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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.04.2025

Unterhaltsamer Einblick in den Alltag der Langzeitpflege

Das Herz kennt keine Demenz
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In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich ...

In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich immer als unvorstellbares Tätigkeitsfeld abgelehnt hat. Damit nicht genug, ausgerechnet die Arbeit mit dementen Menschen liegt ihm besonders am Herzen.

Anhand vieler Einzelbeispiele vermittelt er ein stimmiges Bild von den Menschen und Situationen, mit denen er zu tun hat. Frau Tippelkamp ist der Name, den er für alle Bewohnerinnen verwendet, obwohl es sich nicht um eine einzelne Person handelt.

Jim Ayag verschweigt nicht, dass es auch unangenehme und schwierige Situationen gibt, aber er betont die Anteile, die meist nicht gesehen werden. Altenpflege ist eben nicht nur Körperpflege, es gibt viele berührende Momente, auch wenn der Zeitdruck enorm ist.

Wichtig ist, die Menschen mit ihrer Biografie und in ihrer aktuellen Verfassung ernst zu nehmen und Mitgefühl zu haben. Er gibt etliche Beispiele, die im Umgang mit dementen Menschen aus Unwissenheit zu Problemen führen, die es nicht geben müsste. So ist es nicht notwendig, in Erzählungen Fehler zu korrigieren oder ständig zu widersprechen. Damit verunsichert man einen desorientierten Menschen zusätzlich. Gerade Angehörigen fällt es aber schwer, das zu akzeptieren.

Neben der Schilderung der Arbeit mit den zu Pflegenden wirbt Jim Ayag auch für ein anderes Miteinander der Beschäftigten in der Pflege. Gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichen Professionen sowie der geleisteten Arbeit der Kolleg:innen müssen an die Stelle von Geringschätzung und Abwertung treten.

Die Überalterung der Gesellschaft mit der sicheren Zunahme von pflegebedürftigen und dementen Menschen wird zu einem riesigen Problem in der Betreuung führen, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. Ein anderes Bewusstsein und mehr Wertschätzung für Menschen am Ende des Lebens ist eine zentrale Forderung in diesem Buch.

Mich haben etliche Beispiele und Forderungen in diesem Buch sehr nachdenklich gestimmt, bei anderen musste ich lachen, weil ich ähnliche Situationen erlebt habe.

Als Einstieg in das Thema und für Angehörige, die betroffen sind, kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es ist kein wissenschaftliches, trockenes Sachbuch, sondern ein leicht lesbarer Einblick eines Praktikers in den Alltag der Langzeitpflege.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.01.2025

Von der Zweckgemeinschaft zur Wahlfamilie auf Zeit

Wohnverwandtschaften
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Constanze ist Zahnärztin und hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie noch nicht bereit ist, sich endgültig festzulegen. Weil sie in Hamburg keine Wohnung findet, greift sie zu einer ungewöhnlichen ...

Constanze ist Zahnärztin und hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie noch nicht bereit ist, sich endgültig festzulegen. Weil sie in Hamburg keine Wohnung findet, greift sie zu einer ungewöhnlichen Notlösung und zieht in eine WG.
Jörg, der Wohnungseigentümer, ist 68 und trauert seiner verstorbenen Frau nach. Um eine große Reise zu finanzieren, hat er zwei Zimmer bereits an Anke, eine 53jährige Schauspielerin ohne Engagement und Murat, einen IT-Experten vermietet. Er war es auch, der Constanzes Wohnungsgesuch gelesen und seine Mitbewohner:innen überredet hat, sie in die Wohnung aufzunehmen. Besonders Anke tut sich schwer damit, eine weitere Frau in dem eingespielten WG-Alltag zu akzeptieren.
Bindeglied in dieser ungewöhnlichen WG ist eindeutig der immer gutgelaunte, fürs leibliche Wohl zuständige Murat. Aus dem selbst angebauten Gemüse zaubert er die gemeinsamen Mahlzeiten der vier Bewohner:innen. Er schafft es auch, dass die eher konservative Constanze etwas lockerer wird und es gar nicht mehr so wichtig findet, schnell eine eigene Wohnung zu finden. Aber natürlich bleibt es nicht so unbeschwert, denn Anke hat zunehmend auch finanzielle Probleme und Jörg wird nach einer OP immer vergesslicher.

Zwei Jahre lang begleitet man diese vier Menschen, die der Zufall zu einer Gemeinschaft zusammengefügt hat. Es gibt die gemeinsamen Szenen, in denen aus der Sicht aller erzählt wird. Meist sind es aber Szenen aus der Sicht der einzelnen WG-Mitglieder, die auch stilistisch so beschrieben sind, dass die Charaktere sich deutlich unterscheiden und ihre aktuellen Gedanken, Gefühle und Sorgen fühlbar werden.
Jörg, der so große Pläne hat und seiner geliebten Brigitte nachtrauert. Der dann immer mehr vergisst, als Journalist Worte nicht findet und schließlich zunehmend Hilfe benötigt.
Murat, der das Leben liebt und genießen will, ein bisschen oberflächlich wirkt und von den Veränderungen emotional doch am meisten mitgenommen wird.
Anke, die leidet, weil sie aufgrund ihres Alters keine Engagements bekommt und dann doch neue Perspektiven für sich findet. Gleichzeitig aber auch die ist, die lange Zeit die größte Last in der WG trägt.
Constanze, die eher spröde und ein bisschen spießig ist. In der WG taut sie auf, wird Teil dieser Gemeinschaft aus Menschen, die sie normalerweise wohl so nie in ihr Leben gelassen hätte.

Trotz des durchaus ernsten Hintergrundes liest sich Wohnverwandtschaften leicht und unterhaltsam, ein Buch, das auch Hoffnung macht. Der zweite Roman der Autorin, den ich gelesen habe, wird sicher nicht mein letzter von ihr sein. Eindeutige Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 17.11.2024

Ungewöhnlicher Bericht über Verlust und Trauer und Trost durch die Natur

Das Igel-Tagebuch
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Die britische Journalistin Sarah Sands hat in diesem wunderschön gestalteten Memoir die letzten Monate mit ihrem Vater festgehalten. Während er immer schwächer wird und sein Leben sich offensichtlich dem ...

Die britische Journalistin Sarah Sands hat in diesem wunderschön gestalteten Memoir die letzten Monate mit ihrem Vater festgehalten. Während er immer schwächer wird und sein Leben sich offensichtlich dem Ende zuneigt, sorgt sie sich gleichzeitig um ein junges Igelweibchen, das sie in ihrem Garten gefunden hat. Ihr Mann bringt das Tier in ein Igelkrankenhaus und ab diesem Zeitpunkt befasst sich die Autorin nicht nur mit diesem speziellen Igel, sondern mit der Rolle von Igeln in allen Bereichen der britischen Kultur.

Der Autorin ist das Kunststück gelungen, einerseits sehr berührend über die Zeit des Abschieds von ihrem Vater zu berichten, andererseits aber auch überraschend vielseitig über Igel zu informieren. Das geschieht mal sachlich, mal emotional, und man spürt, wie wichtig die intensive Beschäftigung mit einem ganz anderen Thema in diesem Winter für die Journalistin ist.

Obwohl es in diesem Buch um Sterben, Abschied und Trauer geht, empfand ich es nicht als bedrückend. Das lag nicht nur an den vielen unterschiedlichen Blickwinkeln auf Igel, sondern in erster Linie an dem leicht lesbaren, sehr unterhaltsamen Schreibstil.

Neben dem schönen Cover haben mir die Illustrationen zu Beginn jedes der elf Kapitel besonders gefallen.

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Veröffentlicht am 14.10.2024

Schwer erträgliches Lesehighlight

Die schönste Version
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Als Jella und Yannick sich kennenlernen ist Jella überglücklich, die ganz große Liebe gefunden zu haben. Ihr Leben scheint perfekt und so willigt sie mit nur ganz leichten Zweifeln ein, gemeinsam in eine ...

Als Jella und Yannick sich kennenlernen ist Jella überglücklich, die ganz große Liebe gefunden zu haben. Ihr Leben scheint perfekt und so willigt sie mit nur ganz leichten Zweifeln ein, gemeinsam in eine Wohnung zu ziehen, die für sie als Studentin viel zu teuer ist. Und dann fängt die Hochglanzfassade an zu bröckeln. Auf heftigste Auseinandersetzungen folgen ebenso heftige Versöhnungen, bis Jella schließlich auf einer Polizeiwache Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet und zurück zu ihrem Vater in ihr altes Kinderzimmer flüchtet.

In den folgenden elf Tagen versinkt Jella in ihrem Schmerz, versucht das Geschehene zu verstehen, blickt auf die Vergangenheit zurück. Und die hat es in sich. Eine Kindheit in der Lausitz, die Trennung der Eltern ohne dramatische Zerwürfnisse, die Entscheidung beim bedürftigeren Vater zu bleiben, Freundschaften, erste negative Erfahrungen mit Männern. Und dann Abitur, Studium und schließlich Yannick, den sie so gerne auch jetzt noch lieben würde.

Für mich gehört dieser Roman zu meinen absoluten Lesehighlights des Jahres! Sprachlich überzeugend, wenn auch teilweise sehr drastisch formuliert. Wichtiger finde ich aber die Innenansichten und den Blick auf die weibliche Sozialisation, die am Beispiel von Jella alltägliche Gewalt in heterosexuellen Beziehungen aufzeigt, die mit Yannick nur ihren Höhepunkt erreicht hat. Das fatale Bemühen von Mädchen und Frauen zu gefallen und dabei die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen oder gar nicht erst zu entdecken, wird in diesem Roman sehr eindrucksvoll hinterfragt.

Eigentlich würde ich dieses Buch am liebsten jedem Menschen empfehlen, aber es benötigt definitiv eine Triggerwarnung.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Beeindruckender Roman über eine auseinanderdriftende Schwesternbeziehung

Cascadia
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Sam und Elena sind Schwestern, Ende 20, und leben mit ihrer todkranken, pflegebedürftigen Mutter auf den San Juan Islands im Nordwesten der USA. Als Teenager haben sie gemeinsam davon geträumt, die Insel ...

Sam und Elena sind Schwestern, Ende 20, und leben mit ihrer todkranken, pflegebedürftigen Mutter auf den San Juan Islands im Nordwesten der USA. Als Teenager haben sie gemeinsam davon geträumt, die Insel zu verlassen und irgendwo zusammen ein besseres Leben zu führen. An diesem Traum hält Sam sich fest, wenn sie in anstrengenden Schichten im Bistro auf der Fähre arrogante Touristen bedient. Elena arbeitet wie sie in der Gastronomie und kümmert sich hauptsächlich um die Pflege der Mutter und um die Verwaltung der immer stärker wachsenden Schuldenberge.

Eines Tages sichtet Sam während ihrer Schicht einen schwimmenden Bären und berichtet Zuhause von der kleinen Sensation, die etwas Abwechslung in den tristen Alltag bringt. Doch dabei bleibt es nicht. Kurz darauf sichten sie das eindrucksvolle Tier direkt vor ihrer Haustür. Während Sam sich durch den Bären bedroht fühlt, sucht Elena die Nähe des Tieres. Erstmals in der Beziehung der Schwestern beginnt Sam, Elenas Handeln in Frage zu stellen und unabhängige Entscheidungen zu treffen.

In leisen, ruhigen Tönen wird die Geschichte einer nur aus Frauen bestehenden kleinen Familie erzählt, die trotz harter Arbeit nie genug Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Während der Corona Pandemie sind die Jobs in der Tourismusbranche weggefallen, Lohnersatzleistungen gab es in den USA ebenso wenig wie eine ausreichende Krankenversicherung. Während Elena angesichts der horrenden Hypotheken- und Arztrechnungen resigniert hat, hat Sam naiv an den Träumen ihrer Jugend festgehalten.

Mich hat dieser Roman nachhaltig beeindruckt, obwohl ich mit der märchenhaften Beziehung zwischen Elena und dem Bären meine Schwierigkeiten habe. Trotzdem haben mich der Schreibstil, die sehr gelungenen Charakterisierungen und vor allem die Beschreibung der Lebensbedingungen überzeugt. Ich kann mir gut vorstellen, dieses Buch irgendwann noch einmal zu lesen.

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