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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.11.2017

Wichtiges Zeitdokument

Freund unter Feinden
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„...Die Menschen waren sehr zugänglich und uns nicht einmal feindlich gesinnt...“

Dem Buch ist ein Vorwort vorangestellt. Dort legt Werner Schimke, der Sohn des Autors dar, warum er das Buch seines Vaters ...

„...Die Menschen waren sehr zugänglich und uns nicht einmal feindlich gesinnt...“

Dem Buch ist ein Vorwort vorangestellt. Dort legt Werner Schimke, der Sohn des Autors dar, warum er das Buch seines Vaters veröffentlicht hat. Eigentlich waren die Zielen nur für die Kinder und Enkel gedacht.
Die Geschichte beginnt am 8. November 1938 in Berlin. Max ist auf dem Weg zu seinem jüdischen Schneider, dem er die letzte Rate für den Anzug bringen möchte. Hautnah erlebt er dabei die Reichskristallnacht.
Nach dem Arbeitsdienst wird Max mit 20 Jahren eingezogen. Einer Ausbildung folgt der Einsatz in Frankreich. Doch auf ihn wartet erst einmal die Ostfront. Prag, Warschau, Brest-Litowsk und Minsk sind die Stationen seines Lebens. Von der Ukraine aus marschiert seine Einheit dann nach Serbien und Albanien.
Der Schriftstil des Buches ist sehr sachlich. Max, der dem Nationalsozialmus kritisch gegenübersteht, listet die Stationen seiner Einsätze auf, geht aber auf die Grausamkeit des Krieges nur punktuell ein. Lediglich in Zusammenhang mit die Partisanenbewegung in Jugoslawien werden die Schattenseiten des Krieges thematisiert. Dafür beschreibt er ausführlich seine Unterbringung bei Familien unterschiedlicher Nationalität. Obiges Zitat erlebt er mehrmals. Er hat die Fähigkeit auf Menschen zuzugehen und sie als sein Gegenüber zu akzeptieren. Entsprechend kommen sie ihm entgegen. Er teilt seinen Proviant mit ihnen. Ich hatte fast den Eindruck, dass ihm nicht klar war, wie gefährlich dies eigentlich war. Sowohl mit seinen Vorgesetzten als auch mit seinen konkreten Einsatzorten hatte er Glück. Mehrmals wurde er vor dem Tod bewahrt. Außerdem überlebt er die Malaria. In Warschau erlebt er die Ankunft eines Transports mit jüdischen Bürgern. Auch hier war er sich vermutlich der gesamten Tragweite des Geschehens nicht bewusst. Schön beschrieben wurde die Kriegshochzeit. Die Jungvermählten hatten sogar ein paar freie Tage für die Hochzeitsreise zur Verfügung.
Jahre nach dem Krieg findet der Autor zum Glauben. Jetzt sieht er im Rückblick die vielen Stationen der Bewahrung.
Vielfältige Fotos veranschaulichen die Handlung.
Ein Nachwort des Sohnes schließt das Buch ab.
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie ist ein wichtiges Zeitdokument und zeigt aus ganz persönlicher Sicht, wie der Krieg in das Leben der Menschen eingegriffen hat.

Veröffentlicht am 28.10.2017

Schüleraustausch der besonderen Art

Besuch Aus Tralien
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„...So ein Fest hat sich noch niemand ausgedacht. So ein Fest ist ein Geschenk. Für mich. Ich bin willkommen. Ich bin eine Familie...“

Die Familie wartet auf die Nachricht von Piet. Er ist als Austauschschüler ...

„...So ein Fest hat sich noch niemand ausgedacht. So ein Fest ist ein Geschenk. Für mich. Ich bin willkommen. Ich bin eine Familie...“

Die Familie wartet auf die Nachricht von Piet. Er ist als Austauschschüler nach Australien gereist und müsste endlich seine Ankunft mitteilen. Als die Nachricht eintrifft, erfahren die Eltern auch, dass ihr Gast schon am Flughafen wartet. Doch Dave ist kein normaler Austauschschüler. Nur das Baby der Familie erkennt sofort, wer da angereist ist: ein Krokodil, das sich benimmt wie ein Junge.
Der Autor hat ein tiefgründiges und abwechslungsreiches Kinderbuch zum Thema Integration geschrieben. Schwierig finde ich es, das Buch altersmäßig zuzuordnen. Am ehesten passt es meiner Meinung Mitte der Grundschulzeit, also ab 8 Jahre.
Dave muss sich in der neuen Welt zurechtfinden. Der Autor erzählt nicht nur, wie die Eltern mit ihm umgehen und auf seine Besonderheiten reagieren, sondern lässt auch Nachbarn und Bekannte zu Wort kommen. Dadurch ergeben sich eine Vielzahl von Meinungen. Einige fordern, dass sich der Junge den hiesigen Begebenheiten anpassen muss. Vorreiter ist dabei der Schuldirektor, der das Thema Integration völlig falsch verstanden hat.
Dann organisieren die Eltern eine Party, bei der sich jeder an Dave orientiert, sei es in der Kleidung oder im Verhalten. Daraus stammt obiges Zitat. Nun fühlt sich Dave angenommen.
Der Schriftstil zeichnet sich durch seinen Abwechslungsreichtum aus. Der Kontakt zu Piet in Australien erfolgt über wenige SMS. Außerdem werden die Sätze und Gedanken jeder Person in einer anderen Schriftgröße oder Schriftfarbe wiedergegeben. Daves Farbe ist Grün. Die Worte des Babys sind kursiv gedruckt und die des Vaters fett. So weiß der Leser immer, mit wem er es gerade zu tun hat. Die Verständigung, die die Eltern anfangs in Englisch versuchen, wird sofort unter dem Text übersetzt. Natürlich gibt es auch das eine oder andere Fremdwort. Das halte ich aber in einem solchen Buch für legitim. Es gibt viele humorvolle Szenen. Insbesondere fällt mir dabei das Kapitel im Zoo ein. Die folgenden Zeilen zeigen, wie Dave das sieht:
„...Ein dressierter Mensch in Gummistiefeln! Die Robben rufen und er bringt Futter!...“
Manche Sätze haben fast philosophische Charakter. Das betrifft insbesondere Piets Erkenntnisse nach der Rückkehr.
Ich als Leser weiß sofort, dass Dave ein Krokodil ist, denn das vermitteln mir die farbigen und schön gestalteten Zeichnungen. Auch hier werden kleine, aber feine Nuancen gesetzt. So ist die Seite dunkelblau, wenn sich das Geschehen in der Nacht abspielt.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Auf unterhaltsame Art wird hier ein schwieriges Thema für junge Leser aufgearbeitet. Es geht um die Frage, wie man mit jemand umgeht, der nicht ins altbekannte Schema passt. Sehr gut fand ich, dass die Eltern an einigen Stellen völlig neue Einsichten gewannen, so unter anderem wo es ums sogenannte deutsche Essen ging.

Veröffentlicht am 12.09.2017

Wer mordet im Krimihotel?

Mord im Krimihotel
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„...Friedo kam ihr zuvor. Er nahm die Hände ein Stück weit auseinander, was die Länge der Waffe andeuten sollte. Nur, bei Männern musste man vorsichtig sein. Da wurden aus zwölf Zentimetern schnell zwanzig...“

Lea ...

„...Friedo kam ihr zuvor. Er nahm die Hände ein Stück weit auseinander, was die Länge der Waffe andeuten sollte. Nur, bei Männern musste man vorsichtig sein. Da wurden aus zwölf Zentimetern schnell zwanzig...“

Lea Schein träumt von einer Karriere als Schriftstellerin. Ihren Job als Tarotkartenlegerin beim Fernsehen hat sie dafür aufgegeben. Ihr erster Krimi hat allerdings noch nicht die vom Verlag gewünschte Länge. Da erhält sie plötzlich eine Einladung zu einer Lesung in ein Krimi-Hotel in Hillesheim.
Die Autorin hat einen abwechslungsreichen und humorvollen Krimi geschrieben. Die Geschichte hat mich schnell in ihren Bann gezogen.
Im Hotel wird Lea von 10 Gästen erwartet. Zu ihnen gehört Friedo, den man durchaus als Stalker bezeichnen kann, denn er bedrängt Lea schon längere Zeit auf den sozialen Medien.
Der Schriftstil lässt sich angenehm lesen. Geschickt nutzt die Autorin die Geschehnisse, um mir die handelnden Personen und den Ort nahezubringen.
In einem Vorstellungsgespräch am ersten Tag zeigt sich, wie unterschiedlich die Gruppe zusammengesetzt ist. Nicht jeder wollte, mancher musste an der Veranstaltung teilnehmen. Natascha zum Beispiel erhofft sich in einer persönlichen Frage Hilfe von Lea. In gewisser Weise ist Lea selbst daran Schuld. Auf ihrer Webseite hat sie nicht nur mehr von sich preisgegeben, als gut ist; sie hat es auch mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen.
Eine Stadtbesichtigung bringt mir Hillesheim nahe. Keiner ahnt, wie dieser Spaziergang den Fortgang der Handlung beeinflusst, denn danach gibt es die erste Tote. Lea, die sich krampfhaft überlegt hatte, wie sie mit ihren wenigen Veröffentlichungen die Leseabende bestreiten will, ist in der Krimiwirklichkeit angekommen. Im Verhör mit den Polizisten erlebt sie die Praxis. Jetzt war ihre logische Kombinationsgabe gefragt. Nun lebt die Geschichte von der spannenden Suche nach dem Täter, aber auch von gekonnt genutzten Überhöhungen. Was letzteres genau bedeutet, möge der zukünftige Leser selbst herausfinden. Ein feiner Humor durchzieht das Buch, wie obiges Zitat zeigt. Gut herausgearbeitet Gespräche bringen das Geschehen voran und oftmals auf den Punkt.
Ein besonderes Stilmittel war die Einbettung eines kurzen, erzählten Krimis in die Handlung. Der sollte die Frage nach den möglichen Motiv beleuchten.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Er war gekonnt in die lokalen Gegebenheiten eingebettet.

Veröffentlicht am 31.08.2017

Fesselnd und tiefgründig

Grado im Dunkeln
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„...Das Herbstlicht verlieh der Landschaft gestochene Klarheit. Brombeerblau das Wasser, hagebuttengelb die den Kanal säumenden Häuser, sanddornorange die Sonne. Ein Potpourri von Farben und Klängen, gleich ...

„...Das Herbstlicht verlieh der Landschaft gestochene Klarheit. Brombeerblau das Wasser, hagebuttengelb die den Kanal säumenden Häuser, sanddornorange die Sonne. Ein Potpourri von Farben und Klängen, gleich denen ihrer Kindheit...“

Violetta, eine junge Lehrerin, und ihre Kollegin Olivia waren auf einem Popkonzert. Bei der Rückfahrt mit dem Auto in der Nacht bleibt der Wagen mitten im Tunnel stehen. Die Angst ist mit Händen greifbar. Violetta bekommt Panik, Olivia versucht, einen Weg aus der Situation zu finden. Sie ruft die Polizei. Die schleppen sie aus den Tunnel auf den Randstreifen, rufen den Abschleppwagen und müssen zu einem anderen Unfall. Die Zeit zieht sich. Olivia geht zum Auto, um ihr Handy zu holen. Als sie zurückkehrt, ist Violetta verschwunden. Wenig später wird sie auf einem Parkplatz gefunden. Der Täter wurde gestört, deshalb lebt sie noch. Der Fall landet bei Commissaria Maddalena Degrassi.
Die Autorin hat einen spannenden Krimi geschrieben. Die Geschichte hat mich schnell in ihren Bann gezogen.
Der Schriftstil ist ausgereift. Das zeigt sich vor allem an den Stellen, wo die Erschütterung und innere Verletzung der Vergewaltigungsopfer zum Tragen kommt, denn Violetta war nicht die erste und ist nicht die letzte. Eine nach außen demonstrierte Stärke kann von jetzt auf gleich in tiefe Verzweiflung umschlagen. Gleichzeitig wird deutlich, wie schwierig es für Angehörige und Bekannte ist, damit umzugehen. Zuviel Fürsorge kann genauso falsch sein wie zu wenig. Es gilt, das rechte Maß zu finden. Auch Olivia, die eigentlich unbeteiligt war, kämpft mit ihren Schuldgefühlen. Das führt bei ihr ebenfalls zu teilweise irrationalen Handeln.
Die Ermittlungen kommen nicht recht voran. Solange der Täter keine Spuren hinterlässt und kaum Fehler macht, ist es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wenig hilfreich ist dabei auch das Verhalten von Maddalenas Vorgesetzten. Einerseits macht er Druck, andererseits lehnt er die Zusammenarbeit mit den Dienststellen ab, wo weitere Fälle registriert wurden.
In angemessenen Umfang wird das Privatleben von Maddalena in das Geschehen mit einbezogen.
Obiges Zitat zeigt, dass die Autorin das Spiel mit Worten und Bildern beherrscht. Es sind Worte von Violetta.
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie lässt allerdings ein paar Fragen offen, obwohl ein Täter gefasst ist.

Veröffentlicht am 29.08.2017

Zurück in die Vergangenheit?

Das Schattencorps
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„...Und weißt du, meine größte Sorge ist gerade nicht, dass die Russen angreifen. Das ist jetzt alles Diplomacy...“
Wir schreiben das Jahr 1962. Hans Barkhusen arbeitet als Taucher in Hamburg. Er ist ...

„...Und weißt du, meine größte Sorge ist gerade nicht, dass die Russen angreifen. Das ist jetzt alles Diplomacy...“
Wir schreiben das Jahr 1962. Hans Barkhusen arbeitet als Taucher in Hamburg. Er ist zur Taufe seines Neffen geladen. Dazu kommt auch die Verwandtschaft aus München. Auf einem gemeinsamen Spaziergang macht ihm Fritz, sein Schwager und Kriminalkommissar in München, einen Vorschlag. Die Polizei hat Informationen erhalten, dass sich vor Kreta der geheimnisvolle Rommel-Schatz befinden soll. Für dessen Bergung brauchen sie einen Taucher. Bei dem Schatz handelt es sich um Schmuck, Gold und Wertsachen, die den Juden in Tunis abgenommen wurden.
Der Autor hat einen spannenden Spionageroman geschrieben. Er zeichnet darin ein bizarres Bild des politischen Untergrunds in Deutschland in den 60er Jahren.
Im Mittelpunkt steht Hans. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich. Erzogen wurde er in der Napola, der Eliteschule der Nationalsozialisten. Am Ende des Krieges gehörte er mit seinen 15 Jahren zum letzten Aufgebot. Um sein Leben zu retten, verpflichtete er sich nach der Besetzung einer geheimen Organisation der Engländer.
Nach dem Gespräch mit Fritz meldet sich bei Hans plötzlich Jim Rowland, sein ehemaliger Agentenführer der Engländer, wieder.
Eine weitere schillernde Gestalt ist Ira von Mallank. Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Waffenhandel und hofft darauf, ihre verlorengegangenen Ostgebiete zurück zu erhalten.
Und dann gibt es noch den undurchschaubaren Max von Krein. Er war Hans` Vorgesetzter, ist Taucher und begeisterter Schatzsucher. Seine politischen Ambitionen lassen alle Möglichkeiten für mich als Leser offen.
Der Schriftstil des Buches ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Das liegt daran, dass die Geschichte im Präsens erzählt wird. Nachdem ich allerdings in die komplexe Handlung eingetaucht war, ist mir das kaum noch aufgefallen.
Die politischen Positionen der einzelnen Akteure waren lange Zeit unklar. Am einfachsten war es noch bei den Ewiggestrigen, die glaubten, das Deutsche Reich wieder aufrichten zu können. Dazu war ihnen jedes Mittel recht, und jede Besatzungsmacht war der Gegner. Die Einstellung verdeutlicht das folgende Zitat:
„...Die Wehrmacht hat kapituliert, das Reich nicht...“
in Italien steht das Schiff für die Bergung des Schatzes noch nicht zur Verfügung. Dafür belauert dort jeder jeden. Es geht weniger um politische Befindlichkeiten, mehr um persönliche Gier. Jeder möchte in Stück vom Kuchen haben und träumt von einer sicheren Zukunft.
Der Autor nutzt die Situation des Stagnierens der eigentlichen Handlung auf zweierlei Weise. Einerseits wird die Gegend um La Spezia sehr detailliert beschrieben. Schöne Metapher veranschaulichen die abwechslungsreiche Landschaft. Auch ein Blick in die Geschichte der Stadt wird mir als Leser gewährt. Andererseits beginnt hier Hans` Wandlung. Tiefgreifende Gespräche mit Carlo, einem Student, und Betty, der Wirtin der Jugendherberge, geben nicht nur Einblick in das Denken eines Teils der italienischen Jugend. Gerade Betty führt Hans die Schattenseiten des Naziregimes vor Augen. Nicht nur diese Dialoge im Buch gehören für mich zu den stilistischen Höhepunkte. Auch andere Gespräche zeigen das innere Gedankengebäude der Akteure..
Wie ein roter Faden durchzieht die Angst das Buch, dass einer der Großmächte den falschen Knopf drücken könnte und Deutschland im Atomkrieg versinkt. Obiges Zitat stammt von einem reichen Amerikaner und fällt nach Beginn der Kubakrise. Er hat Angst vor den eigenen Offizieren und ihren Handlungen. Dass die eigentliche Gefahr im deutschen Untergrund liegt, begreift Hans noch rechtzeitig.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es arbeitet ein Stück Geschichte auf, von dem nur Bruchteile je an die Öffentlichkeit gedrungen sind.