.

Rasch wechselnde Schauplätze und unterschiedliche Blickwinkel halten das Tempo hoch, genaue Angaben hierzu lassen stets den Überblick wahren, wo wir uns gerade befinden und wer im Mittelpunkt steht. So wird aus einem traurigen Kapitel unserer Geschichte ein spannender Roman mit tiefen Einblicken in so manche Entscheidung, welche aus heutiger Sicht fragwürdig erscheint, im Zusammenhang mit der damaligen Zeit jedoch durchaus verständlich beim Leser ankommt. Dazu trägt nicht zuletzt das ausführliche und informative Nachwort bei, welches dieses Buch bestens begleitet.

Ein wunderbarer Roman über Freund und Feind, Vertrauen und Verrat und die bedingungslose Liebe. Ein Buch, das man nur ungern aus der Hand legt, weil es die Vergangenheit nicht vergessen lässt und Mut und Zuversicht immer im Blick behält, seien die Zeiten auch noch so grausam. Wobei wirklich grausame Szenen ausgespart worden sind, sodass ich „Die Weite des Horizonts“ uneingeschränkt empfehlen kann! Fünf Sterne!

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.11.2023

Ein Familiendrama

Hope's End
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Die Kranken- und Altenpflegerin Kit wird von ihrer Agentur an eine berüchtigte Adresse geschickt: im herrschaftlichen Anwesen der Familie Hope an der Felsküste muss sie sich um Lenora kümmern, die vor ...

Die Kranken- und Altenpflegerin Kit wird von ihrer Agentur an eine berüchtigte Adresse geschickt: im herrschaftlichen Anwesen der Familie Hope an der Felsküste muss sie sich um Lenora kümmern, die vor fast fünfzig Jahren ihre Eltern und ihre Schwester umgebracht haben soll. Aus Mangel an stichhaltigen Beweisen ist sie zwar nie vom Gericht verurteilt worden, sehr wohl aber von den Menschen, die hier in der Gegend leben. Mittlerweile sitzt sie im Rollstuhl und kann aufgrund mehrerer Schlaganfälle nur noch über die Tasten einer Schreibmaschine kommunizieren. Kit ist zwiegespalten: kann sie Lenora glauben, wenn diese ihre Unschuld beteuert oder betreut sie gerade eine eiskalte Mörderin? Und wie sieht es mit dem Personal aus im alten Familiensitz? Kann man diesem vertrauen? Schreckliche Geheimnisse drängen an die Oberfläche.

Flott der Schreibstil, spannend die Handlung – so wird der Leser sprichwörtlich an dieses Buch gefesselt, das durch die Beziehungen der Figuren untereinander punkten kann. Interessant sind dabei die Betrachtung von Kit, die aus der Ich-Perspektive erzählt und die immer wieder eingeflochtenen Schreibmaschinenseiten, welche Lenora unter größten Anstrengungen nach und nach füllt und damit in kleinen Puzzlestücken das Geschehen im Jahre 1929 preisgibt. Auch wenn Riley Sager sehr ausführlich auf alles eingeht, so fühlt sich dieser Psychothriller an keinem Punkt langatmig an. Im Gegenteil, ebenso wie Kit im Buch, weiß der Leser bald nicht mehr, was er glauben soll, wem er vertrauen darf. Der Familiensitz über den Felsen als Kulisse passt da hervorragend dazu, wenn der Sturm ums Haus heult und an den Fenstern rüttelt, wenn die alte Stiege nächtens knarrt und ein neuer Riss an der Wand entsteht aufgrund des instabilen felsigen Untergrunds.

Über viele Kapitel wird alles Wissenswerte dargelegt, werden die handelnden Figuren genau beleuchtet, aber dann geht es Schlag auf Schlag, ungeahnte Details aus der Vergangenheit werden aufgedeckt, unerwartete Wendungen sorgen für angehaltenen Atem. Selbst wenn die Verstrickungen am Ende schon fast zu viel scheinen, so ist die Auflösung doch gut gelungen und stimmig zu einem passenden Abschluss zusammengeführt. Der Nachsatz ist verblüffend und lässt den Leser staunend zurück – keinesfalls zu früh hier hinblättern!

Mir hat dieses Buch viele packende Stunden und beste Unterhaltung beschert. Sehr gerne empfehle ich Hope’s End weiter!

Veröffentlicht am 27.10.2023

Ein Bankert

In Liebe, deine Lina (Mühlbach-Saga 1)
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Aus der gemeinsamen Kindheit zwischen der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Halbwaise Lina und dem wohlhabenden Kaufmannsohn Albert entsteht eine zarte Liebe. Aber als Lina schwanger wird, verbieten ...

Aus der gemeinsamen Kindheit zwischen der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Halbwaise Lina und dem wohlhabenden Kaufmannsohn Albert entsteht eine zarte Liebe. Aber als Lina schwanger wird, verbieten die Eltern Albert eine Heirat und der 22jährige fügt sich deren gestrenger Anordnung. Was das für Lina bedeutet im kleinen Mühlbach in der Pfalz im ausklingenden 19. Jahrhundert, kann man sich leicht ausmalen: die Mutter und ihr „Bankert“ werden geschnitten, Arbeit gibt es keine mehr, die Rente vom kranken Vater reicht kaum zum Leben. In dieser Not klopft Karl an die Tür, selbst unehelich geboren, und bietet Lina an, sie zu heiraten und ihre Tochter als sein eigenes Kind anzunehmen, allerdings in Bremen, wodurch Lina ihre Heimat, ihren Vater und ihre Brüder verlassen muss.

Die Kinder tollen am Mühlbach umher, allen voran und am ausgelassensten die kleine Lina, Bruder Walter kann sie kaum im Zaum halten. Gut vorstellbar und überaus lebendig beschreibt die Autorin das Landleben. Die Figuren sind klar charakterisiert und so ist man ganz schnell selber mitten im Geschehen. Wie auch in früheren Büchern schreibt Barbara Leciejewski ruhig, warmherzig und gefühlvoll, was diesmal wegen der Gemeinsamkeit mit der Geschichte ihrer Großeltern besonders schwierig gewesen sein dürfte. Wieviel Wahrheit, wieviel Dichtung passen zusammen? Wie bringt man am besten alles in einen lesenswerten Roman? Die Sorgen sind unbegründet, die Autorin bringt Zeitgeist und persönliches Dilemma bestens in Einklang. Nach den kurzen Kinderszenen geht es ohne Umschweife zehn Jahre später weiter und auch sonst gibt es immer wieder (gut gekennzeichnete) Zeitsprünge, sodass die Handlung niemals langweilig wird.

Abwechselnd erlebt der Leser Land- und Stadtszenen, spürt die innere Zerrissenheit des „Bankerts“ und die gesellschaftspolitischen Schwierigkeiten rund um die Jahrhundertwende bis hin zum Ersten Weltkrieg. Hier endet vorerst das Buch, die Geschichte selber aber noch lange nicht – da muss man unbedingt im März 2024 lesen, wie es mit den Familien Borger und Schäfer weitergeht. Ich bin schon sehr gespannt! Vorerst eine Leseempfehlung für den ersten Teil der Mühlbach-Saga, hoffentlich bald auch eine weitere.

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Veröffentlicht am 21.10.2023

Arm und Reich im Krieg

Der Schatten eines Sommers
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Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, der unbeschwerte Sommer, den Isa und Henning genossen haben, geht über in eine gnadenlose Realität, in der junge Männer an die Front müssen und Isa vor ...

Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, der unbeschwerte Sommer, den Isa und Henning genossen haben, geht über in eine gnadenlose Realität, in der junge Männer an die Front müssen und Isa vor einer Entscheidung steht: wem soll sie ihr Wort geben: Henning, der standesmäßig weit über ihr steht oder Viktor, ihrem treuen Freund aus Kindertagen?

Voller Wärme und Herzlichkeit erzählt Margit Steinborn auch die Fortsetzung dieses Zweiteilers. Bekannte Figuren werden in ihren Charakterzügen noch vertieft, so manch einen Menschen lernt der Leser aus einem anderen Blickwinkel kennen. Die Zeiten werden anders, aber keineswegs leichter. Aus der Wittmannschen Lokomotivfabrik wird eine Produktionsstätte für allerlei Kriegsgerät, Frauen verlieren ihre Männer an irgendwelche Kompanien und müssen sich allein um das Auskommen für sich und ihre Kinder kümmern, die Kluft zwischen Arm und Reich ist auch im Krieg nicht kleiner geworden.

Abwechslungsreiche Schauplätze im Armenviertel, in der Industrie und im Kriegsgeschehen lassen dieses Buch kurzweilig und spannend werden, emotionale und bewegende Szenen führen den Leser in eine Achterbahn der Gefühle. Man bangt mit Isa um jene Menschen, die ihr lieb geworden sind, man spürt ihren Zwiespalt und ihren Gewissenskonflikt, ihren Stolz und gleichzeitig ihre Demut. Steinborn versteht es, lebendige Bilder zwischen ihre Zeilen zu zaubern und unterhält den Leser mit Freude und Entsetzen geleichermaßen, so wie es halt auch im echten Leben abwechselnd Licht und Schatten gibt.

„Der Schatten eines Sommers“ bekommt von mir eine absolute Empfehlung und sollte unbedingt im Anschluss an „Einen Herbst und einen Winter lang“ gelesen werden, da dieser Roman nahtlos an seinen Vorgängerband anknüpft, so, als ob man einfach zum nächsten Kapitel blätterte. Zwei wunderbare Bücher mit einer bewegenden Geschichte zwischen Arm und Reich und der Erkenntnis, dass Geld allein nicht reicht für ein glückliches und zufriedenes Leben.


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Veröffentlicht am 12.10.2023

Ver-Ding-Kinder

Bis wir unsere Stimme finden
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Fanny und Jakob flüchten während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Familien Richtung neutraler Schweiz, wobei die Fünfjährige und der knapp Zehnjährige allein in dem neutralen Land ankommen und sich fortan ...

Fanny und Jakob flüchten während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Familien Richtung neutraler Schweiz, wobei die Fünfjährige und der knapp Zehnjährige allein in dem neutralen Land ankommen und sich fortan als Geschwister ausgeben. Als sogenannte Verdingkinder werden sie auf einem Bauernhof untergebracht, wo sie für ihren Unterhalt hart arbeiten müssen und für jedes „Vergehen“ streng bestraft werden. Allein ihre Zweisamkeit als kleine Familie lässt sie durchhalten und nach vorne schauen. In einem zweiten Erzählstrang geht es um Freiheit und Frauenrechte. Fanny und Jakob haben sich bis hierher sehr unterschiedlich entwickelt und ihr Versprechen, immer füreinander da zu sein, bekommt Risse.

Höchst lebendig und glaubwürdig schildert Astrid Töpfner die Szenen in diesem erschütternden Buch. Die zugrundeliegende Recherche ist exzellent und das Schreiben – wie im Nachwort zu lesen – ist auch für die Autorin sehr emotional und belastend gewesen. Genauso geht es dem Leser, wenn er das Buch in Händen hält. Ein hervorragender Schreibstil und die sehr persönliche, wenn auch fiktive Geschichte der beiden Kinder kann einfach niemanden kalt lassen, im Gegenteil, bekommt man eher Gänsehaut als bei einem brutalen Thriller, da die Verdingkinder, die Fremdplatzierungen tatsächlich so stattgefunden haben und ein Teil der Betroffenen sehr schmerzvolle Erfahrungen durchleben mussten.
Abwechselnd erlebt man Fannys und Jakobs Sicht der Dinge, der Zeitablauf wechselt zwischen Kriegs- und Nachkriegsjahren und den Jahren ab 1968, wodurch die Spannung stets recht hoch gehalten wird. Wer glaubt, die anfänglichen Szenen sind schwer auszuhalten, wird im Laufe der Kapitel eines besseren belehrt – es geht immer noch grausamer und unmenschlicher. Wie Kinder und Jugendliche die beschriebenen Qualen ertragen haben können, ist kaum zu fassen – die Triggerwarnung bezüglich psychischen und physischen Missbrauchs und zum Drogenkonsum sollte jedenfalls ernst genommen werden.

Am Ende dieses brillanten Buches (mit absolut perfektem Abschluss!) bleibe ich sprach- und fassungslos zurück und bin Astrid Töpfner dankbar, dass sie sich den Strapazen ausgesetzt hat, den glücklosen Kindern eine Stimme zu verleihen. Auch wenn Fanny und Jakob keine realen Figuren sind, so stehen sie doch für zahlreiche ganz persönliche Schicksale, die wenigen bekannt sind und so nicht in Vergessenheit geraten.

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