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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2024

Endlich erzählt

Gussie
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Die Geschichte der Gussie Adenauer, der zweiten Frau von Konrad Adenauer, war mir bisher nicht bekannt und ist in Buchform meiner Kenntnis nach auch noch nicht erzählt worden. Diese bedauerliche Lücke ...

Die Geschichte der Gussie Adenauer, der zweiten Frau von Konrad Adenauer, war mir bisher nicht bekannt und ist in Buchform meiner Kenntnis nach auch noch nicht erzählt worden. Diese bedauerliche Lücke schließt der Autor Christoph Wortberg mit dem vorliegenden Roman dankenswerter Weise.
Auf zwei Zeitebenen lässt er Gussie ihr Leben mit und für Konrad Adenauer erzählen. Einmal nach dem Ende der Schreckenszeit während Krieg und Drittem Reich, hierbei auch mit Rückblicken auf ihre Kindheit, was die Chronologie bisweilen etwas verwirrt. Und dann während der Jahre der Machtergreifung bis zur letzten Inhaftierung Adenauers in einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald.
Die Beziehung zu Adenauer ist zugleich Gussies größte Herausforderung und sinnstiftende Konstante in ihrem reichen, aber auch gefahrenreichen Leben. Als junges Mädchen entscheidet sie sich für die Ehe mit einem bereits verwitweten Mann, Vater von drei Kindern, Oberbürgermeister von Köln, Gegner der Nazis, Katholik und ein verschlossener Charakter. Durch die Machtergreifung Hitlers gerät er in große Gefahr, muss mehrfach abtauchen, umziehen und wird immer wieder abgeholt und verhört. Eine Herausforderung auch für seine junge Frau, die ihm selbst noch vier weitere Kinder geboren hat. Immer in Angst um ihn, aber auch um ihre Kinder versucht sie ihren „Mann“ an seiner Seite zu stehen, ohne allzu sehr einem eigenen Leben, vielleicht als Musikerin, nachzutrauern. Sie geht mit ihm alle schweren Wege bis zu dem Moment, an dem sie zwischen ihm und ihren Kindern wählen muss.
Christoph Wortberg gelingt es, das eindrückliche Porträt einer beeindruckenden Frau zu malen. Er bedient sich der Informationen aus familiären Quellen und ihren Briefen und verwebt sie mit Fiktion zu der Gedanken- und Gefühlswelt einer Frau, in die der Leser sich gut eindenken und -fühlen kann. Beeindruckend ist ihre Lebenshaltung wider alle Repressalien und Gefahren, ihre tiefe und bodenständige Liebe zu einem Mann, den sein politisches Leben zu einer gewissen Härte und zum Verschließen seiner Gefühle zwingt, ihr Familiensinn, ihre aufrechte Haltung und ihre Liebe zum Leben.
Der Autor verwendet eine klare, gut lesbare Sprache, ohne dabei auf Emotionalität, eindrückliche Bilder und lebensphilosophische Betrachtungen zu verzichten. Vielleicht wird das Buch an einigen Stellen zu sentimental, aber im Nachklang bleibt auf jeden Fall die starke Intensität der Beziehung zwischen Gussie und Konrad Adenauer, die Sympathie für eine bewundernswerte, starke, mutige, lebenskluge und -hungrige Frau, der zu Unrecht zu lange kein ehrenvolles Denkmal gewidmet wurde. Das hat der Autor mit seinem Roman zu Recht nachgeholt.

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Der Neid der Götter

Elyssa, Königin von Karthago
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Der Roman „Elyssa“ schreibt die Geschichte der unglückliche Liebe zwischen Elyssa und Aeneas neu. Doch das Grundgerüst bleibt: Aeneas wird mit seinen Versprengten nach dem Untergang Troias und langer Odyssee ...

Der Roman „Elyssa“ schreibt die Geschichte der unglückliche Liebe zwischen Elyssa und Aeneas neu. Doch das Grundgerüst bleibt: Aeneas wird mit seinen Versprengten nach dem Untergang Troias und langer Odyssee an die Küsten Afrikas gespült. Er ist auf göttlicher Mission, soll er doch ein neues Land für sein restliches Volk im fernen Italien finden. Da kommt ihm die Liebe der Karthager Königin Elyssa dazwischen. Könnte Karthago die neue Heimat sein? Oder muss er wieder in See stechen mit ungewissem Ausgang? Aber auch vor den Toren Karthagos lauert der missgünstige Feind, der sich die Königin und ihre Karthager und damit ihren Reichtum und ihre Macht unterwerfen will. Droht Aeneas das Schicksal eines zweiten Troia?
Irene Vallejo erzählt die Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven: aus der weiblichen Sicht der Königin Elyssa, die nach Flucht und Jahren als Herrscherin unter Männern, ohne Nachfahren, aus einer nicht aus Liebe geschlossenen Ehe nun Liebe und Begehren in Aeneas findet, doch von ihren Selbstzweifeln und der Sehnsucht nach Ankommen weiter geplagt. Aus der Sicht der jungen Anna, die die Rolle einer Prophetin zukommt. Als Außenseiterin, Verstoßene hat sie einen distanzierten Blick auf die Menschen. Aber auch sie sehnt sich nach Gemeinschaft und eine Heimat in Frieden und Ruhe. Auch Aeneas ist ein Vertriebener, kriegsmüde und zugleich auf der rastlosen Suche nach einer Heimat, in der Gesetze regieren sollen und nicht mehr die Waffen, in der es keine Gewalt und keinen Krieg mehr geben soll.
Auch der Dichter Vergil kommt zu Wort: Er soll ein Epos zu Ehren des Augustus, des Bringers der pax Augusta, schreiben, doch fehlen ihm lange die Worte, fühlt er sich doch verraten und verkauft an die Gunst des Augustus und unfrei und auch auf eine gewisse Art heimatlos.
Am Interessanten für mich ist die Perspektive des Gottes Eros. Der Liebesstifter betrachtet mal philosophisch versonnen, mal mit einer gewissen Selbstironie die Menschen und die Götter. Er fragt sich nach der Rolle der Götter in der Welt der Menschen. Schon ihm gelingt es nicht, dass sich die Menschen seinem Liebeswillen beugen. Als Liebesstifter versagt er immer wieder, die Menschen sind zu komplex für eine einfache Liebesspielerei. Aber sind nicht alle Götter Illusionen der Menschen, ihr eigenes Tun zu legitimieren? Zugleich beneidet Eros die Menschen um ihre Fähigkeit zu Liebe und Leidenschaft, um ihre Vergänglichkeit, aus der allein Neues entstehen kann, im Gegensatz zur ewig gleichbleibenden Unsterblichkeit der Götter, und vor allem um ihre Fähigkeit, Geschichten zu erfinden und so das Vergangene und das Gegenwärtige zu verweben und der Vergänglichkeit zu entrücken.
In schönen Bildern und anmutiger Sprache, die auch die Übersetzung zu wahren weiß, spinnt Irene Vallejo genauso wie einst Vergil eine dieser Geschichten, um die uns die Götter durchaus beneiden können.

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Veröffentlicht am 25.02.2024

Findest du auch, Lesen NÄRVT?

Lesen NERVT! – Bücher? Nein, danke! (Lesen nervt! 1)
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Dann findest du in Karoline Kneberwecht eine Verbündete. Die schräg bunte Spinnendame mit der Vorliebe für Fencheltee fühlt sich durch Büchereibesucher, die viele Bücher aus dem Regal ziehen und so ihr ...

Dann findest du in Karoline Kneberwecht eine Verbündete. Die schräg bunte Spinnendame mit der Vorliebe für Fencheltee fühlt sich durch Büchereibesucher, die viele Bücher aus dem Regal ziehen und so ihr Spinnenhaus zerstören, in ihrer Ruhe gestört. Also führt sie einige gewichtige Argumente gegen das Lesen ins Feld.
Wenn du diese auch gegen Lehrer und Eltern und andere Leute, die dich zum Lesen überreden wollen, ins Feld führen willst, musst du allerdings erst einmal das kleine Büchlein „Lesen nervt!“ lesen. Und es könnte sein, dass am Ende eine kleine Überraschung auf dich wartet.

Liest du gern?
Dann glaubst du jetzt vielleicht, das Buch sei nichts für dich. Aber wenn du lustige Geschichten, Wort- und Bilderrätsel, bunte Bilder und nicht nur lesen, sondern dabei auch selbst aktiv werden magst, dann könnte dir dieses Buch großen Spaß und ein paar vergnügliche Lesestunden bereiten.

Denn wenn es so tolle Bücher gibt wie „Lesen nervt!“ dann ist Lesen auf jeden Fall „lustig, spannend, romantisch, abenteuerlich und ein toller Zeitvertreib“ und Lesemuffel haben keine Chance.
Also auf: lesen und mitmachen!

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Veröffentlicht am 09.02.2024

Mäzen der Kunst und der Menschlichkeit

Das Lächeln der Königin
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„Was hatten sie Berlin nicht alles hinterlassen, was hatten sie nicht alles getan, um ihr Land voranzubringen auf seinem Weg zu wirtschaftlicher Prosperität und kultureller Blüte.“
Dieses Zitat aus dem ...

„Was hatten sie Berlin nicht alles hinterlassen, was hatten sie nicht alles getan, um ihr Land voranzubringen auf seinem Weg zu wirtschaftlicher Prosperität und kultureller Blüte.“
Dieses Zitat aus dem Roman „Das Lächeln der Königin“ von Stefanie Gerhold gilt auch für ihren Protagonisten, den Baumwollfabrikanten James Simon. Er ist Kunstsammler, der seine Renaissance-Sammlung bedeutender Maler dem Berliner Museum stiftet, der Kinderhäuser und Armenhäuser unterstützt, der sich für die sozialen Belange seiner Angestellten einsetzt, auch noch, als die die Wirtschaftskrise seine Firma aufzufressen droht. Und er ist nicht zuletzt der Mann, der sich der Archäologie verschrieb, ohne je selbst die Ausgrabungsstätten in Ägypten besucht zu haben. Er ist es, der die berühmte Büste der Nofretete ins Berliner Museum bringt.
Doch erntet nicht er die Begeisterung des Berliner Volkes für ihre „Königin“, sondern er gerät in die diplomatischen Ränke zwischen Deutschland, Frankreich und England, die alle aus ägyptischen Schatztruhen schöpfen wollen. Es beginnt ein Feilschen um die „Königin“, deren Existenz in Berlin durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges noch problematischer wird. Auf einmal schwebt der Vorwurf im Raum, der Jude James Simon habe sich ihrer unrechtmäßig bemächtigt, sie gehöre nach Ägypten. Der zunehmende Antisemitismus, der den Juden die Schuld am Verlust des Krieges und der Not der Deutschen gibt, bedrängt mal mehr, mal weniger offen auch James Simon, den einst so kultur- und menschenzugewandten Mann, der alles gegeben und am Schluss alles verloren hat.
Die Autorin zeichnet ein warmes, liebevolles Porträt dieses großherzigen, gütigen, feingeistigen, intellektuellen und aufgeschlossenen Mann, dem es nie um sich ging und der gerne alles Schöne und Gute mit allen zu teilen bereit war, und der am Ende aus seiner Welt der Musik, der Kunst, des Altertums und der Archäologie verdrängt wurde durch eine neue, laute, rohe Zeit.
In dem Roman „Das Lächeln der Königin“ kommt der Leser wir Simon selbst nie nach Ägypten, es ist kein Abenteuerroman, es geht nur mittelbare um ferne Länder, um das Abenteuer der Ausgrabungen. Der Leser ist mit Simon in Berlin und wartet auf die Dinge, die da kommen. Trotzdem entwickelt der Roman eine Spannung und einen Lesesog, der einen das Büchlein in seiner gut leserlichen Art nicht gerne wieder aus der Hand legen lässt.
In einer Zeit heute, in der der Antisemitismus auch wieder erstarkt, erscheint ein solcher Roman besonders wichtig, der uns auf ganz leise, aber eindringliche Art zeigt, wie sich bedrohlich langsam eine Entwicklung in Gang setzt, die aus Neid, Missgunst, Gier und Profilierungssucht und erst in zweiter Linie aus Dummheit zu einer menschlichen Katastrophe unermesslichen Ausmaßes wird.
„Und wozu hatte es geführt? Niveauvoller oder gar friedlicher hatte es die Menschen jedenfalls nicht gemacht, dass sie in den Museen nun als leuchtendes Beispiel den Reichtum früherer Hochkulturen präsentiert bekamen?“ Kann man den Menschen durch das Schöne zum Besseren erziehen? Und kann er aus der Geschichte endlich einmal lernen?

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Veröffentlicht am 17.11.2023

Zauberhafte Geschichte

Der Dorfladen - Wo der Weg beginnt
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Der Dorfladen ist der Mittelpunkt eines kleines Örtchens am Rande des Taunus. Geführt von einer verwitweten Mutter mit drei Töchtern, umranken den Dorfladen viele Geschichten der Dorfbewohner, die unterschiedlicher ...

Der Dorfladen ist der Mittelpunkt eines kleines Örtchens am Rande des Taunus. Geführt von einer verwitweten Mutter mit drei Töchtern, umranken den Dorfladen viele Geschichten der Dorfbewohner, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da sind zum einen die beiden jüngeren Schwestern, die es nach Frankfurt zieht, die eine will Schauspielerin werden, die andere das Abitur machen. Ein unerhörtes Ansinnen in den Augen der bäuerlich geprägten Dorfgemeinschaft. Zum anderen geht es um die unglückliche Ehe des Großbauern aus der Nachbarschaft, in der Gewalt und Missgunst regieren. Auch die Fabrikbesitzerin der am Rande gelegenen Manufaktur für Schirme und Spazierstöcke will sich nicht in das gängige Bild der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts fügen, sondern die väterliche Firma vor dem Untergang retten.
Es sind sympathische und ganz unterschiedliche Figuren, um die sich die Geschichten ranken. So wird es nie langweilig in dem Roman. Der Leser fiebert mit den Figuren: wohin wird ihr Schicksal führen? Die Atmosphäre des Städtchens und des Dorfladens mit seinen unkonventionellen Bewohnerinnen fängt die Autorin Anne Jacobs gelungen ein. Auch dort fühlt der Leser sich gleich heimisch. Der Stil ist gut lesbar, und bei aller Dramatik des Geschilderten nie kitschig oder pathetisch. Umso mehr vermag er zu berühren.
Ein uneingeschränktes Lesevergnügen, das einen das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen und ungeduldig auf die angekündigte Fortsetzung warten lässt!

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