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Veröffentlicht am 20.10.2024

Eine Art fantastische Geistergeschichte

Nach uns der Himmel
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Am Ehesten lässt sich dieser Roman als eine Geistergeschichte einstufen. Die acht Romanfiguren befinden sich auf einem Ferienflug auf eine griechische Insel. Nach Turbulenzen landet das Flugzeug. Oder ...

Am Ehesten lässt sich dieser Roman als eine Geistergeschichte einstufen. Die acht Romanfiguren befinden sich auf einem Ferienflug auf eine griechische Insel. Nach Turbulenzen landet das Flugzeug. Oder etwa doch nicht und es ist abgestürzt und die acht befinden sich in einer Art Zwischenwelt? Denn ihr Aufenthalt auf der Insel wird zusehends abstruser. Für die Inselbewohner sind sie anscheinend gar nicht da, sie selbst tun unsinnige Dinge, wie z.B. untereinander anbandeln, ihre Umgebung schrumpft zusammen. Für zusätzliche Verwirrung sorgt ein zweiter Handlungsstrang, der sich im Wesentlichen in Los Angeles abspielt zwischen einem Ich-Erzähler und seiner Chefin. Er lässt sich erst nach und nach einordnen. Am Ende werden beide Erzählstränge zusammengeführt, und das auch noch unter gelungener Zuhilfenahme der griechischen Mythologie.
Auf die Geschichte muss man sich einlassen können. Dann jedoch macht es direkt Freude, sie zu lesen, zumal manch schönes Wortspiel eingearbeitet ist.

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Veröffentlicht am 17.10.2024

Eine etwas andere Lebensform

Wohnverwandtschaften
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Dieser Roman passt gut in die heutige Zeit, in der es außer der Kernfamilie so viele verschiedene Formen des Zusammenlebens gibt. Eine davon stellt uns diese Geschichte vor. Vier erwachsene Menschen finden ...

Dieser Roman passt gut in die heutige Zeit, in der es außer der Kernfamilie so viele verschiedene Formen des Zusammenlebens gibt. Eine davon stellt uns diese Geschichte vor. Vier erwachsene Menschen finden sich in einer Wohngemeinschaft wieder, begründet von dem bald 70jährigen Jörg nach dem Ableben seiner Ehefrau, zunächst mit der aufgrund ihres Alters in ihren 50ern nicht mehr gefragten Schauspielerin Anke und dem gerne kochenden und gärtnernden Murat. Hinzu stößt – eigentlich nur vorübergehend gedacht - die Zahnärztin Constanze nach der Trennung von ihrem Partner. Alle haben ihre privaten Probleme, stehen aber gut füreinander ein, besonders als einer von ihnen dauerhaft auf Hilfe angewiesen ist.
Die Geschichte ist mit viel menschlicher Wärme geschrieben und wirft auf das WG-Leben, wie es oft noch von Studenten praktiziert wird und unter Älteren vielleicht etwas verrufen ist, ein ganz anderes, positives Licht. Hier wird eine WG zur Ersatzfamilie. In formaler Hinsicht ist der Roman sehr abwechslungsreich gestaltet. Die Kapitel sind mit Kalenderdaten versehen, gestreut über einen Zeitraum von zwei Jahren. In jedem kommt mindestens einer der vier Bewohner zu Wort bzw. werden seine Gedanken wiedergegeben. Manchmal kommt es zu Dialogen, die einem Theaterstück nachempfunden sind. Auf diese Weise erhält man einen umfassenden Einblick in das WG-Leben. Wie die Autorin immer wieder ausführliche Gedanken einzelner Bewohner schildert, habe ich so schon in ihrem Roman „Laufen“ wahrgenommen und scheint typisch für ihre Schreibweise zu sein.
Ein sehr empfehlenswerter, sich flüssig lesender Roman.

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Veröffentlicht am 20.09.2024

Eine ungewöhnliche Liebesbeziehung bei großem Altersunterschied

Die vorletzte Frau
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Die Autorin ist manchem vielleicht bereits bekannt aus ihrem Buch „Marzahn, mon amour“, einer Ansammlung von Geschichten um ihren Nebenjob als Fußpflegerin in eben diesem Berliner Stadtteil. Schön ist ...

Die Autorin ist manchem vielleicht bereits bekannt aus ihrem Buch „Marzahn, mon amour“, einer Ansammlung von Geschichten um ihren Nebenjob als Fußpflegerin in eben diesem Berliner Stadtteil. Schön ist es, dass das vorliegende Buch darauf eingeht, wie es dazu gekommen ist. Es selbst ist eine autobiografische Erzählung. In ihr schildert Katja Oskamp ihre 19 Jahre währende große Liebe zu einem 19 Jahre älteren Mann. Das geschieht schonungslos und ehrlich und ist interessant zu lesen. Es ist eine ganz besondere Liebesbeziehung zwischen der mit dem Schreiben gerade anfangenden Autorin und dem berühmten Schweizer Schriftsteller, die sich praktisch so ganz anders gestaltet als übliche Liebesbeziehungen. Mehr als einmal frage ich mich, ob diese Beziehung nicht sehr egoistisch vom Mann geführt wird, während sie sich zwischen ihrem Beruf, ihrer kleinen Tochter und dem Partner aufreibt, um ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Aus ihrer Ehe mit einem ebenfalls erheblich älteren Dirigenten ist sie doch aus ebendiesen Gründen ausgebrochen, um dann meines Erachtens vom Regen in der Traufe zu landen. Erschreckend finde ich, dass sie zu ihren schriftstellerischen Fähigkeiten kein Zutrauen hat und bei allen ihren Texten den Rat ihres Partners einholt. Berührend ist, wie sie dann später, als er schwer erkrankt, ganz selbstverständlich die Rolle der Pflegerin übernimmt.
Ich habe das Buch gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 18.09.2024

Die Heide - wirklich ein Idyll?

Von Norden rollt ein Donner
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Dieser Roman gehört – durchaus verdient - zur Auswahl von insgesamt sechs Romanen, die auf der Short-List zur Nominierung für den deutschen Buchpreis 2024 stehen. Für sehr lesenswert halte ich die Schilderung ...

Dieser Roman gehört – durchaus verdient - zur Auswahl von insgesamt sechs Romanen, die auf der Short-List zur Nominierung für den deutschen Buchpreis 2024 stehen. Für sehr lesenswert halte ich die Schilderung des Arbeitslebens des Protagonisten Jannes und seiner Familie als Schäfer seit Generationen in der Lüneburger Heide. Sehr bildhaft wird deren harte Arbeit in der Natur beschrieben, deren wirtschaftlicher Ertrag von so vielen Faktoren abhängt. Sie steht diametral zur so oft anzutreffenden Verherrlichung der Heidelandschaft, die ihren Ursprung in den Liedern und Gedichten des Heidedichters Hermann Löns hat. Interessant war, wie eine aktuelle Entwicklung in die Geschichte eingearbeitet wurde, nämlich die Rückkehr des Wolfes in die Heide. Anhand von Großvater und Schwiegersohn werden die gegensätzlichen Argumente dargestellt, die es auch allgemein zur Wolfspolitik gibt. Die Romanfiguren werden passend zu ihrer Arbeit gezeichnet, wortkarg und schlicht. Die Beschreibung eines von ihnen hat mich den Roman allerdings letztlich nicht mit einer Bestnote bewerten lassen. Es handelt sich gerade um Jannes. Wenig altersentsprechend wird er mit seinen 19 Jahren als zu ernst und grüblerisch dargestellt. Er macht sich Gedanken um eine vermutete Alzheimer-Erkrankung seines Stiefvaters und dann auch um seine eigene geistige Gesundheit, die nicht realitätsgerecht wirken. Als ihm dann immer häufiger ein Geist einer früheren Bewohnerin der Gegend erscheint, war für mich der Punkt erreicht, an dem mir alles zu sehr abdriftete. Das konnte die am Ende erfolgende Erklärung des Ganzen nicht ausgleichen.

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Veröffentlicht am 20.07.2024

„Fiktiver historischer Roman rund um Kaiser Karl V.“

Reise nach Laredo
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Dieser Roman ist so ganz anders als die Bücher, die ich bisher von Arno Geiger gelesen habe („Das glückliche Geheimnis“, „Selbstportrait mit Flusspferd“). Als ich zu ihm gegriffen habe, war mir nicht bekannt, ...

Dieser Roman ist so ganz anders als die Bücher, die ich bisher von Arno Geiger gelesen habe („Das glückliche Geheimnis“, „Selbstportrait mit Flusspferd“). Als ich zu ihm gegriffen habe, war mir nicht bekannt, dass Geiger in ihm die letzten Lebensmonate des tatsächlich existent gewesenen Kaisers Karl V. von Spanien fiktiv, aber durchaus unter Verarbeitung von Fakten thematisiert. 58jährig dankte er ab und zog sich in ein spartanisches Kloster in Yuste zurück. In der Realität begab er sich von seinem Herrschersitz in Laredo auf seine letzte Reise in dieses Kloster; der Roman schildert rückwärts eine Reise vom Kloster nach Laredo, in Begleitung seines illegitimen elfjährigen Sohnes. Nachdem ich mich über diesen Herrscher ein wenig kundig gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie viele tatsächliche Besonderheiten den Weg in die Geschichte gefunden haben – seine Vorliebe für schwarze Kleidung, seine Fettleibigkeit, seine Krankheiten, sein Wunsch nach Ruhe und seine Suche nach dem Sinn des Lebens im Alter. Interessant ist auch die Beschreibung typischer zeitgenössischer Besonderheiten wie etwa die Sonderstellung der diskriminierten Cagots in Spanien. Historisches Interesse sollte also schon bei der Lektüre vorhanden sein. Die Geschichte fesselt durch die Abenteuer, die der ehemalige Monarch auf seiner Reise erlebt, die einem modernen Road-Movie ähnelt. Die Sprache der Erzählung ist sehr bildhaft und schwermütig, regt dadurch den Leser an, sich mit eben den Fragen zu beschäftigen, auf die auch Karl eine Antwort sucht.

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