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Veröffentlicht am 07.04.2024

Bissig und skurril

Lil
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Lil Cutting, eine – rein fiktive – Geschäftsfrau im New York um 1880, ist durch ihre „unweiblichen“ Eigenschaften – Durchsetzungsvermögen, Geschäftssinn, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit – vielen in ...

Lil Cutting, eine – rein fiktive – Geschäftsfrau im New York um 1880, ist durch ihre „unweiblichen“ Eigenschaften – Durchsetzungsvermögen, Geschäftssinn, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit – vielen in der „besseren Gesellschaft“ ein Dorn im Auge, insbesondere ihrem eigenen Sohn, der ebenso untalentiert wie moralisch verkommen ist und nach dem Tod seines Vaters an das Familienvermögen kommen möchte. Mithilfe eines ehemaligen Studienfreundes, der inzwischen Direktor einer psychiatrischen Privatklinik ist, will er seine Mutter, die durch die Trauer um ihren Mann geschwächt ist, für geistesgestört erklären und für den Rest ihres Lebens wegsperren lassen. Doch er unterschätzt Lils Kampfgeist und ihre Freunde…
Der Roman besteht aus zwei Erzählebenen. In der Rahmenhandlung erzählt Sarah, Ururururenkelin Lils und schwer krebskrank, im Jahr 2018 die Geschichte ihrer Ahnin ihrem Hund Miss Brontë (ein literarischer Gruß an die drei britischen Schriftsteller-Schwestern, die alle unter männlichem Pseudonym veröffentlichten?). Die Binnenerzählung um Lil Cutting spielt überwiegend in den Jahren 1880 und 1881.
Der Schreibstil ist sehr ungewöhnlich, und ich musste mich zunächst etwas einfinden. Konnte ich mich mit Miss Brontë als sprechendem Dobermann noch abfinden bzw. dies als eine Illusion Sarahs interpretieren, waren mir die sprechenden Pflanzen dann doch etwas zuviel. Insgesamt wäre etwas weniger Skurillität mehr gewesen, und gelegentlich driftet die Handlung zu sehr ins Alberne. Auch der Sprachduktus vieler Personen, u.a. der Sandbergs, passt für mich nicht ins ausgehende 19. Jahrhundert. Die Figurenzeichnung bleibt mir generell zu sehr im Gut-Böse-Schema verhaftet, mir fehlen Zwischentöne und Ambivalenz (auch wenn Zuspitzungen natürlich zur Satire gehören). Inhaltlich überzeugt mich die Handlung stellenweise nicht, viele Ereignisse folgen zu schnell aufeinander, die aus Gründen der Logik besser über einen größeren Zeitraum verteilt hätten werden sollen, hinzu kommen inhaltliche Ungenauigkeiten (eine Person stirbt 1882 an einer Fischgräte, doch bereits im Frühjahr 1881 wird darauf Bezug genommen). Lils Figur bleibt merkwürdig blass, tritt selbst kaum in Erscheinung und wird vor allem aus der Sicht Dritter beschrieben.
„Lil“ ist eine scharfzüngige und bitterböse Satire auf die verlogene, dekadente Gesellschaft der „Erlauchten Vierhundert“ und wirft ein grelles Licht auf den Antisemitismus, den Rassismus und die Misogynie der damaligen Zeit sowie auf den entwürdigenden Umgang mit psychisch erkrankten oder körperlich beeinträchtigten Menschen. Lils Erlebnisse in der Psychiatrie ließen mich an die Erfahrungen der Mutter im Film „Der fremde Sohn“ denken (gespielt von Angelina Jolie), und die Vorstellung davon, wie viele Frauen unter fadenscheinigen Begründungen psychisch pathologisiert und für immer weggesperrt wurden, ist schwer erträglich. Die Kritik an den wenig wissenschaftlichen und von Willkür geprägten Anfängen der Psychologie und Psychiatrie nimmt im Buch einen großen Raum ein und ist auch historisch belegbar. Zweifelhaft hingegen ist Sarahs pauschale Kritik an psychiatrischen Einrichtungen und Ärzt*innen der Gegenwart. Auch heute gibt es sicher noch immer schwarze Schafe und schwerwiegende Fehldiagnosen (wie in anderen Fachrichtungen auch), doch das undifferenzierte Abqualifizieren einer gesamten Fachrichtung erscheint mir nicht gerechtfertigt und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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Veröffentlicht am 27.03.2024

ganz nett, aber nicht sehr komplex

Ein Schuljahr voller Zauberei – Schulfest statt Mathetest (Ein Schuljahr voller Zauberei 2)
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„Schulfest statt Mathetest“ ist der zweite Teil der vierbändigen Reihe „Ein Schuljahr voller Zauberei“. Während im ersten Band Elena und Felix im Mittelpunkt stehen, wechselt der Fokus hier zu Meryem und ...

„Schulfest statt Mathetest“ ist der zweite Teil der vierbändigen Reihe „Ein Schuljahr voller Zauberei“. Während im ersten Band Elena und Felix im Mittelpunkt stehen, wechselt der Fokus hier zu Meryem und Felix, und Elena tritt nur noch als Randfigur auf. Meinen Sohn hat das zunächst erstaunt, doch es bietet die Möglichkeit, nun andere Kinder der Klasse besser kennenzulernen.
Lehrer Blitzke hat die Klasse in Verdacht, hinter den unerklärlichen magischen Vorkommnissen im Klassenzimmer zu stecken, und möchte die Kinder durch Projektarbeit von weiteren Streichen abhalten. Da das Schulfest ansteht, sollen die Schüler und Schülerinnen in Gruppen einem kleinen Bühnenbeitrag ausarbeiten. Der beste Beitrag wird mit einer Medaille belohnt.
Der erste Band war sehr lustig zu lesen, und wir hatten auf eine ebensolche Fortsetzung gehofft. Leider zündet der Humor im zweiten Band nicht so richtig, Blitzkes „Versprecher“ mit der jeweils folgenden doppelten Korrektur sind allzu vorhersehbar und nutzen sich ab, ebenso die sprachlichen Eigenheiten des Lehrers Frohgemut („ungewöhnlich, ausgesprochen ungewöhnlich“, „hervorragend, regelrecht hervorragend“, etc, und er kann sich Blitzkes Namen nicht merken). Anhand der liebevoll angelegten Figur von Simon zeigt die Autorin, dass auch Kinder, die sehr zurückhaltend sind und Lernschwierigkeiten haben, oftmals verborgene Talente besitzen und ein ebenso wertvoller Bestandteil der Klassengemeinschaft sind wie alle anderen Kinder auch. Dies ist sehr schön dargestellt. Leider sind die Charaktere insgesamt recht stereotyp und eher oberflächlich, hier hätte ich mir etwas tiefer ausgearbeitete Figuren gewünscht. Bei der Handlung vermissen mein Sohn und ich originelle magische Einfälle und Spannung, sie plätschert eher etwas brav vor sich hin. Insgesamt sehe ich das Buch eher als Vorlesebuch für 5-8jährige Kinder, für ältere Selbstleser ist mir die Geschichte nicht komplex genug.

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Veröffentlicht am 17.03.2024

Vielversprechend, aber letztlich nicht ganz überzeugend

Lügen, die wir uns erzählen
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Anne Freytag brachte ich bisher vor allem mit Jugendbüchern in Verbindung , mit „Lügen, die wir uns erzählen“ veröffentlicht sie nun ihren ersten Erwachsenenroman. Für mich war es gleichzeitig das erste ...

Anne Freytag brachte ich bisher vor allem mit Jugendbüchern in Verbindung , mit „Lügen, die wir uns erzählen“ veröffentlicht sie nun ihren ersten Erwachsenenroman. Für mich war es gleichzeitig das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe.
Helene ist 47 Jahre alt, gefeierte Autorin und Programmleiterin eines Verlages, Mutter zweier Teenager, verheiratet mit einem erfolgreichen Anwalt und wohnt in einem großen Haus in einem noblen Stadtteil Münchens – nach außen hin eine Bilderbuchfamilie aus der akademischen Oberschicht. Doch die Fassade bröckelt, als ihr Mann sie für eine andere Frau verlässt und Helene beginnt, ihre Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Was, wenn Sie sich damals für Ihre große Liebe Alex in Paris entschieden hätte? Inwieweit hat sie sich von den Erwartungen ihrer Eltern, ihres Umfelds und der Gesellschaft leiten lassen und wer ist sie eigentlich selbst?
Oft sind es die kleinen unscheinbaren Ereignisse, die rückblickend über das weitere Leben entscheiden, und tief im Inneren bleiben wir oft einsam, auch unseren vermeintlich Nächsten fremd, in uns selbst gefangen mit unseren Ängsten, Zweifeln, Prägungen und Verletzungen. Helenes inneren Zwiespalt, die Diskrepanz zwischen ihrem Fühlen und dem äußeren Bild beschreibt Anne Freytag intensiv, eindrücklich und lebendig, Helene war mir sofort nahe und ich konnte mich insbesondere zur Beginn gut in sie hineinversetzen.
Die einzelnen Kapitel springen wild durch die Zeit, von der Gegenwart in verschiedene Stufen der Vergangenheit, und teilweise scheint es, als hätte sich die Autorin hier selbst etwas verzettelt, so dass manches logisch nicht ganz zusammenpasst (so versuchte Helene mit 31 monatelang erfolglos, schwanger zu werden, hatte dann innerhalb eines Jahres zwei Fehlgeburten und wird längere Zeit später tatsächlich schwanger – hat nun aber mit 47 eine 16jährige Tochter. Auch andere Ereignisse sind zunächst 1,5 Jahre, später plötzlich mehrere Jahre auseinander. Im Kapitel „Alexander Finch“ konstatiert Helene: „Alex hatte es also wirklich getan. Er hatte wirklich einen Roman geschrieben.“, und das nachdem Alex bereits Jahre zuvor Romane veröffentlicht hatte und sie auch schon früher auf einer seiner Romanlesungen war. Die Verwunderung ist also unverständlich.)
Die erste Hälfte des Buches habe ich gebannt verschlungen, in der zweiten änderte sich das jedoch zusehends. Helenes Gedanken wiederholten sich immer wieder, hier hätte etwas Straffung gutgetan. Helene wirkt zunehmend selbstsüchtig und selbstmitleidig auf mich, sieht sich vor allem in der Opferrolle, die Bedürfnisse ihrer Kinder und ihres Mannes hinterfragt sie nicht, und ihre jahrelange emotionale Bindung an Alex ist für mich unverständlich – zu sehr empfinde ich ihn als unstet und bindungsunfähig, als dass ich glauben könnte, dass hieraus jemals eine ernsthafte Beziehung hätte entstehen können. Auch Teile der Handlung wirkten auf mich zunehmend unglaubwürdig. Da renovieren zwei handwerkliche Laien angeblich problemlos und in kürzester Zeit eine absolute Bauruine (jeder, der schon selbst gebaut hat, kann hier nur den Kopf schütteln), und die Tochter Anna durchlebt einen plötzlichen und für mich nicht ausreichend motivierten Sinneswandel. Besonders Georgs finale Erklärung für sein Verhalten gegenüber Jonas empfand ich als sehr konstruiert und wenig glaubhaft. Da der Roman so vielversprechend begonnen hatte, fand ich es sehr schade, dass er für mich gegen Ende immer stärker abfiel.
Fazit: Insgesamt ein unterhaltsam geschriebener Roman, der mich leider inhaltlich nicht ganz überzeugen konnte. Hinsichtlich Stil und Thematik könnte ich mir vorstellen, dass Fans von Ildiko von Kürthys Roman „Eine halbe Ewigkeit“ auch Gefallen an „Lügen die wir uns erzählen“ finden könnten.

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Veröffentlicht am 13.03.2024

Jugenderinnerungen

Das hat er nicht von mir!
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Anhand des Klappentextes hatte ich erwartet, dass sich der Autor angesichts seiner Vaterschaft auf humorvolle, aber gleichzeitig tiefgründige Weise mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinandersetzt, ...

Anhand des Klappentextes hatte ich erwartet, dass sich der Autor angesichts seiner Vaterschaft auf humorvolle, aber gleichzeitig tiefgründige Weise mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinandersetzt, um diese Erfahrungen reflektiert in die Erziehung des eigenen Nachwuchses einfließen zu lassen: Was hat ihn geprägt, wie beeinflusst sein eigenes Aufwachsen sein Verhalten gegenüber dem Sohn, wie helfen die eigenen Erlebnisse, das Kind besser zu verstehen? Leider kamen mir diese Aspekte im Buch deutlich zu kurz, und mir fehlte eine klare Linie, so dass ich mich immer wieder fragte, welche Intention denn nun hinter diesem Buch steht.
Der erst zweijährige Sohn kommt eher am Rande vor, im Mittelpunkt stehen die Jugenderinnerungen des Autors – jugendliche Alkoholerfahrungen, die Abneigung gegen die Schule, erste unglückliche Liebe, erster Job, das Hadern mit dem eigenen Körper. Dies sind alles Erfahrungen, die vielen Lesern und Leserinnen nicht fremd sind, und sie sind unterhaltsam und mit lockerem Humor geschildert. Allerdings wird das Buch hierdurch mehr zu einer leicht erzählten Biografie über das eher gewöhnliche Leben als Teenie und junger Erwachsener in der Generation Y. Einen echten Erkenntnisgewinn im Bezug auf die Erziehung des Kindes sehe ich nicht, und vieles bleibt mir zu sehr an der Oberfläche. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit hier eine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin und möglicherweise einen etwas anderen Blickwinkel auf bestimmte Jugenderlebnisse und Kindererziehung habe. Meine Erwartungen hat es leider nicht ganz erfüllt.

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Veröffentlicht am 12.03.2024

unterhaltsam

Morden in der Menopause
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Anhand des Klappentextes hatte ich mir eine humorvollen Roman a la "Achtsam morden" von Karsten Dusse erhofft, der das Thema Menopause auf turbulente, augenzwinkerndene Weise mit einem Mordfall verbindet. ...

Anhand des Klappentextes hatte ich mir eine humorvollen Roman a la "Achtsam morden" von Karsten Dusse erhofft, der das Thema Menopause auf turbulente, augenzwinkerndene Weise mit einem Mordfall verbindet. Leider konnte "Morden in der Menopause" diese Erwartungen nicht ganz erfüllen. Die Geschichte ist durchaus unterhaltsam und kurzweilig, doch es fehlt mir an Esprit und Sprachwitz. Die Figuren einschließlich der Protagonistin wirkten auf mich unsympathisch und oberflächlich. Besondere Schwierigkeiten hatte ich mit Livs Schwiegereltern, deren Beschreibung, Verhalten und Sprachstil für mich nicht zu 90jährigen Personen passte. Livs Ehemann erschien als ein kleinlauter Feigling, der es nicht fertigbringt, seinen eigenen Vater mit dessen Spielsucht zu konfrontieren und stattdessen lieber jahrelang die Spielschulden bezahlt. Und Livs Moralempfinden ist recht .... flexibel. Auch der Kriminalfall selbst hatte seine Schwachstellen. So erscheint mir die Umstände der unter menopausalen Einflüssen begangenen Morde und die beschriebene Beseitigung der Opfer schon aufgrund der Statur von Opfer und Täterin sehr unlogisch. Der Schluss kommt dann etwas plötzlich und lässt für mich zu viele Fragen offen.

Insgesamt eine nette Unterhaltung für zwischendurch, aber leider nicht mehr.

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