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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein sehr komplexes, großartig durchdachtes Schauspiel

Die Probe
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„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge ...


„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge nachgedacht. Zunächst beginnt dieser Roman eher harmlos mit einem Treffen zwischen der Protagonistin und bekannten Schauspielerin, die am Theater für die Premiere eines Stücks probt, und einem jungen Mann. Sie sitzen zu Mittag in einem Restaurant - er muss ihr unbedingt etwas sagen. Sie hält es für einen Annäherungsversuch und möchte ihn möglichst auf Abstand halten, doch das was er dann sagt, hat eine deutlich größere Bedeutung. Xavier behauptet ihr Sohn zu sein. Er hätte nach seiner Mutter gesucht, alles genauestens recherchiert und sei sich bei ihr 100%ig sicher. Doch sie hatte nie ein Kind, sie könnte es aufklären, aber irgendwas hält sie zurück. Ihr erstes Treffen endet ruckartig, als Tomas, der Mann der Protagonistin das Restaurant durchschritt und wieder hinausging. Xavier bleibt da noch am Tisch sitzen, aber nach und nach nimmt er immer größere Räume im Theater und später auch in ihrem Leben ein. Oder doch nur in diesem Stück?

„Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang - solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert. Doch je tiefer die Komplizenschaft geht, je länger sie währt, desto enger die Spielräume, desto strikter und bindender die Vereinbarung, und am Ende bedurfte es wenig, um alles zusammenbrechen zu lassen. Es war, als wäre eine Pause ausgerufen worden, als wäre uns beiden schlagartig aufgegangen, dass sein Text mangelhaft, meine Charakterisierung ungenügend, der gesamte Plot fehlerhaft und unplausibel war.“


Ich habe aufgrund dieses Romans sehr viel über die Wirkung, die Diskrepanz zwischen eigener und äußerer Wahrnehmung, über zwischenmenschliche Beziehungen und die Literatur an sich nachgedacht. Für mich ist dieser Roman mit diesen ganzen feinen, geschilderten Beobachtungen und Gedanken, sowie dem Plot sehr große Kunst, denn nicht nur durch die Aufteilung in zwei Teile, wird man plötzlich in eine ganz andere Realität geworfen, in der man sich als Lesende*r neu zurechtfinden muss, auch die Interpretationsmöglichkeiten und Perspektiven (ohne nun zu viel verraten zu wollen) innerhalb einzelner Szenen sind sehr vielfältig. Bereits die Anfangsszene fasziniert mich, denn von außen betrachtet, könnte es fast wie ein Date aussehen, während ihr selbst dieses Treffen eher unangenehm ist. Und als der Mann der Protagonistin zufällig auch in dieses Restaurant tritt und sie gar nicht wahrnimmt… so als würden ihre Leben scheinbar aneinander vorbei laufen… hatte es bildlich schon sehr viel von einem inszenierten Theaterstück. Auch während des Lesens fragte ich mich häufig, ob es dieses Stück, dieses Buch ist, für das die Figuren die ganze Zeit proben oder es einfach so ein geniales Abdriften ins Chaos ist, mit dessen Ende auch der Vorhang fällt und das Stück endet. Wer besetzt eigentlich welche Rollen, nimmt plötzlich neue Rollen ein und ist das ganze Leben vielleicht ein komplexes Rollenspiel? Wir nehmen wir andere? Welche Funktionen erfüllen wir? Dieses Buch hat so etwas sehr philosophisches, man könnte ewig darüber reden, rätseln, deuten… und das… woah. Ich war schon von „Intimitäten“ sehr begeistert, aber hiermit legt Kitamura noch einmal so eine Schippe drauf. Sehr, sehr toll!

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Veröffentlicht am 23.06.2025

eine Reise nach Rumänien zwischen Verlusten, Erinnerungen und dem steten Wunsch nach Freiheit

Das Pfauengemälde
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Das „Das Pfauengemälde“ von Maria Bidian habe ich schon vor einer Weile gelesen und bislang nie die passenden Worte gefunden, nur ein begeistertes „Das war toll. Und irgendwie so ein bisschen wie Brilka ...

Das „Das Pfauengemälde“ von Maria Bidian habe ich schon vor einer Weile gelesen und bislang nie die passenden Worte gefunden, nur ein begeistertes „Das war toll. Und irgendwie so ein bisschen wie Brilka und doch so ganz anders.“ Nach wie vor zählt es zu meinen liebsten Büchern der letzten Zeit. Warum? Nun ja…

„…seit dreißig Jahren führte die Familie Prozesse, die immer fast gewonnen waren und dann doch nicht und bei denen es um Dinge ging, die vor siebzig Jahren enteignet wurden, die legendenumwoben, vorhanden und nicht vorhanden waren.“

Dieses Mal war es also soweit, die Familie sollte ihren enteigneten Besitz zurückerhalten und damit auch das versprochene Pfauengemälde. Die Verwandten ihres vor zwei Jahren verstorbenen Vaters Nicu drängen Ana dazu ihre Familie in Rumänien zu besuchen. „Dein Vater hat sein ganzes Leben dafür gekämpft, dass wir zurückbekommen, was sie uns genommen haben.“ Ein ganzes Leben an Erinnerungen, die mit dem Rumänischen Haus und dem Gemälde einhergehen. Die alten Verluste, ein emotionales Thema für die ganze Familie, das jeher alles überschattet. In Rumänien angekommen taucht Ana in eine andere Welt, die irgendwie stehengeblieben scheint und nach wie vor von Freiheit träumt. Es gibt erneut Proteste. Proteste gegen die geplanten Reformen; Angst vor einem neuen Diktatur. Während Ana den Spuren ihres Vaters folgt, nach dem Gemälde sucht und eine neue Nähe zur Familie aufbaut, geht es im Land um so viel mehr.

„Du denkst, du kannst alles haben, was du willst, kannst sein, wer du willst, und plötzlich passiert etwas, von dem du dachtest, dass es nie wieder passieren wird […] und du erinnerst dich an das, was deine Eltern, deine Großeltern erlebt haben. Und obwohl du gedacht hast, du lebst jetzt in einer anderen Welt, fühlst du dich auf einmal wie sie, und es stimmt, die Welt ist heute eine andere, aber die Wünsche bleiben gleich, Menschen wollen immer Macht, wollen immer Freiheit.“

Dieser Roman hat mich an so vielen Stellen getroffen und berührt. Auch wenn das anfängliche Bild eines verstorbenen Familienangehörigen, das weiteres ins Rollen bringt und die jeweiligen Protagonistinnen zu einer Reise bewegen nicht gerade neu ist, so zeugt dieser Roman von der Geschichte Rumäniens, von Träumen, Verlusten und Erinnerungen. Maria Bidian erzählt sehr bildhaft und nahbar von den Zuständen eines gar nicht mal so weit entferntes Landes, von Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten. Diese erdrückende Gleichzeitigkeit, die einen als Leserin so fasziniert und gar eine gewisse Sogwirkung entwickelt und als Mensch doch eher bedrückt, bewegt und zum Nachdenken anregt. Dieses Buch hat mich wahnsinnig überrascht und begeistert… für mich ein tolles Debüt! Große Leseempfehlung!


„Es gibt nie nur einen Grund für etwas, immer viele Gründe, viele Geschichten, die zusammen so etwas wie die Wahrheit ergeben. Damals war so vieles anders, als es heute ist, aber es war nicht alles traurig. Wir hatten ein lustiges Leben.“

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Veröffentlicht am 19.06.2024

James - eine große Empfehlung

James
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Percival Everetts Roman "James" finde ich aufgrund mehrerer Faktoren wahnsinnig spannend. Everett entführt uns in die Welt von Huckleberry Finn und erzählt Mark Twains Klassiker aus einer ganz neuen Perspektive, ...

Percival Everetts Roman "James" finde ich aufgrund mehrerer Faktoren wahnsinnig spannend. Everett entführt uns in die Welt von Huckleberry Finn und erzählt Mark Twains Klassiker aus einer ganz neuen Perspektive, die der bekannten Geschichte nicht nur ein neues Gesicht verleiht, sondern auch viel mehr Tiefe gibt. Hier geht es um die Gedanken und Erlebnisse des Sklaven Jim, der um seinen weißen, kleinen Freund Huck und seine Familie bangt und sich auf der Flucht in Richtung Freiheit befindet. Auf seiner Reise, entlang des Mississippis, trifft er auf andere Sklaven und -händler, Betrüger und Blackface-Sänger, die ihn von 'einem Abenteuer' direkt ins Nächste jagen. Dabei springt er selbst schon immer zwischen den Welten - seiner und der weiß geprägten. Jim stellt sich dumm um eben jenen vorherrschenden Vorurteilen und dem weißen Blick auf die Welt zu entsprechen, eine Rolle, die er nur in wenigen Momenten ablegen kann, denn wirklich frei ist er nie, egal wo er hinkommt, wo sich versteckt oder ob er Gleichgesinnte findet. Er beobachtet die Vergehen der Weißen an den Sklaven, seinen Freunden, berichtet von Vergewaltigungen und Unterdrückungen... dieses Buch ist nicht ohne, vielleicht sogar provozierend, stellt Everett doch die weiß-geprägte Geschichtsschreibung zum Teil infrage, überholt und öffnet sie, rückt sie grade.
Auf der Flucht möchte Jim auch anderen helfen, wie dem Mädchen Sammy, das im späteren Verlauf getötet wird. Die fast beiläufige Aussage "Sie war schon tot, als ich sie gefunden habe [...] Sie ist jetzt bloß noch einmal gestorben, aber diesmal als freier Mensch." hat mich lange nicht losgelassen, trifft sie doch genau die damaligen Verhältnisse der Unterdrückung auf den Punkt. "Von meiner Heimat habe ich nicht viel in Erinnerung, aber an das Schiff kann ich mich erinnern. An die Misshandlungen. Das Klatschen der Wellen.","Bin in der Hölle geboren. Verkauft worden, ehe meine Mutter mich im Arm halten konnte." sind weitere Aussagen, die sich in eben jenes Bild nur so einreihen und von der Grausamkeit und dem zugefügten Leid berichten. Aber es sind nicht nur diese Szenen, die diesen Roman ausmachen. Für Everett scheint es ein Leichtes zu sein zwischen Härte und Komik, tiefgründigen Gedanken, mitreißenden Szenen und leichteren Beschreibungen zu wechseln. Dies hat er bereits in "Erschütterung" und "Die Bäume" in der hervorragenden Übersetzung von Nikolaus Stingl mehrfach bewiesen. Und wo ich gerade von der Übersetzung spreche, der Slang in diesem Roman und wie Stingl dies ins Deutsche übertragen hat... grandios. Ich hoffe sehr, dass noch weitere Romane ihren Weg nach Deutschland finden und das Everett auch hier die Anerkennung und Beachtung bekommt, sind seine Romane doch jedes Mal so eine Wundertüte und zeitgleich so eine Abhandlung wichtiger Themen. "James" - eine große Empfehlung ob mit oder ohne Mark Twains "Huckleberry Finn"-Kenntnisse.

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Veröffentlicht am 14.06.2024

"Annas Lied" - ein Buch, hundert Jahre gelebtes Leben

Annas Lied
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Ich weiß gar nicht, was ich an "Annas Lied" beeindruckender finde, dass Benjamin Koppel [Ü: Ulrich Sonnenberg] hier einen umfangreichen Roman über das Leben seiner Tante Anna und jüdischen Familie geschrieben ...

Ich weiß gar nicht, was ich an "Annas Lied" beeindruckender finde, dass Benjamin Koppel [Ü: Ulrich Sonnenberg] hier einen umfangreichen Roman über das Leben seiner Tante Anna und jüdischen Familie geschrieben hat oder dass es so eine mitreißende, wie bewegende Geschichte ist, die über viele Höhen und Tiefen eines Lebens berichtet, geschichtlich so einige tragisch-schwere Einblicke liefert und dabei Hoffnung und Träume nie so ganz aus den Augen verliert. In Dänemark war diese Familiensaga ein Überraschungsbestseller und für mich eine große Entdeckung, die mir so einiges abverlangt hat.

Die Geschichte beginnt in Dänemark. Wir Leserinnen lernen die Koppelmanns kennen, zumindest den Teil, der auf den Weg nach NewYork in Kopenhagen hängen blieb. Yitzhak und seine Frau Bruche, ihre fünf Kinder - Joseph, Zimmel, Avrom, Ezekiel und Hannah.
Sie alle teilen die unbedingte Freude an der Musik und gerade für die Jüngste sind Brahms, Beethoven und Bach beinahe ihr Leben. Bereits als Kind hegt sie den Traum Pianistin zu werden und so wie ihre Brüder auf der ganzen Welt zu spielen. "Ich hätte gern eine große Familie. Wir würden die ganze Zeit musizieren." Doch mit den Träumen und Wünschen ist das so eine Sache. In der jüdischen Tradition ist es Brauch, dass die Familie nach einer/einem geeigneten Frau/Mann für die ihre Kinder sucht und deren Ehe arrangiert. Dies führt in der Familie Koppelmann zu sehr viel Streit, denn alle vier Söhne wollen selbst entscheiden und legen sich mit ihrer Mutter Bruche an und "Jedes Mal tröstete sie sich damit, dass sie sich in jedem Fall auf ihre Tochter verlassen konnte. Hannah würde niemals Schande über die Eltern bringen. Hannah würde nie gegen den Willen ihrer Eltern handeln. Hannah würde ihrer Mutter nicht auf die gleiche Weise trotzen wie ihre Brüder. Hannah würde sie niemals im Stich lassen." Oder etwa doch?
1936 fanden Hannahs Eltern endlich mit Francois die passende Partie für ihre 15jährige Tochter, eine vornehme Pariser Familie sollte es also sein, die die Ehre und jüdische Tradition der Familie retten sollte. Aber da wussten sie noch nichts von Aksel, Hannahs heimlicher Liebe, die sie eines Abends beim Ausgehen mit ihrer Freundin Elisabeth kennenlernte...

Während die Welt langsam das Ende der Wirtschaftskrise erreicht, kommt es in Deutschland zu großen Veränderungen. Die Deutschen "wählen so einen Verrückten und überlassen ihm die gesamte Demokratie" und es sollte nicht allzu lange dauern, bis auch in Dänemark die Nationalsozialistische Arbeiterpartei gegründet wurde, die Nazis Einfluss gewannen und auch die Deutschen die Neutralität Dänemarks nicht länger respektieren würden. Die Invasion Dänemarks stand unmittelbar bevor. Für Hannah und ihre Freunde stand fest, sie wollten Widerstand leisten, brachen in Geschäfte von Unterstützern der Deutschen ein, zündelten mit selbstgebauten Bomben.

"Wie so viele andere Juden im Laufe der Geschichte gingen sie davon aus, dass schon alles gut werden würde, solange man nur auf sich, seine Geschäfte und seine Familie aufpasste. Die jüdische Gemeinde erwartete, dass Dänemark sich schon um seine Bürger kümmern würde - auch um die dänischen Juden. Das Leben musste so normal wie möglich weitergehen, davon waren die meisten überzeugt, auch bei den Koppelmanns."

... bis dann die Unruhen stärker wurden, die Deutschen Listen über sämtliche dänische Juden stahlen und auch die dänischen Juden zur Flucht gezwungen wurden. Was dann folgt ist ein ungewisses Schicksal mit vielen herben Enttäuschungen, Hannah muss sehr viel zurückstecken und ja, als der Krieg vorbei ist, unterwirft sie sich wirklich den Wünschen ihrer Eltern, doch Aksel und die Musik kann sie nie so ganz vergessen.

Ich könnte nun noch ewig weitererzählen, denn dieses Buch hat so einiges zu bieten. Sehr interessant fand ich dabei den Blick auf Dänemark und Frankreich während Hitlers Machtergreifung und deren Folgen. Auch über die jüdischen Traditionen habe ich in dieser Form noch nie etwas gelesen. Die stete Verbindung zur Musik, diese große Familie mit ihren so komplett unterschiedlichen Charakteren, Hannahs Leben, ihre Träume und Wünsche, ihre Aufopferung für die Familie, diese Wut und Enttäuschung, diese hoffnungslose Liebe, die sich durch all die Jahre und den Krieg zieht... ich habe Hannahs Lebens- und Leidensweg so gefühlt und finde die Art und Weise dieser Erzählung einfach besonders. Bis zuletzt habe ich für Hannah gehofft, dass sie ihren ursprünglichen Traum Pianistin zu werden irgendwie erreichen kann, sie kämpft immer wieder dafür und muss viel zu oft zurückstecken oder sich ihren Brüdern, der Ehe und ihrem Mann... unterordnen. Durch die etwas mehr als 500 Seiten bin ich an einem Wochenende nur so geflogen und wollte mich auch durch nichts anderes mehr ablenken lassen. Ein ganz großer Wurf, dem ich wirklich noch viel mehr Leser
innen wünsche.

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Veröffentlicht am 22.04.2024

Was für eine (Wieder-)Entdeckung!

Nachbarn
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Warum ich diesen Kurzgeschichtenband so mag? Um es mit Tayari Jones Worten zu sagen (Nachwort, Ü: Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg): "Oliver zeigt ein beeindruckend vielschichtiges Verständnis für ...

Warum ich diesen Kurzgeschichtenband so mag? Um es mit Tayari Jones Worten zu sagen (Nachwort, Ü: Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg): "Oliver zeigt ein beeindruckend vielschichtiges Verständnis für die Bandbreite Schwarzen Lebens in den Südstaaten. Sie gewährt Einblick in das Leben einer Frau in prekären Umständen, die viele Meilen zu Fuß geht, um ihre Kinder zum Arzt zu bringen. Sie kann sich in ein Paar einfühlen, das vom Rassismus zu einem Leben im Wald getrieben und dann von mörderischer Wut erfasst wird. Sie weiß, warum notleidende Familien alles verkaufen, um sich Zugfahrkarten in den Norden leisten zu können, auch wenn sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Sie kann aber auch das Innenleben einer Arztgattin schildern, die gezwungen ist, eine missmutige Stieftochter zu beherbergen, gerade als das Zusammenleben von Schwarz und Weiß überall neue Formen annimmt." Und diese Vielschichtigkeit ist es dann unter anderem auch, die diese Kurzgeschichtensammlung oder besser gesagt den Nachlass von Diane Oliver für mich so faszinierend macht. Zuerst hatte ich beim Lesen noch Bilder des Filmes "The Help" vor Augen, betrübte Szenen einer sehr deutlichen, harten Klassengesellschaft, die auf Äußerlichkeiten, Herkunft und Abstammung beruht, aber umso mehr ich von Olivers Worten, den beschriebenen Charakteren und Lebensverhältnissen eingenommen wurde, umso mehr vergaß ich die äußerlichen Gegebenheiten und Zuschreibungen und fühlte diese Tiefe, die so viel Trauer, Angst, Sorgen, Hoffnung und ein Leben(-skampf) offenbart, das(den) man sich als toleranter, weißer Mensch so gar nicht vorstellen mag. Es ist hart zu lesen, obwohl man bei diesen kurzen Szenen und Einblicken in die verschiedensten Lebensverhältnisse Schwarzer nie so wirklich den Ausgang ihrer Geschichte erfährt... aber vielleicht muss man das auch gar nicht, denn viele der beschriebenen Probleme existieren auch heute noch, mehr als 60 Jahre später. Und das obwohl man eigentlich denkt, es hätte sich auf der Welt im Laufe der Zeit viel getan, aber Rassismus, Ausgrenzungen, Ver- und Beurteilungen, unterschiedliche Behandlungen und und und sind auch heute noch allgegenwärtig.

Ich kann gar nicht sagen, welche der vierzehn Kurzgeschichten meine liebste ist, denn auch wenn sie alle ihren eigenen Rahmen und Charaktere haben, so gehen sie doch an einigen Stellen nahtlos ineinander über. In der titelgebenden Geschichte "Nachbarn" beleuchtet Oliver z.B. die Sorgen der Nachbarn, Freunde und Familie eines Kindes, das nach Aufhebung der Rassentrennung an eine weiße Schule gehen soll und schon im Vorfeld große Widerstände zu spüren bekommt. Und selbst wenn dieses 'Vorhaben' gelingt und als Fortschritt gesehen werden kann, so ist es Winifred, die gleich in der darauf folgenden Geschichte, die einzige Schwarze am College ist und sehr unter ihren Mitschülerinnen leidet, von ihnen fast schon als Ausstellungobjekt angesehen wird, bis sie "nicht [mehr] genug für ihr College" ist und abreist. Es sind so diese kleinen Szenen und ihre Folgen, die doch von so viel mehr erzählen, die eigentlichen Held*innengeschichten bereithaltenden und dabei den Druck der (weißen) Gesellschaft nie aus den Augen verlieren.
Sehr klug, weniger erklärend und doch so allumfassend, politisch, gesellschaftlich, wie menschlich... ein wirklich rundum großes Leseereignis, das mich noch lange beschäftigen wird, meine nun mal sehr weiß geprägte Sicht auf die Welt erneut bereichert hat, mich getroffen hat. Ich möchte nun eigentlich nicht "großes Kino" sagen, denn dafür sind die beschriebenen Lebensumstände viel zu real und doch ist das beim Lesen entstehende, imaginäre Bild so ergreifend, mitreißend und intensiv, dass es die beste Umschreibung wäre, die mir dazu einfällt. Schade nur, dass Diane Oliver das selbst nun alles nicht mehr miterleben kann und ein Unfall sie so früh aus dem Leben riss... was hätte da noch alles folgen können. "Nachbarn" von Diane Oliver - eine überraschend große Empfehlung!

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