Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.01.2019

Langatmig und ungeordnet

Das Haus der Hildy Good
0

Die Grundidee von "Das Haus der Hildy Good" ist interessant: die Icherzählerin ist eine Alkoholikerin, die dies aber selbst ganz anders sieht. Dadurch, das wir alle Geschehnisse aus Sicht von Hildy erfahren, ...

Die Grundidee von "Das Haus der Hildy Good" ist interessant: die Icherzählerin ist eine Alkoholikerin, die dies aber selbst ganz anders sieht. Dadurch, das wir alle Geschehnisse aus Sicht von Hildy erfahren, sind diese subjektiv gefärbt. Das ist (größtenteils) gut gemacht und es ist lesenswert, wie Hildy an ihrem Eigenbild der erfolgreichen Geschäftsfrau, die nur ab und an mal ein Weinchen trinkt, festhält. Aus Nebensätzen, eingestreuten Informationen entblättert sich nach und nach die Wirklichkeit. Das hat mir gut gefallen.

Leider ist das Buch aber ausgesprochen langatmig. Unwichtige Details werden ausführlich beschrieben, da wird (kein Textbeispiel, dient nur der Anschauung) nicht mal eine Tasse Tee gemacht, es wird das Wasser aufgesetzt, die Schranktüre geöffnet, der Tee hinausgeholt, in die Kanne gelöffelt, die genaue Herdtemperatur erwähnt, usw. Das Buch hätte auf die Hälfte der Seiten verzichten können und meines Erachtens dadurch nur gewonnen. Zehn Seiten am Stück beschreiben ausführlich den Kauf und die Dressur eines Pferdes, sowie ein stattfindendes Turnier. Eine Bootsfahrt mit Hummerfischern wird zu einer kleinen Vorlesung über die Hummerfischerei. Der Fund einer Wasserleiche wird mit dreiseitigen Ausführungen über den Prozeß des Ertrinkens und der Verwesungserscheinungen unter Wasser eingeleitet. Für das Verständnis des Buches sind diese Informationen nicht erforderlich, und während ich gut präsentierte Hintergrundinformationen durchaus zu schätzen weiß, waren diese hier an allen Stellen zu lang und unnötig. Dadurch wird das Lesen eher zur Aufgabe, als zum Spaß. Durchgehalten habe ich nur, weil mich Hildys Entwicklung interessierte.

Eingebettet ist Hildys Geschichte in ein Panorama der neuenglischen Kleinstadt, in der sie wohnt und als Maklerin arbeitet. Zu Anfang ist dies alles etwas vignettenhaft - Parties, Hausbesichtigungen, Unterhaltungen mit Handwerkern, die reiche neue Familie an Ort...das alles zieht an uns vorbei, von Hildy mit teilweise schön trockenem Humor berichtet. Teilweise ist dies unterhaltsam, teilweise belanglos. Gerade die detaillierten Kindheits- und Jugenderinnerungen Hildys habe ich irgendwann nur noch überflogen. Nach und nach kristallisieren sich die Verbindungen der erwähnten Leute hinaus und die diverse Erzählstränge finden sich zu einer Geschichte zusammen. Auch das eine gute Idee. Bestreut wird das Ganze unnötigerweise mit einer kleinen halb-übersinnlichen Note und dem Verweis von Hildy, daß sie von einer der in Salem als Hexen verurteilten Frauen abstammt. Relevant für die Geschichte? Nein. Unterhaltsam? Nicht sonderlich.

Dies ist neben dem zu ausführlichen Schreibstil für mich das zweite Problem des Buches. Es wird dies und das eingesprenkelt, aber ohne wirklich Relevanz und Einprägsamkeit. Viele interessante Themen (Hildys Beziehung zu ihrem Ex, die Probleme mit den erwachsenen Töchtern) werden angedeutet und ich hätte gerne mehr darüber gelesen (und dafür weniger über Pferdedressur oder Hummerfang), aber dies versickert in der ungeordneten Themenvielfalt.

Nachdem der Großteil des Buches recht gemächlich dahinplätschert, wird dann zum Finale recht viel aufgeboten. Für meinen Geschmack zu viel. Es kommt zu plötzlich, es ist, wie gesagt, zu viel und paßt nicht zum Rest des Buches. Und während die Unsicherheit über den tatsächlichen Ablauf vieler Dinge durch Hildys Erzählerperspektive an sich gut ist, wird es mir schlichtweg zu viel, wenn am Ende seitenlang etwas berichtet wird, von dem man dann nicht sicher ist, ist es Traum, ist es Halluzination, ist es passiert?

Die Langwierigkeit, die Unentschlossenheit und das übertriebene Ende haben dazu geführt, daß die an sich gute Idee durch schlechte Umsetzung zumindest für mich verdorben wurde.

Veröffentlicht am 25.03.2026

Leider eher leblos und langatmig

Der Sommer, der uns blieb
0

Das Buch beginnt recht unterhaltsam mit Kapiteln aus der wechselnden Sicht der drei Protagonisten in der Gegenwart (bzw. 2020) und einem Kapitel aus ihrer Jugend – das Gegenwart-Vergangenheits-Muster, ...

Das Buch beginnt recht unterhaltsam mit Kapiteln aus der wechselnden Sicht der drei Protagonisten in der Gegenwart (bzw. 2020) und einem Kapitel aus ihrer Jugend – das Gegenwart-Vergangenheits-Muster, das man aus vielen Romanen kennt. Was an sich nicht schlecht sein muß, wenn es gut erzählt wird. Der Anfang ließ mich hoffen, daß hier eine interessante Auflösung der im Klappentext erwähnten „Schatten der Vergangenheit“ zu erwarten sein würde. Der leicht lesbare Schreibstil setzte trotz einiger kleiner Schwächen in diesen ersten Kapiteln schon einige vielversprechende Andeutungen.

Dann aber geht es leider sehr geruhsam weiter. Die drei Protagonisten Martin, Britta und Pia sind blass und eindimensional, lediglich bei Pia deuten sich einige interessantere Züge an. Ein Grund für diese Farblosigkeit liegt darin, daß die Autorin nichts von „show, don’t tell“ hält, den Lesern also so gut wie keine Schlussfolgerungen erlaubt und uns das Geschehen selten erleben läßt, sondern uns alles detailliert vorkaut (gerne auch mehrfach). Die endlosen Erklärungen von Fakten, die man in mitreißende Szenen hätte verwandeln können, lassen das ohnehin langsame Erzähltempo an manchen Stellen fast gänzlich stagnieren und nehmen zusätzliches Leben aus der Geschichte, die allgemein ziemlich blutleer daherkommt. Mit vielen Worten wird letztlich erschreckend wenig ausgesagt – die Handlung könnte man in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wir begleiten in der ersten Buchhälfte insbesondere Martin und Britta bei wesentlich zu ausführlich geschilderten Alltagshandlungen und Grübeleien. Immer wieder werden ähnliche Andeutungen eingestreut, die ihre Wirkung zusehends verlieren, auch die Vergangenheitsszenen kriechen langsam dahin und verlieren sich in Nebensächlichkeiten. Ich habe mich ab etwa Seite 110 so gelangweilt, daß ich mich zum Weiterlesen zwingen mußte. Hinzu kommen die oft nicht nachvollziehbar übertriebenen Reaktionen der Charaktere und ihre teils konstruiert wirkenden Handlungen. Gerade in dieser ersten Hälfte, als die Autorin das Zusammentreffen der drei verzögern und so wahrscheinlich Spannung aufbauen möchte, kommt es zu vielen konstruierten Szenen.

Der Schreibstil ist wie gesagt leicht lesbar, ziemlich einfach, aber mit einigen gelungenen und schönen Formulierungen und leider auch mit etwas viel Denglisch. Die Vorliebe der Autorin für Metaphern nimmt stellenweise ziemlich überhand, ebenso wie ihre Angewohnheit, vieles mehrfach zu sagen und/oder drei Sätze zu schreiben, wo einer gereicht hätte (z.B. S. 37: „Das Haus ihrer Kindheit war einem modernen Klotz aus Beton gewichen. Sie fühlte sich ihrer Identität beraubt. Nichts deutete mehr auf ihre Vergangenheit hin. Alle Spuren schienen verwischt zu sein. (…) Sie fühlte sich ihrer Kindheit beraubt. (…) Nun schien der letzte Rest ihrer Basis ausradiert worden zu sein.“). Ebenso wie die Formulierungen wiederholen sich gerade in der ersten Hälfte auch die Szenen sehr, angefüllt mit unzähligen irrelevanten Informationen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mich beim Lesen ständig im Kreis zu drehen, und die Auflösung war mir zunehmend egal. Ein wenig Originalität kommt dadurch herein, daß die Geschichte im März 2020 spielt und die Corona-Maßnahmen eingebunden werden (was aber auch mit wesentlich weniger Erklärungen hätte geschehen können).

Ansonsten aber verlaufen alle Handlungsstränge extrem konventionell. Auch das große Geheimnis aus der Vergangenheit ist eine Geschichte, die man schon aus vielen Romanen und Filmen kennt – thematisch durchaus mit Potential, das aber erzählerisch nicht umgesetzt wurde. Insgesamt fühlte sich das Buch eher wie eine Vorabendserie an – konventionelle, eher seichte Unterhaltung mit einigen Prisen Kitsch. Der Klappentext hatte mich ein sehr anderes Buch erwarten lassen.
Ansprechend ist der Einband, und der feste Umschlag darunter ist wirklich prachtvoll gestaltet, auch das sorgfältige Lektorat erfreut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.05.2025

Originelle Idee, aber leider abstrus und zäh umgesetzt

Die Engel von Alperton
0

„Die Engel von Alperton“ erzählt eine Geschichte, die zunächst erfreulich ungewöhnlich anmutet und sich dann komplett in sich selbst verzettelt. Das Buch erfreut auf den ersten Blick durch den gelungen ...

„Die Engel von Alperton“ erzählt eine Geschichte, die zunächst erfreulich ungewöhnlich anmutet und sich dann komplett in sich selbst verzettelt. Das Buch erfreut auf den ersten Blick durch den gelungen gestalteten festen Einband und die originelle Erzählweise. Die Leser erfahren die Geschichte nicht in Form eines klassischen Romans, sondern als Sammlung von Recherchematerialien, aus welchen sich die Geschehnisse nach und nach hinausschälen. Diese Erzählweise ist nicht neu, aber eher selten und wird von Hallett mit modernsten Kommunikationsmedien umgesetzt. Hauptsächlich lesen wir hier WhatsApp-Nachrichten, aber auch ein paar Emails, Romanauszüge, Kapitelentwürfe, ein Drehbuch sowie reichlich transkribierte Interviews. Das liest sich anfänglich sehr leicht – kurze Sätze, kurze Austausche. Die ersten 90 Seiten habe ich in einem Rutsch durchgelesen, und man darf sich von der hohen Seitenzahl nicht irreführen lassen, denn die Seiten mit den WA-Konversationen enthalten nur sehr wenig Text.
Mir gefiel diese originelle Herangehensweise, auch wenn mich in der – ansonsten sehr guten – Übersetzung die grausigen Genderdoppelpunkte irritierten, die von allen Beteiligten ganz brav selbst während schneller WA-Austausche und privater Transkriptionen eingesetzt werden und sowohl grammatik- wie auch leseunfreundlich sind. An einer Stelle wird dann leider sogar die Plausibilität der Sprachbevormundung geopfert, als bei einer Interviewtranskription steht „unbekannte:r Sprecher:in“, obwohl aus der transkribierten Tonaufnahme zweifellos hervorgehen müsste, welches Geschlecht der Sprecher hatte, was dann eben als „unbekannter Sprecher“ oder „unbekannte Sprecherin“ hätte vermerkt werden müssen (oder als neutrale Lösung: „unbekannte Stimme“).
Allerdings sind hinsichtlich der Lesefreundlichkeit die Genderpunkte noch das kleinste Problem. Das erste Drittel des Buches fand ich erfrischend und spannend, ich freute mich an den verschiedenen Textformen und war gespannt, wie sich die Geschichte entwickeln würde. Schon bald stellen sich nämlich erste kleine Unstimmigkeiten ein und das wird gut eingeführt. So lesen wir mal einen Artikel, in dem von drei gefundenen Leichen die Rede ist, während in einem Interview etwas von vier Leichen steht. Man liest, stutzt und ist gespannt, wie sich dies aufklärt. Diese Widersprüche mehren sich nach und nach, während zusätzliche Fakten aufgedeckt werden. Das ist anfänglich an sich gut gestaltet, allerdings machen sich dann die Schwächen der Erzählweise bemerkbar: es wird unglaublich viel wiederholt. Immer wieder und wieder und wieder lesen wir über die Geschehnisse – berichtet von verschiedenen Leuten, mit vereinzelt unterschiedlichen Details, aber insgesamt eben leider doch immer wieder dieselbe Geschichte. Und das zieht sich durch die gesamten 500 Seiten. Eine Endlosschleife des Immergleichen, die zunehmend ermüdend wird.
Auch die anfangs originell wirkende Erzählweise ist für eine dauerhafte Lektüre nicht geeignet. Die WA-Nachrichten und Interviews sind letztlich reine Dialoge und das ist anstrengend zu lesen. Ein Charakter namens Ellie, welche diese Interviews transkribiert, streut reichlich eigene Kommentare ein – das ist manchmal hilfreich, weil es Zusammenhänge erklärt, aber zu 90% sind Ellies Kommentare überflüssig und nervig. Ihre Versuche, witzig zu sein (etwa wenn die Initialen eines Beteiligten eine im Englischen anzügliche Bedeutung wie BJ oder DIK haben) sind platt. Auch die Drehbuchszenen werden zunehmend mühsam zu lesen – Drehbücher sind wie reine Dialogwiedergaben einfach nicht zur ausgiebigen Lektüre geeignet, weil sie keinen Lesefluss schaffen. Die Romanauszüge bieten zwar den manchmal von mir herbeigesehnten Erzählfluss, sind aber leider so abgedreht, daß ich sie irgendwann höchstens noch überflogen habe.
Das ist ein weiteres Problem des Buches: es wird zunehmend abgedreht und abstrus. Ziemlich abrupt kommen übersinnliche & esoterische Elemente hinein und dies mit einer Ausführlichkeit, die mich enervierte. Seitenweise philosophisch-esoterische Abhandlungen sind wohl nur für eine kleine Zielgruppe interessant. Hinzu kommen geheime Treffen tief in der Nacht in einsamen Gassen, mysteriös zugesteckte Telefonnummern und allerlei Hinweise auf sinistre, tiefgehende Verwicklungen (bis hin in die Königsfamilie, was ich nicht nur lächerlich, sondern auch respektlos ggü. realen Personen fand). Zwischendurch fragte ich mich, ob die Autorin vielleicht nicht sicher war, was für ein Buch sie eigentlich schreiben wollte, so sehr vermischt sich allerlei, so viele Nebenstränge tauchen auf, so wirr wird alles, bis es einfach nur ein zäher Brei ist. Momentan scheint es beliebt zu sein, in Krimis und Thrillern eine überraschende Wendung nach der anderen in die Geschichte zu werfen, anstatt durch eine schlüssige, spannende Handlung zu überzeugen. Ab der Hälfte des Buches war mir ziemlich egal, wie es ausgeht, weil die Lektüre einfach zu wirr, wiederholend und verästelt geworden war.
Die Auflösung macht dies dann auch leider nicht wett. Das letzte Drittel des Buches wird derart abstrus, daß ich beim Lesen nur noch den Kopf schütteln konnte. „Weniger ist oft mehr“ heißt es, und dieses Buch ist das beste Beispiel dafür. Es ist schlichtweg von allem zu viel: zu viele Wiederholungen, zu viele Wendungen, zu viele falsche Fährten, zu viele Charaktere, zu viele absurde Richtungen. Dagegen mangelt es an Lesefreundlichkeit und Plausibilität. Die Idee war interessant, die Ansätze haben mir gefallen, aber leider wurde daraus dann etwas gemacht, das ich nahezu unlesbar fand.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.01.2025

Zäh und gleichförmig

Verlassen
0

Eigentlich liebe ich Geschichten, in denen sich nach und nach Vergangenes offenbart und so manche heile Fassade eingerissen wird. Leider mache ich aber oft die Erfahrung, daß nur wenige der vielen Autoren, ...

Eigentlich liebe ich Geschichten, in denen sich nach und nach Vergangenes offenbart und so manche heile Fassade eingerissen wird. Leider mache ich aber oft die Erfahrung, daß nur wenige der vielen Autoren, die sich diesem Thema widmen, dieses gekonnt umsetzen können. Dieses Buch reiht sich in diese Erfahrung ein, denn währen der Klappentext vielversprechend klang, hat die Umsetzung mich enorm enttäuscht.
Es beginnt ansprechend – Island als Schauplatz gefiel mir und der Handlungsort ist ausgezeichnet gewählt: ein ungewöhnliches Hotel in einem Lavagebiet. Das Hotel wird anschaulich geschildert und verbreitet eine gelungen unangenehme Atmosphäre. Auch der erste Blick auf die Charaktere macht neugierig. Wir erfahren die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; ein gutes Werkzeug, um Eindrücke zu komplettieren und manchmal auch umzuwerfen. Ein großes, sich immer mehr bemerkbar machendes Manko war allerdings, daß diese verschiedenen Personen alle dieselbe Erzählstimme haben. Ob Teenager Lea, ihre Mutter Petra, die Hotelangestellte Irma oder der ältere Schreiner – alle haben sie denselben Duktus, unabhängig von Alter, Hintergrund, Erfahrungen. Das ging mir zunehmend auf die Nerven und war alles andere als gekonnt.
Ebenso enervierend waren überflüssige Erklärungen des Offensichtlichen und häufige Wiederholungen. Insbesondere die Tatsache, daß die Familie Snæberg steinreich ist, wird quasi in Dauerschleife erklärt. Bei manchen Einleitungen dachte ich schon: „Ah, jetzt kommt der nächste Hinweis auf den immensen Reichtum. Ist ja auch schon mindestens fünf Seiten her, daß es erwähnt wurde.“
Trotz dieser stilistischen Schwächen ließen sich die ersten etwa hundert Seiten gut an. Man lernte die zahlreichen Familienmitglieder kennen und erhielt mehrere Andeutungen, die neugierig machten. Ein Stammbaum am Anfang des Buches war hier sehr hilfreich, denn es sind eine Menge Charaktere vor Ort – und die meisten von ihnen bleiben blass und eindimensional, wie sich zunehmend herausstellte. Der Blick hinter die zuerst so perfekt scheinenden Fassaden offenbarte zunehmend Dunkles und das ist anfangs überwiegend gut gemacht und spannend. Nur die Ermittlungskapitel, die nach der Tat spielen, sind von Anfang an blass und ziemlich inhaltslos.
Irgendwann aber begann sich die Geschichte im Kreis zu drehen. Nach dem ersten Drittel hatte ich angefangen zu hoffen, daß es nun endlich mal etwas abwechslungsreicher wird, denn die Handlung zog sich entsetzlich. Ich hatte vermehrt das Gefühl, daß die Autorin versucht hat, die Spannung künstlich in die Länge zu ziehen. Lange introspektive Passagen, Erinnerungen, belanglose Ereignisse und zähe Unterhaltungen bestimmen die Buchseiten. Hinzu kommt, daß nicht nur die Erzählstimmen gleich sind, auch die Erlebnisse ähneln sich ziemlich. Natürlich gibt es Variationen, aber letztlich ähneln die „Charaktere trinken zu viel, führen allerlei Unterhaltung ähnlicher Art, haben Erinnerungen voller Andeutungen, werden bedrängt oder erinnern sich, bedrängt zu werden“-Passagen so sehr, daß ich sie manchmal verwechselte. Dazu kam, daß diese Häufung an dunklen Geheimnissen ausgesprochen übertrieben wirkte.
Etwa ab Seite 200 war ich nur noch gelangweilt und enerviert. War ich anfänglich noch ungemein gespannt auf die weiteren Entwicklungen und Auflösungen gewesen, hatte ich das Interesse an der Geschichte zu diesem Zeitpunkt komplett verloren. Den Rest habe ich mehr oder weniger überflogen, weil ich mich nicht mehr durch diesen zähen Brei durchkämpfen wollte. Das Ende, das in Großteilen ebenfalls sehr konstruiert war, lohnte sich dann leider auch nicht mehr. Schade, die Ansätze waren hervorragend, aber die Umsetzung sehr schwach.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.02.2024

Zäh und klischeebeladen

Die Halbwertszeit von Glück
0

Dieses Buch war leider meine erste große Leseenttäuschung dieses Jahres. Von der Gestaltung her ist es eine wahre Freude. Der Einband begeistert mit seinen wundervollen Farben, dem ansprechenden Motiv ...

Dieses Buch war leider meine erste große Leseenttäuschung dieses Jahres. Von der Gestaltung her ist es eine wahre Freude. Der Einband begeistert mit seinen wundervollen Farben, dem ansprechenden Motiv und der allgemeinen visuellen Gestaltung. Ebenfalls hingerissen war ich von der Struktur des Einbands, die fast ein wenig an einen Leineneinband erinnert. Rundum gelungen.

Dieser prächtige Einband weckte in mir Erwartungen an ein Buch mit Substanz und literarischer Finesse. Diese Erwartungen wurden aber leider überhaupt nicht erfüllt und für mich passen Einband und Inhalt nicht zusammen. Der Schreibstil ist durchschnittlich, leicht lesbar, aber nicht bemerkenswert. Einige schwülstige Passagen, gewollt tiefsinnige Sprüche und Metaphern fielen mir da eher negativ als positiv auf. Ein „Augenblick, der nach Mandeln roch“; Licht, das wie Sirup durch Vorhänge sickert oder Küsse, die „der Anfang von etwas waren, das kein Ende kannte, wie ein Kreis, der sich schloss und sich dabei sowohl Zeit als auch Raum einverleibte“ begegnen den Lesern schon geballt auf den ersten Seiten und das ist mir einfach zu gekünstelt und – passend zum erwähnten Sirup – zu süßlich. Auch auf Klischees und typische Frauenromanversatzstücke wird für meinen Geschmack zu viel zurückgegriffen. Das fiel mir gerade bei der ersten Hauptperson, Mylène, auf. Ihr Verlobter ist natürlich reich und berühmt, sie hat mit einer originellen Idee unternehmerischen Erfolg, hat selbstverständlich einen überdrehten schwulen Angestellten, auch eine alte Liebe taucht passend auf und die obligatorische Mittagessen-mit-guter-Freundin-Szene darf nicht fehlen, während bei der dritten Hauptperson Holly später ein gemütliches Café eine wichtige Rolle spielt – das gab es alles schon unzählige Male. Nach dem ersten Kapitel über Mylène kam ich mir wie in einem seichten Frauenroman vor. Auch Hollys Kapitel verstärkten diesen Eindruck. Lediglich die in der DDR spielenden Kapitel der zweiten Hauptperson hatten etwas mehr Tiefe.

Nun hätte ich mich mit der mangelnden Tiefe abfinden können, aber leider ist das Erzähltempo zudem außerordentlich langsam. Allerlei irrelevante Details werden in schmerzhafter Ausführlichkeit berichtet und ich habe mich fast durchweg gelangweilt. Die Geschichte hat mich zu keinem Zeitpunkt gefesselt und die wenigen interessanten Passagen gehen völlig in zähen Nebensächlichkeiten unter. Der erzählenswerte Inhalt läßt sich auf wenigen Seiten zusammenfassen. Die Handlungsstränge finden erst sehr spät zusammen und die – etwas konstruierten – Hintergründe werden dann rasch abgearbeitet und führen zu einem zuckrigen Ende. Es gibt durchaus interessante Ansätze, aber die Umsetzung sagte mir in fast jeder Hinsicht nicht zu und das Buch möchte tiefsinniger sein als es letztlich ist. Auch die Charaktere überzeugten mich nicht. Mylène war mir zu überspannt, Holly zu farblos und Johannas Potential ging in Nebensächlichkeiten unter.

Insofern muß ich leider sagen, daß mir abgesehen von dem wundervollen Einband fast nichts an diesem Buch zugesagt hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere