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AndyRiedl

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.12.2024

Weirdes Fegefeuer

Nach uns der Himmel
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Simone Buchholz hat sich für diesen Roman wieder etwas Besonderes ausgedacht. Das Setting von „Nach uns der Himmel“ ist etwas, das eine Weile braucht bis es sich entfaltet. Der Hauptteil der Handlung spielt ...

Simone Buchholz hat sich für diesen Roman wieder etwas Besonderes ausgedacht. Das Setting von „Nach uns der Himmel“ ist etwas, das eine Weile braucht bis es sich entfaltet. Der Hauptteil der Handlung spielt auf einer Urlaubsinsel, was durch das Cover sehr schön angedeutet wird. Was dort allerdings genau passiert, wird lange nur durch Andeutungen weitergetrieben und löst sich erst spät auf. Die Idee ist allerdings originell (auch wenn es Abwandlungen hiervon in Werken anderer Schriftsteller:innen zu lesen gibt) und hat mich gut unterhalten gelassen.
Die Geschichte hin zur Auflösung, die gerade auch von der Entwicklung der Charaktere lebt, ist klar und präzise geschrieben und hat keine Längen. Das ist aus meiner Sicht sehr schön, denn – nachdem recht viel erstmal unklar ist – lebt der Roman von seinem Erzähltempo und seiner klaren, präzisen Sprache. Die Beschränkung auf 10 Hauptfiguren macht schon fast ein Kammerspiel aus dem Roman und Unterhaltung ist hier immer geboten.
Grundsätzlich habe ich den Roman sehr gerne gemocht und gelesen. Zum Ende hätte ich mir noch einen großen Aha-Moment gewünscht, der leider (vielleicht auch nur bei mir) ausgeblieben ist. Aber auch so ist das Werk die beste Kombination aus den Welten des Traumschiffs und Emily St. John Mandels, die einem unterkommen kann. Lest das gerne mal, das ist prima.

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Veröffentlicht am 08.12.2024

Ein begründeter Aufruf

Moralische Ambition
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Rutger Bregman ist aus meiner Perspektive einer der klarsten Denker dieser Welt, der seine Gedanken zudem geradlinig und wohl begründet zu Papier bringen kann. So ist es auch diesmal bei „Moralische Ambition“ ...

Rutger Bregman ist aus meiner Perspektive einer der klarsten Denker dieser Welt, der seine Gedanken zudem geradlinig und wohl begründet zu Papier bringen kann. So ist es auch diesmal bei „Moralische Ambition“ wieder. „Moralische Ambition“ ist dennoch kein Sachbuch wie jedes andere.
Zu Beginn des Buches hinterfragt Bregman das Streben nach Glück. Für was braucht es Glück, wenn die Welt zu Grunde geht. Geht es nicht um mehr? Er arbeitet über das Buch hinweg heraus, was „mehr“ bedeutet, wie man sein „mehr“ identifiziert und wie man es nachverfolgt. An sich ist „Moralische Ambition“ gerade auch über die vermittelte Dringlichkeit kein Sachbuch im klassischen Sinne mehr, sondern eher ein Aufruf.
Bregman zu lesen macht dabei weiterhin Spaß. Er ist weiterhin ein guter Storyteller. Das Buch verfolgt einen klaren roten Faden und die Sprache ist klar und präzise. Der moralische Anspruch und „Aufruf“-Charakter sorgen aber zumindest bei mir für einen Widerstand, auch wenn es viele gute Vorbilder im Buch gibt, die den ersten Schritt eigentlich erleichtern sollen. Ich hoffe dennoch, dass das Buch sein Publikum findet und dieses Bregmans Ansinnen auch unterstützt. Die Welt würde es danken. Für mich ist der Sprung allerdings gerade zu groß.

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Veröffentlicht am 26.05.2024

Eine Annäherung an Georgien im „Stirb langsam“-Stil

Vor einem großen Walde
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Georgien ist, wie die Ukraine, ein Teilnehmer der EURO 2024. Ich kann das Land zwar auf einer Landkarte grob verorten, weiß aber ansonsten wenig darüber. Durch die anhaltenden Konflikte mit Russland und ...

Georgien ist, wie die Ukraine, ein Teilnehmer der EURO 2024. Ich kann das Land zwar auf einer Landkarte grob verorten, weiß aber ansonsten wenig darüber. Durch die anhaltenden Konflikte mit Russland und eingeladen durch das schöne Cover, habe ich mich mit Leo Vardiashvilis Hauptfigur Saba auf die Reise nach Georgien gemacht, um auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder und Vater zu gehen. Dabei lernt man Georgien aus ungewohnten Perspektiven kennen und bekommt subjektive Eindrücke der Einwohner vermittelt. Zudem ist man gezwungen sich mit den Problemen der Menschen mit Flüchtlingsbiografien auseinanderzusetzen. Spätestens hier wird das Buch dann auch ein Plädoyer für eine empathischere politische Debatte, wenn es um Themen wie den Familiennachzug geht. Vardiashvili liefert aber keineswegs ein Debattenwerk ab, sondern einen äußerst unterhaltsamen Roman, der es in Bezug auf Action manchmal mit den absurden, filmischen Sequenzen übertreibt. Das ist dann aber schon Meckern auf sehr hohem Niveau. „Vor einem großen Walde“ beschäftigt sich mit vielen großen Themen und will die Balance halten und nicht ins Depressive abrutschen. Es ist lesenswert.

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Veröffentlicht am 28.03.2024

Jeder braucht manchmal einen Freund

Mein ziemlich seltsamer Freund Walter
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WOW. Direkt das Cover von „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ einer Co-Produktion von Sibylle Berg und Julius Thesing springt ins Auge und spricht mich an. Berg verfolge ich schon länger und so lese ...


WOW. Direkt das Cover von „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ einer Co-Produktion von Sibylle Berg und Julius Thesing springt ins Auge und spricht mich an. Berg verfolge ich schon länger und so lese ich dieses Buch gerne mit meiner 10jährigen Tochter und versuche ihr Feedback hier mit einfließen zu lassen.
Das Buch hat definitiv seine traurigen Seiten, die bei meiner Tochter ins Mark treffen. Sie kann sich mit der Einsamkeit von Lisa identifizieren und Lisas Probleme und Themen sind nachvollziehbar. Wir mögen auch beide Walter. Walter ist anders und besonders. Walter steht für einen externen Impuls, den Lisa und ihre Eltern benötigen, um die Kurve zu bekommen. Walter steht für die Hoffnung im Leben, die manchmal anklopfen muss. Walter ist toll.
Und so vermittelt das Buch einerseits Hoffnung, dass traurige Lebensphasen und Situationen überwindbar sind. Und andererseits bringt es uns zum gickern und lachen. Der Humor sitzt und als meine Tochter „Arschlöcher“ vorliest und etwas errötet, da finde ich das gut. Der Ton sitzt insofern, als dass traurig eben traurig bleibt, aber Hoffnung in die eigene Kraft und die Möglichkeiten kleiner Änderungen eine umso größere Wirkung haben. Einzige ernsthafte Beschwerde: es ist ja nun wirklich zu kurz. Dagegen konnte ich nichts einwenden.

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Veröffentlicht am 25.03.2024

Trauer auf Sizilien

Noto
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Adriano Sacks Roman Noto ist ein Beispiel dafür, wie ein Roman auf unterschiedlichen Ebenen überzeugen kann. Einerseits überzeugt Sack mit seinen Darstellungen von Sizilien, unterschiedlichen Städten dort ...

Adriano Sacks Roman Noto ist ein Beispiel dafür, wie ein Roman auf unterschiedlichen Ebenen überzeugen kann. Einerseits überzeugt Sack mit seinen Darstellungen von Sizilien, unterschiedlichen Städten dort und macht mir Lust, selbst die Insel zu bereisen und zu entdecken. Dabei schafft Sack es wunderbar die Gegensätze zwischen konservativen sizilianischen Einflüssen und modernen Gentrifizierungstendenzen darzustellen und diese Spannung lebhaft darzustellen. Sizilien wirkt in seiner Darstellung wie eine Insel, die einige Konflikte lösen muss.
Andererseits hat Sacks Roman unterschiedliche soziale Ebenen. Dort ist Konrads Umgang mit seiner Trauer um seinen Lebensgefährten und seine Suche nach einer weiteren Lebensperspektive. Dort ist allerdings auch die Hinterfragung des klassischen Familienbilds in mehreren Konstellation auch mit der Darstellung der weiblichen Teilnahme am Erwerbsleben und der Bindung an die eigenen Kinder. Sack wirft hier wichtige Fragen auf und bringt seine eigene Perspektive auf die Themen ein.
Der Roman ist dabei nicht perfekt. Einerseits hat er Längen. Andererseits ist er mit Details an manchen Stellen überladen, und diese wirken nicht immer zielführend. Dies stört das Lesevergnügen dennoch nicht nachhaltig. Und auch über das Ende könnte man sich beschweren. Dabei findet Sack einen Abschluss, ohne diesem eine zu große Bedeutung zuzumessen. Insgesamt ist so ein Roman gelungen, der vor großen Gefühlen nicht zurückschreckt und zudem nach Sizilien einlädt und den ich insgesamt gerne gelesen habe.

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