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Veröffentlicht am 24.07.2024

Eskapaden eines Partygirls

Ex-Wife
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Von Ursula Parrott, der Autorin von "Ex-Wife" und ihrem fast 100 Jahre altem Roman hatte ich noch nie gehört. Die Wiederauflage ist insofern eine Entdeckung und ein gut beobachtendes, ironisch kommentierendes ...

Von Ursula Parrott, der Autorin von "Ex-Wife" und ihrem fast 100 Jahre altem Roman hatte ich noch nie gehört. Die Wiederauflage ist insofern eine Entdeckung und ein gut beobachtendes, ironisch kommentierendes Porträt einer jungen Frau im New York der 20-er Jahre zwischen Prohibition, Jazz und Lebenslust.

Die Ich-Erzählerin Patricia ist jung, hübsch, intelligent und privilegiert, hat sich mit 20 in eine ziemlich überstürzte Ehe gestürzt und findet sich mit gerade mal 24 in der Position der Ex-Frau - auch wenn sie lange versucht, die Scheidung zu verhindern.

Um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, stürzt sich Patricia, die als Werbetexterin arbeitet und somit zu den "modernen Frauen" gehört, in das Nachtleben und in die Arme ziemlich vieler Männer. Dabei bleiben diese One Night Stands unverbindlich und irgendwie distanziert - die Männer, die von ihrem Äußeren, ihrem Charme und ihren gewitzt-intelligenten Kommentaren fasziniert sind, nennen sie kalt und unnahbar. Dabei sucht Patricia gewissermaßen nur die Leere in sich zu überbrücken. Mit der Freiheit, die sie sowohl als nicht mehr verheiratete wie auch als berufstätige Frau hat, hadert sie immer wieder.

Bei der Erstveröffentlichung wurde das Buch anonym herausgegeben, der "unanständigen" Geschichte wegen. Hundert Jahre später ist der Skandal von damals schwer zu verstehen.

Die Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe und einen lässig-ironischen Schreibstil. Trotzdem blieb mir Patricia recht fremd, da sie auch jenseits ihrer Affären oberflächlich und weitgehend an Äußerlichkeiten interessiert bleibt. Sie hat offensichtlich eine gute Bildung genossen, von zu Hause aus Geld, ist auch beruflich erfolgreich, wenn auch nicht sonderlich ehrgeizig.

Dass die Zeit für viele Menschen und vor allem für Frauen alles andere als golden war, bleibt unerwähnt, die Handlung spielt zwischen Fifth Avenue und Park Avenue, Upper West Side natürlich. Nur zum Tanzen geht es nach Harlem. Das Leben ist leicht schwerelos und im Dauerrausch zu genießen, wenn es keine Härten hat. Der Roman lässt sich ausgesprochen gut lesen, allerdings bieten mir Patricia und ihre Welt keinerlei Identifikationsfläche. Als Porträt einer Ära dagegen wirklich überzeugend.

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Veröffentlicht am 24.07.2024

Frauenpower in Attika

Aufstand der Frauen
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Beim Lesen von "Aufstand der Frauen" von Petros Markaris sollte man satt sein. Denn sein jüngst zum Kriminaldirektor von Attika ernannter Kostas Charitos muss zwar auch ermitteln, aber den Ermittler gibt ...

Beim Lesen von "Aufstand der Frauen" von Petros Markaris sollte man satt sein. Denn sein jüngst zum Kriminaldirektor von Attika ernannter Kostas Charitos muss zwar auch ermitteln, aber den Ermittler gibt es sozusagen nur mit Familienanschluss und vielen gemeinsamen Mahlzeiten. Da kann sich beim Lesen schon ein Hüngerchen einstellen, zumal die Handlung eher langsam an Fahrt aufnimmt und der Autor eher bedächtig erzählt. Freunde von Verfolgungsjagden und Cliffhangern kommen hier nicht auf ihre Kosten, das Buch lebt vom lokalen Ambiente und dem Einblick in die Mentalität und stetige, aber nicht immer aufregende Polizeiarbeit.

Für diejenigen, die die Reihe von Markaris kennen, gibt es mit der Beförderung des Mordermittlers Neuerungen: Die Mordkommission erhält erstmals eine Chefin. Erst ist Charitos ein bißchen skeptisch - er ist halt doch ein alter weißer Mann. Doch schnell ist er nicht nur von den beruflichen, sondern auch von den menschlichen Qualitäten von Antigone Ferlakis überzeugt.

Für die junge Ermittlerin gibt es schon bald eine Herausforderung: Erst sorgt der Besuch einer amerikanischen Investorengruppe zu Protesten wegen eines drohenden Ausverkaufs und der Kommerzialisierung griechischer Kultur. Vor allem eine offensichtlich geschichtskundige Frauengruppe, die sich selbst als Karyatiden bezeichnen, prägt die Proteste - und wird bald selbst angefeindet. Zum einen, weil manche von den Investoren Aufschwung und Arbeitsplätze erwarten, zum anderen, weil eine ganze Reihe offensichtlich männlicher Gegner ein Problem damit haben, wenn selbstbewusste Frauen sich zu Wort melden. In sozialen Medien werden die Frauen übel attackiert - dann gibt es eine Tote.

Dass sie sich in ihrem ersten Fall ausgerechnet mit Femiziden befassen muss, hätte Ferlakis wohl nicht gedacht. Charitos wiederum steht vor dem Dilemma, dass es ihm als langjährigen Ermittler schwer fällt, nun im Büro auszuharren und auf Ermittlungsberichte zu warten - sen Herz schlägt schließlich für die Arbeit vor Ort. Während er jede Gelegenheit nutzt, vom Büroschreibtisch zu flüchten, muss er gleichzeitig darauf achten, seine Nachfolgerin nicht zu unterminieren.

Geschlechtsspezifische Gewalt, aber auch latente Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft und die Herausforderungen, die trotz verbriefter gesetzlicher Gleichberechtigung weiterhin bestehen, sind neben dem eigentlichen Fall das Leitmotiv von "Aufstand der Frauen". Zugleich gibt es beruflich wie privat starke Frauennetzwerke.

Ein sympathischer Polizeiroman, der gerne etwas mehr Tempo vertragen hätte.

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Veröffentlicht am 19.07.2024

Verschüttete Erinnerungen

Blick in die Angst
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"Blick in die Angst" von Chevy Stevens ist ein Thriller, in dem es buchstäblich um psychologische Spannung geht. Denn Nadine, die Protagonistin, arbeitet als Psychiaterin in einem Krankenhaus auf Vancouver ...

"Blick in die Angst" von Chevy Stevens ist ein Thriller, in dem es buchstäblich um psychologische Spannung geht. Denn Nadine, die Protagonistin, arbeitet als Psychiaterin in einem Krankenhaus auf Vancouver Island an der kanadischen Westküste. Doch das Leben im eigentlich idyllischen Victoria hat Schattenseiten für die Mittfünfzigerin, die seit mehreren Jahren verwitwet ist: Ihr Tochter Lisa ist ihr zunehmend entglitten, lebt als Drogenabhängige auf der Straße. Als Therapeutin findet Nadine zwar den Zugang zu ihren Patientinnen und Patienten, aber offenbar nicht zur eigenen Tochter.

Ein Fall in der Notaufnahme nach einem Selbstmordversuch wird für Nadine unerwartet persönlich: Ihre Patientin Heather, die mit den Folgen einer Fehlgeburt nicht fertig wird, gibt sich selbst die Schuld an dem Unglück: Vielleicht hätte sie das "Zentrum" nicht verlassen dürfen. Als sie Einzelheiten nennt über eine Art Yoga-Retreat, wird Nadine hellhörig: Zum einen erinnern sie die Zuständen eher an eine Sekte mit psychologischer Gehirnwäsche.

Zum zweiten weckt der Name des Leiters Erinnerungen an acht Monate, die sie als 13-jährige mit ihrem älteren Bruder und ihrer labilen Mutter in einer Kommune verbrachte. Seit jener Zeit leidet Nadine unter Klaustrophobie. Auch eine Hypnosetherapie hat in der Vergangenheit nicht geholfen, die Ursache ihrer Ängste zu ergründen. Die Gespräche mit Heather wecken allerdings nach und nach verschüttete Erinnerungen. Nadine ist sich nicht sicher, ob sie authentisch oder eine "Übertragung" sind, doch zunehmend ist sie überzeugt - damals ist etwas Schlimmes passiert.

Als die Erinnerungen klarer werden und Nadine sie nicht auf sich beruhen lassen will, weckt das gewissermaßen die Geister der Vergangenheit. Und während Nadine die Konfrontation mit den Dämonen der Gefangenheit aufnimmt, gerät nicht nur sie in Gefahr.

Stevens schafft Spannung, obwohl über weite Strecken des Buches keine Gewalt im Spiel ist, arbeitet mit viel Suspense. Nadine ist sowohl empathisch als auch emotional, macht trotz ihrer Erfahrungen als Therapeutin im Umgang gerade mit denjenigen, die ihr am Herzen liegen, immer wieder Fehler. Auch das komplizierte Mutter-Tochter-Verhältnis sorgt für eine zusätzliche Dynamik in diesem Kriminalroman, den ich in einem Rutsch weggelesen habe.

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Veröffentlicht am 14.07.2024

Tote Ehemänner im Lockdown

Ein Mann zum Vergraben
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Femizide, sogenannte Ehrenmorde, physische und psychische Gewalt oft über Jahre Hinweg - Wenn es um Gewalt in einer Beziehung geht, sind die Täter fast immer männlich, die Opfer ihre Ehefrauen, Partnerinnen, ...

Femizide, sogenannte Ehrenmorde, physische und psychische Gewalt oft über Jahre Hinweg - Wenn es um Gewalt in einer Beziehung geht, sind die Täter fast immer männlich, die Opfer ihre Ehefrauen, Partnerinnen, Töchter. Die Statistiken von Organisationen wie Terre des femmes sind ernüchternd und schockierend. Damit ein so ernstes und hartes Thema Gegenstand eines durchaus humorvollen Kriminalromans ist, braucht es vermutlich den berühmten schwarzen britischen Humor - und genau das funktioniert in "Ein Mann zum Vergraben" von Alexia Casale ziemlich gut.

Es war ein Unfall. Als Ehemann Jim sie in einem seiner Wutanfälle einmal wieder mit kochendheißem Wasser übergießen will, greift die englische Hausfrau Sally, Mutter zweier erwachsener Kinder, zum erstbesten Gegenstand, um ihn abzuwehren. Dass die gusseiserne Pfanne, ein Erbstück ihrer Oma, derart fatale Wirkung hat, merkt sie erst, als Jim tot auf dem Küchenboden liegt.

Nach einem Schaumbad und einer Eis- und Kuchen-Orgie ringt Sally mit sich selbst: Sollte sie nicht die Polizei rufen? Würde ihr Notwehr angerechnet? Doch andererseits findet sie, sie hat jede mögliche Strafe in ihrer mehr als 20 Jahre dauernden Ehe verbüßt. Bleibt die Frage: Wie entsorgt man einen toten Ehemann, ohne eine Festnahme zu riskieren? Dass gerade Corona-Lockdown herrscht, macht es einerseits komplizierter, andererseits einfacher.

Zwischen Schuldgefühlen und Plänen für ein anderes, glücklicheres Leben muss Sally feststellen: Sie ist nicht allein. In ihrer eigentlich überschaubaren Nachbarschaft lernt sie weitere Frauen in ählnicher Situation kennen. Als "Club der heimlichen Witwen" und unter Beachtung der Abstandsregeln planen sie die Entsorgung ihrer toten Ehemänner. Ein Plan muss her, der das Verschwinden der vier Männer so erklärt, dass kein Verdacht auf die Frauen fällt.

Immer haarscharf am Rande eines Nervenzusammenbruchs stellen sich die Frauen Grenzsituationen, erleben aber auch Sisterhood, Solidarität und Zuspruch. Und vor allem: Endlich können sie über das reden, was sie jahrelang aus Scham Freundinnen und Angehörigen verschwiegen haben.

Die Autorin hat sich jahrelang für misshandelte Frauen engagiert und besonders glaubwürdig ist das Buch dort, wo es der Frage nachgeht: Warum beenden so viele Frauen eine toxische Beziehung nicht einfach, die für sie ganz offensichtlich auch tödlich enden könnte? Warum werden Hilfsangebote, so sie denn kommen, abgelehnt und heile Welt vorgespielt? Bei allem Humor und seinen sympathischen Protagonistinnen wird das ernste Thema häuslicher Gewalt nicht heruntergespielt oder verharmlost. Gleichzeitig hilft der britische Humor, mit einem Lächeln durch das Buch zu gehen. Zugleich weckt Casale Sensibilität für ein Thema, das immer noch in der Öffentlichkeit zu sehr verharmlost wird.

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Veröffentlicht am 14.07.2024

Auf der entlegensten Insel der Welt

Willkommen auf Tuga
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Charlotte Walker, introvertierte upper class-Veterinärin aus London, versteht viel von Schildkröten, aber der Umgang mit anderen Menschen war für die zurückhaltende Frau, die auch als Studentin und Nachwuchswissenschaftlerin ...

Charlotte Walker, introvertierte upper class-Veterinärin aus London, versteht viel von Schildkröten, aber der Umgang mit anderen Menschen war für die zurückhaltende Frau, die auch als Studentin und Nachwuchswissenschaftlerin nicht das Haus ihrer Mutter verlassen hat, schon immer eine Herausforderung. Und trotzdem bricht sie gewissermaßen aus ihrem Schneckenhaus aus, trotzt Seekrankheit und Schüchternheit, um für ein Jahr nach Tuga zu reisen, die entlegenste Insel der Welt. Ein Jahr lang will sie eine seltene Schildkrötenart und ihre Bedeutung für das Ökosystem erforschen.

Doch Charlotte hat noch einen zweiten Punkt auf ihrer Agenda. Sie ist ziemlich fest davon überzeugt, dass ihr Vater, den sie nie kennengelernt hat, von Tuga stammen könnte, diesem britischen Überseegebiet, das zwar mittlerweile unabhängig ist, in vielem aber an das Großbritannien der 1950-er Jahre erinnert.

"Willkommen auf Tuga" von Francesca Segal beschreibt Charlottes Inseljahr, die Faszination der farbenfrohen tropischen Pracht, die ganz eigene Inselgesellschaft, in der man nie so wirklich allein sein kann, Freundschaften und Konflikte. Mit ihrer Faszination für Schildkröten ist Charlotte so ziemlich alleine, dagegen sind viele Insulaner an Charlottes Fähigkeiten als ausgebildete Tierärztin interessiert. Also Kaiserschnitt beim Mutterschaf statt Forschungsexkursion, Behandlung von Euterentzündungen statt Brüten über Daten und Statistiken.

Auch Charlottes Gefühlsleben wird auf Tuga ziemlich aufgewühlt. Denn schon auf der Überfahrt fühlte sie sich von dem neuen Inselarzt Dan Zerki durchaus angezogen. Bei der Landung auf Tuga stellt sich dann heraus, dass er ihr seine Verlobte verschwiegen hat, die in einem halben Jahr mit dem nächsten Schiff nach Tuga kommen will. Ziemlich irritierend ist auch ihr Vermieter, der gutaussehende Levi mit seinen Macho-Sprüchen.

Kurz, Charlottes Zeit auf der Insel verläuft ein bißchen anders, als sie sich das vorgestellt hat, während die Suche nach ihrem Erzeuger zu Hinweisen führt, die Charlotte zutiefst erschüttern werden.

"Willkommen auf Tuga" ist mit leichter Hand geschrieben und entführt die Leser*innen in ein tropisches Inselparadies mit so manchen exzentrischen Bewohnern, einem liebenswerten Charme und einem ganz eigenen Lebenstempo. Ein humorvoller, warmherziger Wohlfühlroman, der Fernweh weckt und auch nachdenkliche Momente hat.

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