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Veröffentlicht am 11.09.2025

Ein Tanz zwischen Bär und Dämon

Schattenthron II
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Rahel hat es geschafft - oder so sollte man glauben. Sie ist Leonards Verlobte und wird in absehbarer Zeit Königin. Ihre Schwester Rieke ist die stellvertretende Regentin nach Leonards Mutter. Alles sollte ...

Rahel hat es geschafft - oder so sollte man glauben. Sie ist Leonards Verlobte und wird in absehbarer Zeit Königin. Ihre Schwester Rieke ist die stellvertretende Regentin nach Leonards Mutter. Alles sollte gut sein. Doch das ist es nicht:

Leonard sitzt alles andere als fest auf dem Thron und muss nicht nur mit seiner Entscheidung, sich für Rahel als seine Zukünftige zu nehmen, sondern auch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass er seinen eigenen Vater getötet hat. Rahel hat soviel zu lernen, dass sie kaum Zeit mit den anderen verbringen kann. Und dann ist da noch das schlichte Geheimnis, dass sie alle antreibt: haben alle Wandler magische Kräfte und woher stammen sie? Und um das alles noch schlimmer zu machen, ist der frühere Regent Ivald noch immer in Freiheit und die Gruppe muss sich mit dem auseinandersetzen, was er hinterlassen hat: eine ganze Generation, die Ivald durch seinen schwarzen Stein verderbt hat.

Der zweite Teil von Schattenthron ist von Beginn an düsterer als der erste. Zwar scheint erst einmal alles gut und in die richtige Richtung zu laufen, doch das währt nicht lange. Spätestens als Rieke, Leonard, seine Mutter und Rahel die verlassene Jägerhütte finden ist klar, es ist gar nichts in Ordnung. Rieke kämpft mit ihrer Eifersucht, weil ihre Schwester so viel Zeit mit Leonard verbringen kann. Leonard muss einsehen, dass Ivalds Einfluss auf ihn weitaus größer war als geahnt. Und dann kommt es zu Übergriffen im Reich und er sieht sich zu einer Rundreise gezwungen, um wieder Ordnung zu schaffen.

Rahel ist ganz froh, aus dem Schloss zu kommen. Immerhin hat es mittlerweile mehrere Giftanschläge auf sie gegeben und ihre Zofe wurde getötet. Doch ist sie in dem Netz des Hofes gefangen, auf der Reise sogar ein wenig mehr als im Schloss selbst, muss sie sich doch immer korrekt benehmen, was ihr nicht immer gelingt.

Diem scheint in Band 2 der guten alten Hollywood-Regel gefolgt zu sein: Teil 2 bedeutet mehr Blut und Sterben. Und gestorben wird gleich reihenweise, Soldaten auf der Rundreise, die Zofe, die Männer, die Ivald mit seinem schwarzen Stein beeinflusst, Riekes Jugendliebe ... Das setzt sich so fort. Rahel zeigt zumindest zeitweise ihre empfindliche Seite in diesen Szenarios, hat aber auch immer wieder genug eigene Stärke, um sich selbst aus scheinbar ausweglosen Situationen wieder herauszukämpfen.

Der wirklich tragische Charakter in diesem Roman dagegen ist Leonard, den Diem im wahrsten Sinne des Wortes gründlich durch die Mangel dreht. Er muss irgendwie alles zusammenhalten, das Reich, seine Beziehung, sich selbst, seine deutlich verkleinerte Familie. Und vor allem bei sich selbst stolpert er immer wieder. Jahrelang glaubte er, ein Mensch zu sein, nur um dann herauszufinden, dass er ein Wandler und noch dazu ein Dämon ist. Ein Dämon, der noch immer unter Ivalds Einfluss steht. Erst Rahel gelingt es, diesen Bann zu lösen, doch den Dämon in ihm kann sie nicht vertreiben. Es muss irgendwie zu einer Einigung dieser drei Persönlichkeiten kommen, sonst ist nicht nur das Reich, sondern beide Welten. Doch Leonard fällt es schwer, er kämpft mit Schuldgefühlen, die er nicht zu haben braucht und um Kontrolle über etwas, was er nicht vollkommen versteht.

Schön war es, einige Charaktere aus dem ersten Teil wieder zu treffen. Und interessant, als Diem tiefer in die Erschaffung ihrer Welt eintaucht zusammen mit Rahel und Leonard, die auf der Suche nach weiteren Wandlern und nach Wissen über Wandler sind. Leonard gegenüber wird sein Großvetter Rohan gestellt, ebenfalls ein Wandler, der von Rachegefühlen getrieben wird und so gar nicht an den Hof zu passen scheint. Dennoch scheint sich da immer wieder etwas zwischen ihm und Rieke abzuspielen. Nun ja, am Ende gehen beide (zunächst) getrennte Wege.

Ein actiongeladener Nachfolger zum ersten Teil. Wem dieser zu seicht war, hier kommt er auf seine Kosten.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Die Legende von den Siegelmeistern

Der Siegelmeister
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Großvater Michael erzählt seinem Enkel Jonathan einmal in der Woche Gute-Nacht-Geschichten. Ein Highlight für den 10-jährigen, auf dass er sich jede Woche freut und dem er entgegen harrt. Doch weiß Jonathan ...

Großvater Michael erzählt seinem Enkel Jonathan einmal in der Woche Gute-Nacht-Geschichten. Ein Highlight für den 10-jährigen, auf dass er sich jede Woche freut und dem er entgegen harrt. Doch weiß Jonathan nicht das ganze, hat keine Ahnung, was es mit den spannenden Geschichten über die Siegelmeister wirklich auf sich hat. Als dann, Jahre später, ein Unglück geschieht, sieht Jonathan sich einer ganz neuen Realität gegenüber ...

Was fast wie ein Kinderbuch beginnt, verwandelt sich spätestens ab Seite 117 in einen Krimi. Jonathan, der Junge, dem der Großvater früher Geschichten über Siegelmeister und Sagengestalten erzählte, erwacht nach einem Mord in einer vollkommen anderen Realität. Und plötzlich ergeben die früheren Gute-Nacht-Geschichten seines Großvaters einen schrecklichen Sinn. Und Jonathan muss sich die Frage stellen, ob er bereit ist, in die Fußstapfen des alten Herrn zu treten oder ob er all das hinter sich lässt.

Der Roman ist spannend geschrieben. Man legt ihn kaum aus der Hand. Die Figuren sind ausreichend gezeichnet, wenn ich auch nur bei Jonathan und dem Mörder eine wirklich dunkle Seite entdeckte. Ersterer kann die seine überwinden - oder so scheint es. Letzterer ... nun ja.

Was dem Roman sichtlich gut getan hätte wären ein paar mehr Absätze gewesen. So sieht sich der Leser einem fast ausschließlichem Blocksatz gegenüber, was mit der Zeit frustrierend zumindest auf die Rezensentin wirkte. Das allerdings ist auch schon meine größte Kritik an dem gesamten Werk. Der Roman ist in sich schlüssig geschrieben und man erkennt auch sehr schnell den Hintergrund des ersten Kapitels, das sich doch recht drastisch vom Rest der Handlung abhebt. Aber es ist auch gut so.

Dass der Roman in Frankfurt, besser einigen Stadtteilen, spielt, lernt man schnell, ist aber kein Abbruch. Die Rezensentin war noch nie in Frankfurt, konnte sich aber trotz diverser Straßennamen und Wegebeschreibungen sehr gut zurechtfinden im Buch. Ehrlich gesagt, hat der Roman einen gewissen Wunsch geweckt, sich die Stadt, oder zumindest die beschriebenen Örtlichkeiten, einmal anzusehen. Frankfurt scheint um einiges mehr zu sein als nur die Skyline mit ihren Highrisings.

Die Figuren sind, wie bereits gesagt, ausreichend beschrieben, um mit ihnen fühlen zu können. Gerade die Perspektiven von Großvater Michael und später Enkel Jonathan ließen mich immer wieder mitfiebern und mitleiden mit den beiden. Zudem liegt hier und da auch ein gewisser Humor, der den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt. So macht das Lesen Spaß! Vor allem, weil es durchweg spannend bleibt und man tatsächlich erst fast am Ende erfährt, wer denn nun der Mörder ist.

Vor allem ließ mich immer wieder die Beschreibungen der Kobolde schmunzeln mit ihrem ... wirren Modeverstand (Paisleyhemd und Gummistiefel - zum Schreien!). Auch hier wurde sehr viel Wert darauf gelegt, die Spannung zu erhalten, während die Begegnungen selbst eher humorig zu lesen sind. Erlebach verkauft seine eigene Fantasyspielart wirklich überzeugend und mit einem zwinkernden Auge.

Alles in allem ist der Roman kurzweilig und lesenswert, gerade wenn man über die Blocksatz-Hochhäuser klettert und sich von der Geschichte mitreißen lässt. Es steht offensichtlich zu hoffen, dass Nachfolger folgen werden. Also werde ich meine Augen danach offen lassen. Ich persönlich würde nur zu gern wissen, wie Jonathan seinen Weg zum Siegelmeister fortschreitet.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Such die Hirschkuh

Artemis 2.0
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Artemis hat ein Problem: die Menschen beten sie nicht mehr an und kein einziger ihrer Tempel hat es bis in die Gegenwart geschafft. Und um das alles noch schlimmer zu machen schickt ihr Vater Zeus sie ...

Artemis hat ein Problem: die Menschen beten sie nicht mehr an und kein einziger ihrer Tempel hat es bis in die Gegenwart geschafft. Und um das alles noch schlimmer zu machen schickt ihr Vater Zeus sie mit einem Ultimatum auf die Erde: Entweder es gelingt ihr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin die keryntische Hirschkuh zu fangen. Keine leichte Aufgabe im modernen Deutschland ...

Nun, noch ist nicht klar (zumindest habe ich nichts dergleichen finden können im Internet), ob Berlin 2036 oder 2040 die Olympischen Spiele austragen wird oder nicht. Angesichts der Geschichte Deutschlands, und wenn ich persönlich die Wahl zwischen den beiden Terminen hätte, würde ich persönlich eher für 2040 stimmen, denn 2036. Aber das ist meine persönliche Wahl, zudem halte ich nicht wirklich viel von diesen Sportevents, also lassen wir dieses Thema und die möglicherweise sehr politischen Debatten dazu mal außen vor und nehmen einfach an, es werde diese Spiele geben in einer nahen Zukunft.

Artemis, die sich so überhaupt gar nicht in der modernen Welt zurecht findet bringt einen erst einmal zum Schmunzeln. Autos sind für sie Käfige, Wind- und Seitenscheiben magische Unsichtbarkeit. Handys sind kleine leuchtende Kästchen ... wie gesagt, es brachte mich an mehr als einer Stelle zum Schmunzeln, wie die jungfräuliche Jägerin verzweifelt versucht, Kontakt herzustellen unter der Prämisse, dass sich die Menschheit doch nicht so sehr verändert haben kann - oder etwa doch? Nun, sie hat.

Dank des Mitleids und der Dankbarkeit Phoebes, einer Bibliothekarin, und ihrer Schwester findet Artemis dann doch Hilfe. Nur dass Phoebe an mehr als einer Stelle ihre Hilfsbereitschaft sehr bereuen wird. Innerhalb kürzester Zeit herrscht im Haushalt der Schwestern pures Chaos, der darin mündet, dass Phoebe sogar ihren Job verliert dank Artemis. Die nämlich lässt voll und ganz die Göttin raushängen mit allem, was dazu gehört.

Hier zeigt Dunkel einmal mehr ihre Stärke: Artemis beginnt allmählich zu zweifeln an sich selbst. Ja, sie ist eine Göttin, ja, sie ist unsterblich, aber ist sie auch allmächtig? Als dann auch noch ihr Zwillingsbruder Apollon auftaucht, ist sie vollkommen zerrissen. Einerseits freut sie sich über die plötzliche Hilfe, andererseits aber bemerkt sie sehr schnell, dass Apollon nicht nur wegen ihr in Berlin eintrifft, sondern mehr als ein Auge auf Phoebe geworfen hat. Etwas, was eine jungfräuliche Göttin natürlich überhaupt nicht gebrauchen kann mitten in einer wichtigen Aufgabe.

Und Phoebe? Die sitzt zwischen allen Stühlen: ihre Schwester will, dass sie diese beiden Götter möglichst schnell und schmerzlos vor die Tür setzt - vor allem Artemis. Apollon, in den sie sich sehr schnell verliebt und der ihr eben auch nicht abgeneigt ist. Und dann ist da natürlich noch Artemis, einen Moment lang am Boden zerstört, im nächsten egozentrische Göttin.

Charakerentwicklung kann Dunkel, und das sehr gut. Dabei bleibt ihr Stil leicht und auch humorvoll, was mir schon in ihren früheren Romanen aufgefallen ist. Ich habe immer Schwierigkeiten mit der Ich-Perspektive, aber bei dieser Autorin fällt es mir relativ leicht, mich darauf einzulassen.

Wenn ich überhaupt etwas zu bekritteln habe, dann den Umstand, dass Artemis keine Probleme hat, moderne Schrift zu lesen. Sie ist eine griechische Göttin, sie sollte das Schriftsystem der alten Griechen lesen können, aber nicht die modernen Buchstaben. Das hat mich zu Beginn ziemlich verwirrt. Dass es ihr als Göttin vielleicht leichter fällt sich umzustellen und schnell lernt, das hätte ich noch verstanden.

Mit einem Schmunzeln muss ich gestehen, dass mir die moderne Handhabung von Social Media und dem Internet in diesem Roman sehr gut gefällt. Dass Artemis am Ende behauptet, ihr Tempel stehe jetzt bei Instagram hat mich wirklich zum Lachen gebracht. Und der Trick mit den PC-Spielen war wirklich sehr gut. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen, allerdings bin ich auch kein Gamer. Aber es machte Sinn, dass Artemis sich als solche entpuppte.

Am Ende bleibt ein kurzweiliges Vergnügen mit einer nicht zu deftigen Love-Story und einer geläuterten Göttin. Ein wirklich gelungener Roman, genau das richtige für einen Sommertag auf dem Balkon oder am Strand.

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Veröffentlicht am 14.08.2024

Gefahr für zwei Welten

Die Königin der Stäbe: Erbe des Feuers
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Nina fühlt sich wohl im Reich ihrer Großmutter Lavea. Und eigentlich könnte alles perfekt sein. Nur leider ist sie mit der Bewältigung der Tarot-Karten noch kein Stück weiter gekommen. Außerdem ist da ...

Nina fühlt sich wohl im Reich ihrer Großmutter Lavea. Und eigentlich könnte alles perfekt sein. Nur leider ist sie mit der Bewältigung der Tarot-Karten noch kein Stück weiter gekommen. Außerdem ist da die Sehnsucht nach der Sylphe Silvia, in die sie sich verliebt hat.

Als dann plötzlich ein schwarzes Ungewächs auftaucht und der Lavafluss der Salamander erkaltet sind das nur die ersten Anzeichen einer Katastrophe. Noch dazu einer, die sogar in die Welt der Menschen strahlt.

Kann Nina die neue Herausforderung nicht bewältigen, werden gleich zwei Welten zerstört ...

Wir sind also wieder zurück zum zweiten Abenteuer von Nina, der Hexe des Feuers. Und neben Gefühlschaos bricht das echte Chaos in Form ihres Urgroßvaters über sie herein. Ganz ehrlich, ich dachte bisher immer, meine Familie sei ... nicht nett, aber mit Nina möchte ich wirklich nicht tauschen.

Es ist nicht nur das Gefühlschaos ausgelöst durch Silvia die Sylphe, nein, eine Tragödie bricht über Nina herein, die sie vollkommen aus dem Konzept wirft. Aber reißt sie sich nicht zusammen, war's das für die Welt des Tarot und die der Menschen. Da heißt es dann, Zähne zusammenbeißen und durch.

Dunkel folgt nicht dem Hollywoodschen Rezept, es stirbt zwar dieses Mal jemand, ja, aber es muss nicht alles "bigger is better" sein. Ich würde fast behaupten, das Gegenteil ist der Fall: von dem kleinen Hexenhaus der Großmutter ins Reich des Tarot. Sicher, wir reden jetzt über ein Land, aber es scheint doch recht überschaubar mit den Vulkanen und dem Wald und dem Holzhaus, das als Schloss dient (netter Einfall nebenbei). Ninas Reich ist überschaubar, sie kennt ihre Untertanen und kümmert sich um sie.

Aber da ist immer noch das kleine Altersproblem - sprich, Nina ist zwar erwachsener und reifer geworden als im ersten Band, doch sie pupertiert noch immer fleißig - mit all den netten peinlichen Kleinigkeiten, die uns selbst als Erwachsene noch schwer fallen. Sprich, über ihre Gefühle Silvia gegenüber zu sprechen ist der erste Berg, den Nina erklimmen muss. Und den schafft sie nur mittels einer Falle.

Die Figuren sind lebendiger und tiefer als im ersten Band. Als Leser bekommt man einen etwas tieferen Einblick in die Charaktere, was gut ist, denn so erwachen sie erst zum Leben. Neu dazu gekommen ist der Phönix Agni, den ich gleich in mein Herz geschlossen habe. Sehr dienstbeflissen, immer parat, wenn es um das Reich geht - ja, den Kerl muss man einfach gern haben - oder er nervt total, was nicht der Fall ist. Eher wirkt er als eine Art Stimme der Vernunft, auf die Nina leider nicht immer hört.

Die Handlung breitet sich ähnlich wie im ersten Band aus und wächst allmählich bis zum Höhepunkt, der dieses Mal wirklich hoch dramatisch ist. Nina und Silvias Leben stehen auf dem Spiel. Ein guter Spannungsbogen, der sich immer weiter steigert, bis man das Buch irgendwann wirklich nicht mehr aus der Hand legen kann ohne zu wissen, wie es denn nun weitergeht.

Was Dunkel vor allem gut gelungen ist, ist die Tatsache, dass man sich als Leser am Ende fragt, ob Aria wirklich geläutert wurde oder ob sie ihre eigenen Pläne schmiedet mit ihrem Großvater. Überwiegend bleibt die ehemalige Königin der Schwerter eher blass im Roman, was aber gewollt zu sein scheint, denn so treibt einen immer wieder die Frage und am Ende deutliche Zweifel an ihren Absichten. Gut gelöst und definitiv ein Aufhänger für einen weiteren Band.

Alles in allem eine gelungene Fortsetzung. Spannung, Action und Romance, alles vorhanden. Der Schreibstil ist flüssig zu lesen, die Figuren liebenswert und alle ein wenig schräg. Ein wirklich empfehlenswerter Roman!

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Veröffentlicht am 10.04.2024

Ein besonderes Buch

Dunkelschön
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Clara leidet an Agoraphobie und hat seit Jahrzehnten ihre Wohnung kaum verlassen. Doch dann tut sich plötzlich eine eigenartige Möglichkeit auf: Laut dem Nachlass ihres früheren Geliebten befinden sich ...

Clara leidet an Agoraphobie und hat seit Jahrzehnten ihre Wohnung kaum verlassen. Doch dann tut sich plötzlich eine eigenartige Möglichkeit auf: Laut dem Nachlass ihres früheren Geliebten befinden sich gleich zwei verschollene Manuskripte des spanischen Landesschriftstellers Miguel de Cervantes in Spanien verborgen. Clara packt das Jagdfieber. Doch wie soll sie allein und auf sich gestellt all diese Hürden zwischen Berlin bis nach Granada überwinden? Clara beschließt eine List und "heuert" den Teenager Ben an unter einem Vorwand, mit ihr gemeinsam diese Reise anzutreten. Was sie nicht weiß, Ben ist totkrank ...

Auf den Spuren erst ihres ehemaligen Liebhabers, später Cervantes und seinen wohl berühmtesten Charakter begibt man sich mit einem alten, klapprigen R4 auf die Reise, und man als Leser ist voll mit dabei. Und es ist ein Vergnügen, dieses Abenteuer zu lesen und somit quasi hautnah dabei zu sein.

Den Autoren gelingt vor allem die Charakterisierung ihrer beiden Helden hervorragend. Clara, die vom Leben gezeichnete und gebeutelte Frau, die seit 20 Jahren an ihre Wohnung gefesselt ist kommt dabei ebenso glaubhaft rüber wie der Teenager und oftmals hormongesteuerte Ben, dessen einziger Wunsch vor seinem Tod es ist, Sex mit einer Frau zu haben.

In mir kam vor allem bei der Wahl des R4 diverse Erinnerungen auf. Meine Schwester fuhr einen R4-Kastenwagen, zu dessen ... weniger stolzen Nachbesitzerin sie mich erkoren hatte - leider (oder Göttin sei Dank) kam ihrem Plan der TÜV dazwischen. Heute denke ich manchmal an die gute alte Klapperkiste zurück und denke mir, die Herzchengardinen würden mich mittlerweile so gar nicht mehr stören. Und immerhin, das Ding hatte einen riesigen Laderaum und fuhr tapfer seine vier Gänge.

Manche Dinge verfolgen habe ich festgestellt, als ich über dieses Buch gestolpert bin. Vor nicht allzu langer Zeit erinnerte ich mich an meine erste Begegnung mit Don Quijote und wie er mich damals gefesselt hat - im zarten Alter von 9 glaube ich. Und eingedenk des Alters der Geschichten, man denke daran, wie viel der Ritter von der traurigen Gestalt selbst 500 Jahre später noch Einlass und Einfluss auf unseren heutigen Sprachschatz hat. Nur allein der Gebrauch des Bildes vom Kampf gegen die Windmühlen - und Hand aufs Herz, wer hat sich nicht schon einmal so gefühlt?

In ihren Rollen aber tauschten Clara und Ben im Verlauf des Romans ihre Plätze. Ist es zu Beginn Clara, die gegen ihre eigenen Dämonen in Form einer starken Phobie ankämpfen muss, so wandelt sich gerade Ben im Laufe der Geschichte immer weiter vom hormongesteuerten Teenager zum jungen Helden. Beeindruckt war ich über seine Reaktion nach dem Stierlauf in Pamplona. Clara ist die einzige, die klar erkennt, dass er es tatsächlich gewagt hat, während die anderen enttäuscht sind von ihm, der seinen Stier, seinen eigenen Angaben zufolge, in der Flasche und nicht auf der Straße fand. Da war mehr Selbsteinsicht am Werk als man ihm zunächst zugetraut hätte.

Clara, die sich vom Kampf gegen ihre eigenen Windmühlen zu einer Mentorin entwickelt für den jungen Ben, in dem sie mehr Potenzial erkennt als er selbst von sich glaubt besitzen zu können. Auf der anderen Seite bleibt Ben seiner Rolle als Sancho Panza treu selbst als er selbst schon lange ein Held ist und hilft Clara bei den täglichen Besorgungen, zu denen sie nicht fähig ist.

Es ist dann enttäuschend, als die beiden schließlich in Granada ankommen und alles anders kommt als gedacht. Die Reise wird abgebrochen und beide kehren zurück nach Berlin, denn für Ben haben sich Spenderorgane gefunden. Doch bis er schließlich in der Klinik dem Chefarzt gegenübersteht ist es bereits zu spät und die Organe vergeben. Als Leser fühlt man diese Enttäuschung geradezu körperlich, erlebt Bens anschließendes Siechtum mit und wünscht sich nichts mehr als den kräftigen jungen Mann vom Jakobsweg zurück.

Das Leben ist unfair, die große Erkenntnis, die bereits Cervantes für seinen Don Quijote aufstellte. Doch entgegen dem guten Don, der sich schlicht weigerte, die Realität anzukernnen, stellt sich Ben der seinen. Und wieder einmal übernimmt Clara das Ruder und ein vorletzter Haken wird geschlagen. Es kann nicht immer alles glücklich enden, das Leben besteht aus nichts anderem als schlechten Entscheidungen in noch schlechteren Situationen.

Was mir besonders gefiel an diesem Roman war der Humor, über den beide, Clara und Ben, ausgestattet sind und der vielleicht auch etwas früher dazu führt, dass sie beide so gut miteinander auskommen. Sie versuchen zu kämpfen gegen ihre eigenen Windmühlen - nur jede Windmühle zieht im realen Leben eine Erkenntnis nach sich, die sehr oft zu einem sehr zynischen Weltbild führt (fragt mich, laut einer Freundin bin ich die Meisterin des Zynismus). Man weiß, man verliert, gleich in welche Richtung man sich wendet, doch man kämpft weiter, wenn man sich auch oft genug fragt, warum man es eigentlich tut.

Was ebenfalls nicht unerwähnt blieben sollte sei an dieser Stelle erwähnt: Hervorragend geschilderte Action-Szenen, die das Kopfkino so richtig in Gang setzen. Klasse geschildert!

Alles in allem bleibt ein Roman, der nachdenklich macht, während er gleichzeitig sehr unterhaltsam ist. Es ist keine leichte Kost, die hier serviert wird, aber als Leser klebt man geradezu an den Seiten. Selten sind mir Charaktere so nahe gekommen wie Clara und Ben. Ein besonderer Roman.

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