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caro_phie

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.05.2024

Erschütternd wichtig

Geordnete Verhältnisse
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“Eine Beziehungstat” so heißt es danach in den Zeitungen, wie leider viel zu oft. Es folgt ein Kopfschütteln, ein Augenblick der Beklemmung und dann blättert oder scrollt man weiter, wendet seine Gedanken ...

“Eine Beziehungstat” so heißt es danach in den Zeitungen, wie leider viel zu oft. Es folgt ein Kopfschütteln, ein Augenblick der Beklemmung und dann blättert oder scrollt man weiter, wendet seine Gedanken anderen, scheinbar größeren Themen zu und Täter und Opfer frieren in diesen Rollen ein, bleiben für immer Täter und Opfer, scheinen immer Täter und Opfer gewesen zu sein, bestimmt durch ihre Beziehung zueinander.

In ihrem grandiosen Roman, wendet sich Lana Lux der Vorgeschichte einer solchen “Beziehungstat” zu. Mit unglaublicher Beobachtungsgabe schildert sie die Vorgeschichte der Tat aus der Perspektive von Täter und Opfer, zeigt auf schockierend individueller Ebene, wie ein unabhängiger Mensch innerhalb kürzester Zeit die Kontrolle über sein Leben verlieren kann, weil ein anderer sie gewaltvoll nimmt.

Es ist ein Buch, dass mich absolut sprachlos und erschüttert zurückgelassen hat. Ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite in jedem Satz so präzise auf die Missstände hinweist, die letztendlich zu der Tat führen. Ein Buch, das mit so viel detailreich die Geschehnisse aus der Perspektive von Faina und Philipp beschreibt, dass man sich am Ende schämt dafür jemals nicht die Menschen hinter einer Beziehungstat als solche wahrgenommen zu haben, nicht dem unermesslichen Leid gebührend Beachtung geschenkt zu haben, das mit einer so toxischen Beziehung einhergeht.

Es ist ein Buch, das ich allen ans Herz lege. Ein unglaublich wichtiges Buch, das mich noch sehr lange beschäftigen wird.

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Veröffentlicht am 17.04.2024

Die Legende der Mutterliebe

Liebesmühe
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Sie sitzt ruhig da, in ihrem Stuhl, ihr Kind auf den Armen, erst tippend, später diktierend, um ihr Kind nicht zu wecken. Über Monate versucht sie ihre Gedanken in Worte zu fassen, ihrer Verzweiflung einen ...

Sie sitzt ruhig da, in ihrem Stuhl, ihr Kind auf den Armen, erst tippend, später diktierend, um ihr Kind nicht zu wecken. Über Monate versucht sie ihre Gedanken in Worte zu fassen, ihrer Verzweiflung einen Ausweg zu bahnen. Denn es fühlt sich für sie nicht “natürlich” an, ihr altes Leben zurückzulassen, mit der Geburt ihres Sohnes in eine neue Rolle als Mutter katapultiert zu werden. Aber das sollte es doch, oder? So instinktiv ist “Mutterliebe” doch!

Mit einem unglaublich analytischen und gleichzeitig differenzierten Blick nimmt Christina Wessely sich des Themas Post-Partum Depressionen an, entlarvt es als nicht nur hormonellen Schwankungen geschuldet sondern als eine Erkrankung an der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die suggeriert, dass es nur eine Art gibt eine gute Mutter zu sein, dass Mutterliebe instinktiv ist, Momente der Verzweiflung oder gar Reue hingegen unnatürlich - die Ausnahme.

Es ist ein schmales Buch, eine gelungene Mischung aus Roman, Essay und populärwissenschaftlichem Sachbuch, das auf wenigen Seiten eine unglaubliche Kraft entfaltet, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Ein Buch, das einen mitzieht, einen jede einzelne Gefühlsregung nachspüren lässt. Ein Buch, das meines Erachtens wahnsinnig wichtig ist, nicht nur für werdende Mütter und jene, die sich mit dem Gedanken tragen Mütter zu werden, sondern auch für alle anderen. Für die Gesellschaft, in der sich Mütter spiegeln, in der sie Bestätigung suchen und durch die sie, wenn diese ihnen Akzeptanz verwährt, zu Fall gebracht werden.

Deshalb würde ich dieses Buch allen ans Herz legen. Nein, ich würde es ihnen an die Brust drücken und schreien: “Lest das!”

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Veröffentlicht am 12.04.2024

Eine Geschichte vergessener Schicksale

Die Frauen vom Café Núria
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“Großmutter wachte über die Vergangenheit wie über einen glänzenden, trügerischen Schatz. […] Sie schien die Verkörperung der Unerschütterlichkeit, betrachtete das Leben und den Tod mit der verstohlenen, ...

“Großmutter wachte über die Vergangenheit wie über einen glänzenden, trügerischen Schatz. […] Sie schien die Verkörperung der Unerschütterlichkeit, betrachtete das Leben und den Tod mit der verstohlenen, kaum merklichen Zärtlichkeit derer, die wissen, dass sie im Schatten leben und dass keine ihrer Taten und keines ihrer Worte jemals ein Echo finden wird.” (S.157)

Es scheint das Schicksal aller drei Frauen zu sein, dass die Geschichte ohne sie geschrieben wird. Dass sie in die Form gepresst werden, die ihre Rolle als Frau im Spanien des 20. Jahrhunderts beschreibt. Dass sie von Männern dominiert werden, ihre Wünsche und Träume wegsperren.

Mutter, Tochter und Enkelin, alle drei mit dem gleichen Namen - Mundeta, alle drei geboren in einer anderen Lebensrealität, einem anderen Spanien, einem anderen Barcelona - dem Barcelona zur Zeit der spanischen Monarchie, dem Barcelona des Bürgerkriegs, dem Barcelona der Studierendenaufstände. Einem Barcelona, dass ihnen doch allen gleichermaßen die Freiheit verspricht und so gewaltvoll wieder nimmt, dass sie lieben lässt und ihnen gleichzeitig die Luft nimmt - so wie die Männer in ihrem Leben.

Szenisch umreißt Montserrat Roig die Stadt, ihren Wandel gleichermaßen wie die einzelnen Schicksale der drei Frauen. Sie zeigt die bittere Wahrheit auf, was es hieß im Spanien des 20. Jahrhunderts eine Frau zu sein, und erlaubt auf hoffnungsvolle Weise jeder der drei Frauen dennoch ihre eigenen kleinen Freiheiten zu erkämpfen.

“Vielleicht, so dachte sie jetzt, beugt sich das Schilf nicht unter der heftigen Windbö, sondern unter dem beharrlichen Streicheln der sanften Brise” (S.178)

Zu Anfang mag die Erzählweise nicht ganz leicht sein, durch die drei Perspektiven der drei gleichnamigen Frauen, die zum Teil schwer zu trennen sind. Aber für mich hat es sich sehr gelohnt weiterzulesen, Montserrat Roigs Erzählrhythmus zu finden, ihre Worte widerhallen zu lassen. Viele Szenen haben mich in ihrer Intensität sprachlos zurückgelassen, mich zum Stift greifen lassen, ganze Passagen unterstreichend.

Ich bin wahnsinnig dankbar für die Wiederentdeckung und Übersetzung dieses Romans und freue mich schon auf die weiteren Teile der Barcelona-Trilogie.

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Veröffentlicht am 12.03.2024

Leise, poetische Suche nach der Mutter im Nichts

Mutternichts
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Es ist ein Schweigen, in das sich die Mutter immer wieder hüllt. Ein Schweigen, in dem sie versinkt und erst nach einigen Stunden wieder auftaucht. Eine zweite Realität, in der für die Tochter kein Raum ...

Es ist ein Schweigen, in das sich die Mutter immer wieder hüllt. Ein Schweigen, in dem sie versinkt und erst nach einigen Stunden wieder auftaucht. Eine zweite Realität, in der für die Tochter kein Raum ist. Dann stirbt die Mutter und lässt die Tochter zurück - mit einem Nichts. Was weiß sie wirklich über ihre Mutter und was wird nun auf ewig in Vergessenheit geraten?

Mühsam reist die Tochter zurück in die Vergangenheit, verhakt sich in den wenigen Details, die sie aus der Kindheit ihrer Mutter kennt, versucht diese zu verknüpfen, zu füllen mit Leben, eine Geschichte zu entspinnen - die Geschichte ihrer Mutter.

In leiser, poetischer Sprache fängt Christine Vescoli diese Suche nach der Mutter im Nichts ein. Es sind wunderschöne, bildhafte Sätze, die sie aneinanderreiht, miteinander verwebt. Jeder Satz besonders und dadurch für mich leider in seiner Gesamtheit etwas überfordernd, die Bilder, die sie entwirft zu rasch aufeinanderfolgend. Ein Buch, was ich daher empfehlen würde in kleinen Stücken zu lesen, um jeden Satz auf sich wirken lassen zu können. Denn dann verspricht das Buch ein sehr besonderes Leseerlebnis.

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Veröffentlicht am 09.03.2024

Ein Schicksal mit Namen

Die Körper, die sich bewegen
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Nosa scheint die optimalen Bedingungen zu haben, um einen Job zu finden, denn seine Noten sind gut, er ist ambitioniert. Doch Nigeria ist ein Land, in dem Geld und Beziehungen oft eine größere Rolle spielen ...

Nosa scheint die optimalen Bedingungen zu haben, um einen Job zu finden, denn seine Noten sind gut, er ist ambitioniert. Doch Nigeria ist ein Land, in dem Geld und Beziehungen oft eine größere Rolle spielen als Intellekt und so sieht er sich gezwungen die beschwerliche Flucht nach Europa zu wagen.

Es folgt eine unglaublich intensive Beschreibung der Flucht, die umso erschütternder ist, weil Nosa einer derjenigen ist, die noch während der Flucht Vorteile genießen, die anderen verwährt bleiben.

In klarer Sprache gibt Bunye Ngene einem der vielen Schicksale, die in Europa alltäglich verhandelt werden, einen Namen, eine Geschichte. Eine Geschichte die wahnsinnig lesenswert ist.

Sprachlich hätte das Buch für mich ein wenig subtiler sein können, mehr Handlung zwischen den Zeilen geschehen können und weniger ausgesprochen werden müssen. Aber das ist eine persönliche Präferenz. Deshalb dennoch eine klare Leseempfehlung von mir für dieses wichtige Buch.

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