Jemandem ein X für ein U vormachen, Ross und Reiter nennen, Maulaffen feilhalten – wer hat sich nicht schon öfter gefragt, wo diese Redewendungen eigentlich ihren Ursprung haben? Gerhard Wagner erklärt ...
Jemandem ein X für ein U vormachen, Ross und Reiter nennen, Maulaffen feilhalten – wer hat sich nicht schon öfter gefragt, wo diese Redewendungen eigentlich ihren Ursprung haben? Gerhard Wagner erklärt in „Schwein gehabt“ die Herkunft und Bedeutung von 200 Redewendungen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Hierbei räumt er auch mit gängigen Missverständnissen auf („einen Zahn zulegen“ hat nichts mit mittelalterlichen Feuerstellen zu tun, wie häufig behauptet wird). Einige Erklärungen waren mir bereits bekannt, andere wiederum fand ich sehr überraschend, etwa die Herkunft des Victory-Zeichens und des Ausspruchs „jemandem einen Korb geben“ nebst damit zusammenhängenden Begriffen wie „durchfallen“ oder „hängen lassen“.
Das Buch eignet sich hervorragend zum Schmökern, aber auch als Nachschlagwerk. Die Einträge sind kurz, aber unterhaltsam geschrieben. An einigen Stellen hätten die Ausführungen gerne noch etwas umfangreicher sein dürfen. Sprachlich ist das Buch eher einfach gehalten, und ich hätte mir hier ein bisschen mehr Pfiff gewünscht.
Nachdem mir von vielen Seiten „Leonard und Paul“ empfohlen wurde, war ich sehr gespannt auf die Geschichte der beiden liebenswerten Außenseiter, aber auch etwas skeptisch: Eine Geschichte über zwei Männer, ...
Nachdem mir von vielen Seiten „Leonard und Paul“ empfohlen wurde, war ich sehr gespannt auf die Geschichte der beiden liebenswerten Außenseiter, aber auch etwas skeptisch: Eine Geschichte über zwei Männer, die beide mit über Dreißig noch bei der Mutter bzw. den Eltern wohnen? Der eine mit einem Aushilfsjob an wenigen Tagen im Monat, der andere mit einem Beruf, bei dem andere regelmäßig die Früchte seiner Arbeit ernten, beide ohne Ambitionen, zufrieden mit gelegentlichen Spieleabenden zu Hause?
Und auch wenn das Setting eher verschrobene Charaktere erwarten lässt, so haben mich Leonard und Paul doch auf ihre ganz eigene Art berührt. Beide setzen der Hektik, dem Blendertum und dem Streben nach Status, Karriere, Geld und Konsum, dem Lärm des Alltags und dem selbstdarstellerischen Geplärr in den sozialen Medien eine Ernsthaftigkeit und Stille entgegen, die gut tut. Sie leben ganz in der Gegenwart und im Augenblick, und auch wenn das zuweilen vor allem bei Paul etwas naiv wirkt und ich die Vorhaltungen seiner Schwester Grace, die sich um Pauls Zukunft und die ihrer Eltern sorgt, verstehen kann, so steckt auch in Pauls Blick auf das Leben viel Wahrheit.
Hession wertet nicht, sondern stellt die Figuren seines Romans gegenüber in ihrer Ambivalenz, mit ihren Sorgen, Ängsten, Träumen und Sichtweisen. Er erzählt wunderbar leicht, mit viel Witz und Sinn für hintergründigen Humor. Besonders deutlich wird das bei Pauls Auftritt auf der IHK-Feier anlässlich der (sehr skurrilen) Grußformel.
Etwas genervt hat mich das ganze Brimborium um die Hochzeit von Pauls Schwester Grace, das mir zu breit thematisiert wurde, und die stark idealisierte Familie von Paul, deren Innigkeit und gegenseitige Zuwendung ohne nennenswerte Konflikte doch sehr realitätsfern und beinahe kitschig wirkte. Das war mit etwas zu viel des Guten. Dafür kam mir Shelley, Leonards Arbeitskollegin, im Buch etwas zu kurz: Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass diese Figur noch viel Potential geboten hätte, das nicht ausgereizt wurde.
Insgesamt ein unterhaltsamer, lesenswerter Roman, der uns augenzwinkernd den Spiegel vorhält.
Alice Cannoli-Potchnik ist in ihrem zehnjährigen Leben schon unzählige Mal umgezogen, von einem baufälligen Haus auf dem Campus des Colleges, an dem ihre Mutter als Professorin lehrt, ins nächste. Doch ...
Alice Cannoli-Potchnik ist in ihrem zehnjährigen Leben schon unzählige Mal umgezogen, von einem baufälligen Haus auf dem Campus des Colleges, an dem ihre Mutter als Professorin lehrt, ins nächste. Doch Alice und ihr Vater lieben es, kaputte Dinge zu reparieren, und so ist Alice in ihrem Element. Als ihre Familie zum elften Mal umziehen muss, zieht das abbruchreife Nachbarhaus Alices Neugier auf sich. Alices Eltern, die das Freilernen befürworten und Alice nicht auf eine Schule schicken, steigt dort ein und beginnt auf eigene Faust zu renovieren. Schnell stellt sie fest, dass in diesem Haus etwas anders ist und sie die Anwesenheit von drei Geistern spüren kann. Nach einigen Tagen gelingt es ihr, mit den Geistern zu kommunizieren und herauszufinden, warum diese spuken und keine Ruhe finden. Alice ist fest entschlossen, den Geistern zu helfen…
Ich habe das Buch zusammen mit meinem zehnjährigen Sohn gelesen. Anfangs sind wir etwas schleppend in das Buch gekommen, da sich der Anfang, der sich hauptsächlich um die skurrilen Eigenheiten der Familie Cannoli-Potchnik und Alices Renovierleidenschaft dreht, doch etwas zieht. Erst im geheimnisvollen Nachbarhaus nimmt die Handlung dann richtig Fahrt auf und es entwickelt sich eine spannende, interessante und auch tiefgründige Geschichte. Je mehr Alice sich mit dem Haus und seinen daran gebundenen Geistern beschäftigt, desto mehr stellt sie sich die Frage, was ein Haus zu einem Zuhause macht. Und indem sie den Geistern hilft, ihre Angelegenheiten zu regeln und Ruhe zu finden, lernt sie ganz nebenbei viel über das Leben, die Liebe und verpasste Gelegenheiten.
An einigen Stellen zeigt sich deutlich, dass das Buch für den amerikanischen Markt geschrieben wurde. So spielt im Falle eines Geistes der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) eine Rolle, der amerikanischen Kindern sicher geläufig ist, hierzulande jedoch einer Erklärung bedarf. Das Konzept eines Collegecampus, auf dem auch Familien von Universitätsprofessoren wohnen ist hier unbekannt, und „Freilernen“ ist in Amerika im Unterschied zu Deutschland erlaubt.
Der Schreibstil des Buches ist gewandt und abwechslungsreich. Teilweise verwendet die Autorin Fremdwörter wie „Dereliktion“, „Kontinuität“, „Kontext“, „Essenz“, „hypertrophe Kardiomyopathie“ oder „Anthropologie“, so dass ich die Altersempfehlung von 10 Jahren nicht unterschreiten würde.
Die Geschichte rund um das alte Haus und die Geister hat meinem Sohn und mir sehr gut gefallen. Alice, ihre Eltern und die Professoren und Professorinnen am College waren mir jedoch zu unrealistisch, überdreht und albern. Hier driftet das Buch deutlich in den Klamauk ab und weniger wäre für meinen Geschmack deutlich mehr gewesen.
Insgesamt ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges, anregendes und empfehlenswertes Buch für geübte Leser und Leserinnen ab 10 Jahren.
Die Geschichte ist voll von Vätern, die gehen und ihre Kinder zurücklassen. Doch was ist mit Müttern, die gehen? Welche Gründe können dahinterstecken, dass eine Mutter ihr Kind verlässt, und welche gesellschaftlichen ...
Die Geschichte ist voll von Vätern, die gehen und ihre Kinder zurücklassen. Doch was ist mit Müttern, die gehen? Welche Gründe können dahinterstecken, dass eine Mutter ihr Kind verlässt, und welche gesellschaftlichen Reaktionen ruft dies hervor? Anhand historischer Frauen wie Maria Montessori, Doris Lessing oder Ingrid Bergman zeigt Begoña Gómez Urzaiz unterschiedliche Lebenswege und Beweggründe für das Zurücklassen von Kindern nach. In Theater und Film liefern Ibsens „Nora“ sowie zahlreiche Filmrollen etwa von Meryl Streep ein interessantes Bild. Den Abschluss bildet ein Kapitel, in dem Frauen zu Wort kommen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat und Familien zurücklassen mussten, um im Ausland für den Familienunterhalt zu sorgen. Ihre Recherchen bettet die Autorin in allgemeine Überlegungen zur Rolle der Frau und Mutterschaft ein. Auch die allgegenwärtige Schuld, mit der Mütter bereits ab der Schwangerschaft und über die gesamte Mutterschaft hinweg konfrontiert werden, wird thematisiert.
Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen, und Begoña Gómez Urzaiz wertet nicht, sondern beobachtet, ergänzt durch eigene Gedanken, Erfahrungen und Wahrnehmungen als Mutter. Ein sehr interessantes, differenziertes und zum Nachdenken anregendes Buch!
Die Autorin Anna ist seit 20 Jahren mit ihrem Mann Alex zusammen, beide lebten bisher in einer monogamen Beziehung. Doch Alex ist bisexuell und möchte beide Seiten ausleben. Nach langen und intensiven ...
Die Autorin Anna ist seit 20 Jahren mit ihrem Mann Alex zusammen, beide lebten bisher in einer monogamen Beziehung. Doch Alex ist bisexuell und möchte beide Seiten ausleben. Nach langen und intensiven Gesprächen entschließen sich beide, ihre Ehe zu öffnen.
Anna schreibt sehr offen über den Prozess der Öffnung, ihre Erlebnisse und die Chancen und Risiken, die dieser Schritt sowohl für Anna und Alex als Einzelpersonen als auch beide als Paar mit sich bringt. Ein Kapitel ist zudem aus der Sicht von Alex verfasst. Die Beschreibungen der außerehelichen sexuellen Erfahrungen sind teilweise sehr detailliert. Dass die Autorin hier unter ihrem Klarnamen schreibt (mit Foto auf der Buchrückseite), hat mich angesichts dessen doch sehr erstaunt. Für Paare, die eine offene Ehe erwägen, sind Annas ehrliche Schilderungen sicherlich sehr hilfreich und können dabei helfen, Missverständnisse und Fehler zu vermeiden.
Für mich selbst käme eine offene Beziehung niemals infrage, ich habe nicht das geringste Interesse daran. Dennoch habe ich dieses Buch gelesen, um über meinen Tellerrand zu blicken und einmal eine andere Perspektive kennenzulernen. An einigen Stellen kann man auch als monogam Lebende/r wichtige Impulse gerade für langjährige Beziehungen aus dem Buch mitnehmen, insbesondere was Kommunikation in der Partnerschaft, Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung des Partners und Eigenständigkeit innerhalb der Beziehung angeht.
Ein großer Kritikpunkt, der mir hier und bei vielen Verfechter/innen alternativer Beziehungs- und Lebensformen immer wieder auffällt ist, dass sie ihre Lebensweise über konservative monogame Partnerschaften stellen und als fortschrittlicher und generell besser propagieren. Auch die im Buch anklingende These, dass der Großteil der Menschen nicht heterosexuell veranlagt sei, und dies aufgrund moralischer und gesellschaftlicher Zwänge nur nicht erkenne, ist für mich nicht haltbar. Blasphemisch wird die Autorin, wenn sie über die Art der Beziehung zwischen Jesus und seinen zwölf Jüngern sinniert. Auch als wenig religiösem Menschen geht mir das deutlich zu weit. Wer eine offene und/oder polyamore Beziehung leben möchte, soll dies gerne tun, solange alle Beteiligten einverstanden sind. Das Herabsehen auf heterosexuelle monogame Partnerschaften ist jedoch nicht angebracht und auch eine Form von Intoleranz.