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Veröffentlicht am 16.03.2025

Menschen auf der Brücke

Die Brücke von London
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Die Brücke von London („London Bridge“) wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet. Etliche Häuser stehen darauf, es ist fast eine eigene Stadt. Hier geht es um eine frisch verwitwete Händlerin, die im 18. ...

Die Brücke von London („London Bridge“) wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet. Etliche Häuser stehen darauf, es ist fast eine eigene Stadt. Hier geht es um eine frisch verwitwete Händlerin, die im 18. Jahrhundert auf der Brücke ihr Geschäft hat, und um zwei Schwestern, die zur Zeit des ersten Brückenbaus lebten.

Der Stil dieses Autors hat mir besondere Freude bereitet. Die Sprache ist wunderbar zu lesen. Die Figuren werden liebevoll geschildert, und die meisten von ihnen sind ein bisschen seltsam. Man kann gut mit ihnen mitfühlen. Bis in die Nebenfiguren hinein sind die Charaktere interessant und scharf gezeichnet. Ich hatte fast den Eindruck, ein neues Buch von Charles Dickens zu lesen. Das ist kein Zufall: Der Autor ist Spezialist für englische Literatur. Sein Protagonist heißt Oliver.
Die Geschichte ist sehr spannend und schildert anschaulich die sozialen Ungleichheiten jener Zeit. Die kleinen Leute sind die Guten, es sei denn sie sind allzu arm, so wie eine Gruppe von Straßenkindern, die nur mit Betrügereien überleben können. Sie legen einen besonderen Einfallsreichtum an den Tag, der die Geschichte und die Rettung der Hauptperson vorantreibt.
Eine besondere Lesefreude, für die man sich getrost Zeit nehmen sollte. Zu schade für „zwischendurch“.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Das Leben nach seinem Tod

Von hier aus weiter
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Marlenes Ehemann Rolf war schwer an Krebs erkrankt, als er Suizid beging. Marlene bleibt allein zurück. Tragischer kann eine Geschichte kaum anfangen. Doch Marlene findet ins Leben zurück.
Wie erleben ...

Marlenes Ehemann Rolf war schwer an Krebs erkrankt, als er Suizid beging. Marlene bleibt allein zurück. Tragischer kann eine Geschichte kaum anfangen. Doch Marlene findet ins Leben zurück.
Wie erleben diese Entwicklung aus Sicht von Marlene selbst. Ihre Verzweiflung ist sehr glaubwürdig, und ihre Resignation ist es ebenfalls. Was sie tut und nicht tut, kann man gut nachfühlen. Sie gerät in schräge, fast witzige Situationen, neben aller Tragik. Dieses Nebeneinander funktioniert, und es macht das Besondere dieses Buches aus.
Nach ziemlich schrägen Anfangsszenen in der Toilette eines Gasthofes entsteht der Eindruck, das Ganze sei doch ein wenig vorhersehbar: Als ein ehemaliger Schüler von Marlene auftritt und kurzerhand bei ihr einzieht, bringt er neue Aspekte in ihr Leben und kommt ihr auch menschlich etwas näher. Doch er bleibt eine Nebenfigur und lässt ihr Raum, ihr und ihrem Schmerz. Eine frühere Freundin von Marlene hört nicht auf, Kontakt zu ihr zu suchen und hat schließlich eine Überraschung für sie. Damit wird eine wunderschöne Versöhnung mit der Katastrophe um den Verstorbenen möglich.
Die Autorin hat es geschafft, aus einem höchst tragischen Setting eine Wohlfühlgeschichte zu machen, die glaubhaft ist und überrascht. Bravo!

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Veröffentlicht am 06.12.2024

Fesselnd erzählt

Die Tochter der Drachenkrone
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Die Autorin schrieb schon einige Romane, die im mittelalterlichen Wales an den Fürstenhöfen spielen und das Leben historischer Persönlichkeiten schildern. Hier steht eine starke Frau im Mittelpunkt: Gwenllian ...

Die Autorin schrieb schon einige Romane, die im mittelalterlichen Wales an den Fürstenhöfen spielen und das Leben historischer Persönlichkeiten schildern. Hier steht eine starke Frau im Mittelpunkt: Gwenllian ferch Rhys.
Die Lebensgeschichte der Gwenllian ist fesselnd und emotional erzählt. Als kleines Mädchen und Tochter eines großen Fürsten erlebt sie furchtbare Demütigungen und Kriege. Ihre Brüder bekämpfen einander, und sie selbst muss Position beziehen. Das Leben der Fürsten besteht aus Bündnissen und Kriegen, die immer wieder neu aufflammen. Gwenllian lehnt es ab, sich nur zu Bündniszwecken zu verheiraten. Sie hat das seltene Glück, eine große Liebe zu finden, die auch noch in die fürstliche Politik passt. Aber von schlimmen Erfahrungen bleibt sie nicht verschont.
Die Hauptperson entwickelt sich vom radikalen Kind zu einer reifen Frau. Durch eigene Kinder verschieben sich ihre Wertigkeiten und sie schafft es, Bündnisse und Freundschaften mit dem Feind einzugehen, um zu überleben und um den Frieden zu sichern. Ihre Entwicklung und ihr Charakter sind glaubhaft und sympathisch - sie könnte eine Frau von heute sein.
Detailreich wird auch die Lebensweise geschildert: Frauen und Männer leben getrennt von einander, selbst Eheleute treffen sich nur am Abend. Geiseln werden im Rahmen der Bündnispolitik freiwillig gegeben: Nur wenn sich der „Bündnispartner“ gut benimmt, erhält er sein Familienmitglied unverletzt zurück, auch wenn das Jahre dauert. Und selbst bei ihren eigenen Brüdern ist Gwenllian nicht vor Überraschungen sicher.
Eine ganz normale Frauengeschichte aus einer fremden Zeit, mitreißend erzählt. Weil ich wirklich abtauchen konnte, vergebe ich hier alle fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 24.07.2024

Feines für Fans

Die Legenden der Albae - Dunkles Erbe
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Die Stadt der Albae ist zerstört. Heimlich lebt hier noch ein einzelner Alb mit seiner Familie, um die Seelen der Verstorbenen mit Kunstwerken zu ehren. Doch sie werden von Zwergen entdeckt. In der Stadt ...

Die Stadt der Albae ist zerstört. Heimlich lebt hier noch ein einzelner Alb mit seiner Familie, um die Seelen der Verstorbenen mit Kunstwerken zu ehren. Doch sie werden von Zwergen entdeckt. In der Stadt Brandenwell leben Albae versteck unter Menschen, doch auch hier werden sie aufgescheucht. Die Albae sind Meister der Intrige, sie sind grausam und sie lieben die Kunst. Diese stellen sie vorzugsweise aus Teilen lebender Wesen her: Skulpturen aus Knochen, Leinwand aus Haut und Malfarbe aus Blut.

Die Hauptpersonen der Geschichte - die einzelnen Albae - sind ganz und gar keine Sympathieträger. Es sind zwielichtige, komplexe Figuren, und bei aller Grausamkeit führen viele ein friedliches Familien- und Gemeinschaftsleben. Doch sie sind auch immer wieder für eine Überraschung gut; wer hier wen betrügt, das erschließt sich von Seite zu Seite neu. Aber der Autor schafft es, dass man mit ihnen mitfühlt, ohne dass man allzu traurig wäre, wenn der Schurke, denn das sind sie fast alle, endlich sein verdientes Ende findet.
Der Stil ist atmospärisch dicht und düster. Von der bildhaften, malerischen Sprache ist man von Anfang an gefesselt. Fantasy und speziell ihre dunkle Seite ist ein Spezialgebiet von Markus Heitz. Er hat uns schon viele Bände lang aus dem Geborgenen Land erzählt, vor allem von den Zwergen, aber auch von den Albae. Einige Figuren aus früheren Geschichten treten wieder auf, aber die meisten sind ganz neu. Das Buch ist für einen Einstieg durchaus geeignet. Hilfreich sind Personen- und Stichwortlisten zum Nachschauen sowie eine Karte des Geborgenen Landes. Aber man muss schon aufpassen, dass man sich die ungewöhnlichen Namen richtig merkt.
Ein Buch das genau das bietet, was es verspricht: spannende Dark Fantasy.

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Veröffentlicht am 30.06.2024

Meisterlich

I walk between the Raindrops. Storys
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Die Geschichten wurden fast alle schon in amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht, hier nun in deutscher Übersetzung. Boyle ist ein begnadeter Autor. Er erfreut im Lesefluss immer wieder mit überraschenden ...

Die Geschichten wurden fast alle schon in amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht, hier nun in deutscher Übersetzung. Boyle ist ein begnadeter Autor. Er erfreut im Lesefluss immer wieder mit überraschenden Sichtweisen und Formulierungen, bei denen man noch einmal genau hinschaut.
Eigentlich schreibt Boyl historische Romane, gern über berühmte Persönlichkeiten. Aber das sind wir eigentlich alle – berühmte, und bald historische Persönlichkeiten. Denn Boyles Lieblingsthemen sind die Zerstörung unserer Umwelt, der Klimawandel und unsere Distanz zur Natur, die wir doch lieben. Wir, die wir Geschichten wie diese lesen, spüren nur entfernte Auswirkungen des Elends, das unsere Lebensweise verursacht. Wie Regentropfen, die im Titel vorbeifallen, treffen uns diese Katastrophen nicht.
In den Geschichten geschehen Dinge, für die niemand wirklich etwas kann, und die trotzdem schräg und verrückt sind – und oftmals sehr schmerzhaft. Aber manchmal können wir wenigstens einen Hund retten.

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