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Veröffentlicht am 15.09.2016

Beim Warten auf die Elektrizität ging ich leider als Leser verloren - trotz guter Sprache

Im Himmel gibt es Coca-Cola
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Im Himmel gibt es Coca-Cola heißt im Original „Waiting for Electricity“ – und das trifft es nach meiner Meinung wesentlich besser: das Warten, darauf, dass es (endlich wieder einmal) Strom ...


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Im Himmel gibt es Coca-Cola heißt im Original „Waiting for Electricity“ – und das trifft es nach meiner Meinung wesentlich besser: das Warten, darauf, dass es (endlich wieder einmal) Strom gibt im georgischen Heimatdorf des Protagonisten Slims zieht sich wie ein (sehr dünner) roter Faden, teils wie ein „running gag“ durch das ganze Buch.

Das Erscheinen des Buches 2014 war an mir vorbeigegangen, ich bin erst durch ein Leseexemplar des Verlages zu der Geschichte gekommen. Slims ist ein Träumer im postkommunistischen Georgien. Die lokalen Machthaber agieren wie Diktatoren, diverse Georgier engagieren sich als „Wege-Zoll“- Räuber, während die Bevölkerung irgendwo den Strom abzweigt zum Umgang mit dem Mangel. Slims träumt von einer vergemeinschafteten Stromversorgung, denn die „Leute bestahlen den Staat, aber niemals einander.“ (S. 79)

„Vor ein paar Jahren kam eine westliche Hilfsorganisation in die Stadt, wie eine Zirkustruppe in einem Roman. Sie nannten sich Al-Anon und eröffneten ein Büro in Batumi, um den Frauen und Schwestern von Alkoholikern zu helfen. Sie sagten immer das Gleiche. ‚Lass los, überlass es Gott.‘ Wir fanden diesen Satz sehr komisch. Al-Anon hielten drei Wochen durch, und dann machten sie wieder zu, weil sie merkten, dass wir ohnehin schon so lebten. Jeder überlässt alles Gott.“ S. 106

Slim ist anders – er handelt nicht passiv, er schreibt Brief an Hillary Clinton, bewirbt sich für ein Aufbau-Programm für ehemalige Sowjetrepubliken – und wird zur Teilnahme in die USA eingeladen, allerdings für ein Projekt, dass er nur vorgeschlagen hat, weil er es für ‚verkaufstauglicher‘ gegenüber den Entscheidern hält. Er ist der moderne Kämpfer gegen Windmühlen.

Die Autorin reiste bereits als Kind mit ihrem Großvater in die Sowjetunion und unterrichtete Englisch in Georgien. In einem Interview mit „The Paris Review“ erklärte sie ihre Erfahrung, dass die jahrelange kommunistische Propaganda, im Kapitalismus müsse man für etwas bezahlen, ohne eine Gegenleistung erhalten zu können, die Einstellung der Bevölkerungen in post-kommunistischen Ländern nachhaltig geprägt habe – man verhielte sich im Kapitalismus exakt wie im Kommunismus gelehrt. Entsprechend ist die Erfahrung der Personen im Buch, dass zu Zeiten der Sowjetunion die Stromversorgung zuverlässig gewesen sei und Recht und Ordnung durchgesetzt wurden.

Das Buch wurde in der Rezeption in den USA teils als „eigenes Genre“ Comic Novel gefeiert aufgrund des sehr besonderen Stils. Ja, der Stil ist besonders – den Anfang des Buches (in Georgien handelnd) empfand ich als geradezu verwirrend sprunghaft, mit einzig den Briefen an Hillary Clinton als rotem Faden und etlichen sehr speziellen Anekdoten und Aphorismen, die die georgische Mentalität beschreiben: Gastfreundlich bis zur Selbstaufgabe, zwischen traditionellem Ehrgefühl bis zur Selbstüberhöhung und einem sich-Aufreiben in der Aktualität bis zur Melancholie.

Die Kapitel in den USA sind schlüssiger, allerdings ist die Beschreibung gängiger Marketing-Plattitüden nicht wirklich originell oder neu. Dass das Scheitern aneinander an unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen und daraus bedingten Handlungsweisen resultiert, wird erzählend geschildert – ich fürchte jedoch, nicht wirklich ausreichend deutlich nachvollziehbar. Ausgerechnet hier hält sich die Autorin kurz! Auch in dem Teil des Buches nach der Rückkehr nach Georgien bleibt dieses Gefühl bestehen, dass Gewichtungen ungleich gesetzt wurden, dass vieles nicht nachvollziehbar ist und bleibt, dass die Sicht doch eine zu amerikanische ist. Aus meiner Sicht beherrscht die Autorin zwar das prägnante Formulieren, die Aphorismen, die Anekdoten, die Darstellung der Charaktere und die Empathie in die Mentalität Georgiens und der USA, es fehlt mir jedoch die stringente Umsetzung in eine Geschichte und die Empathie in den Leser. Sonst fällt mir immer wenigstens jemand ein, dem ich ein bestimmtes Buch schenken könnte, weil es zu ihm besser passen würde als zu mir - ohne die Recherche zur Autorin hätte ich hier sogar noch weniger Zugang zum Buch gefunden.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Schnell lesbar, mir zu derb in Inhalt und Sprache und als Roman zu unfertig

Das kalte Licht der fernen Sterne
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Das kalte Licht der fernen Sterne ist ein Episodenroman, die Hauptperson Nastja berichtet als Ich-Erzählerin über ihr Dorf im Vor-Wende-Russland. Die Episoden hängen lose zusammen und sind chronologisch ...

Das kalte Licht der fernen Sterne ist ein Episodenroman, die Hauptperson Nastja berichtet als Ich-Erzählerin über ihr Dorf im Vor-Wende-Russland. Die Episoden hängen lose zusammen und sind chronologisch grob fortschreitend, wobei es einige übergreifende Kapitel gibt, etwa zu den Jahreszeiten im Dorf oder zu bestimmten Orten und Personen. Die Geschichten handeln von Mangel (Nastja kommt in den Kindergarten, weil das Essen knapp ist) und Strenge (Prügelstrafe und psychische Gewalt sind gängig), von Verwahrlosung (Väter fehlen oder prügeln, die Menschen saufen, es wird betrogen, gestohlen, beneidet), vom Plumpsklo und der sonstigen Infrastruktur des Mangels (kein fließendes Wasser, Stromausfälle, desolate Straßen, Dreck). Das Buch wirkt unfertig, als wären Glossen aus einem Periodikum nur zusammengefasst worden, da in teils aufeinanderfolgenden Kapiteln wieder dasselbe erklärt wird, was schon einmal geschildert wurde (das Plumpsklo, die Brotfabrik,…).
Einige Bereiche verstören regelrecht, so die alptraumhafte Bestrafung von Lena in einer Missbrauchs- und Gewaltorgie, die generelle Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit selbst innerhalb von Familien. Auch manche Handlungen sind nicht nachvollziehbar, so flieht Nastja zu den sich prostituierenden Schulkameradinnen oder übernachtet in den Wohnungen völlig Fremder.
Um für mich als Schilderung eines tatsächlichen Zustandes zu gelten, bleibt der Roman zu oberflächlich. Einen literarischen Wert mag ich ebenso wenig erkennen. Bei sonst ähnlichem Inhalt hätten andere Ansätze mich deutlich stärker überzeugt: Am ehesten würde ich es für sinnvoll halten, zum Beispiel Schilderungen mehrerer Zeitgenossen zusammenzustellen, um so ein runderes, authentischer wirkendes Bild zu liefern, sollte es um eine Schilderung gehen. Alternativ schafft es Andrei Mihailescu, für sein Heimatland Rumänien einen Vor-Wende-Roman zu schreiben, der desolate Zustände literarisch nachvollziehbar macht und das (sehr wenige) Vulgäre in die wörtliche Sprache einiger Handelnder verbannt. Somit bleiben für mich auf der Positiv-Seite nur Ansatz und Thema, die wirklich originelle und passende optische Aufmachung im Stil von bestempeltem und bekritzelten Packpapier beim Einband und der generelle unprätentiöse Erzählstil der Autorin jenseits von anstößigen Themen und Worten. Mir reicht das leider nicht.

Veröffentlicht am 23.09.2017

Unglaubwürdige Altmänner-Phantasie

Der Preis, den man zahlt
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Das war wohl nichts. Ich hatte mich auf einen spannenden Roman über die Zeit des Spanischen Bürgerkrieges gefreut, Spannendes lese ich ohnehin gerne, historische Romane auch und der Spanische Bürgerkrieg ...

Das war wohl nichts. Ich hatte mich auf einen spannenden Roman über die Zeit des Spanischen Bürgerkrieges gefreut, Spannendes lese ich ohnehin gerne, historische Romane auch und der Spanische Bürgerkrieg ist bei mir mit vielen Lücken durchsetzt , Guernica, Wem die Stunde schlägt, Hemingway und andere Sympathisanten, lange Franco-Herrschaft, Nazis waren auch 'mal dort, das war’s fast.

Die Hauptperson ist Lorenzo Falcó (der Nachname ist auch der Titel des Originals; ich vermute eine Änderung wegen des im deutschsprachigen Raumes bekannten Sängers aus Österreich mit der Betonung auf der anderen Silbe). Falcó nun arbeitet für den Geheimdienstes SNIO, auf Seiten des Franco-Regimes, als „Müllabfuhr“. Er ist kein Überzeugungstäter, eher war es die Seite, die ihn zuerst gefragt hat. Sein Verhalten ähnelt dem Männerbild der ersten James Bond – Filme: gepflegt ins Casino, im Smoking geraucht und getrunken, eine Frau „klar gemacht“ für die schnelle Nummer und irgendwo für eine Tötung gesorgt. Nur: die Welt hat sich doch irgendwie ein wenig geändert. Ja, das Buch ist 1936 angesiedelt, aber warum deshalb der Protagonist die Züge einer Männerphantasie von 1954 tragen soll, ist mir schleierhaft.

Überhaupt, Männerphantasie: da geht er unaufgefordert einer Frau ins Schlafzimmer hinterher und küsst sie. Sie langt ihm eine. Er hält sie fest, sie wehrt sich. Natürlich nicht lange – denn Frauen meinen doch immer „Ja“, wenn sie „Nein“ sagen, oder? Und vor dem „richtigen Mann“ schmilzt doch jede, oder? Ich brauche jetzt wirklich keine „political correctness“, aber das ist doch einen Tick zu viel.

Und überhaupt, die innere Logik. Warum Falcó tut, was er tut, erschloss sich mir lange nicht. Überzeugung? Nein. Dann müsste es Geld sein. Wohl auch nicht. Adrenalinjunkie, suggeriert der Text, als er endlich Fahrt aufnimmt, gut nach der Mitte. Spannend wird es, spät, glaubwürdiger nicht. Da lässt Falcó Kameraden, Menschen, die er mag oder eher bemitleidet, über die Wupper gehen, schämt sich sogar dabei – und eine Person will er plötzlich retten, warum? Weil er sein Herz entdeckt? Der Wandel ist für mich nicht logisch. Dazu überziehen den Roman noch Details wie aus dem Schundroman, welche Feuerzeugmarke, welcher Schneider usw. Im Film müsste „finanziert durch Product Placement“ da stehen, hier wirkt es einfach völlig überzogen. Und gefangene Frauen wurden natürlich vorher vergewaltigt – ja, ich weiß, das geschah – aber irgendwie wirkt es, als wollte man auch nichts auslassen. Und die Katze springt nicht auf Blofelds Schoß, sondern auf den des Admirals, aber so klar sind hier ja Gut und Böse nicht unterschieden.

1 1/2 Sterne jetzt schlicht nur, weil die Grammatik o.k. ist (auch wenn niemand das spanische clandestino mit klandestin, sondern mit heimlich übersetzen sollte; im Deutschen sind das unterschiedliche Sprachniveaus) und das Buch hochwertig aufgemacht ist. Lesen muss man das nicht.

Veröffentlicht am 30.07.2020

Wenn ich nochmals "erigierte Brustwarzen" lese, schreie ich

Jung, blond, tot
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Ich mochte die Reihe um Julia Durant in Frankfurt – eigentlich. Begonnen hatte ich unerklärlicherweise einst ab Band zwei, jetzt Band 1 zum ersten Mal gelesen, in einem kostenlosen Probemonat mit skoobe.
Das ...

Ich mochte die Reihe um Julia Durant in Frankfurt – eigentlich. Begonnen hatte ich unerklärlicherweise einst ab Band zwei, jetzt Band 1 zum ersten Mal gelesen, in einem kostenlosen Probemonat mit skoobe.
Das Buch erschien 1996, die Handlung ist angesiedelt zwischen Donnerstag 16. September und dem 6. Oktober = der 16. September war 1993 ein Donnerstag (und: jaaa, ich schaue so etwas nach).

Hauptkommissarin Julia Durant ist knapp 30 und wird von der Sitte zum Morddezernat versetzt, um die Untersuchungen zum Mord an zwei jungen Frauen innerhalb von zwei Wochen zu leiten, wenig zur Begeisterung des altgedienten Beamten Schulz. Beide Opfer sind blond und wurden nach dem Tod drapiert mit Zöpfchen mit roten Schleifen, vorher übel zugerichtet, vergewaltigt, verstümmelt. Bald verschwindet ein weiteres Mädchen.

Für Sensible: im Wesentlichen beschränkt sich die Beschreibung von Gewalt auf das, was am Fundort beziehungsweise in der Pathologie sichtbar wird; allerdings ist das schon heftiger Tobak, explizit zu nennen ist Gewalt gegen Frauen und Kinder.

Eigentlich, so hatte ich begonnen. Vom „Sujet“ her und dem Tempo ist das wie im Thriller – letztlich aber bleibt es ein „Whodunnit“ mit der Auswahl aus einem bekannten Personenkreis. Einiges wirkte auf mich betulich; so wird gesagt, die Frau von Schulz „treibe sich herum“. "Betrügt ihn" fände ich passender. Und fast lächerlich finde ich Schulz‘ eigene Gedanken, seine Frau kehre heim „durchgefickt von irgendeinem geilen Schwanz“, trotz oder gerade wegen der Wortwahl, genau, betulich (von einem Zeh wohl kaum). Durants Chef Berger nennt „overknee“ Stiefel „Hurenstiefel“, irgendein Ermittler bechert immer und fährt dann Auto (Berger, Schulz, Durant), der Inhalt eines gefüllten Zigarettenautomaten dürfte im Verlauf durchgeschmaucht werden. Halt die 90er.

Dazu die Obsession mit den erigierten Brustwarzen. Ernsthaft? Der Psychotherapeut/Astrologe hat fast nur Klientinnen im durchsichtigen Gewande, Julia Durant selbst rennt daheim nur nackt herum oder im knappen Slip und kurzen Hemde, was extra erwähnt werden muss. Wahnsinn. Die geht sogar nackt in die Wanne. Ansonsten gibt’s abends brav Salami, Bier, vielleicht noch Käse auf Schnitte. Ich wette, irgendwo röhren Hirsche aus den Wohnzimmer-Schrankwänden (falsches Jahrzehnt??). Und die Frau Ermittlerin nächtigt mal im Hause des einen Verdächtigen (okay, unfreiwillig, ausgeknockt, aber wird trotzdem nicht gemeldet), dann sogar im Täter-Haushalt, zum Trost. Wahnsinnig professionell. Handlung gab’s auch, aber ich kam leider nicht mehr über die Brustwarzen hinweg. Von der Besessenheit mit Entjungferungen abgesehen (die Ballerina beim Sturz, ernsthaft, das eine Opfer, das junge Mädchen,… siehe zum Beispiel https://www.monda-magazin.de/body-and-soul/mythos-jungfernhaeutchen-keine-jungfraeulichkeit )

War der Rest der Bücher echt ebenso spießig?

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Veröffentlicht am 12.02.2018

Och nee

Unsere wunderbaren Jahre
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Dieses gekürzte Hörbuch fand ich zu lang, zu langweilig, die Protagonisten waren mir meistens egal, es gab Widersprüche, etliche Sätze waren schlicht Kitsch (passten aber nicht zum Rest, der sehr trocken ...

Dieses gekürzte Hörbuch fand ich zu lang, zu langweilig, die Protagonisten waren mir meistens egal, es gab Widersprüche, etliche Sätze waren schlicht Kitsch (passten aber nicht zum Rest, der sehr trocken war), vieles wirkte verklemmt. Ohne eine Challenge hätte ich nach 2 Stunden abgebrochen.


Kitsch? „Doch erst, als ihre Münder sich fanden, wusste er, dass sie wirklich und leibhaftig da war.“ (17 h 30 min) „Mit einem Seufzer, der die Wahrheit war, nichts als die Wahrheit…“ (10:17)
Verklemmt? „Statt einer Antwort nickte sie nur und berührte ihn dort, wo er es am liebsten hatte.“ Und selten hat jemanden so herumgeeiert zum Thema Homosexualität, Abtreibung, Entjungferung („in diesem Raum hatte er sie zur Frau gemacht, sie nannte ihn dann Palast“)
Unfreiwillig komisch? Eine Frau heiratet zum zweiten Male – ihr erster Mann war Pfarrer. Es hieß im Text zur ersten Hochzeit „vor den Altar treten“ – und jetzt, bei der zweiten Hochzeit, heißt es, sie hätte es sich nie träumen lassen, einmal kirchlich zu heiraten??? Und, noch besser, sie hatte sich gar ein zweites Brautkleid gekauft, obwohl das erste nur einmal getragen im Schrank hing. Ah ja.

Das Buch illustriert die jüngere Geschichte Deutschlands zwischen den beiden Währungsreformen – von der Einführung der D-Mark zum 20. Juni 1948 bis zu deren „Ende“ mit Einführung des Euro zum 1. Januar 2002 – anhand des Lebens mehrerer Protagonisten und dem ihrer Nachkommen. Leider wirkt es überzogen, wie stark deren Leben über 50 Jahre immer wieder verwoben ist (wir hätten alle 12 Finger, wenn das überall wirklich so abliefe) – und die Charaktere geraten eher zu Stichwortgebern für die abgespulte Geschichte. Sonst gefällt mir so ein Konzept – Geschichte anhand von Hauptpersonen, hier waren mir diese erst nach 10 von über 18 Stunden nicht mehr völlig schnurz, generell blieben sie mir zu sehr Klischee (die rebellische Tochter zum Beispiel). Eingeführte Personen wurden oft nur in großen Sprüngen besucht – gefühlt, weil der Autor dazwischen keine geschichtlich wichtigen Ereignisse darstellen konnte. Dazu wechselt die Perspektive alle paar Sätze zwischen extrem vielen Personen, alle mit Innensicht, alle seltsam flach.

Kurios: Prange führt sich selbst ein – den Charakter Peter Prange, der Autor wird und eine Idee für eine Geschichte hat: „Er hatte…die ungute Gewissheit, dass aus der abstrakten Idee eine entsetzlich abstrakte Geschichte werden würde, wenn er keinen konkreten Ort und keine Figuren dafür vor Augen hatte.“ (ca. 17:00). Ja, ich FAND die Geschichte entsetzlich abstrakt, trotz konkretem Ort Altena im Sauerland, Herkunftsort aller.

Abschnitte enden gerne mit Cliffhanger: „oder gibt es etwas, was ich nicht weiß?“ sagt Jürgen Rühling zu seiner Frau. Diese Winke mit dem gesamten Zaun sind so häufig und werden teils so spät oder so schrittweise aufgelöst, dass es mich nervte. Dazu soll Gesamt-Deutschland abgebildet werden, der Autor wirkt hier NOCH theoretischer (ich BIN „Wessi“ mit „Ossi“-Ehemann), behandelt bis kurz vor deren Ende die DDR nur sehr streifend, dafür schön die Sicht auf die „armen Brüder und Schwestern“. Da doziert der DDR-Bürger fast fortwährend über die Errungenschaften des Sozialismus – die Sorte Familie gab es sicher, doch kaum so häufig. Während der Preisung der Sowjetunion kann es sich der Autor nicht verkneifen, auf die Demontagen durch die Sowjetarmee als Widerspruch dazu hinzuweisen. Bei ähnlichen Themen im Westen (z.B. Nazi-Vergangenheit einiger) traut es der Autor hingegen dem Leser zu, das von selbst zu wissen – also Überschrift: von einem Autor der alten Bundesrepublik geschrieben für Bürger der alten Bundesrepublik? Ach, und gerne nutzt er „BRD“ auch als Slogan der West-Bürger – das war aber bis zur Vereinigung etwas, das z.B. in Schulaufsätzen im Westen angestrichen wurde – verpönt als DDR-Jargon (ja, lieber Rezi-Leser, so etwas gab es auf beiden Seiten).

Helmut Zierl liest anständig, auch englischsprachige Anteile und Deutsch mit fremdsprachigem Akzent, aber ich merke, direkt vorher einen Sprecher gehört zu haben, der grandios unterschiedlichen Personen unterscheidbare Stimmen geben kann, Männern wie Frauen (Dietmar Wunder). Zierl variiert bei Akzenten, sonst sind die Unterschiede gering –unterbricht man außerhalb von Kapiteln, ist das schwierig. Seine Stimme ist weder schlecht noch unangenehm, nur mir leider zu wenig besonders. Ja, ich bin hier gerade tatsächlich verwöhnt – und vorher hatte ich nie den Sinn der Frage nach Lieblingssprechern verstanden. Ich kaufe jetzt keine Liebesschnulze, nur weil Wunder sie liest oder Deutschmann oder eine der Thalbachs, aber ich werde jetzt IMMER Hörproben nutzen, selbst wenn ich das Buch definitiv will.


Mein bisheriger Flop des Jahres. 1 Stern.

Was übrigens toll wäre - wenn man hier ein Foto hochladen könnte. Ich habe eine Personalliste erstellt, die ich gerne als Screenshot laden können würde...