Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.07.2024

Goethes Italienreise kulinarisch erzählt

Die Gaumenfreuden des jungen Goethe
0

Johann Wolfgang von Goethes Italienische Reise kulinarisch nacherzählt

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“ - Mit diesen Versen beginnt Laura Melara-Dürbeck die Italienische Reise des Dichters ...

Johann Wolfgang von Goethes Italienische Reise kulinarisch nacherzählt

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“ - Mit diesen Versen beginnt Laura Melara-Dürbeck die Italienische Reise des Dichters und ewig Neugierigen Johann Wolfgang von Goethe kulinarisch nachzuerzählen. Goethe unternimmt diese Reise zwischen 1786 bis 1788.

Dieses Buch betrachtet die bekannte Italienische Reise von Johann Wolfgang Goethe mit anderen Augen, mit den Augen des Genißers. Dass Goethe kein Kostverächter was Speis und Trank ist, ist wohl bekannt. Neben zahlreichen Originalzitaten können wir über so manche Anekdote schmunzeln und das eine oder andere Rezept nachkochen.
Sehr geschickt sind die kulinarischen Köstlichkeiten in den Text integriert. Zwar wird nicht alles unseren Geschmack treffen und auch Goethe war nicht von jeder Speise angetan.

Das Buch schildert auch sehr lebhaft die Unbequemlichkeiten der Reisen. Daran sollten wir vielleicht auch denken, wenn wir mit unserem Auto am Brennerpass im Stau stehen oder auf einem der Bahnhöfen oder Flughäfen aus Ab- oder Weiterreise warten. Wie einfach das heutige Reisen im Schengenraum ist, wird auch deutlich, wenn Goethe daüber berichtet, wie viele Reisepässe und Genehmigungen er mitführen musste, um von Weimar nach Italien zu gelangen.

Trotz aller Beschwernis scheint ihm die Reise gefallen und ihm, dem leicht depressiven, gut getan zu haben. Die gute Stimmung bei der Rückkehr dürfte nicht allzu lange angehalten haben, wie das Zitat erahnen lässt:

„Aus Italien, dem formreichen, war ich in das gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, heiteren Himmel mit einem düsteren zu vertauschen; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Mein Entzücken über entfernteste, kaum bekannte Gegenstände, mein Leiden, meine Klagen über das Verlorne schien sie zu beleidigen, ich vermisste jede Teilnahme, niemand verstand meine Sprache.“ (S. 150)

Schmunzeln musste ich über folgende Zeilen:

„Am 16. April 1972 ließen die Confraternita del tortellino («Bruderschaft des Tortellino») und die
Bologneser Delegation der Accademia Italiana della Cucina («Italienische Akademie der Kulinarik») das Rezept und die Maße der echten Bologneser Tagliatella, das sogenannte goldene Maß, bei der Handelskammer von Bologna hinterlegen. Die gekochte Tagliatella ist 8 Millimeter breit und entspricht dem 12.270sten Teil der Torre degli Asinelli, des mittelalterlichen Wahrzeichens von Bologna.“ (S. 62)

Da lacht mein Vermesserherz, das sich an Normen sowie abgeleiteten und geeichten Maßeinheiten erfreut.

Dieses Buch ist sehr gut gelungen. Die im Text angeführten Rezepte sind im Anhang nochmals anfgeführt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem kulinarischen Streifzug, der sich an Goethes Italienischer Reise orientiert, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 20.07.2024

Elvis lebt!

Mühlviertler Schmankerl
0

Auch das oberösterreichische Mühlviertel bleibt von Korruption, Immobilienspekulationen, Freunderlwirtschaft und Mord nicht verschont.

Nicht nur, dass die Mutter von Inspektor Gerhard Grinninger ein ...

Auch das oberösterreichische Mühlviertel bleibt von Korruption, Immobilienspekulationen, Freunderlwirtschaft und Mord nicht verschont.

Nicht nur, dass die Mutter von Inspektor Gerhard Grinninger ein Seminar bei einem halbseidenen Guru besucht und er deshalb auf die gewohnten Mahlzeiten verzichten muss, soll er, ausgerechnet an seinem freien Tag, Mercedes Brettschneider, die Nichte des aktuellen Innenministers Kaputtnig, die seit zwei Wochen spurlos verschwunden ist, suchen. Und sie wird nicht die einzige Person sein, die verschwunden ist.

Auf seiner Suche nach Mercedes bekommt er es mit dem schmierigen Fleischhauer Erich Eder und seinen Produkten, unsauberen Grundstücksgeschäften, einem recht eigenwiligen Pfarrer sowie mit Karl King, einem abgehalfterten Elvis-Darsteller zu tun. Ausgerechnet auf dessen Misthaufen findet Grinninger menschliche Knochen.

Dass an Grinningers Ermittlungen, die ihn nicht nur in Lebensgefahr bringen sondern auch eine Suspendierung durch seinen Chef, nach sich ziehen, decken ein Komplott innerhalb der Innenpolitik auf, das sich gewaschen hat.

Meine Meinung:

Wie schon aus den Vorgängern bekannt, sind weder Grinninger noch sein Schöpfer Christian Hartl, Meister der feinen ironische Klinge. Wie es sich für einen g’standenen Mühlviertler gehört, wird Tachles geredet und auf eventuelle politische Befindlichkeiten wenig Rücksicht genommen. Das beschert Grinninger zwar eine hohe Aufklärungsquote, aber nicht immer das Wohlwollen seiner Vorgesetzten.

Wieder spart Hartl nicht mit Gesellschaftskritik. Wie schon die anderen Fälle für Inspektor Gerhard Grinninger ist der Schreibstil auch diesmal ein wenig derb. Alkoholiker taumeln genauso durch das Buch wie verhaltensauffällige Dorfbewohner und in Slimfit-Anzüge gekleidete Politiker.

„Wähler ließen sie im Glauben, die wahren Patrioten zu sein, und sie verscherbelten - als sie an der Macht waren - Allgemeingut, Staatsbetriebe, Menschenrechte und demokratische Grundsätze in Bausch und Bogen. Wer die Nutznießer waren, lässt sich leicht erahnen.“

Auch die katholische Kirche kommt nicht sehr gut weg. Weder ihr Personal in Rom noch jenes im Mühlviertel. Denn neben einer Wunderquelle, die - gegen eine Spende versteht sich - Krampfadern verschwinden lassen soll, gibt es allerlei Gerüchte um den Pfarrer mit dem klingenden Namen Pius „Kistus“ Thorwartl.

Dass der eine oder andere Dörfler entfernt an lebende Personen erinnert, liegt wohl daran, dass auch dieses Dorf ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Die Charaktere sind gut beschrieben, aber kaum sympathisch. Auch Grinninger hat diesmal kaum liebenswerte Eigenschaften. Sein sonst übliches Bauchgefühl meldet nur Hunger statt möglicher Hypothesen. Er stolpert eher irgendwie durch die Geschichte, als er ermittelt.

Am besten hat mir das den Medien zugespielte Video eines Treffens in einer Villa am Moldaustausee gefallen, wo Grinningers Chef, der Bezirkspolizeikommandant Stefan Schlager, der örtliche Immobilienmogul Eisner sowie der Innenminister Harald Kaputtnig mit einem indischen Investor in trauter alkoholgeschwängerter Luft zusammensitzen, und der sattsam bekannte Satz “Mei, is de schoarf“ fällt. Damit ist aber weder der Senf noch ein gut gewürztes Erzeugnis des Fleischhauers Eder gemeint.

Fazit:

In Zeiten, in denen die reale Politik Steilvorlagen für Krimi-Plots liefert, ist es mitunter schwierig Spannung in einem Kriminalroman zu erzeugen und diese hoch zu halten. Aber, Elvis lebt! Diesmal gebe ich diesem Mühlviertel-Krimi 4 Sterne.

Veröffentlicht am 18.07.2024

(K)eine Gebrauchsanweisung

How to wear a Dirndl
0

In insgesamt acht Kapitel versucht Elsabeth Wallnöfer ihren Leserinnen das Wesen des Dirndls näherzubringen:

Von der Tracht zum Dirndl
Dirndlboom
Dirndlmief
Dirndlball
Des Dirndls Lebens- und Sinneslust
Zeitgenössisches
Dirndl: ...

In insgesamt acht Kapitel versucht Elsabeth Wallnöfer ihren Leserinnen das Wesen des Dirndls näherzubringen:

Von der Tracht zum Dirndl
Dirndlboom
Dirndlmief
Dirndlball
Des Dirndls Lebens- und Sinneslust
Zeitgenössisches
Dirndl: Eine Gebrauchsanleitung
Zum Ausklang

Meine Meinung:

Die Autorin beschreibt das Dirndl von seinen Anfängen als das großstädtische Bürgertum die Alpen als Feriendomizil auserkoren haben, bis hin zur Gegenwart, in der das Dirndl ein Sammelsurium an (mitunter kuriosen) Bekleidungsteilen ist. Dabei verschweigt sie nicht, dass der Nationalsozialismus das Dirndl für seine Zwecke missbraucht hat.

Für meinen Geschmack wird der Unterschied zur regionalen Tracht, die ihren Ursprung in der Arbeits- bzw. Festtagskleidung der Bürgerinnen und Bäuerinnen hat, und die Zugehörigkeit zu den entsprechenden Tälern zu wenig herausgearbeitet. Da hätte ich mir mehr Info erwartet.

Im Abschnitt „Zeitgenössisches“ geht die Autorin auf einige Modeschöpferinnen wie Vivienne Westwood oder Lena Hoschek ein, die dem Dirndl ein neues, flottes Image verpasst haben.

Für alle jene, die ihr Dirndlgwand gerne tragen und alle jene, die es einmal (an)probieren wollen, ist dieses Buch ein nettes Geschenk.

Fazit:

Ein kleines feines Büchlein zum Thema wie frau ein Dirndl trägt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 17.07.2024

Ein gelungener Reihen-Auftakt

Warten auf den Tod
0

Während gefühlt halb London vor der Theaterkassa angestellt steht, um eine der begehrten Karten für die Vorstellung eines bekannten Musicals zu erhalten, sackt mitten Gedränge ein Mann tot zusammen. In ...

Während gefühlt halb London vor der Theaterkassa angestellt steht, um eine der begehrten Karten für die Vorstellung eines bekannten Musicals zu erhalten, sackt mitten Gedränge ein Mann tot zusammen. In seinem Rücken steckt ein Stilett. Inspector Alan Grant vom Scotland Yard wird mit der schwierigen Aufgabe betraut, den Mord an dem namenlosen Opfer aufzuklären. Der Fall ist wie eine mathematische Gleichung mit mehreren Unbekannten: Niemand hat etwas gesehen oder gehört und die Identität unbekannt. Die wenigen Fakten, die Waffe und die Kleidung, helfen vorerst nicht weiter. Dann stellt sich heraus, dass der Täter Linkshänder gewesen sein muss. Als endlich klar ist, wer das Opfer ist, gerät dessen Freund, der Linkshänder ist, in den Fokus von Grant und flieht. Ein Schuldgeständnis? Inspector Grant reist dem Flüchtigen bis nach Schottland nach ....

Meine Meinung:

Josephine Tey hat mit diesem ersten Fall für Inspector Alan Grant einen fesselnden Krimi, der very british daherkommt, verfasst. Es ist ein Krimi der leisen Töne, einer bei dem sowohl der Ermittler als auch die Leser viel nachdenken müssen. Immer wieder, wenn Grant glaubt, diese komplexe Geschichte endlich auflösen zu können, beschleichen Zweifel und er tut gut daran, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Zahlreiche Spuren erweisen sich als Sackgassen und lassen sowohl Grant als auch die Leser ins Leere laufen.

Der Spannungsbogen ist hoch, obwohl er in der Mitte ein wenig abflacht, bevor er durch eine letzten Wendung noch für eine überraschende, aber stimmige Lösung sorgt.

Üblicherweise achtet ja niemand, der nicht selbst davon betroffen ist, auf Linkshänder. Geschickt wird hier die Tatsache benützt, dass man nur das sieht, was man kennt. Selbst der erfahrene Inspector wird in die Irre geführt.

Schmunzeln musste ich, als Grant sich an Hand eines Messtischblattes sich mit der Landschaft in Schottland vertraut macht. Der Begriff "Messtischblatt" ist mir als Vermesserin ja gut geläufig, aber schon lange nicht mehr untergekommen. Im allgemeinen sagt man nun Katasterblatt dazu.

Die Charaktere sind sehr gut getroffen. Man kann sich die Figuren so richtig vorstellen.

Josephine Tey ist das Pseudonym der schottischen Autorin Elizabeth MacKintosh (1896–1952), die vor allem für ihre Kriminalromane bekannt geworden ist. Die Autorin Josephine Tey ist selbst auch eine Protagonistin in der Krimi-Reihe rund um Detective Inspector Archie Penrose, die aus der Feder von Nicola Upson stammt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Auftakt einer interessanten Krimi-Reihe 4 Sterne und freue mich auf die anderen Fälle.

Veröffentlicht am 17.07.2024

Eine komplexe Familiengeschichte

Das Pfauengemälde
0

Dieser Roman ist das Debüt von Maria Bidian, die sich dazu von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren hat lassen. Genau wie Protagonistin Ana hat die Autorin einen rumänischen Vater und eine deutsche ...

Dieser Roman ist das Debüt von Maria Bidian, die sich dazu von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren hat lassen. Genau wie Protagonistin Ana hat die Autorin einen rumänischen Vater und eine deutsche Mutter und eine große Familie in Rumänien.

Als Ana zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters erfährt, dass die unter der Ceaucescu-Diktatur enteignete Familie einen Teil des ehemaligen Besitzes zurückerhält, reist sie nach Rumänien. Ihr selbst geht es vordergründig nicht um das Haus, sondern um das sogenannte „Pfauengemälde“, von dem ihr der Vater häufig erzählt hat.

Doch das Vorhaben erweist sich schwieriger als gedacht, denn die Mühlen der rumänischen Bürokratie mahlen mehr als langsam. Obwohl scheinbar alles klar ist, muss Ana allerlei rumänische Dokumente vorweisen, die sie erst beschaffen muss. Sie nützt die Zeit, um ihre weitverzweigte Familie zu besuchen. Sie reist zu Onkeln und Tanten, trifft Cousins und Cousinen. Dabei erfahren sie und wir Leser einiges über das vergangene und das heutige Rumänien sowie die Hoffnungen, die man auf den zukünftigen EU-Beitritt setzt.

Meine Meinung:

Maria Bidian versucht in ihrem Debütroman uns den Umgang mit Trauer, Schuldgefühlen und die Traumata in unseren eigenen Familienbiografien (und was sie mit uns machen), näher zu bringen. Leider gelingt dies in meinen Augen nicht so ganz.

Zum einen wirkt der Roman ein wenig unstrukturiert und zum anderen ist die Geschichte Rumäniens bei den meisten Lesern nicht wirklich präsent. Ja, man weiß, dass der Diktator Nicolae Ceaușescu (1918-1989) und seine Ehefrau Elena das Land systematisch ausgeplündert haben, dass die Geheimpolizei Securitate andersdenkende Menschen gnadenlos verfolgt und getötet hat und dass das Ehepaar am 25. Dezember 1989 standrechtlich erschossen worden ist, pikanterweise durch ein Gesetz, dass Ceaușescu erst kurz zuvor erlassen hat.

Aber sonst weiß man recht wenig über Rumänien vor, während und nach der Diktatur. Das liegt vermutlich auch daran, dass im Nachkriegsdeutschland jeder mit sich selbst beschäftigt war und man - außer in der DDR - dem kommunistischen Land wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Das muss auch Anas Vater erleben, der von als Gegner des Kommunismus verfolgt worden ist und dem die Flucht in den Westen gelungen ist. Allerdings hat seine Geschichte niemanden interessiert.

Während ihres Aufenthaltes muss Ana erkennen, dass sie mit vielem abschließen kann, „aber zu Ende war es nicht“.

Maria Bidian erzählt in einer bildhaften und schönen Sprache, die sehr gut dem ruhigen und melancholischen Grundton der Familiengeschichte entspricht. Allerdings geht das ein wenig zu Lasten der Spannung.

Fazit:

Dieser Roman ist nicht ganz leicht zu lesen, aber für alle jene, die sich gerne mit komplexen Familiengeschichten auseinandersetzen, ein gelungenes Debüt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.