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Veröffentlicht am 29.02.2024

Eisen, erwache!

Essex Dogs
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Wir befinden uns im Jahre 1346, mitten im Hundertjährigen Krieg. Die Essex Dogs sind eine zehnköpfige Söldnertruppe, die in der Normandie an Land geht, um für ihren König Eduard III. Anspruch auf den französischen ...

Wir befinden uns im Jahre 1346, mitten im Hundertjährigen Krieg. Die Essex Dogs sind eine zehnköpfige Söldnertruppe, die in der Normandie an Land geht, um für ihren König Eduard III. Anspruch auf den französischen Thron zu erheben. Sie sind Teil einer großen Armee und beginnen schon bei ihrer Ankunft, die französischen Truppen anzugreifen, die Zivilbevölkerung zu töten und zu drangsalieren und das Land gezielt zu verwüsten. Sie sind zu zehnt: fünf Bogenschützen, darunter zwei Waliser, die kein Wort Englisch verstehen, ein sechzehnjähriger Junge und zwei erprobte englische Langbogenschützen, dazu der riesige Scotsman, Father, der irre Ex-Priester, Pismire, klein und drahtig, Millstone, der lieber Söldner ist als als Mörder verurteilt zu werden und Loveday, der Anführer.

Und wenn man es genau nimmt, ist mit dieser Beschreibung alles gesagt. Die Armee zieht von Ort zu Ort, sie kämpfen, bluten, töten, brennen nieder. Und auch, wenn es sich bei den Dogs um Söldner - also nichts anderes als bezahlte Killer - handelt, lässt man sich schnell und gern in die Handlung ziehen und fängt vielleicht an, den einen oder anderen sympathisch zu finden. Man merkt, dass der Autor Ahnung von der Materie hat und es ihm Spaß macht, die Geschichte ein bisschen anders darzustellen. Wo der Schwarze Prinz (also Eduards Sohn) in der historischen Überlieferung ein edler, aufrechter, sechzehnjähriger Held ist, kommt er hier als weinerlicher Jammerlappen herüber, der nicht einmal von seinem eigenen Vater ernstgenommen wird.

Die Adligen treiben ihr böses Spiel nicht nur mit der Bevölkerung, sondern auch mit ihren eigenen Leuten. Und die einfachen Leute in der Armee haben eigentlich keine Ahnung, worum es hier eigentlich geht; sie marschieren, leiden selbst, verursachen Leid und das alles im Namen einer Sache, die sie selbst überhaupt nicht betrifft. Mir hat dieser Ausflug ins Mittelalter - nun, Spaß gemacht kann man wohl nicht sagen, dafür sind die Geschehnisse einfach wirklich hart. Aber gern gelesen habe ich das Buch allemal.

Veröffentlicht am 24.02.2024

Juniper Song

Yellowface
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Sie kennen sich seit dem Studium: die junge amerikanische Autorin June Hayward und die chinesischstämmige Athena Liu. Athena ist dabei das gefeierte Wunderkind der Literaturbranche - welches Buch sie auch ...

Sie kennen sich seit dem Studium: die junge amerikanische Autorin June Hayward und die chinesischstämmige Athena Liu. Athena ist dabei das gefeierte Wunderkind der Literaturbranche - welches Buch sie auch schreibt, welches Thema sie anpackt, es wird zu Gold. June hingegen dümpelt maximal in der Backlist herum; ein Zustand, der ihren Neid genauso wachsen lässt wie den Erfolg von Athena. Athena ist trotz ihrer Jugend eine altmodische Autorin, die ihre Werke zuerst auf einer Schreibmaschine schreibt und nirgends sonst speichert. Das kommt June entgegen, als Athena in ihrer Anwesenheit plötzlich stirbt. Sie stiehlt das Manuskript, überarbeitet es und gibt es als ihr eigenes Werk aus. Bald jedoch werden die ersten Stimmen laut, die ihre Urheberschaft bezweifeln.

Ich kenne von der Autorin nichts, obwohl ich natürlich vom hochgelobten "Babel" gehört habe. Und auch der Hype für Yellowface ging nicht an mir vorbei und ich gebe zu, er ist nicht unverdient. Athena dürfte viel von Rebecca selbst haben: eine großartige Autorin, deren Genialität erkannt und gefeiert wird, wobei sich die Verantwortlichen wegen ihres Sinns für Diversität auf die Schultern klopfen. Mit spitzer Feder deutet die Autorin in dem Buch auf alles, was gerade mega aktuell ist. Die Diskussionen um Diversität, Rassismus, kulturelle Aneignung, Plagiat. Ich bin nicht ganz sicher, ob es ein genialer Trick ist, June zwar als menschlich, aber doch eher wenig liebenswert darzustellen, oder ob sie damit Gnade zeigt, denn das Buch ist mit dem Shitstorm und allem, was June dann passiert, keine leichte Kost und teilweise fast unerträglich zu lesen. Wie oft wird hier die Frage - abseits vom Plagiat - gestellt, ob June mit ihrer Herkunft überhaupt das Recht hat, über das Leiden eines anderes Volkes zu schreiben.

Unglaublich scharfsichtig seziert Rebecca F. Kuang hier die Literaturszene, die gegenwärtige Diskussionskultur (ob man das überhaupt so nennen darf?), das Ablehnen jeglicher Verantwortung von Seiten der Verlags/Agenturgrößen. Und am Ende stellt man sich selbst - nicht völlig unernst gemeint - eine weitere Frage: Hätte eine andere Autorin als Rebecca, eine mit Junes Herkunft zum Beispiel, überhaupt dieses Buch schreiben dürfen?

Veröffentlicht am 12.02.2024

Schatztruhe

Der Wortschatz: Bilderbuch-Bestseller über den spielerischen Umgang mit Sprache
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Oscar buddelt gerade so vor sich hin einem Wald herum, als er auf eine Truhe stößt. Eine Truhe, in der Erde? Das kann doch nur eine Schatztruhe sein, oder? Nach nicht ganz kurzer Zeit - aber auch garantiert ...

Oscar buddelt gerade so vor sich hin einem Wald herum, als er auf eine Truhe stößt. Eine Truhe, in der Erde? Das kann doch nur eine Schatztruhe sein, oder? Nach nicht ganz kurzer Zeit - aber auch garantiert nicht länger als zu lange - gelingt es Oscar, diese Truhe zu öffnen. Doch als er hineinschaut, ist er enttäuscht. Wo sind die Schätze? Statt des erwarteten Goldes, Silber oder Piratenjuwelen findet er ... Wörter. Zwar kann man sie biegen, sie dehnen, zusammenknüllen - aber ansonsten? Er wirft deshalb Quietschegelb einfach weg. Und fällt beinahe aus allen Wolken, als plötzlich ein quietschegelber Igel an ihm vorbeisaust. Begeistert benutzt er alle anderen Wörter aus der Truhe. Bis er plötzlich wortlos ist. Und jetzt?

Wir haben hier eine sehr kurze, sehr kindgerechte Geschichte vorliegen, die mit vielen Illustrationen erzählt wird. Tatsächlich sprechen die Bilder eine fast deutlichere Sprache als die Wörter. Ich habe das Buch mit meinem Vorlesekind gelesen/angesehen. Und ja, wir haben uns über einige der Wörter und Oscars Handlungen gut amüsiert. Aber so schön das ist, wenn darauf hingewiesen wird, dass man mit Worten viel tun und daher achtsam mit ihnen umgehen soll, so wäre es doch trotzdem auch vernünftig gewesen, die Macht von Sprache und Worten kindgerecht auch im negativen Sinne zu behandeln. So hat mir im Endeffekt doch ein bisschen was gefehlt, was ich jetzt meinem Vorlesekind irgendwie anders vermitteln muss.

Veröffentlicht am 10.02.2024

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Stars In Your Eyes
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Es sind die News in Hollywood: Der junge, aufstrebende Sunnyboy Matthew Cole wird zusammen mit dem ehemaligen Kinderstar und jetzigem Badboy Logan Grey einen Film drehen. Und nicht nur, dass es sich bei ...

Es sind die News in Hollywood: Der junge, aufstrebende Sunnyboy Matthew Cole wird zusammen mit dem ehemaligen Kinderstar und jetzigem Badboy Logan Grey einen Film drehen. Und nicht nur, dass es sich bei beiden um PoC handelt, werden sie auch ein schwules Paar darstellen. Doch bevor es noch richtig losgegangen ist, behauptet Grey gegenüber Journalisten, dass Mattie Cole ein mieser Schauspieler ist. Der Skandal droht dem Film Verluste einzufahren, also beschließen die Produzenten, dass Cole und Grey auch abseits vom Set ein Paar darstellen müssen - das beliebte Enemies-to-Lovers-Trope. Doch aus dem Fake wird für Mattie bald viel mehr - doch Logan ist und bleibt beziehungsunwillig ... Oder?

Es ist bis etwa ein Drittel der Geschichte recht süß, eine nette, kleine Liebesgeschichte, die das oben erwähnte Trope bedient und sich eigentlich nur von anderen abhebt, weil es sich bei den Protagonisten um People of Color handelt. Doch auch da wird schon unterschwellig auf Missbrauch hingedeutet und das, was es mit den jüngsten Schauspielern anstellt, in Hollywood ein Star zu sein. Ein bisschen störend sind dabei, dass viele Dinge immer wiederholt werden. Andererseits sind das wirklich wichtige Messages: Jeder Mensch ist es wert, geliebt oder wenigstens respektiert zu werden, sich selbst nicht zu verlieren und für andere da zu sein. Spätestens ab dem letzten Drittel wird es sehr dramatisch und konnte mich mit den ernsthaften und gut dargestellten Problemen und Themen richtig packen. Aus der süßlichen Lovestory wird eine Geschichte über Respekt, Freundschaft, Liebe, Consent und Selbstachtung und das mochte ich sehr. Es gibt ein paar Trigger, die in einer Warnung am Ende des Buches enthalten sind und die man ernstnehmen sollte. Richtig gut fand ich, dass eben nach Drehschluss die Helden nicht zusammen in den Sonnenuntergang reiten, sondern an sich und ihren Problemen arbeiten müssen.

Veröffentlicht am 07.02.2024

Infamous

Murder in the Family
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Infamous ist eine berühmte True-Crime-Serie in England, in der vor laufender Kamera Cold Cases wieder neu aufgenommen und unter besten Umständen gelöst werden. Diese Show verspricht noch einen Extraknaller. ...

Infamous ist eine berühmte True-Crime-Serie in England, in der vor laufender Kamera Cold Cases wieder neu aufgenommen und unter besten Umständen gelöst werden. Diese Show verspricht noch einen Extraknaller. Der Regisseur Guy Howard möchte den Fall seines ermordeten Stiefvaters aufnehmen. Dafür werden sechs Experten aus der Strafverfolgung bzw. Journalismus eingeladen. Ein Ex-Cop aus New York, ein ehemaliger Londoner Kriminalbeamter, ein Staranwalt, ein Journalist, eine Psychologin und ein Forensiker machen sich daran, den Fall zu lösen, während eine ganze Nation zuschaut und in Foren aufgeregt darüber diskutiert. Doch immer mehr verdichtet sich die Vermutung, dass ihnen der Mörder näher ist als erwartet ...

Tatsächlich haben wir hier ein sehr cooles Konzept vorliegen. Es gibt Zeitungsausschnitte, Fotos, Mitschnitte von Anrufen, Scriptanweisungen zu den Drehtagen, Forenbeiträge und die Unterhaltungen lesen sich, als würde man wirklich als Zuschauer dabei sein. Die unterschiedlichen Arten von Experten lassen sich sehr gut auseinanderhalten. Allerdings das herausfordernde "Können Sie den Fall vor den Experten lösen", das im Klappentext provoziert, ist meiner Meinung nach nicht haltbar, weil einige der Experten einiges aus ihrem privaten Umfeld zurückhalten. Vermutungen sind einfach, selbst in die richtige Richtung, aber beweisbar ist für die Lesenden nichts. Womit auch weder die Autorin noch das Lektorat immer unbedingt klargekommen sind, sind gewisse Jahreszahlen oder das Alter. Anfangs dachte ich noch, das gehöre zum Spiel, weil einige vielleicht lügen, aber dem ist nicht so. Der Journalist, der gerade mal 40 oder 41 ist, veröffentlicht schon seit über 30 Jahren in verschiedenen Zeitschriften, eine Verdächtige, die 1983 geboren ist, ist 1984 Kindermädchen. Okay? Manche sind halt einfach schneller als andere ... oder jemand kommt gern mit Zahlen durcheinander.

Das verpasst der Lesefreude keinen Dämpfer und wer nicht wirklich selbst mitraten möchte, hat sicher Spaß beim Lesen. Was mich im Endeffekt mehr gestört hat, war die Tatsache, dass der Produzent und das Team scheinbar ohnehin von Anfang schon den Fall geklärt hatten, weil sie immer wieder mit neuen plötzlich herausgefundenen Details herausrückten, und der Schluss. Die letzten beiden Seiten waren wirklich, wirklich ein bisschen arg dick aufgetragen.