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Veröffentlicht am 27.05.2019

New Life in New York

Eine eigene Zukunft
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Emilio Arenas aus Malaga hält es nie lange bei seiner Familie in Andalusien. Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Welt, immer kehrt er wieder, ist kurze Zeit Teil der Familie, zeugt ein Kind, um dann ...

Emilio Arenas aus Malaga hält es nie lange bei seiner Familie in Andalusien. Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Welt, immer kehrt er wieder, ist kurze Zeit Teil der Familie, zeugt ein Kind, um dann wieder an der Pier zu stehen, auf in den nächsten weit entfernten Winkel der Welt. Zurück bleiben seine Frau Remedios und irgendwann drei Töchter.
Auf sich alleine gestellt, aber Teil der spanischen weiblichen Gemeinschaft aus Müttern und Schwiegermüttern, Nachbarinnen und Cousinen. Anfang der 1930er Jahre fasst er schließlich in New York Fuß, die spanische Gemeinde rund um die Cherry Street in Midtown Manhattan wird tatsächlich so etwas wie ein Zuhause. 1936 bucht er Schiffspassagen für seine Frau und seine drei mittlerweile fast erwachsenen Töchter Victoria, Mona und Luz. Er übernimmt ein einfaches spanisches Lokal, „El capitan“, das Grundlage für das zukünftige Leben der Familie sein soll. Seine drei Töchter sind alles andere als begeistert von dem neuen Leben in Amerika, Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder zurück in die spanische Heimat zu reisen, insbesondere als Emilio einem Unfall zum Opfer fällt.
Doch dann kommt alles anders: plötzlich sind sie Teil eines Schadensersatzverfahrens bedingt durch den Tod des Vaters, das ihnen plötzlich große finanzielle Möglichkeiten verspricht. Doch wollen sich dubiose Anwälte ihre unglückliche Lage zu Nutze machen. Außerdem müssen die drei überlegen, wie sie künftig für den Unterhalt sorgen. Einerseits wollen sie nicht Fuß fassen in der neuen Welt, andererseits sind sie gezwungen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, und plötzlich entstehen Träume und Wünsche, Pläne und Verbindungen. So stark der familiäre Zusammenhalt der drei Schwestern ist, so unterschiedlich sind sie in ihren Charakterausprägungen. Mona, die mittlere ist eindeutig die überlegteste, analytischste der drei, sie entwickelt quasi den Businessplan für den neuen „capitan“ : für die Töchter des Kapitäns „Las hijas de capitan“ wie das neue Lokal heißen soll, ein Nachtklub mit Gesang und Tanz, Flamenco und coplas. Luz lebt für die Musik, das Schauspiel und es dauert nicht lange, bis andere auf ihr Talent aufmerksam werden, ihr vieles versprechen, doch wenig für sie tun. Victoria ist mir immer ein wenig passiv vorgekommen. Sie fügt sich, sie hilft, steht auch meist der Mutter zur Seite – und geht schließlich den ersten Schritt der drei, in dem sie eine Ehe eingeht. Das ist das Ziel der Mutter für alle drei: möglichst schnell einen Mann finden, ebenfalls Spanier und dann zurück nach Andalusien. Die Idee, einen Nachtklub aus dem capitan zu machen, für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Doch mit der Zeit bemerken die Töchter das auch irgendwann, dass sie ihre „eigene Zukunft“ bauen müssen und die scheint dann doch in Amerika zu liegen, an der Seite selbst gewählter Männer und selbst gewählter beruflicher Zukunften.

Maria Duenas hat einfach ein Händchen – oder ein Herzchen? – für wundervolle Figuren, starke Persönlichkeiten und ein Gespür für Familien – und Gesellschaftsstrukturen. Ein bisschen Sozialgeschichte, ein bisschen Politik, so wie im richtigen Leben greift alles ineinander. Umfeld und Umwelt sind untrennbar mit dem Denken und Handeln der Protagonisten verknüpft. Wie schon in ihrem Roman „Wenn ich jetzt nicht gehe“ fallen insbesondere wieder die unglaublich guten Schilderungen von Orten, Atmosphäre und Menschen auf. Man erlebt das quirlige Manhattan, die spanischen Nachbarn, die aufeinander einbrüllenden Schwestern, die zänkische Dona Maxima und die verliebten, gut angezogenen männlichen Nebencharaktere so hautnah, als sähe man sie auf einer Leinwand vor sich. Dadurch entsteht für mich ein unheimlich großer Lesegenuss, der auch dieses Mal wieder aufgefangen wird von einer wirklich ebenso spannenden Handlung, denn die Schwestern erleben so einiges, bevor klar ist, das sie in Amerika wirklich angekommen sind, wie und mit wem sie ihr Leben fortan bestreiten werden.

Fazit: Maria Duenas ist eine große Erzählerin. Ich hoffe sie findet noch viele zeitgenössische oder historische Schauplätze für ihre Ideen. Auch hier erzählt sie eine einfach runde, lesenswerte Geschichte. Ohne Kitsch, ohne langwierige Verstrickungen – aus dem Leben.

Veröffentlicht am 27.05.2019

Auf der Suche und auf der Flucht

Dschungel
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Felix ist sein Freund, sein bester Freund, schon seit die beiden sieben Jahre alt waren. Eine Freundschaft, die mit einem Faustschlag begann, den der namenlose Ich-Erzähler Felix verpasst hat. Später kommt ...

Felix ist sein Freund, sein bester Freund, schon seit die beiden sieben Jahre alt waren. Eine Freundschaft, die mit einem Faustschlag begann, den der namenlose Ich-Erzähler Felix verpasst hat. Später kommt es dem Leser so vor, als ob dies vielleicht das letzte Mal war, dass er sich zur Wehr gesetzt hat. Denn diese Freundschaft ist nicht auf gleicher Augenhöhe, Felix gibt den Ton an, ist der „Bestimmer“, manchmal so sehr, dass man es kaum ertragen kann, dass man den Erzähler schütteln möchte und anbrüllen „sei nicht so passiv“, „warum tust du das“, „warum lässt du das mit dir machen“ – egal ob mit 7, 9, 11, 13 oder 15 – interessanterweise sind die Rückblenden meist in diesen zwei Jahresabständen eingestreut. Der Blödsinn, den die beiden machen, ändert sich, nie das Kräfteverhältnis, nie, wer die antreibende Person ist.
Jetzt, in der Gegenwart, ist Felix verschwunden, in Kambodscha, einfach so. Und wieder sorgt er dafür, dass der Erzähler für ihn agieren muss und sich auf die Suche macht. Ein Mensch, der zuvor, und zwar genau einen Tag zuvor, erst das zweite Mal in seinem Leben geflogen ist, macht sich auf den Weg nach Südostasien. In eine andere Welt, ein heftiges Klima, in die Welt der Backpacker und Hippies und beginnt mit einer Suche am letzten bekannten Ort, von dem aus Felix sich gemeldet hatte. Und man sitzt als Leser da und schüttelt den Kopf, weil man es einfach nicht verstehen kann, dass er überhaupt aufgebrochen ist. Nach nicht mal einem Tag Vorbereitung, ohne Landeskenntnisse, ohne Plan (der Pedant in mir schreit: ohne Impfung, ohne Visum?), ohne die passende Persönlichkeit. Er ist noch nie mit dem Rucksack in einem fremden Land unterwegs gewesen, er hasst es, mit fremden Menschen zu sprechen. Was muss ihm diese Freundschaft bedeuten, dass er all das auf sich nimmt? Und angesichts der Tatsache, wie wir diese Freundschaft vorgeführt bekommen, die einem doch mehr als fragwürdig erscheint, die ausnutzend ist, mitunter einfach gemein, oder um es mit der Freundin des Erzählers zu sagen: Felix tut dir leid – im Sinne von er tut dir Leid an, ist es noch unverständlicher. Lange habe ich darauf spekuliert, dass diese Freundschaft eigentlich eine Liebesbeziehung ist, mit unausgesprochenen Konflikten. Lange habe ich gedacht, ich beginne diese Rezension in Form eines Briefes an Felix: „Lieber Felix, du schlechter Mensch (kann gerne durch ein beliebiges Schimpfwort ersetzt werden), was glaubst du eigentlich, was du da tust?“ – Und dann passiert etwas. Wenige Seiten vor Schluss gibt es eine Wendung, die alles auf den Kopf stellt, Opfer und Schuld und Verhalten und Zukunftspläne und einfach alles so dermaßen durchrüttelt, und man dann da sitzt und vollkommen anders auf vieles schaut, was man während der letzten zwei Tage gelesen hat.
Ich bin ganz ehrlich, ich mochte das Buch in vielerlei Hinsicht während des Lesens überhaupt nicht. Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, wie man sich an einen Menschen hängt, der einem so offensichtlich immer wieder schadet, einen benutzt, einfach nicht gut tut. Im Nachhinein muss ich natürlich sagen, dass, ohne diese Antipathie, die sich in mir aufbaute, mich der Twist am Ende natürlich auch nicht so knallhart erwischt hätte, in diesem Sinne ist es dann wohl doch eher Chapeau, Herr Karig, großartige Konstruktion. Im Übrigen, genau wie die Sprache des Autors, die auf mich mitunter einen ganz besonderen Sog ausgeübt hat. Karig setzt kraftvolle, plastische Bilder ein, die entweder fast körperlich erlebbar erscheinen, Farben, Klima, Geräusche, Gerüche oder Vergleiche, die man fast auf T-Shirts drucken möchte in ihrer treffenden Einfachheit, ihrer Ironie oder ihrer Intensität. Einer meiner Favoriten: „Der Nachmittag zerfloss wie warme Schokolade in der Hosentasche. Klebrig. Ohne Anfang und Ende.“ (S. 70)
Fazit: Wortgewaltig, mitunter sperrig, manchmal etwas nervend aufgrund der Nicht-Nachvollziehbarkeit, großartig konstruiert. Mit einem Satz: ein überraschendes und dadurch dann umso beeindruckenderes Lesehighlight, aufgrund des Endes und der damit möglichen Re-Interpretation und zwangsläufigen Revision des während des Lesens an sich gewonnenen Eindrucks.

Veröffentlicht am 27.06.2024

Irgendwie murmelig

Mutmurmeln für den ersten Schultag
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…kann es einem ja schon im Bauch werden, wenn plötzlich die Kindergartenzeit vorbei ist und die große neue Unbekannte Schule auftaucht. So geht es auch Linus, doch zum Glück hat er Freundin Lolle an seiner ...

…kann es einem ja schon im Bauch werden, wenn plötzlich die Kindergartenzeit vorbei ist und die große neue Unbekannte Schule auftaucht. So geht es auch Linus, doch zum Glück hat er Freundin Lolle an seiner Seite, die hat nämlich immer irgendeine Idee. Und so auch diesmal, schnell findet sie die Lösung: gegen murmelige Gefühle im Bauch helfen Mut-Murmeln, die kann man nämlich aufladen mit lauter mutigen Sachen, die man sich traut und wenn man dann in der Schule ein wenig Mut benötigt, dann gibt die das einfach wieder ab und schon ist das alles nicht mehr so schwer und man kann voller Vorfreude starten. Als dann der 1. Schultag kommt, gibt es eine große Überraschung für Linus und alle anderen in der Klasse – und eine Menge Mut!
Sehr schöne Idee, mit farbenfrohen Illustrationen umgesetzt und sicherlich ein hilfreiches Buch für viele Schulanfänger. Die Idee der Mut-Murmel, der Visualisierung eines beruhigenden Talismanes an sich finde ich grandios, Lolles Ideen zum Aufladen der Murmeln nicht alle, z.B. ist mir das Klingeln und Veralbern des Nachbarn überhaupt nicht sympathisch, dies ist allerdings auch schon mein einziger Kritikpunkt.
Fazit: sehr schön gestaltetes Bilderbuch mit einer guten Idee, die kleinen Schulanfängern zeigen kann, was sie sich alles schon trauen und das die Schule zwar etwas Neues, aber nichts Angsteinflößendes sein muss, wenn man sich an etwas, gedanklich oder für Kinder in dem Alter natürlich im wahrsten Sinne viel greifbarer, tatsächlich, festhalten kann.

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Veröffentlicht am 27.06.2024

Eine tolle Wundertüte

Das dicke Quatsch-Rätselbuch
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Ein richtig, im absolut besten Sinne, voll gepacktes Buch! Unzählige kleine Rätsel, Wimmelbilder, kurz Aktivitäten aller Art warten hier auf ein Kind mit ein bisschen Langeweile oder einfach nur viel Freude ...

Ein richtig, im absolut besten Sinne, voll gepacktes Buch! Unzählige kleine Rätsel, Wimmelbilder, kurz Aktivitäten aller Art warten hier auf ein Kind mit ein bisschen Langeweile oder einfach nur viel Freude am malen, knobeln, Aufgaben lösen. Die Bandbreite deckt dabei den kompletten „Vorschulbereich“ gut ab, neben humorvollen Suchaufgaben gibt es Zuordnungen, Vergleiche, Schwungübungen, Zählaufgaben und vieles mehr. Den Altersbereich von 4- 6 Jahren finde ich perfekt getroffen und ich denke die meisten Aufgaben dürften mit minimalster Hilfestellung, evt. nur dem Vorlesen der Aufgabenstellung, schon alleine und erfolgreich bewältigt werden können und für eine Menge Beschäftigung und Zeitvertreib sorgen. Die Gestaltung ist äußerst farbenfroh und altersgerecht, Größe und Aufmachung entsprechen einem stabilen Malbuch und auch das passt wunderbar.
Fazit: ich bin begeistert von der Vielfältigkeit des Inhalts, da wird große Begeisterung aufkommen!

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Veröffentlicht am 29.11.2024

Die Brüder von Os

Der König
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Nesbo liefert mit „Der König“ die Fortsetzung zu seinem Roman „Ihr Königreich“. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Kenntnis des ersten Bandes tatsächlich nicht zwingend erforderlich ist. Es wird ...

Nesbo liefert mit „Der König“ die Fortsetzung zu seinem Roman „Ihr Königreich“. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Kenntnis des ersten Bandes tatsächlich nicht zwingend erforderlich ist. Es wird ausreichend (aber auch nicht zu viel) Bezug auf die Handlungen des Vorgängers genommen, so dass man der aktuellen Handlung problemlos folgen kann, die acht Jahre später einsetzt.
Einiges hat sich getan in Os und bei den Brüdern Opgard. Carls Spa und Hotel ist in Betrieb, Roy ist Besitzer der Tankstelle, einiger Immobilien und einer Gaststätte. Die Bewohner haben sich nicht oder nur in beschränktem Rahmen verändert, genau wie die merkwürdige Beziehung der beiden Brüder untereinander, die ich überhaupt nicht wirklich klassifizieren kann, sondern die Nesbo so vielschichtig problematisch aufgebaut hat, dass sie auch hier natürlich das beherrschende Thema des Plots darstellt. Neues bringt der König daher für mich nicht wirklich und ehrlich gesagt, hält sich auch die Spannung in Grenzen. Das Interessante und die Qualität liegt für mich tatsächlich in der Darstellung des Sozialgefüge des Ortes (Roy und Carl, Kurt Olsen, Rita Willumsen, Mari Aas, Natalie Moe…) und die zwischenmenschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten, das Falschspiel, die Beeinflussung und die absolut problematische Tendenz zur finalen Lösung für jedwedes Hindernis mit dem immerwährenden määandrierenden Verhältnis der Brüder zwischen Liebe, Zwist, Neid und Niedertracht.

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