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Veröffentlicht am 30.07.2024

allerlei Wiener Geschichten

Der Modesalon des Glücks
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Vor ewigen Zeiten habe ich Eva Ibbotson entdeckt und mochte ihre Bücher sehr. Inzwischen gelten sie wohl als Klassiker und werden vom Kampa Verlag neu aufgelegt. Ich war sehr neugierig, wie ich das Lesen ...

Vor ewigen Zeiten habe ich Eva Ibbotson entdeckt und mochte ihre Bücher sehr. Inzwischen gelten sie wohl als Klassiker und werden vom Kampa Verlag neu aufgelegt. Ich war sehr neugierig, wie ich das Lesen jetzt empfinde, wo sich mein Buchgeschmack doch etwas geändert hat.

Schon auf den ersten Seiten wusste ich wieder, was mir damals so gefallen hat. Eva Ibbotson macht alte Zeiten lebendig und zieht einen hinein. Wir sind in Wien 1911 in Susannas Modesalon. Da trifft sich die Wiener Gesellschaft, vielleicht nicht die allerhöchsten Adelskreise, aber schon jeder, der auf sich hält und ein bisschen Geld hat, ein Hauch Boheme, gestandene Bürger und auch die, die mal Geld hatten gehen noch immer zu Susanna. Die Gräfin Metz zum Beispiel zahlt ihre neue Garderobe mit fragwürdigen Antiquitäten und strapaziert Susannas Geduld.

Hier hat jede Figur eine Geschichte und es kommen wirklich viele zu Susanna, die auch selbst einiges durchstehen musste, bevor sie die wurde, die sie jetzt ist. Auch das ist typisch für Ibbotsons Bücher. Sie spinnt viele Geschichten in ihre Geschichte, die alle interessant sind und ein buntes Gesamtbild mit ganz viel Zeitkolorit ergeben.

Vielleicht ist Susanna die Spur zu schön und begabt, die Spur zu gutmütig und einen Hauch zu hilfsbereit. Das sind aber dann tatsächlich die einzigen Plattitüden, die man in diesem Buch findet. Hier geht es um Menschen mit Ecken und Kanten, um Schicksale und Kuriositäten, und um Wien ohne Kitsch oder Praterseligkeit.

Man braucht ein bisschen Geduld für dieses Buch, aber wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, bekommt man einen wunderbaren historischen Roman, der sich leicht liest, ohne seicht zu werden. Ich habe es sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 22.07.2024

Ein sanftes Plädoyer für Achtsamkeit

Ein menschlicher Fehler
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Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mit diesem Buch warm wurde. Der Erzählstil ist nüchtern, genau wie Hae-Su, die vernünftig und sortiert von ihrem Leben, ihren Ängsten und ihrer Traurigkeit berichtet. ...

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mit diesem Buch warm wurde. Der Erzählstil ist nüchtern, genau wie Hae-Su, die vernünftig und sortiert von ihrem Leben, ihren Ängsten und ihrer Traurigkeit berichtet. Auf den ersten Blick passt das nicht so recht zusammen.

Hae-Su ist seltsam. Sie traut sich nur im Dunklen aus dem Haus. Sie will nicht gesehen werden und mit niemandem sprechen. In ihrer Verzweiflung schreibt sie Briefe an all die Menschen, denen sie etwas zu sagen hätte, ihrem Exmann, ihrer ehemals besten Freundin, ihrem Ex-Arbeitgeber, allerlei Behörden oder auch ihrem Anwalt. Sie schreibt jede Menge Briefe, aber sie schickt sie nicht ab.
Als sie die kleine Se-I kennenlernt, geraten Dinge in Bewegung. Hae-Su hat plötzlich wieder eine Aufgabe. Eine verletzte Katze muss gerettet werden und Se-I scheint auch große Probleme zu haben.

Hier erfährt man in ganz kleinen Portionen, was Hae-Su zugestoßen ist. Eigentlich ist es keine große Sache. Eine unbedachte Bemerkung hatte üble Auswirkungen, nur muss man dann eben damit leben. Das ist nicht leicht, wenn das Gewissen schlägt.
Nach und nach wächst einem Han-Su dann doch ans Herz, wenn sie unbeholfen aber unbeirrt versucht, zu helfen. Das einsame Kind, die verletzte Katze und die traurige Frau bilden eine ganz eigene Gemeinschaft von Ausgestoßenen und zeigen uns, wie wichtig Toleranz und Beharrlichkeit sind.

Dieses Buch ist leise, aber eindringlich, ein sanftes Plädoyer für Achtsamkeit und zeigt, wie kleine Dinge große Wirkung haben können.

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Veröffentlicht am 02.06.2024

Finster, todtraurig und originell

Vor einem großen Walde
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„Märchen muss man bis zum Ende lesen.“ Das hat Sabas Mutter, immer gesagt, als sie noch lebte. Und jetzt steckt Saba selbst mitten in einem Märchen, wo der jüngere Bruder den älteren Bruder sucht, der ...

„Märchen muss man bis zum Ende lesen.“ Das hat Sabas Mutter, immer gesagt, als sie noch lebte. Und jetzt steckt Saba selbst mitten in einem Märchen, wo der jüngere Bruder den älteren Bruder sucht, der auszog den Vater zu suchen.

Wie Hänsel und Gretel den Brotkrumen folgt er den Hinweisen, die sein Bruder hinterlegt hat, durch den finsteren Wald voller Geister und wilder Tiere. In Tiblissi wurde der Zoo zerstört und jetzt ist man nirgendwo mehr sicher. Wilde Tiere und Soldaten sind allüberall.

Eigentlich waren sie vor dem Krieg in Georgien geflohen. Das Geld rechte nicht für die ganze Familie, deshalb ließen sie die Mutter zurück und sahen sie nie wieder. Den Vater hat sein Gewissen zurück ins Kriegsgebiet getrieben und jetzt auch Saba. Man kann auch aus sicherer Entfernung ein Kriegstrauma davontragen.

Saba wird auf seinem gefahrvollen Weg begleitet von Erinnerungen und den Gespenstern der Toten. Die Grenzen verschwimmen ständig. Seine Reise ist ein einziger Alptraum.

Dieses Buch ist finster, todtraurig und originell. Und auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es mir gefällt, wenn eine Kriegsgeschichte märchenhaft verklärt wird, hat es doch einen morbiden Charme. Es erzählt auf eine höchst innovative Art von den Gräueln eines sinnlosen Krieges.

Shenja Lacher liest das Buch ganz großartig, trifft wunderbar einen Ton, der gleichzeitig georgische Schlitzorigkeit und tiefe Verzweiflung transportiert, leicht und schwer in einem. Es dauert 12 Stunden und 25 Minuten.

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Veröffentlicht am 28.05.2024

Originell und berührend

Seltsame Sally Diamond
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Dieses Buch ist anders, genau wie Sally Diamond.

Sally ist Anfang 40, hatte aber bis dahin kaum Kontakt zu anderen Menschen. Sie sagt von sich selbst, sie wäre emotional defizitär, sie reagiert oft sehr ...

Dieses Buch ist anders, genau wie Sally Diamond.

Sally ist Anfang 40, hatte aber bis dahin kaum Kontakt zu anderen Menschen. Sie sagt von sich selbst, sie wäre emotional defizitär, sie reagiert oft sehr unerwartet, ist gnadenlos ehrlich und nimmt die Menschen beim Wort. Als ihr Vater stirbt, tut sie, was er gesagt hatte: Sie verbrennt ihn mit dem Müll. Mit der Aufmerksamkeit, die das erregt, hat Sally nicht gerechnet.

Es macht großen Spaß, dieses Buch zu lesen. Sally ist rührend bemüht, alles richtig zu machen, gerät aber immer wieder in skurrile Nöte. Sie möchte herausfinden, warum sie so ist wie sie ist und kommt dabei tatsächlich finsteren Geheimnissen auf die Spur. Nach und nach landet man in einem düsteren Thriller, der gleichzeitig eine grausige Familiengeschichte erzählt.

Was kann ein Verbrechen den Menschen antun? So etwas betrifft nicht nur die Opfer, es verändert auch die Leben der Verwandten. Eltern, Geschwister, sogar Onkel und Tanten müssen ein traumatisches Erlebnis verarbeiten, das sie ihr Leben lang begleitet. Das bekommt man hier plastisch auf mehreren Zeitebenen vor Augen geführt.

Das Ende zieht sich ein wenig, aber immerhin bleiben keine Fragen offen. Mit diesem Buch bekommt man einen sehr ungewöhnlichen Thriller, der überrascht, berührt, in Abgründe blickt, aber auch versucht, zu verstehen.

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Veröffentlicht am 02.05.2024

Überwiegend seltsam

Gute Ratschläge
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Auf der Liste der seltsamsten aller Bücher steht dieses hier ziemlich weit oben. Es ist nicht so, dass ich es nicht mochte, ich hätte nur sehr gerne mehr verstanden.

„Bin schläfrig, ich werde einen Brief ...

Auf der Liste der seltsamsten aller Bücher steht dieses hier ziemlich weit oben. Es ist nicht so, dass ich es nicht mochte, ich hätte nur sehr gerne mehr verstanden.

„Bin schläfrig, ich werde einen Brief an die rote Königin schreiben. Das Fenster steht offen und ich sitze davor. Der wundervolle, heiße englische Junimorgen. Schwer. Es müssen doch alle gerade irgendwo in Trance sein. Alle sind sie heute außer Haus, die ganze Straße. Auch ich bin in Trance.“

So geht es dahin, ein wenig in Trance schreibt Eliza Peabody Briefe an ihre ehemalige Nachbarin Joan. Böse Zungen behaupten, es gäbe sie gar nicht. Für Eliza ist sie sehr real. Manchmal. Wie auch 100 andere Nachbarn und Episoden aus ihrem Leben. Und Barry, ihr junger Freund aus dem Hospiz, ist mehr tot als lebendig und doch ihr bester Zuhörer.

Harry, ihr Mann, hat sie verlassen. Oder sie ihn? War es gestern oder vor Jahren? Eliza macht es einem nicht leicht.

Dieser Erzählstil ist wundervoll, leise mit bissigen Spitzen, atmosphärisch, elegant und genau so trägt Gabriele Blum den Text des Hörbuchs vor. Man kann ihr lauschen, sich fallen lassen und ab und zu wundern. Was hat sie gerade gesagt? Das kann doch nicht sein, aber sie hat es gesagt. Immer wieder gibt es leichte Irritationen die aufmerken lassen. Ist Eliza verrückt oder wird sie es gerade?

Am Ende hat man dann doch ein klein wenig in das Leben einer Frau geblickt, die eigen ist, viel erlebt hat, die traurig ist und auch Gründe dafür hat, die vielleicht verrückt ist, aber wirklich gute Geschichten erzählen kann.

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