Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.01.2026

Wandern im Harz

Flüsternde Erinnerungen
0

Jojo arbeitet als Physiotherapeut in einem Hamburger Seniorenheim, nach einem ungewöhnlichen Telefonat mit seinem Vater reist er kurzfristig zurück in seine ursprüngliche Heimat im Harz. Anstatt erholsamer ...

Jojo arbeitet als Physiotherapeut in einem Hamburger Seniorenheim, nach einem ungewöhnlichen Telefonat mit seinem Vater reist er kurzfristig zurück in seine ursprüngliche Heimat im Harz. Anstatt erholsamer Tage erwartet ihn dort aber eine Begegnung mit seiner düsteren Vergangenheit, an die er sich auch sieben Jahre danach nicht erinnern kann.

Spannung und Nervenkitzel verspricht die Kurzinfo zum Buch, da ich beides sehr gerne lese, habe ich zu den Flüsternden Erinnerungen gegriffen. Wir starten mit einem Prolog im Jahre 2017 und unternehmen mit einer Gruppe junger Menschen eine Wanderung. Danach geht die Handlung in einer Altenresidenz im Jahr 2024 weiter, wo wir schließlich Jojo kennenlernen, der ein schwerwiegendes Geheimnis mit sich trägt. Nach endlosen Seiten informationsarmen Hin- und Hergeplänkels mit Kollegen und Pfleglingen geht es weiter in den Harz und auf die mysteriösen Spuren einer retrograden Amnesie. Ein Fünftel des Buches ist gelesen, aber weder die Gegenwart noch die Rückblenden zur Waldwanderung erfüllen die Erwartungen eines „düsteren Psychothrillers“ [Klappentext]. Jetzt geht es los, ist meine persönliche Motivation, Irrtum, auch in den noch folgenden Kapiteln will sich bei mir einfach kein Gänsehautgefühl einstellen, leider wirken weder die örtlichen Gegebenheiten noch die einzelnen Geschehnisse aufregend und beklemmend. Selbst die Ausdrucksweise im Buch vermittelt keinerlei Dramatik, wir verlieren uns in banalen Details und Nebensächlichkeiten, welche vielleicht in eine Romanbeschreibung passen, aber in einem Thriller keinen Platz haben. Irgendwann geht es um Homosexualität mit – für mich – nicht nachvollziehbaren Gedankengängen, immerhin finden die Handlungsstränge am Ende alle ihren in sich logischen Abschluss, glaubwürdig sind sie aber trotzdem nicht unbedingt.

Die Idee zum Buch gefällt mir grundsätzlich schon, die Umsetzung ist allerdings nicht recht geglückt. Während andere Leser durchaus positive Meinungen abgeben, möchte ich Flüsternde Erinnerungen nicht weiterempfehlen, am besten, man verschafft sich selbst ein Bild.

Veröffentlicht am 25.02.2025

Schweigen

Wir hätten uns alles gesagt
0

Ein Buch über das Leben einer Schriftstellerin, ein Buch über den Alltag, das Schreiben, das Erleben – so in etwa habe ich mir das vorgestellt aufgrund des Klappentextes. Ich hätte das nicht tun sollen, ...

Ein Buch über das Leben einer Schriftstellerin, ein Buch über den Alltag, das Schreiben, das Erleben – so in etwa habe ich mir das vorgestellt aufgrund des Klappentextes. Ich hätte das nicht tun sollen, denn gekommen ist alles anders.

In diesem Buch lässt Judith Hermann ihr Leben Revue passieren, sie fängt mittendrinnen an, springt zurück in ihre Kindheit und vorwärts ins Jetzt, mit ihren über fünfzig Jahren. In loser Abfolge berichtet sie in oft reduzierten Sätzen über Dagewesenes und Geträumtes, lässt Erinnerungen ineinanderfließen, die sich zusammenfügen zu dem, was bleibt von einem Leben. [Während ich das schreibe, daran zurückdenke, bin ich gar nicht sicher, ob das tatsächlich stattgefunden hat. Kindle, Pos. 547] Dabei bleibt aber alles nebulos, denn eigentlich will sie gar nichts sagen, nichts erzählen vom traumatisierten Kind eines depressiven Vaters, einer Familie von Verrückten. [Kindle, Pos. 1497] Final bleibt es dabei, zu schweigen, nichts preisgeben zu können oder zu wollen, nichts außer einer Collage von einzelnen Bildern, die von Psychotherapie, Wohnen in Berlin und Sommern am Meer handeln, von einer Wahlfamilie und der Abgeschiedenheit während der Pandemie. All dem fehlt aber jegliche Lebendigkeit, ich verspüre beim Lesen keine Gefühle, nur Ohnmacht ob der Tristesse und Melancholie, welche in jedem einzelnen Satz mitschwingt. Wenn das Hermanns Botschaft ist, dann kommt sie bei mir nicht an.

Obwohl ich mich aufgrund anderer Leserstimmen zum Werk Judith Hermanns gefreut habe auf diese Lektüre, kann ich damit leider nicht wirklich umgehen, das Verschwiegene bleibt mir verborgen.

Veröffentlicht am 18.11.2023

Unappetitlich

Gstaad
0

Der Vater stirbt schon kurz vor seiner Geburt, die Mutter mit nicht einmal zwanzig Jahren scheint überfordert. Francois Lepeltier verbringt seine Kindheit in verschiedenen Hotelzimmern, in denen Mathilde ...

Der Vater stirbt schon kurz vor seiner Geburt, die Mutter mit nicht einmal zwanzig Jahren scheint überfordert. Francois Lepeltier verbringt seine Kindheit in verschiedenen Hotelzimmern, in denen Mathilde – so nennt er seine Mutter – putzt und stiehlt. Er wächst nach eigener Aussage mit einer Vielzahl an Sünden auf, wird bereits in jüngsten Jahren Zeuge von ungewöhnlichen sexuellen Handlungen. Wohin das alles führt, wird am Ende schonungslos enthüllt.

Ein ansprechendes Titelbild und ein Klappentext mit den Worten „frühes Meisterwerk“, „Schelmenroman“ und „rabenschwarz, sarkastisch“ lassen eine unterhaltsame Handlung erwarten, welche mitunter nachdenklich stimmt. In Händen hält man aber sodann ein Buch, das nur so strotz vor abscheulichen, abstoßenden sexuellen Darstellungen, die einmal mehr, einmal weniger ausführlich beschrieben werden. Francois erzählt all das in Ich-Form und aus seiner Sicht eines „zurückgebliebenen Kindes“. Nur aus Gründen der gierigen Lust seiner Mutter ist er nicht abgetrieben worden, also ist er erwünscht, so seine Schlussfolgerung. Ohne Erziehung genossen zu haben, ist er ein Naturkind, ein freundlicher Wilder (kindle, Pos. 935). So wächst dieses Kind auf in einem Umfeld von sonderbaren Leuten, die noch sonderbarere erotische Praktiken ausleben. Voyeurismus, Inzest, Missbrauch sind nur einige wenige Ausdrücke für all das, was tatsächlich diesen Burschen prägt und welche Handlungen er in späteren Lebensabschnitten unter den Namen Rodolphe oder Bruno setzt. Als unappetitlich beschreibt er selbst seine Wegbegleiter, ebenso unappetitlich sind viele Szenen im Buch, die man nicht anders als abstoßend und pervers bezeichnen kann.

Aufgrund der Kurzinformationen zu diesem Buch waren meine Erwartungen gänzlich andere. Mit Hinweisen auf die tatsächlichen Inhalte hätte ich niemals zu diesem Roman gegriffen. Auch wenn das Ende, in welchem Francois‘ Lebensweg gipfelt, verständlich und nachvollziehbar ist, so kann ich „Gstaad“ nicht mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 19.08.2023

Nebulös

Belohnungssystem
0

Julia erhält nach einigen Probearbeiten die Stelle als Köchin in einem gehobenen Lokal, verliebt sich in den dortigen Chef, der fast doppelt so alt ist wie sie. Ihr Ex-Freund Nick kann sich als Werbetexter ...

Julia erhält nach einigen Probearbeiten die Stelle als Köchin in einem gehobenen Lokal, verliebt sich in den dortigen Chef, der fast doppelt so alt ist wie sie. Ihr Ex-Freund Nick kann sich als Werbetexter nicht so recht etablieren und zieht mit 27 wieder zu seinen Eltern. Das Leben und Lieben der Millennials aus unterschiedlichen Perspektiven.

Als Erstes ins Auge fällt das stilisierte Symbol, das sich bei Internetrecherchen im Kreis dreht und hier jeder einzelnen Geschichte vorangestellt ist. Anders als bei der online-Suche, findet man hier weniger oft Erwartetes und Hilfreiches. Jem Calders Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig, wirft dem Leser teils umständlich formulierte, in sich verstrickte Satzkonstruktionen hin, dafür sind Kapitel, oder eher Abschnitte, oft auf extreme Kürze reduziert. Anfangs lernt man Julia kennen, eine junge, engagierte Köchin, die ihren Platz sucht, aber keine eigene Identität aufbaut, sondern ihre Vorgängerin nachahmt. Mit Ellery, ihrem Chef, beginnt sie eine unverbindliche Affäre, die aber ebenso wie alles andere in diesem Buch, nicht tiefgründig und nicht von Dauer ist. In weiteren kurzen Geschichten geht es um andere Figuren, Julia taucht als Nebenrolle wieder auf. Das Leben spielt sich ab auf Partys, mit verschwommenen, trotzdem abstoßenden Bettszenen und Drogenkonsumenten, die später an die Glaswand einer Busstation kotzen. Oder in tristen Büros, wo man nur noch Zeit absitzt und wartet. Hoffnungslos.

Ist das das Bild der jungen Menschen von heute, welches Jem Calder hier zeichnet? Identität und soziales Leben in Abhängigkeit von Internet und schnell veränderbaren Einblicken über digitale Plattformen, algorithmusgesteuerte Dating-Apps? Belohnungssystem folgt keiner Handlung im klassischen Sinn, einen gewissen roten Faden über zwischenmenschliche Beziehungen und die (Un)Möglichkeit, individuelle Handlungen zu setzten, scheint es aber doch zu geben. Trennt oder verbindet die virtuelle Welt?

Sämtliche Figuren in diesen aneinandergereihten Episoden bleiben ebenso verwaschen wie das bunte Gesicht am Titelbild. Nebulöse Zeilen, rasch wechselnde Szenen, oftmals gekürzt auf Momentaufnahmen, so präsentiert sich dieses Buch, welches mich leider in keiner Weise ansprechen kann. Für mich war das Lesen nicht „nice“, sondern eher anstrengend. Immer wieder neugierig auf Neues, gehöre ich wohl doch nicht zur Zielgruppe dieses Experiments, welches hier geboten wird, nämlich „neue Namen und Themen zumuten“, wie es Claassen wichtig ist (Quelle: amazon). Auch wenn ich diesmal noch nicht so recht weiß, was ich mit dem Gelesenen anfangen soll, so ist es trotz allem wichtig, dass jede Art von Literatur einen Platz findet und in ihrer Vielfalt präsentiert wird. Bestimmt wird auch „Belohnungssystem“ begeisterte Leser finden!


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2023

Trostloses Oberösterreich

Wilderer
0

Jakob übernimmt schon in jungen Jahren viel Verantwortung für die elterliche Landwirtschaft, wird aber von seiner Familie und auch von den anderen Dorfbewohnern nicht für voll genommen. Der Grund dafür ...

Jakob übernimmt schon in jungen Jahren viel Verantwortung für die elterliche Landwirtschaft, wird aber von seiner Familie und auch von den anderen Dorfbewohnern nicht für voll genommen. Der Grund dafür ist wohl seine in sich gekehrte, wortkarge Art. Mit der Künstlerin Katja, die als Praktikantin auf den Hof zieht, scheint sich alles zum Besseren zu wenden. Die bisherigen Niederlagen etwa mit der Fischzucht soll ein Hof mit biologischer Tierhaltung und einem eigenen Hofladen ablösen.

Mit einer sehr nüchternen Sprache schafft Rainhard Kaiser-Mühlecker jene Distanz, welche Hauptfigur Jakob selber zu seinen Mitmenschen verspürt und einhält. Am liebsten geht er allen aus dem Weg und arbeitet für sich allein. Seine eigenbrötlerische Art bringt ihm Misstrauen und Ablehnung entgegen, lediglich sein handwerkliches Geschick ist gefragt im Dorf. Als Katja mittels Stipendium einige Zeit in Oberösterreich verbringt, nähert sie sich Jakob an, aber auch hier gibt es keine spürbaren Gefühle, keine Nähe, schon gar nicht Liebe im eigentlichen Sinn. Alles fühlt sich beim Lesen wie Zweckmäßigkeit an, später heißt es gar: „Katja war der einzige Mensch in seinem Leben, dessen Anwesenheit ihn nie störte, noch nie gestört hatte.“ (kindle, Pos. 3106). Und das über jene Frau, die er geheiratet hat.

Auch wenn Jakob gut auskommt mit seinen Tieren am Hof, so scheinen auch sie nur einen Zweck zu erfüllen. Ärgert er sich, dann schimpft er Mensch und Tier „scheißverdammte Zauk“. Irgendwie vermag auf keiner Seite dieses Romans etwas wie Freude aufzukommen, die Zeilen des Autors verbreiten Trostlosigkeit und ein Hineinfügen ins Schicksal, weil ER das so will. Obwohl Jakob immer wieder neu beginnt, ja mit Katja gemeinsam sogar Erfolg hat, so verspürt man beim Lesen über den jungen Landwirt keine Spur von Glück, Fröhlichkeit oder Leichtigkeit. Irgendwie scheint der Mann verbissen jeden Tag seines Lebens wegzukämpfen, scheint, ebenso wie alle anderen Figuren in diesem Schauspiel, eine Marionette seiner selbst zu sein, gefangen in einer starren Hülle. Zu allem Überdruss wird dann noch der unterschiedliche Umgang mit „der Seuche“ abgehandelt, was den letzten Funken Hoffnung auf eine positive Wendung an der Wurzel vertilgt.

Leider kann ich mit diesem Buch nichts anfangen, weder die sprachliche Umsetzung noch die szenenhafte Handlung mit leblos wirkenden Figuren lässt eine wirklichkeitsnahe Landwirtschaft vor meinem geistigen Auge erwachen. Lediglich die Vorstellung, dass eine reale Person Vorbild gewesen sein könnte für Jakob, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.


Titel Wilderer
Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker
ASIN B09JVNK79Q
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Gebundenes Buch (352 Seiten)
Erscheinungsdatum 9. März 2022
Verlag Fischer