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Veröffentlicht am 04.07.2024

Drei Frauen am Stettiner Haff

Unter dem Moor
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Die junge Berliner Ärztin Nina leidet an Burnout und beschließt, sich eine Auszeit in einem Ferienhaus am Stettiner Haff zu nehmen. Kaum ist sie angekommen, läuft ihre Hündin Ayla, die sie erst kürzlich ...

Die junge Berliner Ärztin Nina leidet an Burnout und beschließt, sich eine Auszeit in einem Ferienhaus am Stettiner Haff zu nehmen. Kaum ist sie angekommen, läuft ihre Hündin Ayla, die sie erst kürzlich aus der Tierrettung geholt hat, davon. Panisch beginnt Nina nach ihr zu suchen und findet sie nach langer Suche eingeklemmt in ein Tellereisen im Wald. Mit Hilfe eines Nachbarn wird Ayla befreit und zur Tierarztpraxis gebracht, doch am nächsten Tag führt die Hündin Nina zurück zu der Stelle und beginnt zu graben. Ayla fördert einen großen Knochen zutage, der Ninas Meinung nach nur von einem Menschen stammen kann. Sie meldet ihren Fund der Polizei.
In einem zweiten Handlungsstrang, der im Jahr 1937 spielt, werden junge Berliner Mädchen, darunter die 14jährige Gine, zu einem Landjahr auf einen Gutshof am Stettiner Haff geschickt. Angeblich auserwählt, sind sie nichts anderes als ausgebeutete Arbeitskräfte, die von früh bis spät schuften müssen. Nach einem sexuellen Übergriff darf Gine schwer traumatisiert das Arbeitslager verlassen.
Schließlich führt uns die Autorin zurück in die DDR im Jahr 1972. Die zwanzigjährige Sigrun lebt mit ihrem Mann und einem kleinen Sohn in einem Dorf am Stettiner Haff, wo die Stasi jeden bespitzelt. Sie träumt von einem freieren Leben und beneidet ihre beste Freundin, die den Absprung schafft und nach Berlin geht, dort jedoch wegen ihrer umstürzlerischen Aktivitäten festgenommen und in ein berüchtigtes Frauengefängnis gesteckt wird.
Zwei Dinge haben die Frauen gemeinsam: den Wunsch nach Freiheit und die Verbindung sowohl zu Berlin als auch zum Stettiner Haff. Die Geschichte wird spannend und mitreißend erzählt. Wir tauchen nicht nur ein in die Lebensgeschichte der einzelnen Frauen, sondern erleben auch die Grausamkeit und die Bespitzelung während der Nazizeit bzw. durch die Stasi in der DDR. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, ganz hervorragend gelesen von Verena Wolfien, die mir mit ihrer angenehmen Stimme und unaufgeregten Sprechweise ein schönes Hörerlebnis geboten hat.
Das Einzige, was ich zu bemängeln habe, ist der irreführende Klappentext: „Als sich dort ein Mann an Gine vergeht, schwört das Mädchen Rache und ahnt nicht, wie sehr es damit den Lauf der Zeit beeinflussen wird.“ Ich habe keine Ahnung, inwiefern Gine den Lauf der Zeit beeinflusst haben soll.

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Veröffentlicht am 31.05.2024

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Der späte Ruhm der Mrs. Quinn
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Die 77jährige Jenny Quinn lebt ein beschauliches Leben in dem kleinen britischen Örtchen Kittlesham. Seit fast sechzig Jahren ist sie mit ihrem Ehemann Bernie verheiratet. Die beiden sind ein eingespieltes ...

Die 77jährige Jenny Quinn lebt ein beschauliches Leben in dem kleinen britischen Örtchen Kittlesham. Seit fast sechzig Jahren ist sie mit ihrem Ehemann Bernie verheiratet. Die beiden sind ein eingespieltes Team und gehen immer noch sehr liebevoll miteinander um.
Mit der Gesundheit des 82jährigen Bernie steht es nicht zum Besten und Jenny macht sich Sorgen um die Zukunft. Wer von ihnen beiden wird wohl als Erstes sterben und den anderen allein zurücklassen? Zu diesen Sorgen kommt der nagende Gedanke, nicht genug aus ihrem Leben gemacht zu haben.
Jennys größtes Hobby ist das Backen. Aus diesem Grund verfolgt sie auch mit Begeisterung die Fernsehshow „Das Backduell – Backen auf der Insel“. Einer plötzlichen Laune folgend, bewirbt sich Jenny als Kandidatin bei der Show und wird tatsächlich zum Casting eingeladen. Ihrem Mann sagt sie erst einmal nichts davon, sie weiß ja gar nicht, ob sie in die Endauswahl kommt. Doch dies ist nicht das einzige Geheimnis, das sie vor Bernie hat. Ein anderes, sehr viel größeres, lastet auf ihrer Seele, doch sie fürchtet, der Zeitpunkt, an dem sie ihren Mann hätte einweihen können, ist längst vorbei.
Obwohl dieses Buch eigentlich so gar nicht in mein Beuteschema passt, hat es mir wirklich großen Spaß gemacht. Die Personen sind authentisch und warmherzig beschrieben. Einen großen Teil des Romans nehmen Jennys Backkreationen ein und es ist faszinierend zu lesen, was es beim Backen alles zu beachten gibt und vor allem mit welcher Hingabe Jenny sich den kleinsten Details widmet. Dabei werden die einzelnen Rezepte mit Situationen in Jennys Leben verknüpft, die sie mit diesen Rezepten in Verbindung bringt. Gewundert habe ich mich allerdings über die riesigen Mengen an Backwaren, die Jenny täglich produziert, zumal sie nur selten Gäste haben und daher das meiste zu zweit vertilgen müssen.
Ich habe „Der späte Ruhm der Mrs. Quinn“ während eines verregneten Feiertagwochenendes gelesen und es war die perfekte Wohlfühllektüre. Dass das Ende ziemlich vorhersehbar ist, sei der Autorin verziehen. Ein anderes Ende hätte auch nicht zum Buch gepasst.

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Veröffentlicht am 24.05.2024

Wenn die Heimat Hölle ist, ist dann die Rückkehr in die Hölle eine Heimkehr?

James
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Der Sklave Jim lebt mit Frau und Tochter als Eigentum der Witwe Watson auf deren Farm. Als sie beschließt, ihn weiterzuverkaufen, flieht er. Sein Plan ist es, an Geld zu kommen und seine Frau und Tochter ...

Der Sklave Jim lebt mit Frau und Tochter als Eigentum der Witwe Watson auf deren Farm. Als sie beschließt, ihn weiterzuverkaufen, flieht er. Sein Plan ist es, an Geld zu kommen und seine Frau und Tochter freizukaufen. Ein wahnwitziger Plan im Süden der Vereinigten Staaten in den 1860er-Jahren, wo schwarze Jungs gelyncht werden, nur weil sie es gewagt haben, zu einem weißen Mädchen „hallo“ zu sagen.
Jim ist ein Meister darin zu verbergen, wie intelligent er ist. Er kann lesen und schreiben und außerdem reden wie die Weißen, doch da sich diese gern überlegen fühlen, reden Sklaven allesamt Südstaatenenglisch mit fehlerhafter Grammatik. Nur wenn sie unter sich sind, reden sie normal, sie sind sozusagen zweisprachig. Dieser ins Deutsche übersetzte Südstaatenslang hat mich zu Beginn sehr gestört, doch man gewöhnt sich daran und der Übersetzer Nikolaus Stingl hat diese schwierige Aufgabe, einen künstlichen Dialekt zu erschaffen, sehr gut gelöst.
Percival Everett hat mit „James“ Mark Twains Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn fortgeschrieben, allerdings aus der Sicht des Sklaven Jim. Wir erleben die grausame Welt der Sklaverei, in der Sklaven schlechter gehalten werden als Tiere, sie gelten nicht als menschliche Wesen und grausame Foltermethoden werden damit gerechtfertigt, dass Sklaven ohnehin keinen Schmerz empfinden.
Der weiße Junge Huck, der von seinem Vater misshandelt wird, schließt sich Jim auf dessen Flucht an und gemeinsam erleben sie Naturkatastrophen und lebensgefährliche Abenteuer. Sie treffen Betrüger und Menschenschinder, Vergewaltiger und geschundene, gebrochene Sklaven. Zu wissen, dass sich das Leben von Sklaven damals tatsächlich so oder ähnlich abgespielt hat, ist herzzerreißend. Man bangt mit Jim und Huck und manchem Weggefährten und anderen wünscht man, er möge in der Hölle schmoren. Ich habe schon lange bei keinem Buch mehr so mitgefiebert bis zur letzten Seite.
Ich bin immer äußerst skeptisch, wenn ein Roman als „Meisterwerk“ angepriesen wird, doch dieses Mal bin ich ganz dieser Meinung. Ein intelligentes, spannendes und außergewöhnliches Buch, das zuweilen auch sehr komisch ist. Das beste Buch, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe!

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Veröffentlicht am 21.05.2024

Wieder genial

Mord stand nicht im Drehbuch
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Mindgame“, ein Stück von Anthony Horowitz, wird an einem Londoner Theater uraufgeführt. Wie nicht anders zu erwarten, zerreißt die für ihre spitze Feder bekannte Kritikerin Harriet Throsby von der Sunday ...

Mindgame“, ein Stück von Anthony Horowitz, wird an einem Londoner Theater uraufgeführt. Wie nicht anders zu erwarten, zerreißt die für ihre spitze Feder bekannte Kritikerin Harriet Throsby von der Sunday Times das Stück in der Luft. Am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden. Alles deutet darauf hin, dass Horowitz der Täter ist. Die Tatwaffe trägt seine Fingerabdrücke, auf der Leiche befindet sich eines seiner Haare. Prompt wird er verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt, sehr zur Freude des Ermittlerteams Cara Grunshaw und Derek Mills, die sich Horowitz in einem früheren Fall zu Feinden gemacht hat.

Da Horowitz die Kritikerin zwar nicht leiden konnte, sie aber keinesfalls umgebracht hat, stellt sich natürlich die Frage nach dem wahren Täter. Der Einzige, der Horowitz aus dieser mehr als misslichen Lage helfen kann, ist sein Sidekick Hawthorne, ein aus dem Polizeidienst entlassener Privatdetektiv, der ihm schon der Öfteren bei der Aufklärung von Verbrechen behilflich war. Dumm nur, dass Horowitz ihm gerade unmissverständlich klar gemacht hat, dass er die Zusammenarbeit mit ihm endgültig beenden will und Hawthorne damit vor den Kopf gestoßen hat.

Ich habe bisher jeden Roman aus dieser Reihe gelesen und sie haben mir alle gefallen. Es gibt wenige Krimiautoren, deren Humor und Schlagfertigkeit es mit Horowitz aufnehmen können. Wie immer präsentiert der Autor auch hier jede Menge Verdächtige, allesamt mit nachvollziehbarem Motiv, führt die Leser auf falsche Fährten und überrascht durch unerwartete Entwicklungen, die ein anderes Licht auf die Geschehnisse werfen. Die in der Ich-Form geschriebenen Romane sind eine gelungene Mischung aus Tatsachen und Fiktion, beispielsweise verweist der Autor auf seine Alex Rider Jugendromanreihe, die er ja tatsächlich geschrieben hat, oder er nennt die Namen berühmter Regisseure. Die Aufklärung der Fälle geschieht immer auf der Basis solider Ermittlungsarbeit und nicht wie in so manchem Krimi, den ich in letzter Zeit gelesen habe, aufgrund eines diffusen Bauchgefühls der Ermittler. Horowitz‘ Werke sind eine Hommage an die Klassiker des Genres, Agatha Christie und Sir Arthur Conan Doyle. Sie sind intelligent, sprachlich auf hohem Niveau und voller Wortwitz. Ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen und war traurig, am Ende angelangt zu sein. Ich freue mich jetzt schon auf eine Fortsetzung der Reihe. Absolute Leseempfehlung für Fans von klassischen spannenden Whodunnits ohne viel Blutvergießen und Gemetzel!

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Manchmal führt kein Weg zurück

Was das Meer verspricht
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Vida lebt schon ihr ganzes Leben auf einer kleinen Nordseeinsel. Sie kennt nichts anderes und ist mit ihrem Leben zufrieden. Sie ist mit ihrem Kindheitsfreund Jannis verlobt. Zwischen ihnen besteht keine ...

Vida lebt schon ihr ganzes Leben auf einer kleinen Nordseeinsel. Sie kennt nichts anderes und ist mit ihrem Leben zufrieden. Sie ist mit ihrem Kindheitsfreund Jannis verlobt. Zwischen ihnen besteht keine sonderlich leidenschaftliche Beziehung, sie hat sich einfach so ergeben und ihre Umgebung erwartet, dass sie endlich heiraten. Vida arbeitet in dem kleinen Laden ihrer Eltern, den sie eines Tages übernehmen wird. Ihr gesamtes Leben scheint vorgezeichnet zu sein. Dann kommt eines Tages Marie auf die Insel, eine rätselhafte junge Frau, die das Haus der verstorbenen Nachbarin gekauft hat und offensichtlich vorhat, sich auf der Insel niederzulassen. Marie ist eine attraktive und ungewöhnliche Frau, die so gar nicht auf die Insel zu passen scheint und die Inselbewohner fragen sich, was sie hierher verschlagen hat. Marie hat ein ungewöhnliches Hobby: sie schwimmt bei Wind und Wetter in einem Meerjungfrauenkostüm im Meer, was sie den Insulanern erst recht suspekt macht. Vida ist fasziniert von Marie und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen. Marie ruft in Vida Gefühle hervor, die sie so noch nie gekannt hat.
Dann kehrt eines Tages Maries Bruder Zander nach Jahren auf dem Festland auf die Insel zurück. Der charismatische Zander, der schon als Teenager die Herzen der Mädchen brach, ist ebenfalls von Marie fasziniert. Obwohl die Beziehung zwischen den beiden zunächst rein platonisch ist, will Vida ihre Freundin nicht mit dem Bruder teilen und die Freude über seine Rückkehr währt nicht lange. Durch Marie ist Vida eine andere geworden. Marie hat ihr die Augen geöffnet, was möglich wäre, jetzt kann und will sie nicht in ihr altes Leben zurück.
„Was das Meer verspricht“ ist ein faszinierendes und spannendes Buch über Schicksal und Entscheidungen, Liebe, Hass und Eifersucht. Mich hat es zum Nachdenken angeregt und mich gleichzeitig gut unterhalten. Es ist eines dieser Bücher, die man ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aus der Hand legen will, weil man unbedingt erfahren muss, wie es endet.

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