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Veröffentlicht am 29.01.2024

Interessant konstruierter Roman mit aufschlussreichem Inhalt

Augenstern
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Was werden wir im Laufe unseres Lebens vergessen? Unsere erste Liebe? Ungerechtigkeiten gegenüber unserer Familie? Oder doch nur das, was wir vergessen wollen: traumatisierende Erlebnisse, die einfach ...

Was werden wir im Laufe unseres Lebens vergessen? Unsere erste Liebe? Ungerechtigkeiten gegenüber unserer Familie? Oder doch nur das, was wir vergessen wollen: traumatisierende Erlebnisse, die einfach zu schlimm erscheinen, um sie zu erinnern?

Amir ist vor dem Sturz des iranischen Schah Reza in 1979 ein Lebemann in dieser weltoffenen und mitunter sehr progressiven Gesellschaft. Er genießt nicht nur den Alkohol sondern auch die Frauen. Gefühlt alle Frauen Teherans, aber dazu gleich mehr. All das erfahren die Lesenden jedoch erst nach und nach im Roman. Und zwar nicht durch Amir sondern durch die sogenannten "Schulterengel" Amirs. Gemäß der islamischen Tradition zeichnen sie auf der rechten und linken Schulter einer Person sitzend auf, was diese Person in ihrem Leben denkt/sagt/tut, damit diese Aufzeichnungen am Tag des Jüngsten Gerichts festzustellen, ob die Person würdig ist, ins Paradies aufgenommen zu werden. Wir benötigen diese Aufzeichnungen, um in die Vergangenheit von Amir zu schauen. Die Handlung setzt nämlich nach dem iranisch-irakischen Krieg der 1980er Jahre ein, nachdem Amir von seiner Mutter und Schwester in einer Psychiatrie wiedergefunden wird, Jahre nachdem er im Krieg schwerst traumatisiert wurde. Er kann sich an nichts oder zumindest nicht viel erinnern und begibt sich auf eine Suche nicht nur nach seinem früheren Leben, sondern auch seiner großen Liebe.

Geschickt stellt der Autor anhand des Lebens seines Protagonisten Amir das "freie" Leben unter dem Schah und mit dem harten Einschnitt der islamischen Revolution und des darauffolgenden Krieges mit dem Irak die spätere islamische Republik dar. Amir führte ein ausschweifendes Leben mit viel Geld, Alkohol und Frauen. Die Frauen wollte er sammeln wie Trophäen, eine für jeden Buchstaben im persischen Alphabet wollte er vögeln. Und ja, da sind wir schon beim einzigen Kritikpunkt zum Buch: Es wird über weite strecken gefickt, gevögelt usw. Ständig ist von Muschis, Schwänzen, Blüten ... die Rede. Was der Autor deutlich klarstellen will: Dass ein ausschweifendes, sexuell freies Leben zu Zeiten der modernen Monarchie überhaupt möglich war, wird nach den ersten zwei oder drei Beispielen von Affären deutlich. Leider übertreibt er es meines Erachtens ein wenig und bringt dann doch zu viele Beispiele Amirs Sexlebens im Buch an. Zugutehalten muss ich dem Autor, dass alle dieser "Sexobjekte" als selbstbestimmte Frauen dargestellt werden. Etwas, was mit der islamischen Revolution kippt. Die Frauen werden verhüllt, der Minirock verschwindet und der Hidschab taucht auf und damit auch das Ende der Freiheiten für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Zuletzt bindet der Autor überdies noch den Kampf nach Autonomie der iranischen und irakischen Kurden in das Buch ein. Das ist alles in allem hoch informativ und bringt die historischen Veränderungen im Iran aber auch das Drumherum, um es mal salopp zu sagen, den Lesenden auf einer persönlichen Ebene sehr nahe.

Insgesamt kann ich diesen Roman aufgrund seiner Direktheit, nähe zu einem menschlichen Schicksal - und damit zu vielen Schicksalen - aber vor allem auch aufgrund seines kreativen Ansatzes bezüglich der Zeitsprünge durch die Aufzeichnungen der Schulterengel sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Dokumentation oder Fiktion?

Die Verlassenen -
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Zugegeben: Bevor ich das schon im Regal stehende Buch "Die Verlassenen" las, hörte ich zufällig ein Interview mit dem Autor im MDR Kultur Radio. So erfuhr ich vorab, dass es sich bei dieser Geschichte ...

Zugegeben: Bevor ich das schon im Regal stehende Buch "Die Verlassenen" las, hörte ich zufällig ein Interview mit dem Autor im MDR Kultur Radio. So erfuhr ich vorab, dass es sich bei dieser Geschichte über die menschlichen Folgen von Stasi-Machenschaften um einen Roman mit "gefälschten" Stasi-Unterlagen und Fotonachweisen handelt. Ganz ehrlich, hätte ich das nicht vorab gewusst, ich wär reingefallen und hätte den Roman als "autofiktional" gelesen.

Der Ich-Erzähler schildert mit recht einfacher, manchmal ungelenker Sprache, mithilfe von Rückblicken und angeblichen Kopien von Stasi-Akten seine Lebensgeschichte mit dem Tod der Mutter im Alter von fünf Jahren, das plötzliche Verschwinden des Vaters acht Jahre später in 1994 und den Tod der einzigen verbleibenden Verwandten, der Großmutter wenige Jahre später.

Zunächst nervte mich die einfache Sprache des Erzählers, das fast zwanghafte und scheinbar um Authentizität bemühte Benennen von realen Orten in Halle an der Saale (übrigens der Geburtsort des Autors), sowie auch später ein wenig die "überzufällige" Schicksalhaftigkeit der Lebensgeschichte. Trotzdem entwickelte der Roman in seiner Kürze einen Sog auf mich, dass ich gespannt wie beim Lesen eines Thrillers, endlich erfahren wollte, was denn nun wirklich mit der Mutter und dem Vater des Ich-Erzählers geschehen ist. Fast erschrocken und verwirrt, unzufrieden und nach Rache lechzend bleibt man zurück. Da ist das Buch schon vorbei, die Geschichte erzählt und man selbst zurückgeworfen auf die eigenen Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen. Unerwartet tiefgründig bleiben die nur 170 Seiten im Gedächtnis. Ein durchaus lesenwerter Roman, der durch seine Kürze letztendlich besticht und kein Wort zu viel aufweist.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Misogynie durch Staatsfeminismus?

Macht
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Karen Duve entwirft in diesem Roman eine nahe Zukunft im Jahre 2031, die eigentlich scheinbar recht positive politische Entwicklungen andeutet: Es gibt mindestens 50% Frauen in den Ministerien und Unternehmen, ...

Karen Duve entwirft in diesem Roman eine nahe Zukunft im Jahre 2031, die eigentlich scheinbar recht positive politische Entwicklungen andeutet: Es gibt mindestens 50% Frauen in den Ministerien und Unternehmen, durch ein CO²-Punktesystem werden die Bürger Deutschlands dazu angehalten sich einzuteilen, ob sie nun eine Flugreise unternehmen oder Fleisch essen (können), in Russland wurden Mammuts ausgewildert, um den Permafrostboden festzutrampeln und damit das Methan zu binden. (Auf den letzten Punkt komme ich später noch zu sprechen.) Trotz der Bemühungen scheint jedoch die Erde als Lebensraum für die Menschen am Ende. Umweltkatastrophen ziehen über den Planeten und, wer hätte es gedacht, religiöse Sekten schießen aus dem Boden.

Die gesellschaftlichen Umwandlungen erfahren wir aus den Erzählungen des Ich-Erzählers dieser Geschichte. Sebastian ist eigentlich um die 70 Jahre alt, aufgrund eines populären Medikaments sieht er aber aus wie Ende 30. Was die Autorin meines Erachtens großartig macht, ist diesen verachtenswerten Menschen psychologisch vollkommen schlüssig darzustellen. Denn obwohl er früher Umweltaktivist und Befürworter des Feminismus war, kann er an anderer Stelle auch ganz anders. Er ist nämlich ein psychopathischer Sadist. Er verachtet die Frauen für ihr hart erkämpftes Oberwasser und lässt diesen Hass an seiner Ex-Frau aus, die er seit zwei Jahren im Kellerverlies gefangen hält. Jede seiner verdrehten Einstellungen ist dabei (im Rahmen seiner Persönlichkeit) hochrealstisch und zeigt, wie perverse Gewalt gegen Frauen innerlich gerechtfertigt wird von bestimmten Tätergruppen. Dabei wird Karen Duve in ihren Schilderungen der (sexuellen) Gewaltszenen sehr konkret und drastisch. Das kann und will sicherlich nicht jeder Leserin aushalten. Meines Erachtens sind diese Szenen auch irgendwie nur aushaltbar, weil man im Hinterkopf hat, dass dieses Buch von einer Frau geschrieben wurde und sie etwas deutlich machen will damit. Die Beschreibung hätte es jedoch auch bei der ersten auftauchenden Szene getan und hätte nicht zwingend immer wieder so ausführlich geschildert werden müssen. Trotzdem finde ich dies im Rahmen des Gesamtwerks hinnehmbar. Sprachlich glänzt Duve in diesem Roman ohne Zweifel. Ich war von der ersten Seite an gefesselt und blieb es bis zum Schluss aufgrund des Könnens der Autorin.

Die Autorin macht im Rahmen des Plots viele Themen auf, die durchaus realistisch bzw. bezogen auf die Zukunftsszenarien wissenschaftlich fundiert sind. Das oben genannte Vorhaben mit den Mammuts wird z.B. tatsächlich derzeit angestrebt, so abwegig die (im Buch verwobene) Nachrichtenmeldung während des Lesens auch wirken mag. Über die ersten zwei Drittel des Buchs hinweg, hätte dieses für mich Potential für ein Jahreshighlight gehabt. Leider baut sich der Plot zum Ende hin zu einem deplatzierten Showdown auf, thematisch so angesiedelt, dass insgesamt der Roman nicht mehr rund wird. So bleiben leider zu viele (interessante und wichtige!) Themen angeschnitten. Eine Reduktion hätte dem Roman gut getan.

Trotzdem ist mir die Lektüre im Nachhinein eine eindeutige Leseempfehlung wert. Es muss jedoch klar und eindeutig vor den frauenverachtenden Szenen sexualisierter Gewalt gewarnt werden!

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Gefangen im eigenen Körper

Der Riss
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In diesem beklemmenden Werk zieht uns die südkoreanische Autorin Hye-Young Pyun ins Innere ihres Protagonisten Ogi. Durch einen schweren Verkehrsunfall, bei welchem seine Ehefrau stirbt, wird der Geografie-Professor ...

In diesem beklemmenden Werk zieht uns die südkoreanische Autorin Hye-Young Pyun ins Innere ihres Protagonisten Ogi. Durch einen schweren Verkehrsunfall, bei welchem seine Ehefrau stirbt, wird der Geografie-Professor Ogi zum Gefangenen seines eigenen Körpers. Er kann sich nicht mehr bewegen und aufgrund schwerer Verletzungen des Kieferbereichs in keiner Weise mehr artikulieren. Allein durch den Lidschlag kann er Fragen mit Ja oder Nein beantworten. Nach Monaten des Krankenhausaufenthaltes holt ihn seine Schwiegermutter und einzige Verwandte nach Hause, welche selbst noch mit der Trauer um ihre verstorbene Tochter zu kämpfen hat. Auf sich selbst zurückgeworfen beginnt Ogi sein Leben und vor allem seine Ehe Revue passieren zu lassen und eigene Schuldgefühle zu durchleben. Gleichzeitig registriert er das immer merkwürdiger werdende Verhalten seiner Schwiegermutter und ist ihr letztlich vollständig ohnmächtig ausgeliefert.

Nach einer anfänglichen Anlaufphase entwickelt sich dieses dünne Büchlein von 224 Seiten schnell in einen echten Psychothriller. Gekonnt schafft es Hye-Young Pyun die unglaubliche Hilflosigkeit des Protagonisten zu schildern, von welcher die Lesenden angesteckt werden, und eine fast erdrückende Beklemmung beim Lesen aufkommen zu lassen. Einen meines Erachtens nennenswerten Anteil hat hieran sicherlich auch die hervorragende Übersetzung von Ki-Hyang Lee, welche schon Han Kang oder auch das in 2021 erschienene "Kim Jiyoung, geboren 1982" von Nam-Joo Cho übersetzte.

Dass sich aus einem so dezent aber wunderschön gestaltetem Buch eine solche Alptraumgeschichte herausbilden könnte, habe ich nicht erwartet. Allein das Ende des Buches ist dann wenig nachvollziehbar geraten. Obwohl mich Hye-Young Pyun mit in diesen "Riss" hinunter ziehen konnte, hat sie mich ganz zum Schluss noch auf dem Weg nach unten etwas verloren. So verpuffte der mit tatsächlichem Herzrasen begleitete psychologische Effekt des Romans bei mir mit den letzten Sätzen.

Trotzdem handelt es sich hierbei um ein definitiv lesenswertes Buch und damit einen Grund, die Autorin weiterhin bezüglich zukünftiger Veröffentlichungen im Blick zu behalten.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Was wäre wenn...?

Das Siebte
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Was wäre, wenn du dein Leben noch einmal leben könntest. Mit allen Erinnerungen an den ersten Durchgang? Eine Frage, die sich sicherlich schon jeder einmal gestellt hat. Meist verbindet man damit, Fehler ...

Was wäre, wenn du dein Leben noch einmal leben könntest. Mit allen Erinnerungen an den ersten Durchgang? Eine Frage, die sich sicherlich schon jeder einmal gestellt hat. Meist verbindet man damit, Fehler ausbügeln zu können, einen anderen Abzweig im Leben zu nehmen. Aber was ist, wenn man in einem Loop gefangen ist und immer und immer wieder bei der Geburt auf Start zurückgesetzt wird? Wenn man Gedächtnis und Erfahrungen von mehreren hundert Jahren Lebenszeit ansammelt und trotzdem wieder bei Start beginnen muss? Diesem Schicksal sieht sich plötzlich der Ich-Erzähler dieses Romans ausgesetzt. Er versucht in den verschiedenen aufeinanderfolgenden immer selben - nämlich seinen eigenen - Leben mal die Politik zu beeinflussen, mal die Naturwissenschaften, mal als religiöser Guru zu agieren. Doch schon bei dieser Schilderung sollte klar werden, wie zermürbend allein schon die Vorstellung an dieses sinnlose Unterfangen ist, geschweige denn die Umsetzung.

So schildert Tristan Garcia in einer hochklassigen sprachlichen Umsetzung verschiedene philosophische Problemstellungen, die mit der Prämisse des Romans und damit mit der Prämisse des Protagonisten einhergehen. Mitreißend webt er eine schicksalhafte Liebesgeschichte ein, die nicht zwingend zu Happy Ends (ja Plural, da ja mehrere Leben) führt. Auch die Frage nach dem Sinn und Zweck von Freundschaft wird thematisiert. Es geht aber viel mehr um das große Gedankenexperiment dieses Romans. Dieses besticht in seiner Durchdachtheit und Konsequenz. Allein gegen Ende geht mir die Geschichte nicht weit genug und verpasst es, den Kreis zu schließen.

Da der Roman in Frankreich eigentlich in einem Romanzyklus, welcher sieben Bände umfasst, veröffentlicht wurde, hier aber nur die Übersetzung des siebten und letzten Romans erscheint, fehlt der Blick auf das Gesamtwerk. In Frankreich ist das Buch "7 romans" erschienen, von welchem "La septième" (Das Siebte) nur den letzten Teil des Zyklus darstellt. Die sieben Romane, so erfährt man aus den Anmerkungen der Übersetzerin, weisen Querverweise untereinander auf. Auch wenn der Autor ausdrücklich unterstreicht, dass die Romane durchaus getrennt voneinander rezipiert werden können, glaube ich, dass sich erst durch das Gesamtwerk das Große Ganze für die Leser*innen eröffnet. Ich hätte sehr gern "Das Siebte" im Kontext der anderen Romanteile gelesen. Schade, dass es nur zu einer Übersetzung dieses Teils gekommen ist.

So bleibt der Roman für mich zuletzt zu offen gestaltet. Durchaus etwas, was einem philosophischen Prosawerk guttun kann, mir hier aber eher ein unbefriedigendes Gefühl und einen ganz zum Schluss zu lahmen Abgang aus dem gut durchdachten Gedankenkonstrukt des Autors beschert hat.

Insgesamt halte ich diesen Roman - auch als Einzelwerk - wirklich äußerst lesenswert, über weite Strecken sogar großartig. Wer sich also schon einmal gewünscht hat, sein eigenes Leben noch einmal leben zu können, sollte zuvor dieses Buch lesen, um sich zweimal zu überlegen, was man sich da wünscht.

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