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HenrietteFriederike

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Augenöffnende Lektüre, kraftvolle Erzählung!

Frau Müller, die Migrantin
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Dieses Buch erzählt, wie die in Kenia geborene Psychologin Evelyne Waithira Müller und Deutschland sich aneinander gewöhnt haben. Witzige Anekdoten des Kulturschocks wechseln sich ab mit ernsten Analysen ...

Dieses Buch erzählt, wie die in Kenia geborene Psychologin Evelyne Waithira Müller und Deutschland sich aneinander gewöhnt haben. Witzige Anekdoten des Kulturschocks wechseln sich ab mit ernsten Analysen von migrantischer Trauer, Heimweh, Einsamkeit oder Rassismen. Praktische Ratschläge für Migrant:innen und Beispiele interkultureller Konflikte und Sprachbarrieren machen das Buch besonders greifbar.

Beispielsweise fühlt sich für die Ostafrikanerin das „Nein“ ihres deutschen Ehemannes gegenüber ihrer Verwandten anfangs unhöflich und kaltherzig an. Es war ihr schrecklich peinlich. Ihr Mann hingegen wollte vielleicht einfach nur sagen, dass er keinen Hunger mehr hat. Die Autorin resümiert: „In Deutschland ist es okay, nein zu sagen, und zwar direkt. Das ist erlaubt. Man stelle sich das mal vor! In Kenia würde man nie zu jemanden direkt Nein sagen. Man könne ihn genauso gut ohrfeigen! … Es vergingen viele Jahre, bis ich ein deutsches „Nein“ sagen konnte, ohne mich schuldig zu fühlen.“ (S. 22)

Für mich als weiße Deutsche war die Lektüre augenöffnend. Was ich als normal hinnehme. Mit welche Schwierigkeiten und Emotionen Migrant:innen konfrontiert sind, von denen ich (noch) nicht weiß. Welche Eigenarten unsere Kultur so hat. Nicht anklagend, sondern aufklärend, warmherzig und oft mit einem Augenzwinkern schreibt die Psychologin, die das Bild einer Kokosnuss verwendet, um Deutsche zu beschreiben. Denn viele haben eine harte Schale, wirken unfreundlich und emotional distanziert, aber wenn man es mal schafft, sie zu durchbrechen, kann man an das köstliche Fruchtfleisch gelangen und loyale, herzensgute Menschen treffen.

Migrantische Rezensionen berichten, das Buch habe ihnen Trost gespendet: Endlich das Gefühl, nicht überempfindlich zu sein, sondern verstanden und gesehen zu werden. Eine klare Leseempfehlung also für alle: „Frau Müller, die Migrantin“ zeigt, wie das Zusammenleben gelingen kann – durch gegenseitiges Verständnis, Offenheit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Eine kraftvolle Erzählung, die ein hoffnungsvolles Bild von Integration und Vielfalt zeichnet.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Statt digitaler Revolution gibt es eine Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse, statt Freiheit Ausbeutung, statt Kreativität und Weltwissen Unterdrückung und Profit. Das ist die unbequeme Wahrheit, der es sich lohnt ins Auge zu sehen.

Digitaler Kolonialismus
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„Europa ist ein Profiteur und Treiber des digitalen Kolonialismus, daran gibt es keinen
Zweifel“, bringen es Digitalisierungsexperte Sven Hilbig und Netzpolitik-Journalist
Ingo Dachwitz in ihrem fulminanten ...

„Europa ist ein Profiteur und Treiber des digitalen Kolonialismus, daran gibt es keinen
Zweifel“, bringen es Digitalisierungsexperte Sven Hilbig und Netzpolitik-Journalist
Ingo Dachwitz in ihrem fulminanten Sachbuch Digitaler Kolonialismus auf den
Punkt. Europäische Unternehmen ziehen Nutzen aus ausbeuterischen Strukturen
der Digitalökonomie. Politische Institutionen verwenden Technologien wie Künstliche
Intelligenz zur Überwachung und Abschreckung von Flüchtenden. Und wir als
europäische Konsument:innen tragen durch die Nutzung digitaler Geräte – deren
Rohstoffe unter menschenunwürdigen Bedingungen im Globalen Süden gewonnen
werden – selbst zur globalen Ungerechtigkeit bei.

Das Buch demaskiert Fortschritts- und Allheilsversprechen der Tech-Branche. Auf
eindrücklichen 300 Seiten erklären die Autoren fundiert und multiperspektivisch
Fakten und Zusammenhänge.

Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbindung von Stimmen aus dem
Globalen Süden – Arbeiter:innen, Wissenschaftler:innen, Anwält:innen und
Aktivist:innen berichten aus erster Hand. Etwa jene, die für das Training von KI-
Systemen verantwortlich sind und täglich verstörende Inhalte wie Kindesmissbrauch,
Folter oder Hinrichtungen sichten müssen. Sie arbeiten zumeist schlecht bezahlt,
ohne psychologische Betreuung und ohne gewerkschaftliche Rechte. Belastende
Arbeit wird gezielt in ärmere Länder ausgelagert, während die Profite im Globalen
Norden bleiben.

Das Buch analysiert zudem die Reproduktion von Sexismen und Rassismen durch
KI-Systeme, die Verbreitung von Desinformation, Hass und Gewalt sowie die Rolle
digitaler Technologien in der Zensur und Überwachung. Es kritisiert die zunehmende
Abhängigkeit von Individuen und Staaten gegenüber wenigen Tech-Konzernen und
warnt vor deren monopolistischer Macht. Der Internetausbau durch Unterseekabel
und Satellitennetze liegt beispielsweise in privater Hand. Nicht zuletzt verdeutlicht
das lesenswerte Sachbuch koloniale Kontinuitäten in der Ausbeutung von
Ressourcen – etwa Metallen und Erzen – aus dem Globalen Süden für den
Wohlstand und (vermeintlichen) Fortschritt des Globalen Nordens.

Rezension zuerst erschienen im IZ3W 410 (www.iz3w.org/artikel/digitaler-kolonialismus-hilbig-dachwitz-ausbeutung-globaler-sueden)

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Veröffentlicht am 20.11.2024

hautnah. lebendig. wichtig.

In die andere Richtung jetzt
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85% der Weltbevölkerung machen nur 11% der Berichterstattung in Deutschland aus, schreibt der Reporter Navid Kermani. Kein Wunder, dass das Wissen über den Globalen Süden gering und einseitig ist. Auch ...

85% der Weltbevölkerung machen nur 11% der Berichterstattung in Deutschland aus, schreibt der Reporter Navid Kermani. Kein Wunder, dass das Wissen über den Globalen Süden gering und einseitig ist. Auch er, der Islamwissenschaftler und Schriftsteller ist, kennt sich bislang mit Ostafrika wenig aus. Deswegen reist er dort hin und trifft Menschen, die ihm vom Alltag berichten – in Madagaskar, Mosambik, Sudan, Kenia, Äthiopien und Tansania.

Es sind keine schönen und hoffnungsvollen Geschichten, die ihm erzählt werden. Sondern sie handeln von Hunger, Vergewaltigung, Dürre, Gewalt, Krieg. Der europäische Kolonialismus, korrupte Eliten, Klimawandel, Fundamentalismus und wirtschaftliche Interessen an Bodenschätzen werden als Gründe für die fatalen Lebensumstände genannt.

Er hätte auch von den vielen positiven Geschichten und Begegnungen schreiben können, sagt Kermani. Von Gelassenheit, Freundlichkeit, den Umgang mit Kindern, spektakulären Landschaften oder jahrtausende alten Kulturen. Doch das wäre ein anderes Buch gewesen. Denn: „es war nicht meine Aufgabe, die Schönheit zu beschreiben oder auch nur die Normalität. Der ganze Anlass der Reise war schließlich, dass in Madagaskar Hunger herrschte, und bei uns bekam es kaum jemand mit. Es stimmt, ich hatte mir vorgenommen, auch über das Leben zu schreiben, aber dann erschien mir die Not so viel dringlicher.“ (S. 267).

»In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika« beruht auf Kermanis Reportagen für die ZEIT, in denen er sich auch den Raum nimmt zum Nachdenken und Reflektieren. Leise prangert es die Ungerechtigkeiten an. Dabei lässt der Autor den OstafrikanerInnen den Vortritt, ihre Perspektive zu schildern – ohne mit erhobenen Zeigefinger oder hochtrabend akademischen Duktus zu erklären oder zu kontextualisieren. Nein; das Buch liefert keine Analysen oder Antworten, sondern schöpft seine Kraft durch die hautnahen und lebendigen Erzählungen normaler Menschen. Stolz und resilient erzählen die ProtagonistInnen, wertschätzen ihre Kultur und Heimat und schildern gleichzeitig eindrücklich unvorstellbares Leid. Die Geschichten zwingen uns, nicht wegzusehen. Zwingen uns, sie ernst zu nehmen.

(Rezension zuerst erschienen im HABARI-Magazin des Tanzania Network e.V. 2024/04)

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Veröffentlicht am 01.08.2024

Dieses Buch erhellt, macht nachdenklich, gar wütend, aber stimmt auch hoffnungsvoll.

Beklaute Frauen
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Was haben die Kernphysikerin Lise Meitner, die entscheidende Beiträge zur Entdeckung der radioaktiven Kernspaltung leistete, die Biochemikerin Rosalind Franklin, die die menschliche DNA entschlüsselte, ...

Was haben die Kernphysikerin Lise Meitner, die entscheidende Beiträge zur Entdeckung der radioaktiven Kernspaltung leistete, die Biochemikerin Rosalind Franklin, die die menschliche DNA entschlüsselte, die Autorin Mary Shelley, die Frankenstein schreib und die feministische Aktivistin Olympe de Gouges, die für Menschenrechte für alle eintrat, gemeinsam? Sie sind Frauen – und wurden für ihre Erfolge nie so gefeiert wie ihre männlichen Kollegen!

Vielmehr noch: ihr Einfluss wurde aus der Geschichte radiert, für ihre Leistungen bekamen Männer die Auszeichnungen. Sie wurden von Männern gebremst, ausgenutzt und ihrer Chancen beraubt. In ihrem Sachbuch „Beklaute Frauen“ stellt die Historikerin Leonie Schöler, die unter anderem auf Instagram und TikTok unter @heeyleonie Geschichtswissen vermittelt, einige der unsichtbaren Heldinnen der Geschichte vor. Sie zeigt auf, wie Denkerinnen, Künstlerinnen oder Politikerinnen im Schatten ihrer Ehemänner, Väter, Vorgesetzten oder Kollegen in Vergessenheit geraten sind.

Klug analysiert die Autorin, wie Hochzeit und Kinder die Frauen ausbremste, wie systematische Bevorteilung von Männern die Geschichtsschreibung nach wie vor beeinflusst und Macht dadurch reproduziert wird: Wer vergibt Stipendien an wen, wer bestimmt über Auszeichnungen, wer verteilt Forschungsprojekte? Sie zeigt, warum und wie weibliche, aber auch Schwarze, migrantische, behinderte, queere Leistungen unsichtbar gemacht wurden und werden.

Das Sachbuch ist dicht und geht facetten- und kenntnisreich auf verschiedene Zeiten und europäische Länder ein. Die einzelnen Biographien stehen nicht lose nebeneinander, sondern werden kontextualisiert und in einen Zusammenhang gestellt. Es geht nicht um Einzelschicksale, sondern um ein diskriminierendes System. Ein wichtiges Buch, das Pflichtlektüre werden sollte und aufgrund seiner lebendigen Sprache auch nicht langweilig zu lesen ist!

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Veröffentlicht am 12.01.2024

informativ, wichtig, gut

Der verschwiegene Völkermord
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Vergessen, verschwiegen, nostalgisch verklärt, gerühmt oder traumatisch? Die Beschäftigung mit der deutsch-tansanischen Kolonialgeschichte könnte unterschiedlicher und widersprüchlicher nicht sein. Wie ...

Vergessen, verschwiegen, nostalgisch verklärt, gerühmt oder traumatisch? Die Beschäftigung mit der deutsch-tansanischen Kolonialgeschichte könnte unterschiedlicher und widersprüchlicher nicht sein. Wie gut, dass sich diese Neuerscheinung dem gewichtigen Thema widmet. Der Soziologe und Journalist Aert van Riel fokussiert dabei den Umgang
mit dem Maji-Maji-Krieg und führte Interviews mit Betroffenen, Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen, Museumsmitarbeiterinnen sowie Politikerinnen.

„Der verschwiegene Völkermord“ versteht sich als Kompaktinformation, die zunächst auf den Verlauf des Maji-MajiAufstands eingeht, um danach dessen Auswirkungen bis heute zu beleuchten. Geschätzte 150.000 bis 300.000 Tote haben die Diskussion ausgelöst, ob der Krieg als „Völkermord“ zu werten ist. Durch die brutale „Politik der verbrannten Erde“ sind viele tausend Ostafrikaner*innen verhungert oder verloren ihr Obdach. Die gezielte Zerstörung der landwirtschaftlichen Flächen hatte zudem schwerwiegende ökologischen Konsequenzen: Buschland und Wild breiteten sich rasant aus, und der Touristenmagnet Nyerere-(ehemals Selous-)Nationalpark konnte somit nur deshalb entstehen, erklärt van Riel, dass nach dem Krieg weite Flächen für Menschen unbewohnbar blieben. Auch heute noch gilt als koloniales Erbe, dass die Regionen Südtansanias (also Schauplätze des Maji-Maji-Kriegs) im Vergleich zum Rest des Landes arm sind, sich durch höhere Kindersterblichkeit und niedriges ProKopf-Einkommen auszeichnen. Gleichzeitig ist der Widerstand, der auf Swahili „Befreiungskrieg“ (Vita vya Ukombozi) heißt, dank der Vereinigung vieler Volksgruppen gegen die Kolonialmacht ein kostbares historisches Vermächtnis für das tansanische Ideal der
nationalen Einheit.

Bei Riels Buch irritieren stellenweise Verallgemeinerungen, ungeachtet ihrer Komplexität einseitige Darstellungen der Geschehnisse sowie inhaltliche Abschweifungen. Schade ist außerdem, dass zivilgesellschaftliches Engagement, etwa von Seiten des Tanzania Networks oder Berlin Postkolonial nicht stärker Erwähnung findet, sondern vor allem aufgezeigt wird, was in Deutschlands Umgang mit der Kolonialgeschichte nicht getan wird.

Insgesamt ist „Der verschwiegene Völkermord. Deutsche Kolonialverbrechen in Ostafrika“ eine kompakte und interessante Lektüre, die zum Allgemeinwissen und – wie der Reihentitel „Neue kleine Bibliothek“ suggeriert – in jeden Bücherschrank gehören sollte. Die Kapitel sind flüssig geschrieben und enthalten keine bloße Aufreihung von Fakten und Jahreszahlen, sondern viele anschauliche Fallbeispiele, Personenbeschreibungen und Beziehungen von damals zu heute. Dennoch ist der Text kurz und knackig.

Fazit: informativ, wichtig, gut! Wer sich also eingehender mit dem kolonialen Erbe beschäftigen möchte, dem sei die dieses Buch wärmstens empfohlen.

(Diese Rezension erschien zuerst im HABARI 04/2023 "Schulpartnerschaften" des Tanzania Network e.V., S.65-68)

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