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Veröffentlicht am 29.08.2018

für England-Fans Londoner Lokalkolorit

Blauer Montag
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Dieser Roman ist der erste aus einer neuen Reihe um die Psychiaterin Dr. Frieda Klein. In erster Linie geht es um vermisste Kinder, eine Konstellation, die bei britischen Autoren keine Seltenheit darstellt. ...

Dieser Roman ist der erste aus einer neuen Reihe um die Psychiaterin Dr. Frieda Klein. In erster Linie geht es um vermisste Kinder, eine Konstellation, die bei britischen Autoren keine Seltenheit darstellt. Der Prolog schildert das Verschwinden der kleinen Joanna Vines. Ihre neunjährige Schwester sollte damals auf die Fünfjährige aufpassen. Doch zwanzig Jahre später verschwindet der kleine Matthew Faraday. Für die Polizei kein Anlass, hier einen Zusammenhang zu dem alten Fall zu vermuten. Nur Frieda Klein, die mehr zufällig einen neuen Patienten betreut, der ihr von seinen Träumen berichtet, bekommt ein komisches Bauchgefühl. Eigentlich darf sie nicht und soll sie nicht ermitteln, doch ihre eigene Neugier treibt sie an, ihren Gefühlen auf den Grund zu gehen.

Die Grundstory ist spannend, doch die Geduld der Leser wird arg strapaziert. Es passiert zu viel im privaten Umfeld der Protagonistin, was absolut gar nichts mit der Handlung zu tun hat. Es tauchen Kollegen, Liebhaber, Handwerker, Verwandte auf. Ihre Zahl ist schier unendlich. Doch wer soll sie sich merken, wenn sie nichts mit dem Kriminalfall zu tun haben? Die privaten Teile sind auch keine parallelen Stränge, sie führen nicht auf falsche Fährten. Sie halten den Leser zwar auf, den Kriminalfall zu verfolgen, aber in die Irre leiten sie ihn nicht.

Der tatsächliche Kriminalfall um die vermissten Kinder hingegen ist ein Strang, bei dem der Leser mit Überraschungen rechnen kann. Es geht zwar schnurgerade aus und manchmal meint man, den Täter bereits zu kennen. Aber man sollte bis zum Ende durchhalten.

Der Roman ist nicht der große Wurf, vielleicht waren meine Erwartungen auch zu hoch, aber er kann trotzdem gut unterhalten und hält für England-Fans Londoner Lokalkolorit bereit.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Veröffentlicht am 04.07.2025

in Familiendrama in einer ruhigen Landschaft

Das Nest
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Dies ist ein Kriminalroman der sehr leisen Töne, den der bielefelder Pendragon-Verlag gerade hat übersetzen lassen und herausgebracht hat.

Fran lebt mit ihrer kleinen Familie im Marschland Englands. Sie ...

Dies ist ein Kriminalroman der sehr leisen Töne, den der bielefelder Pendragon-Verlag gerade hat übersetzen lassen und herausgebracht hat.

Fran lebt mit ihrer kleinen Familie im Marschland Englands. Sie betreibt dort einen Campingplatz. Die nächste Stadt ist ein ödes Provinznest. Das tägliche Jahraus und Jahrein – Essen kochen, Kinder umsorgen, Haushalt machen, Campinggäste betreuen etc. – hat Fran mittlerweile zermürbt. Sie ist dieses Lebens so überdrüssig. Hinzu kommen Probleme der Kinder in der Schule. Fran hat sich schon lange zurückgezogemn in ihre Welt der Vögel. Sie beobachtet die Vögel im Marschland.

Dann lassen sich nahe des Camplingplatzes ein ganzer Tross Reisender oder Roma nieder. Diese beobachten die Gäste auf dem Campingplatz, aber auch Fran und ihr Mann behalten die neuen „Nachbarn“ im Auge.

Doch dann fällt die trostlose Welt, in der Fran sich zu leben wähnte, plötzlich auseinander. Die Lehrerin von Bruno, Frans Sohn, ist plötzlich verschwunden. Ab jetzt werden Gerüchte und Anschludigungen verbreitet, als würde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Und zwischen alldem werden Geheimnisse enthüllt, die eigentlich tief verborgen waren und besser dort hätten bleiben sollen. Fran würde ihnen am liebsten entfliehen.

Die Dramarturgie dieses Kriminalromans »Das Nest«, der sich ganz langsam zu einem Familiendrama entwickelt. ist unspektakulär. Mir war er teils zu langsam, zu langatmig. Leser, die gerne einen Pageturner wälzen, werden diesen Roman schnell aus der Hand legen, denn bis man aus der Geschichte heraus weiß, worum es geht, sind schon etliche Seiten umgeschlagen.

Die Geschichte von »Das Nest« wird von Beginn an aus zwei Perspektiven erzählt. Abwechseln aus der Sicht der Roma und aus der Sicht von Fran. Als Leser erfährt man also von dem stetigen Belauern der Campingplatzbetreiber und der neuen „Nachbarn“. Doch erst, als die Lehrerin verschwindet, wird dieses Belauern für die Leser enorm wichtig. Denn nun möchte man wissen wie es weiter fegt und was hinter dem Verschwinden der Lehrerin steckt.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass »Das Nest« ein Roman ist, der in einer ruhigen Atmosphäre und in einer beeindruckenden Landschaft, die einer Einöde gleicht, auf ein Familiendrama zusteuert, dessen Geheimniss man so nicht erwartet hätte.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2025

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Iowa: Ein Ausflug nach Amerika

Iowa
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Im vergangenen Jahr wurde das Hardcover des Romans »Iowa« von Stefanie SargnagelStefanie Sargnagel für den Deutschen Buchpreis nominiert, und ab Juni dieses Jahres wird er auch als Taschenbuch erhältlich.

Stefanie ...

Im vergangenen Jahr wurde das Hardcover des Romans »Iowa« von Stefanie SargnagelStefanie Sargnagel für den Deutschen Buchpreis nominiert, und ab Juni dieses Jahres wird er auch als Taschenbuch erhältlich.

Stefanie Sargnagel tauscht 2022 widerwillig das heimische Wiener Sofa gegen ein Ticket gen USA. In Iowa wird sie künftig in der Einöde an einem College kreatives Schreiben unterrichten müssen. Hello cornfields!

Die beschauliche Kleinstadt Grinnell in Iowa – mit ihren 8000 Bewohnern bietet sie außer endlosen Maisfeldern nur Langeweile pur. Die Musikikone Christiane Rösinger aus Berlin ist mit von der Partie und begibt sich mit einem ortskundigen Einwohner auf die absurde Entdeckungsreise durch das Nirgendwo. In dieser Getreidekammer der USA stoßen sie auf übergewichtige, aber herzliche Lokalmatadore, traditionelle Klischees, gigantische Supermärkte, in denen Obdachlose die Möglichkeit zum Duschen bekommen, skurrile Würstchenkreationen und ein Glas voller eingelegter Truthahnmägen.

Witzig gedacht sind die korrigierenden Fußnoten von Christiane Rösinger. Diese Fußnoten, die im Text auftauchen und deren Inhalt man dann am Ende des Buches erfahren kann, sollen auf humorvolle Weise sowas wie einen Faktencheck darstellen. Technisch finde ich es allerdings in jedem Roman, denn dieses Buch wird so betitelt, den Einsatz von Fußnoten sehr unbrauchbar. Sie reißen den Leser aus dem aktuellen Satz weg, er muss bis zum Ende blättern, die Fußnote lesen, den Zusammenhang zum Ursprung herstellen und dann wieder zurückblättern zum eigentlichen Text. Eleganter wäre solch eine humorvolle „Korrektur“ im eigentlichen Haupttext beispielsweise in einer anderen Hervorhebung (z.B. Schriftart, farblich, etc.) einfließen zu lassen. Der Lesefluss der Leser würde nicht unterbrochen werden. Schade auf die verpatzte Chance.

Ebenso ungewöhnlich und schlecht verdaulich fand ich den Umstand, dass es quaso nur ein einzelnes Kapitel mit etwa 270 Seiten gibt. Kein einziger Absatz, an dem sich Leser mal eine Pause gönnen oder ein Lesezeichen hineinlegen oder die Augen pausieren können.

Das Buch ist eine Reisebeschreibung und als solches durchaus lesbar, wobei mir teils aber zu wenig Iowa vorkommt. Vielmehr dreht sich alles um die Autoren bzw. ihre Protagonistin gleichen Namens und deren Bauchnabel. Manche Leser mögen das und für die mag das auch witzig klingen. Mir persönlich hat einfach die Dramarturgie und der rote Faden gefehlt. Es gibt nur wenig Hochs und Tiefs, abgesehen von den Streitereien mit der Reisebegleiterin undn der Tatsache, dass sie beide feststellen,m sich nicht genug zu kennen, um überhaupt ein Gespräch führen zu können.

Wenn Sie also bereit sind, die USA nicht nur in ihrer majestätischen Weite, sondern auch mit einem Augenzwinkern zu erleben, dann ist dieses Buch für Sie genau das Richtige. Es verspricht nicht nur humorvolle Gedanken und skurrile Dialoge über die vermeintlich langweiligsten Erlebnisse, sondern auch einen Blick auf das Ungewöhnliche in der Normalität. Tauchen Sie ein in die Kornkammer der USA und lassen Sie sich von den charmanten Absurditäten mitreißen! Teilen Sie diesen Blogbeitrag in den sozialen Medien, damit noch mehr Menschen die Freiheit haben, über das Alltägliche zu lachen!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2025

Veröffentlicht am 15.03.2024

zu dünn und unglaubhaft

Sophia, der Tod und ich
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Dieses Buch von Thees Uhlmann ist eine unglaubhafte Geschichte, in welcher der Ich-Erzähler eines Tages an der Wohnungstür von einem Mann überrascht wird. Es ist der Tod, gekommen, um ihn zu holen. Denn ...

Dieses Buch von Thees Uhlmann ist eine unglaubhafte Geschichte, in welcher der Ich-Erzähler eines Tages an der Wohnungstür von einem Mann überrascht wird. Es ist der Tod, gekommen, um ihn zu holen. Denn schließlich sei er jetzt an der Reihe und stehe im Auftragsbuch des Todes.

Doch der Ich-Erzähler nötigt de Tod noch einige Stunden ab, weil er ein letztes Mal seinen Sohn sehen möchte. Den hat ihm seine Ex-Frau mit der Scheidung gerichtlich entzogen. Mit von der Partie auf dieser Reise zum Sohn ist Sophie, Ex-Freundin von „ich“, und später auch dessen Mutter.

Thees Uhlmann als Musiker zu hören ist die eine Seite, seinen Roman zu lesen eine andere. Einzelne Passagen und Dialoge auf dem Roadtrip durchs Leben sind witzig und machen Spaß. Stellenweise kann der Leser lachen.

Doch in der Gänze ist die Geschichte, falls es überhaupt eine gibt, zu dünn und unglaubhaft. Allein durch die Figur des Todes driftet sie ab in die Welt der Fantasy und des Science Fiction.

Der Rahmen wirkt aufgesetzt auf eine Sammlung von Beobachtungen und Kurzgeschichten, wie sie dem Musiker Thees Uhlmann und seinem Umfeld tatsächlich passiert sein können. Diese Begebenheiten allerdings mit einer konstruierten Handlung zu verknüpfen, lassen sie deshalb nicht interessanter werden.

Schade, dass dadurch das Pulver der einzelnen Geschichten verschossen wurde. In einem Buch mit mehreren Erzählungen wären sie besser aufgehoben gewesen und hätten den Lesern mehr Freude bereitet. So aber bleibt nur ein fader Beigeschmack, der manchen Leser kein zweites Mal zu einem Buch von Thees Uhlmann greifen lässt.

Getreu dem Motto: „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ oder „In der Kürze liegt die Würze“, greife ich lieber nach einer CD von Thees Uhlmann. Da hat er bewiesen, wie gut er mit kurzen Texten umgehen kann.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Veröffentlicht am 15.03.2024

Zu frühe Auflösung im Roman - schade

All die verdammt perfekten Tage
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Finch steht auf dem Glockenturm seiner Schule und überlegt, ob es wohl einen besten Tag zum Sterben gibt. Er hat die Diagnose erhalten, dass er unaufhaltbar sterben wird. Warum dann nicht jetzt? Vielleicht ...

Finch steht auf dem Glockenturm seiner Schule und überlegt, ob es wohl einen besten Tag zum Sterben gibt. Er hat die Diagnose erhalten, dass er unaufhaltbar sterben wird. Warum dann nicht jetzt? Vielleicht ist heute doch der beste Tag dazu, denkt er. Warum sollte er dem Tod die Auswahl des Zeitpunktes überlassen?

Doch dann erblickt er auf dem Mauersimms des Turms Violet. Sie schaut ihm in die Augen und scheint ihn anzuflehen, nicht zu springen.. Aber Finch ist sich gar nicht so sicher, ob sie nicht vielleicht selbst springen. würde. Die Situation ist mehr als verfahren. Zudem scheint Violet Angst vor einem Sturz zu haben. Indem Finch Violet for einem Absturz schützt, schützt sie ihn vor seinem Selbstmord.

Im zweiten Kapitel erfährt der Leser etwas mehr über Violet, die vor einigen Monaten ihre Schwester bei einem Unfall verloren hat, an dem sie sich selbst die Schuld gibt. Außerdem war ihre Schwester zugleich ihre beste Freundin, was den Schmerz besonders tief macht. Violet ist deshalb in Therapie.

In abwechselnden Kapiteln, die jeweils aus der Sicht von Finch oder Violet erzählt werden, erlebt der Leser, wie sich beide behutsam näherkommen und welche Möglichkeiten sie erfahren, ihre Schicksale nicht ihr alltägliches Leben bestimmen zu lassen. Es steuert alles auf eine anrührende Liebe zu. Als beide für den Leser längst sichtbar ineinander verliebt sind, sprechen sie selbst nur von Freundschaft. Als sie von ihrer Liebe ahnen, sprechen sie in Gegenwart ihrer Klassenkameraden und Eltern von Freundschaft.

Jennifer Niven hat die Geschichte aufgebaut wie ein großes Puzzle. Viele Kapitel (deren Überschriften wie eine Tagebuchnotiz wirken), besonders die kleineren, erscheinen wie detaillierte Beobachtungen des ganz normalen Alltags von Jugendlichen. Gespräche über den ersten Kuss, die gestrige Party.

Diese kleinen Details wirken banal. Sie sind es aber angesichts des tragischen Hintergrundes der Schicksale der beiden Protagonisten mitnichten. Sie zeigen, dass das normale Leben weitergeht. Dass es selbst vor der Liebe kein Entrinnen gibt, selbst, wenn ein großes Unheil droht. Die Komposition all dieser Einzelheiten zu einem komplexen Bild einer herzlichen Beziehung zweier junger Menschen macht dieses Buch zu einem wahren Stück Literatur.

Doch leider nicht bis zum Ende des Buches. Das ist sehr schade. Die Auflösung der Geschichte erfolgt viel zu früh. Alles, was danach kommt, ist nicht mehr spannend und liegt an der Grenze zum Sachbuch.

Auch anschließende Adressen zu Selbsthilfegruppen von selbstmordgefährdeten Jugendlichen verstärkt diesen Eindruck. Das wertet den Roman leider ab, der ohne diesen Schluss ein sehr, sehr starker Roman hätte sein können. Doch den erhobenen Zeigefinger ignorierend darf sich der Leser auf eine wunderschöne und unterhaltsame Geschichte freuen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016